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StartseiteTag für TagIn der Stadt der Witwen27.10.2015

Die Krishna-Tempel von VrindavanIn der Stadt der Witwen

Frauen werden in den Hindu-Religionen als Göttinnen verehrt. Doch die Wirklichkeit in Indien sieht anders aus, vor allem für Witwen. Nach dem Tod des Ehemannes gelten sie als Ballast. So fliehen seit Jahrhunderten verwitwete Frauen ins nordindische Vrindavan – um sich dort mit der Gottheit Krishna zu vermählen.

Von Margarete Blümel

Witwen im nordindischen Vrindavan beim traditionellen Fest der Farben (AFP  / Roberto SCHMIDT)
Witwen beim traditionellen Fest der Farben im nordindischen Vrindavan (AFP / Roberto SCHMIDT)
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"Mein Mann war viel älter als ich. Nachdem er verstorben war, hat mein Herz plötzlich so komisch geschlagen. Ich müsste Tabletten nehmen, hat die Ärztin gesagt. Aber im Haus der Schwiegereltern wollte keiner etwas davon hören. Was sollte ich machen? Ich bin in den Zug gestiegen und bin dann hierher, nach Vrindavan, gefahren."

Aus ganz Indien kommen die Anhänger der Gottheit Krishna an diesen Wallfahrtsort, um ihrem Gott Ehre zu bezeugen und um Radhas, seiner ewigen Gefährtin, zu gedenken. Vor allem Witwen suchen in Vrindavan Erlösung von ihrem Unglück, indem sie Krishna in den Tempeln lobpreisen und ihm Bhajans, religiöse Lieder, darbringen.
"Hier, in Krishnas Heimat, glaubt man, Befreiung vom Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt zu finden. Die Frauen fühlen sich auch nicht mehr als Witwen, weil sie mit Krishna 'verheiratet' sind. So wie die Kuhhirtin Radha aus dem Radha-Krishna-Mythos. Außerdem sind die Witwen in Vrindavan unter ihresgleichen."

Diese Frauen, die alles daran setzen, nur ja nicht aufzufallen, sind an ihren schmucklosen weißen Saris zu erkennen. Sie schauen niemanden an, wenn sie durch die Gassen ziehen, um sich etwas zu essen zu erbetteln. Von den paar Rupien, die sie im Tempel für ihren Lobgesang Krishnas bekommen, können sie nicht leben.

Der Leiter des Altenhilfswerks "Help Age India", Mathew Cherian:

"Um 1860 herum gab es schon einmal eine Reformbewegung mit dem Ziel, Witwen wieder zu verheiraten. Aber das konnte sich nicht durchsetzen. So bürgerte es sich mehr und mehr ein, die Witwen nach Vrindavan, zu Gott Krishna, zu schicken. Auch in Benares lassen sich einige Witwen nieder. Denn wenn sie dort, am Ufer des heiligen Ganges, sterben, müssen sie nicht mehr leiden, weil sie keine Wiedergeburt zu befürchten haben."

Das Leben der Gattin kreist um das Dasein des Ehemannes

Frauen werden in den Hindureligionen oft als Göttinnen bezeichnet. Doch diese "Göttinnen" führen nicht selten ein trauriges Leben – vor allem, wenn sie Witwen sind. Nach dem Tod des Ehemannes gelten sie als Ballast, weil sie keine Rente erhalten und auch nicht auf andere Weise zum Einkommen der Familie beitragen.
Durch den Tod des Ehemannes werden die Betroffenen entwertet: Dem klassischen Ideal der Hindufrau gemäß kreist das Leben der Gattin um das Dasein des Ehemannes. Gehorsamkeit, Treue, Hingabe und Unterordnung - die von der Frau geforderten Tugenden, die sie in die Nähe der Glücksgöttin Lakhsmi rücken – zählen nach dem Ableben des Mannes nicht mehr.

"Lakhsmi, das ist ja eine jener friedlichen, sanften Göttinnen, die als Verkörperung der weiblichen Energie des Gottes Wischnu gilt", so die Religionswissenschaftlerin Birgit Heller von der Universität Wien.

"Und diese sanfte Göttin, die als Glücksgöttin verehrt wird, die ist auch modellbildend für die Ehefrau, die Mutter, die ihrer Familie eben auch Glück bringt und durch die vielfältigen Gelübde, die sie leistet, durch die Pilgerreisen und Wallfahrten, die sie im Dienst der Familie auf sich nimmt. Frauen werden eben auch so sozialisiert, dass sie im Grunde genommen die Verantwortung für das Leben ihres Mannes haben – und vor allem für das lange und gesunde Leben ihres Mannes, was ihnen selbst zugute kommt."

25.000 Altersheimplätze in Indien – für Männer und Frauen

In Indien gibt es zweiundzwanzig Millionen Witwen, die oft aus armen Verhältnissen stammen. Schätzungen gemäß, sagt die Aktivistin Mohini Giri, existieren um die fünfundzwanzigtausend Altersheimplätze im ganzen Land - für Männer und Frauen.

"Das System der Großfamilie löst sich auf. Außerdem werden die Menschen älter. Und unter diesen älteren Leuten befinden sich rund siebzig Prozent Witwen, die von ihren Familien nicht aufgefangen werden und die nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen."

Von dem immer wieder gepriesenen Wirtschaftsboom des Landes profitieren viele Inder kaum oder sogar überhaupt nicht. Witwen zum Beispiel stehen nach wie vor auf der Verliererseite. Nach langwährendem Druck diverser Altenhilfsorganisationen hat sich die Regierung vor einigen Jahren dazu bereit erklärt, bedürftigen alten Witwen eine kleine Rente zu gewähren. Doch viele der betroffenen Frauen können weder lesen noch schreiben. Die zuständigen Beamten am anderen Ende aber erwarten aber oft eine kleine "Sondervergütung", ein Bakschisch, für ihre Mithilfe – Geld, das die Witwen nicht besitzen.

Ein kleiner Lichtstrahl im Dunkel zumindest sind Bestrebungen einiger NGOs, Witwen wieder zu verheiraten oder sie durch das Ausführen einfacher religiöser Rituale gewissermaßen "salonfähig" zu machen. Wie hier bei dieser Massenhochzeit in Süd-Delhi.

Resozialisierung durch Massenhochzeiten

Die Aktivistin Mohini Giri hat diese Massenhochzeit arrangiert. Vier der fünfundzwanzig Bräute im Saal sind zwischen vierzig und fünfundvierzig Jahre alt. Bis vor kurzem waren sie verwitwet.

Und nicht nur das: Während der Priester das hinduistische Hochzeitsritual durchführt und die Götter darum bittet, den Paaren ihre Gunst zu gewähren, schreitet eine vielleicht fünfzigjährige Frau im weißen Witwensari die Reihen der Anwesenden ab und legt jeder und jedem frische Rosenblätter zu Füßen.

Mohini Giri: "Witwen bringen Unglück, sagt man. Daher haben diese Frauen hierzulande bei religiösen Ritualen und erst recht bei einer Hochzeit nichts zu suchen. Wir aber verheiraten nun einige von ihnen wieder. Mehr noch - wir lassen jetzt auch Witwen bei der Hochzeitszeremonie mitwirken, um dieses Stigma am Ende ganz zu überwinden. Seit über zwanzig Jahren hat sich keine Frau mehr nach dem Tod ihres Mannes verbrannt. Das haben wir erreicht! Es ist ein großer Erfolg. Aber die Tradition ist starr und ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel braucht natürlich seine Zeit."

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