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Seit 09:10 Uhr Das Wochenendjournal

Die Krise des Zionismus

Peter Beinart: "Die amerikanischen Juden und Israel. Was schief läuft", C.H. Beck Verlag

Das Buch des liberalen amerikanischen Zionisten Peter Beinart polarisiert: Man mag mit seiner Analyse nicht immer übereinstimmen, aber sein Essay über die Zukunft Israels und der Juden in Amerika ist sauber recherchiert und griffig geschrieben. Ein Buch, das provoziert - und dadurch die dringend notwendige Debatte bereichert.

Von Katja Ridderbusch

Religiöse Juden an der Klagemauer in Jerusalem (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Religiöse Juden an der Klagemauer in Jerusalem (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

"I’m a Zionist. I believe in Israel’s existence as a democratic Jewish state. I believe in Israel’s security."

Peter Beinart macht keinen Hehl daraus, wo er steht: ein liberaler amerikanischer Zionist, ein orthodoxer Jude, ein Verfechter der Existenz und der Sicherheitsinteressen Israels. Und gerade weil ihm das Überleben Israels am Herzen liegt, schreibt der Politikwissenschaftler, sei er für eine Zweistaatenlösung, für den Stopp des Siedlungsbaus und den Rückzug der Israelis aus dem Westjordanland.

"Nur wenn die Palästinenser ihren eigenen Staat erhalten, kann sich Israel wieder in ein Land verwandeln, das allen in seinem Herrschaftsbereich lebenden Menschen uneingeschränkte Bürgerrechte gewährt."

Beinarts Essay "Die amerikanischen Juden und Israel" erschien in den USA unter dem treffenderen Titel "Die Krise des Zionismus" und löste eine heftige Debatte aus. "Ein exzellentes, kluges und enorm überzeugendes Buch", jubelte das Time-Magazine. Dagegen bemerkte der prominente amerikanisch-jüdische Rechtsprofessor Alan Dershowitz im US-Fernsehen:

"Der Ton macht die Musik. Wenn man Beinarts Buch liest, muss man sich über die übertrieben israelkritische Haltung wundern. Seine Ideen spielen Israelhassern in die Hände."

In Beinarts Essay geht es indes nicht in erster Linie um den israelisch-palästinensischen Konflikt. Sondern vielmehr um die Analyse des Wechselspiels zwischen der offiziellen Politik Israels und den jüdischen Interessengruppen in Amerika. Der Autor erinnert daran, dass der Zionismus als liberales Projekt begann. Dass Israels Gründungserklärung 1948 allen Einwohnern soziale und politische Gleichberechtigung versprach. Die Wende kam mit dem Sechstagekrieg 1967. Von da an verschob sich die Rolle Israels in der Region - von einem wehrlosen Land in feindlichem Umfeld zu einem wehrhaften Besatzungsstaat. Oder, in Beinarts Worten: von jüdischer Ohnmacht zu jüdischer Macht.

"Obwohl Israels Sicherheit ohne Frage noch immer bedroht ist, hat das Land mittlerweile Nuklearwaffen und eine klare militärische Überlegenheit in der Region. Außerdem ist Israel einer der größten Waffenexporteure der Welt."

Doch während sich Israels Rolle gewandelt habe, sei das Narrativ weitgehend gleich geblieben – nicht nur in der israelischen Politik, sondern auch bei vielen amerikanischen Juden.

"Da wir Juden kaum über unsere neue Macht sprechen, wird uns nicht bewusst, dass diese Macht auch missbraucht werden kann. Stattdessen reden wir uns ein, wir seien weiterhin die Opfer der Geschichte, die eigentlich nur eine Pflicht haben: das Überleben ihres Volkes zu sichern."

Das Narrativ des ewigen Überlebenskampfes, erklärt der Autor, werde in den USA vor allem von denjenigen Gruppen gepflegt und verbreitet, die eigentlich eine Minderheit darstellten.
Die Mehrheit der amerikanischen Juden ist linksliberal eingestellt, und vor allem die Jüngeren haben das Gefühl der Verbundenheit mit Israel weitgehend verloren. Doch sei

"...die Minderheit der älteren, konservativen, eher auf Israel fixierten Juden besser organisiert als ihre liberaleren, weitgehend assimilierten Glaubensbrüder aus der jüngeren Generation."

Die Folge: jüdische Lobbyorganisation wie das American Israeli Public Affairs Committee, kurz: AIPAC, fungieren als Sprachrohr der israelischen Regierung und nehmen überproportional großen Einfluss auf die Politik in Washington.

Im zweiten Teil seines Buches beschreibt Beinart das Verhältnis der beiden Staatslenker, Barack Obama und Benjamin Netanjahu. Deren tiefe gegenseitige Abneigung ist den amerikanischen Medien stets eine Schlagzeile wert:

"Fox News has learned that President Obama has rejected a request for a meeting in New York or Washington with Israel’s Prime Minister."

So meldete der konservative Fernsehsender Fox News 2012, Obama habe Netanjahus Bitte um ein Treffen in den USA ausgeschlagen. In seinem Buch liefert Beinart eine detaillierte Chronik der politischen Affronts, wer von wem wann und warum ignoriert, brüskiert oder beleidigt wurde.
Allerdings: Dieser Kunstgriff gerät in eine Schieflage, weil der Autor Obama überhöht und Netanjahu dämonisiert. So bezeichnet er Obama als "jüdischen US-Präsidenten", der von den Ideen des liberalen Zionismus geprägt sei. Doch in Wahrheit hat sich kaum ein amerikanischer Präsident so wenig für Israel interessiert wie Obama. Umgekehrt erscheint Netanjahu in Beinarts Zweipersonenstück wie ein übler revisionistischer Intrigant. Obwohl der israelische Premier sich mehrfach für eine Zweistaatenlösung ausgesprochen hat, ist Beinart fest davon überzeugt:

"Netanjahu sieht seine politische Lebensaufgabe darin, den Verlust des Westjordanlandes und des Gazastreifens zu verhindern."

Das mag sein, bleibt aber einstweilen eine Unterstellung.

Im letzten Kapitel fordert Beinart, Spenden amerikanischer Geldgeber für jüdische Siedler sollten künftig nicht mehr von der Steuer befreit werden. Das Westjordanland bezeichnet Beinart als undemokratisches Israel; deshalb spricht er sich dafür aus, Produkte von dort zu boykottieren. Ein Aufruf, der selbst bei liberalen jüdisch-amerikanischen Organisationen auf Ablehnung stößt. Ein solcher Appell erinnere an den Boykott jüdischer Geschäfte im Nationalsozialismus, heißt es. Der Autor stellt klar:

"Ich bin absolut gegen einen generellen Boykott von Produkten aus Israel. Ich finde, wir sollten sauber unterscheiden zwischen dem demokratischen Israel und dem nichtdemokratischen Israel. Deshalb sollten wir in Produkte aus dem demokratischen Israel investieren, nicht aber in Produkte aus dem Westjordanland."

"Die amerikanischen Juden und Israel": Man mag mit Beinarts Analyse nicht immer übereinstimmen. Aber man kann dem Autor kaum einen Mangel an politischer Leidenschaft unterstellen. Peter Beinart hat einen sauber recherchierten und griffig geschriebenen Essay über die Zukunft Israels und der Juden in Amerika vorgelegt. Ein Buch, das polarisiert, provoziert und zum Innehalten zwingt. Und das allein dadurch schon die dringend notwendige Debatte bereichert.

Peter Beinart: "Die amerikanischen Juden und Israel. Was schief läuft",
C.H. Beck Verlag, 320 Seiten, 24,95 Euro, ISBN: 978-3-406-64547-1

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