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StartseiteBüchermarktDie Krimi-Kolumne18.10.2002

Die Krimi-Kolumne

fx Die Buchmesse ist vorbei. Ruhe zieht in das Land. Die Leichen liegen in den Buchhandlungen.

m1 Wir sagen Ihnen, welche am schönsten sind.

m2 Hat man denn nie seine ästhetische Ruhe? Immer diese Toten ...

fx ... all die Perversionen

m2 mit Gift und Revolvern, hinterrücks oder voll in die Fresse

fx richtig gemein als Terrorist oder unheilschwanger auf alten Schlössern

m1 das klingt nach unserem Rezensenten!

aa Ganz recht: Die Krimikolumne -

fx Heute garantiert ohne Nobelpreisträger und leider ohne Dieter Bohlen.

m2 Wohlan, bringen wir es hinter uns.

m1 Die Krimikolumne. Heute mit einer total unwichtigen Nachricht über Henning Mankell,

fx ... mit einer Geschichtsstunde des Briten Philipp Kerr

m2 ... und den Rätseln der mysteriösen Selbstmörderin Dorothea Baltenstein,

m2 ... sowie mit dem völlig echten Terroristen Peter-Jürgen Boock.

fx Und der großen alten Dame Wittkopp, die das Morden nicht lassen kann

m1 Heute bittet der Rezensent aus aktuellem Anlass um eine kleine Vorbemerkung:

fx Denn der am sehnlichsten erwartete Krimi dieses Herbstes hat es nicht mehr auf die Buchmesse und somit auch nicht in diese Kolumne geschafft. "Die Rückkehr des Tanzlehrers" des unvermeintlichen Henning Mankell, der in jedem Moment bei Zsolnay erscheinen wird oder schon ersienen ist oder was ist hier los?

m1 Noch kennt kaum einer den neuen Mankell "Die Rückkehr des Tanzlehrers". Der Zsolnay Verlag versendet keine Rezensionsexemplare. Man ist auf Nachrichten aus Schweden angewiesen, um zu erahnen, was auf uns zu kommt.

m2 Eines ist sicher: Wallander ist nicht mehr. Mankell hat sich einen neuen Kommissar erdacht. Er heißt Stefan Lindmann, ist erst 37 Jahre, aber damit er Wallander-ähnlich bleibt, ist er krank und hat bezeichnenderweise Zungenkrebs.

fx Auch die Leiche ist Polizist. Einer mit Nazi-Vergangenheit, weshalb sich die behäbige Handlung von der Ostfront bis nach Argentinien erstrecken kann, und so lange dauert, bis der Kommissar von seinem Krebsgeschwür geheilt ist.

aa Irgendwie macht mich das alles sehr müde

m1 Denkt sich unser Rezensent, der allerdings das Buch "Die Rückkehr des Tanzlehrers" weder gelesen hat, noch es überhaupt lesen will, weil es Besseres gibt diesen Herbst.

m2 Sagt: kann ein Rezensent so tief sinken?

fx Kann man so ungerecht und völlig am Glauben seiner Hörerschar vorbei rezensieren?

aa: Ich kann das.

m1 Gut, lieber Rezensent, können wir jetzt endlich mit dem Rezensieren anfangen?

m2 Taufrisch in den Regalen liegt ein anderer Auflagenmillionär, der sich nicht auf sein Erfolgsrezept festlegen lassen will: Akif Pirincci, der sich seit seinem Mega-Katzen-Krimi-Seller "Felidae" immer wieder verweigert, in jedem zweiten Roman auf seine tierische Erfolgsfigur verzichtet und neben seinen Erfolgs-Katzenkrimis immer wieder "normale" Romane veröffentlicht.

aa ... die niemanden interessieren,

m2 ... aber immerhin.

m1 "Das Duell" heißt der neueste, bei Eichborn erschienene "Felidae"-Krimi von Akif Pirincci.

fx Auch Pirincci lässt seinen Helden, den Kater "Francis", mächtig altern, so dass mit dessen baldigem Ableben zu rechnen ist. Eigentlich liegt Francis, der einstmals so mächtige Kater, nur noch faul über der Heizung, schaut den Schneeflocken nach und ist glücklich. Bis ihn sein Herrchen und Dosenöffner kurz mal in die kalte Welt hinausschubst.

m2 Dort packt ihn doch der Ehrgeiz, als in seinem Quartier erst eine Katzenleiche herumhängt und dann ein noch schönerer und scheinbar noch klügerer Kater als er auftaucht, der obendrein mit 30 Artgenossen in einem richtig bombastisch schönen Haus wohnt und von allen Katzendamen angehimmelt wird.

m1 "Das Duell" beginnt.

aa: Jaja, das Buch ist gut, aber die Rezension ist langweilig,

fx ... meint unser Rezensent zu dem Katzen-Krimi "Das Duell" von Akif Pirincci, erschienen bei Eichborn, und wir schreiten gehorsam zum nächsten Thema. * Zuspielung vom Band: John Zorn, James Bond Theme, darüber beim Schuß *

fx Philipp Kerr, der alte Haudegen, war immer schon einer der zehn Säulenheiligen dieser Kolumne. Einer, dessen jeweils neuester Thriller gefeiert werden muss.

m1 Kerr hat sich nie richtig irgendwelchen Serienhelden hingegeben. Eher schon versucht er - so wie etwa im Kino John Carpenter oder Stanley Kubrick - mit jedem seiner Bücher ein neues Genre auf seine Belastungsfähigkeit zu überprüfen. Jedes Buch eine Abrechnung mit allem. Ein Schlußstein, ein Geniestück und dann weiter.

m2 Nun hat sich Kerr an ein Genre gewagt, das in dieser Krimikolumne allerdings zumeist mit berechtigter Missachtung gestraft wurde:

fx Kerr hat einen historischen Krimi geschrieben.

aa: Oh je.

m2 Schon der Titel des bei Wunderlich erschienenen Romans verrät alles. Das Buch heißt "Newtons Schatten"

m1 ... und also handelt es von dem Tunichtgut Christopher Ellis, der Ende des siebzehnten Jahrhunderts von Sir Is

aac Newton, dem Entdecker der Gesetze der Schwerkraft, angestellt wird, auf dass er dem Genie mit Tat und Schlagkrafthelfe, den Job zu erledigen, den Newton im Alter hatte:

m2 Der alte Sir Is

aac Newton war im Brotberuf Aufseher über die Königliche Münze in London.

fx Wie es sich für einen historischen Roman gehört, verwebt Kerr die wahren historischen Gegebenheiten. Die da wären: ein kauziger Newton, das alte London mit dem unheimlichen Tower, den tristen Gefängnissen, dem Gespensterglauben, mit schmuddeligen Pubs und gelegentlichem Sex mit der Wirtin.

m1 Da hätte man von Kerr einiges erwartet. Und in der Tat gäben Newtons rätselhafte alchimistische Neigungen, denen das Physikgenie im wahren Leben nachhing, sein rätselhafter Job für die Münze und sein kauziger Lebenswandel ein lohnendes Sujet für einen Autoren wie Kerr ab. Allein ...

aa ... es funktioniert diesmal nicht!

m2 Kerr beschränkt sich leider auf die üblichen Spielereien, die mindere Autoren als er in historischen Romanen ebenfalls immer treiben: Er lässt Newton Schlussfolgerungen anstellen wie viel, viel später sein Landsmann Sherlock Holmes. Er lässt ihn allerhand kriminalistische Kunststückchen vollführen, und Newtons Schatten Christopher Ellis darf währenddessen die Frauen lieben und die Schurken verprügeln.

m1 Das Buch hat all die alchimistischen Ingredienzien aus denen man Lesegold gewinnen könnte... allein es geht Kerr mit seiner historischer Schreibbemühung so wie Newton mit der Alchimie:

aa Nein, beides funktioniert - soviel wir heute wissen - nicht.

fx Alles wirkt bloß aneinandergereiht und auch das 17 Jahrhundert kommt uns nicht so richtig nahe ... leider leider leider ...

aa ... eine glatte Enttäuschung.

fx So jedenfalls urteilt hart, aber gerecht unser Rezensent über "Newtons Schatten" von Philipp Kerr, erschienen als Hardcover bei Wunderlich.

m2 Wir bleiben in der Vergangenheit und kommen zu einem äußerst mysteriösen Buch.

fx Nicht wirklich ein Krimi, nein. Das Cover verspricht einen Roman von Dorothea S. Baltenstein. Er heißt "Vier Tage währt die Nacht" und ist erschienen bei Eichborn.

m1 Soviel ist klar, aber dann fangen die Rätsel an: Dorothea S. Baltenstein, die bisher niemand, selbst unser umfassend gebildeter Rezensent nicht, kannte und die in kleinem einschlägigen Lexikon oder sonst wo zu finden ist, wurde angeblich um 1890 irgendwo im finsteren Schlesien geboren. Sie soll in der Nähe von Kattowitz gelebt haben und - kaum 30-jährig - durch irrtümlichen Tablettenkonsum dahingegangen sein.

fx Soweit der Klappentext, die einzige Quelle zu Dorothea S. Baltenstein.

m2 Ihrer Schwester Madeleine hinterließ Dorothea ein überdickes Manuskript, das heute 538 eng bedruckte Seiten füllt.

fx "Vier Tage währt die Nacht" ist ein Schauerroman.

m2 Der Schauerroman wiederum ist der Vorfahr des Krimis. In schattigen Schlössern wurden dort um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert unschuldige Schönheiten in langen weißen Gewändern, die nur das Nötigste verbargen, von düsteren Finsterlingen und wahren Gespenstern verfolgt und im letzten Moment erst gerettet.

m1 "Vier Tage währt die Nacht" ist also - egal ob die Legende, die der Verlag zu diesem Buch dazu liefert, stimmt - ein Remake. Die Fälschung eines Romans zur falschen Zeit.

fx Für eine Herkunft des Buches aus alter Vorzeit spricht das wirklich altertümliche Erzählen, die allzu behäbige Sprache, ja, auch die - vor allem am Anfang nur schwer zu überwindende Langeweile, die zunächst von der Handlung auszugehen scheint.

m2 Auf dem schottischen Schloss von Sir Mortimer treffen sich - wie einstmals Byron und Shelley samt Mary in der Villa Deodati - 10 Poeten zu einem Wettstreit. Der Held heißt Jonathan Lloyd und schon bei der Anreise trifft er im finsteren Wald auf die betörend schöne Dame Nightingale, ebenfalls eine Dichterin auf dem Weg in das Schloss.

fx Das Schloss ist düster und schon in der ersten Nacht - der Sturm tost natürlich durch das Gemäuer - stürzt die Zugbrücke ein, alle sind eingeschlossen, der Comte des Marais spurlos verschwunden.

m1 Weitere Morde schließen sich an, und natürlich hat die tödliche Kraft der Literatur ihre kalte Hand im Spiel.

aa Alles ziemlich anachronistisch

fx ... findet unser Rezensent und war - nachdem er sich über die quälend lang sich hinziehenden ersten 150 Seiten hinaus war -

aa ... am Ende doch ziemlich begeistert vom Rest des Schmökers.

fx Schmöker ist das richtige Wort. Lange keinen solchen Schmöker gehabt.. Die vier Nächte, in denen das Buch spielt, dürften allerdings kaum genügen, um dieses Opus lesetechnisch zu bewältigen.

aa Ein lang anhaltender Lesespaß von Dorothea S. Baltenstein oder wem auch immer,

fx ... erschienen bei Eichborn. Fazit:

m1: Entweder gibt es jemanden in dieser Republik, der mit Bildung und Finesse ein schurkisch schönes Kabinettstück verfasst hat, oder die Literaturgeschichte des Schauers muss fortan umgeschrieben werden.

m2 Beides ist gleich unwahrscheinlich.

aa: Und Schluss mit schaurig!

m1 Wir bleiben noch zwei Bücher lang in der Vergangenheit und bei längst fälligen Veröffentlichungen. Diesmal sind wir uns sicher über Zeit, Ort und handelnde Personen. Es geht exakt um das Jahr 1977, in dem hierzulande Hanns-Martin Schleyer entführt wurde, während in Frankreich Jean-Patrick Manchette seinen Krimi "Westküstenblues" veröffentlichte, der jetzt - ein Vierteljahrhundert später - in der "Serie Noire" im Distel Literatur Verlag erschienen ist.

m2 Jaja, Manchette wurde hier in der Krimikolumne bereits vor kurzem gelobt, aber nach der ...

fx Völlig unmaßgeblichen!

m2 ... Meinung unseres Rezensenten sind seine 10 Kriminalromane, die jetzt bei Distel als schöne schwarze Taschenbücher veröffentlicht werden,

aa: ... das Beste, was es zur Zeit für Geld zu kaufen gibt.

fx Manchette ist eine der schillerndsten Gestalten der Krimiszene. Eigentlich war er Anhänger der französischen Situationisten, einer links-anarchistischen Gruppierung, die früh schon am ehesten an die späteren Punks erinnerte.

m1 1971 erscheinen sein erster Krimi. Er handelt von einem politischen Mord und ist aus der Sicht eines Rechtsextremisten geschrieben, was Manchettes Freunde damals schon verstörte.

fx Nebenbemerkung; Klammer auf!

m2 (Bis heute wirkt es verstörend, wenn in den Manchette-Krimis die Morde aus der Perspektive der Täter geschildert werden: "Tödliche Luftschlösser", ebenfalls gerade bei Distel erschienen, ist so ein Buch: Erzählt aus der Perspektive von Thompson, einem Auftragskiller, der sich nicht einmal zu schade dafür ist, Kinder aus dem Weg zu räumen.)

fx Klammer zu!

m1 In "Westküstenblues" aus dem Jahre 1977 schildert Manchette furios, wie der biedere Familienvater Georges Gerfaut, leitender Angestellter, während seines alljährlichen Atlantikurlaubs völlig aus allen Bahnen und Wurzeln geworfen wird, weil er völlig grundlos von 2 Killern verfolgt wird.

m2 Eher aus Zufall kann Gerfault fliehen und untertauchen. Er überlebt halb verkrüppelt monatelang in einem Alpendorf. Und nur weil ihm dort seine Geliebte buchstäblich unterm Bauch weggeschossen wirde - beginnt der Biederling einen Rachefeldzug durch Frankreich.

m2: Manchette hat früh die Lektion der Avantgarde kapiert: Die Kunst ist tot und der Kapitalismus degoutant. Kunst ist dumm. Also liegt die einzige Rettung in der Übertreibung.

m1: Das Stilmittel der Übertreibung macht Manchettes Romane heute so lesenswert. Das ist Literatur, die Dada, Punk, Kapitalismus und Postmoderne auf einmal überwunden hat.

aa "Westküstenblues" ist sicher das beste, und auch das billigste Buch dieser Kolumne

fx 1982 kommt das Ende für den Erzähler Jean-Patrick Manchette. Zu weit sind seiner Ansicht nach seine Bücher in der Wirkung hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Sie sind nur zu einem weiteren Baustein im verhassten Kapitalismus geworden. Manchette verstummt. Seine Begründung:

m2: " Als ich sah, dass ich mit meinen Kriminalromanen nicht mehr hinter den feindlichen Linien operieren konnte, habe ich's gelassen."

fx Manchette erkrankt an wenig später an Platzangst. Er verlässt seine Wohnung nicht mehr. Wegen seiner klaustrophobischen Schübe traut er sich nicht mehr in das von ihm so geliebte Kino. Er schickt seinen Sohn hin, der ihm die Filme erzählen muss.

m1 Erst Anfang der 90iger Jahre fängt Manchette wieder zu schreiben an. Er will einen Romanzyklus über politische Ereignisse wie die kubanische Revolution oder den italienischen Terrorismus schreiben, vielleicht auch noch ein p

aar Krimis.

m2 Manchette starb 1995 mit nur 52 Jahren an Krebs. Sein letztes Buch "Die Blutprinzessin" blieb unvollendet. Aber Manchette hatte eine ganze Generation von französischen Krimiautoren beeinflusst.

aa: Interessant.

fx Und hoffentlich Grund genug, dass Manchettes Bücher bei einschlägigen Internet-Buchhändlern endlich vom Verkaufsrang 352.000 nach oben klettern.

aa. Das Beste, was man derzeit an Krimis für Geld kaufen kann.

fx ... sind für unseren Rezensenten die im Distel Literatur Verlag als schöne Taschenbücher erscheinenden Krimis von Jean-Patrick Manchette. Aktuelle Empfehlung: "Westküstenblues".

aa Kaufen kaufen kaufen ... Sie werden es mir danken.

fx Und jetzt?

m2 Wir bleiben im Jahr 1977 bei dem deutschen Verbrechen schlechthin: Der Entführung von Hanns-Martin Schleyer durch die Terroristen der RAF. * Zuspielung "Deutsche Krieger" (steht weiter frei) *

fx Was damals in Deutschland passierte, ist hinlänglich bekannt: Rasterfahndung, Terror und Stammheim sind tief in der deutschen Seele verankert. Die Bücher darüber sind allesamt geschrieben, die Filme gedreht, die Hörspiele gemacht und die Akten des BKA immer noch geschlossen ...

m1 Jetzt erschien bei Eichborn ein Buch, das es wagt, die Geschehnisse von damals aus der Täterperspektive zu betrachten: Peter-Jürgen Boock, der damals zu den Schleyer-Entführern gehörte, macht sich zu Schleyers Eckermann und veröffentlicht "Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer". Und weil die Geschehnisse doch schon eine Weile zurückliegen, nennt er das Ganze ""eine dokumentarische Fiktion".

fx Boock gehörte zu den Entführern und hatte sich 1979 vom Terrorismus losgesagt. 1981 wurde er festgenommen und drei Jahre später zur höchsten Haftstrafe verurteilt, die bis dahin ein bundesdeutsches Gericht verhängt hatte: dreimal Lebenslänglich plus 15 Jahre Haft. Im Revisionsverfahren wurde die Strafe reduziert. Boock sollte nur noch einmal lebenslänglich (plus 15 plus 12 plus 12 Jahre) sitzen. Nach 18 Jahren kam Boock 1999 frei.

m1 Boocks Buch ist - wie man so schön sagt - ein beklemmendes Stück Zeitgeschichte. In dem Buch bedauert Boock seine Taten, steht aber zu ihnen, indem er sie so genau wie möglich schildert.

m2 Kernstück des Buches sind vor allem Berichte über Gespräche mit dem "Volksgefangenen" Schleyer, der von der RAF regelrecht verhört wurde. Man kann beobachten, wie die RAF daran scheitert, das Leben Schleyers zu verurteilen. In Boocks Schilderung wirkt Schleyer den Terroristen sogar in der Kapitalismus-Kritik überlegen.

fx Boocks Buch ist packend geschrieben. Und natürlich hinterlässt es beim Lesen einen unangenehmen Geschmack, wenn man der Schilderung eines brutalen Verbrechens aus der Täterperspektive folgt. So hat Boock nicht nur an der Ermordung von Schleyers Begleitern mitgewirkt, sondern auch für dessen Ermordung gestimmt. Ein Akt, den er bereut, aber ohne die Namen der Mörder von damals verraten zu wollen.

m1 Ganovenehre nennt man das andernorts, aber wie ehrenhaft es Boocks "dokumentarische Fiktion" mit der Wahrheit hält, kann man nur schwer beurteilen. In der Haft hat Boock zwar viel und oft gelogen. Unser Rezensent hat sich entschieden:

aa Entweder ist das Buch wahr, dann ist es ein verblüffendes Dokument,;oder es ist gelogen, dann ist es packend gelogen.

fx meint unser Rezensent zu "Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer" von Peter-Jürgen Boock, das bei Eichborn erschienen ist.

m2 Ja, so könnte es gewesen sein. Vielleicht stimmt es, dass die Terroristen am Ende sogar einigen Respekt vor ihrem Gefangenen hatten ... vielleicht.

aa Noch Fragen?

m1 Wie währe es zum Abschluss - nach all dem Schrechen und Schund - mit etwas wahrer Literatur?

fx Gabrielle Wittkop hat sie geschrieben, die wahre Literatur. Bei Hanser ist sie erschienen: Ein schmaler Band "Der Witwer von Venedig".

m1 Die Wittkop ist Französin und schon 82 Jahre alt. Ihr neues Buch soll hier erwähnt werden, weil es jene Frage "Wer war es, der da getötet hat?", die einen Krimi am Leben erhält, furios dazu benutzt, ein atmosphärisch dichtes Buch zu schreiben.

m2 "Der Witwer von Venedig" handelt - der Titel lässt es erahnen - von einem venezianischen Witwer, Alvise Lanzi mit Namen. Allerdings ist Lanzi nicht zum ersten Mal Witwer geworden, sondern schon zum vierten Mal, was auch in einer morbiden Stadt wie Venedig einiges an Argwohn hervorruft.

fx Natürlich ist "Der Witwer von Venedig" kein Krimi. Im Gegenteil: Das Buch ist hochartifizielle Kunst-Literatur, wie sie in dieser Kolumne normalerweise hochnäsig verachtet wird

aa Aber doch

m1 nach all den amerikanischen, schwedischen, und deutschen Enttäuschungen, in denen langweilige Ermittler in realistischen Stil langweiligen Serienmorden nachspüren und dabei ihre Zipperlein pflegen, ist es schön, dass es noch verrätselte Bücher von rätselhaften Damen wie der Wittkop gibt, in denen es schwer klar wird, was geschieht ...

aa ... das liebe ich besonders.

m2 Und somit wäre ein versöhnliches Ende für die Krimi-Kolumne gefunden.

aa: Vergessen Sie nicht, Jean-Patrick Manchette zu lesen.

fx lautet das Schlusswort unseres Rezensenten. Und wenn Sie damit oder mit sonst etwas nicht einverstanden sein sollten, dann gilt wie immer zum Abschied:

Besprochene Bücher:

Dorothea S. Baltenstein, Vier Tage währt die Nacht, Eichborn Peter-Jürgen Boock, Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer, Eichborn Philipp Kerr, Newtons Schatten, Wunderlich Jean-Patrick Manchette, Westküstenblues, Série Noire 1021, Distel Literatur Verlag ders., Tödliche Luftschlösser, Série Noire 1022, Distel Literatur Verlag Henning Mankell, Die ‚Rückkehr des Tanzlehrers Zsolnay Gabrielle Wittkop, Der Witwer von Venedig, Hanser

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