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StartseiteBüchermarktDie kroatische Musterung07.04.2005

Die kroatische Musterung

"Yugoslavian Gigolo“ von Zoran Drvenkar

1970 kam Drvenkar als Dreijähriger mit seinen Eltern aus Jugoslawien nach Berlin. Nach rund einem Dutzend Romane, die in vierzehn Sprachen übersetzt wurden, zieht es den Schriftsteller literarisch nun in seinen Geburtsort. Dort, im kroatische Križevci, soll sein Protagonist im Jugoslawienkrieg plötztlich seinen Mann stehen.

Von Maike Albath

Der "Yugoslavian Gigolo" soll plötztlich für Kroatien gegen die Serben kämpfen (AP)
Der "Yugoslavian Gigolo" soll plötztlich für Kroatien gegen die Serben kämpfen (AP)

Zoran Drvenkar wohnt in einer kleinen Straße im alten Berliner Westen, wo die Bomben im Zweiten Weltkrieg breite Schneisen schlugen und Häuserzeilen aus den 50er Jahren neben Gründerzeitbauten wuchern. Gleich um die Ecke kann man sich vor angesagten Bars, thailändischen Imbissen und italienischen Feinkostläden kaum retten, aber hier bestimmen Sonnenstudios, Supermärkte und traditionelle Eckkneipen das Bild. Drvenkar hat für mondäne Zerstreuungen sowieso nicht viel übrig. Seine riesige Wohnung mit den alten Parkettböden, imposanten Stuckdecken und endlosen Regalreihen voller Bücher und Filme ist sein Lieblingsaufenthaltsort. Vor allem nachts.

"Ich habe jetzt auch nur vier Stunden geschlafen. Besonders die Winternächte sind großartig. Da wird es um vier oder fünf dunkel, und dann geht es los. Das ist eben dieses Gefühl, die Nacht bricht an, es ist nach Mitternacht, die Leute müssen schlafen gehen, und ich sitze da, habe meine Musik an und kann arbeiten. Oahhh, wie ich das liebe. Gegen vier, fünf Uhr morgens mache ich dann den Beamer an und schaue einen Film, das ist phantastisch. Das ist dann so eine leichte Übermüdung, so ein leichtes High, was man sich selbst schafft, und da entstehen die besten Sachen. Am Tag kann jeder wach sein, aber so lange in der Nacht durchzuhalten, da gehört schon richtig heißes Blut dazu."

Drvenkar, der 1970 als Dreijähriger mit seinen Eltern aus dem damaligen Jugoslawien nach Berlin kam, hat sich als Kinder- und Jugendbuchautor einen Namen gemacht. Rund ein Dutzend Romane gibt es von ihm, übersetzt in vierzehn Sprachen, zu denen auch Koreanisch und Kroatisch gehören. Seit vergangenem Jahr sondiert Drvenkar ein neues Terrain und veröffentlicht in einer anderen Sparte. Nach dem Thriller amerikanischen Zuschnitts "Du bist zu schnell" über die Abgründe einer Psychose, die eine merkwürdige Anziehungskraft entwickelt, legt er jetzt einen Roman vor, der dorthin führt, wo er geboren wurde und sämtliche Ferien verbrachte, nach Križevci. "Yugoslawien Gigolo" lautet der Titel des neuen Buches vielsagend, und die Geschichte beginnt im Herbst 1991, als der 23-jährige Branko nach seinem Urlaub in der Kaserne zurück erwartet wird, um im Krieg gegen Serbien seinen Mann zu stehen.

"Ich sollte ja in die Armee eingezogen werden. Da ich in Berlin aufgewachsen bin und hier zur Schule ging, hat mich die Armee in Ruhe gelassen, ich war ja noch Jugoslawe, Kroate, so gesehen. Und was dann passierte: die haben meine Akte verloren. Ich existierte für die nicht mehr. Die Schule war fertig, ich hatte meinen Ausweis, aber es kam keine Armee und wollte mich haben. Und was mein Vater gemacht hat: er meldet sich bei der Armee, um mich da mal hinzuschicken. Vollkommen überflüssige Sache.

Ich musste nach Kroatien fahren und musste so eine Musterung mitmachen, die sehr schrecklich war. Sehr peinlich, mit Psychologen und allem, eigentlich nur, damit ich wieder gehen konnte. Und da habe ich zum ersten Mal richtig Kontakt damit gehabt. Alle meine Cousins, alle meine anderen Verwandten, die waren ja in der Armee, und die gingen gerne hin. Mit 18 warst du in der Armee, das war wichtig, das gehörte dazu, um ein Mann zu werden. Ein Lieblingsspruch meines Vaters war ja auch, wenn du in der Armee bist, lernst du richtige Freunde kennen. Naja...Der kennt ja keinen mehr von damals. Hohle Sprüche."

In der Figur seines Helden verdichtet Zoran Drvenkar alle Ausprägungen des slawischen Machogehabes, das am Ende destruktive Züge entwickelt und grausam eskaliert. Doch zu Beginn der Geschichte ist Branko einem ganz sympathisch. Drvenkar lässt ihn als Ich-Erzähler auftreten und spielt geschickt mit den identifikatorischen Neigungen des Lesers - man betrachtet die Welt mit Brankos Augen und gibt ihm erst mal in allem Recht. Mit dem Krieg will er nichts zu tun haben. In einer sorgfältig geplanten Aktion führt er seine Familie an der Nase herum, kehrt nicht nach Zagreb zurück, sondern flüchtet sich zu seinem Cousin nach Krizevci, wo ihn niemand vermutet.

Es sind keine pazifistischen Überzeugungen, die ihn zu dieser Entscheidung bewegen. Er hat ganz einfach Angst vor dem Tod. Als Grund für seine angebliche Wehruntauglichkeit erfindet er eine schwere Krankheit, nimmt eine Arbeit in einer Metzgerei an, schließt Freundschaft mit einem Schlachter namens Nenad, zieht durch Diskotheken und baut sich ein kleines Leben auf. Doch das reicht ihm nicht, er hat ehrgeizigere Pläne, will das Land verlassen, auch aus Furcht vor dem Militärgericht. Branko beginnt, mit deutschen Touristinnen zu schlafen - gegen Geld. Seine Kaltschnäuzigkeit und sein gelegentlicher Sadismus beim Sex deutet eine untergründig brodelnde Gewalt schon an, und nach und nach beginnt man Branko zu fürchten. Es war der Film "Good Fellows" mit Robert De Niro, der ihn zu der kalkulierten Brutalität inspirierte.

"De Niro war nicht geplant. Es gab diese Szene im Kino. Die Orte sind ja alle echt. Das Kino gibt es ja noch, es riecht noch immer so, die Stühle knarren noch immer so. Als ich dann Branko in diesem Kino hatte, dachte ich, der ist jung, der braucht ein Leitmotiv, und Brankos Leitmotiv ist diese Lässigkeit von De Niro, dieses "Ich scheiß auf die Welt, ich bin so cool, mir kann keiner was". Man kennt das ja selbst aus seiner Jugend.

Als ich 13, 14, 15 war, habe ich Marius Müller Westernhagen gehört, die alten Sachen, nicht die neuen, und das hat so sehr mein Machowesen bestimmt, der hat so Sachen gesungen wie "Der Junge auf dem weißen Pferd, der kommt nicht mehr, Frauen werden nicht entführt, heut’ nicht mehr, da müsst ihr schon selber gehen", acchh fand ich das klasse, ich, der noch keine Freundin hatte, hab die ganze Welt durchschaut, und das hat den Ton geprägt von Branko, der aus dem Nichts kommt, du weißt nicht, was für eine Erziehung er hatte, der von Filmen und wahrscheinlich auch von Musik beeindruckt ist, und das prägt einen ja. Wenn dann gesagt wird: ich bin ein cooler Kerl, sagt er sich, "He, ich könnte auch ein cooler Kerl sein, warum verhalte ich mich genau so, wie der Charakter dort". Und da war de Niro genau der richtige."

An Härte, Coolness und Gewalttätigkeit steht Branko De Niro in nichts nach. Drvenkar arbeitet mit Elementen des Thrillers und liefert harten Stoff. Wenn sexuelle Entgrenzung in Nötigung und körperliche Entgleisungen übergeht, mutet er seinem Leser einiges zu. Im Unterschied zu den Kinderbüchern, in denen Drvenkar eine schmucklose, klare Sprache jenseits von Klischees verwendet, schwankt seine Tonlage in "Yugoslawien Gigolo" mitunter - manche Redewendungen passen nicht ganz zu dem rauen, abgründigen Branko. Gelungen ist der Roman vor allem in seiner atmosphärischen Gestaltung: die Ausweglosigkeit, Trauer und Verzweifelung der Akteure drückt sich in permanenter Aggression aus, die plötzlich in Selbstzerstörung umschlagen kann.

Das gilt zum Beispiel für die Gelegenheitsprostituierte Ivanka, der einzigen Person, der sich Branko nahe fühlt. Ivanka weicht anders als der flüchtige Soldat ihrer Depression nicht aus, bis sie es eines Tages nicht mehr aushält und sich erhängt. Zoran Drvenkar liefert keinen sozio-historischen Abriss des Jugoslawienkrieges, aber in dem emotionalen Zustand seiner Figuren spiegelt sich die totale Zerrüttung des Landes wieder. In unterkühltem Tonfall berichtet Branko zum Beispiel, wie er gemeinsam mit anderen eines Nachts einen Kollegen beseitigt: er war Serbe und hatte vergiftete Würste produziert, um seine kroatischen Landsleute zu töten. Mit dem Mann wird kurzer Prozess gemacht, und die Leiche landet kurzerhand auf dem Müll. Archaische Rachegelüste übertönen jede Form von menschlicher Anteilnahme.

"Ich bin wirklich sehr nah am Charakter dran. Und in diesen Momenten ist es ja nicht so, daß ich dann plötzlich als Autor denke, uhahh, kannst du jetzt nicht machen, sondern man schreibt die Szene runter. Und dann gibt es so eine Art Zurückschrecken, man sitzt ich da und sieht, was der Charakter angestellt hat und fragt sich, möchte ich das meinem Charakter antun. Er hat es mir gerade angetan, und es ist passiert. Das Schreiben ist ja auf dieser Ebene nicht so, ich sitze ja nicht da und plane meinen Charakter vollkommen, sondern ich lasse ihm freien Lauf.

Das klingt meistens recht psychotisch, aber der Charakter kann ja machen, was er will. Was dann oft passiert, die Gewalt, die da aufbricht, hat nichts damit zu tun, dass man den Leser schocken will, sondern das ist der Rhythmus der Geschichte, die passiert. Es kann passieren, dass Branko vollkommen nett ist, es kann auch passieren, dass er ausflippt und ich merke, dass treibt ihn dahin. Das ist ja das schöne am Schreiben. Man sieht, dass die Charaktere ein Eigenleben haben. Sonst wäre es ja langweilig. Man würde dasitzen und alles voraus planen können, und was bringen mir solche Charaktere, die sind langweilig, öde."

Eine einschläfernde Wirkung hat Brankos Geschichte nicht, man liest sie mit angehaltenem Atem, mitunter widerwillig und wünscht ihm den Tod auf den Hals. Er landet in München, es kommt zu blutigen Zwischenfällen, ein effektvoller Showdown mit Schießerei und Flucht wird auch noch geboten. Zoran Drvenkars "Yugoslawien Gigolo" ist ein Anti-Entwicklungsroman mit Roadmovie-Appeal. Am Ende sitzt Branko in einem geklauten Mercedes und fährt gen Horizont. Fast so wie in einem De-Niro-Film.

Zoran Drvenkar: "Yugoslavian Gigolo"
Verlag Klett-Cotta

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