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StartseiteBüchermarktDie Künstlerboheme nicht ganz so bunt11.02.2005

Die Künstlerboheme nicht ganz so bunt

John Updike hat einen faszinierenden zwanzigsten Roman geschrieben

Eine junge Journalistin und eine betagte Malerin, ein kleines Aufnahmegerät, das zwischen den beiden steht, ein Morgen und ein Nachmittag, der im April des Jahres 2001 in der Abgeschiedenheit von Vermont etwas zögerlich dem Abend entgegen geht: John Updike braucht nur einen kleinen Rahmen für seinen zwanzigsten Roman; in "Sucht mein Angesicht", einem seiner schönsten Bücher seit langem, beschreibt Updike die wechselvolle Beziehung seiner beiden Figuren, das allmähliche Kennenlernen in dieser ersten Begegnung, das vorsichtige Tasten im Radius von Aufnahmegerät und Mikrofon, die gegenläufigen Bewegungen im Magnetfeld ihres Gesprächs. "Sucht mein Angesicht" geht über mehr als 300 ununterbrochen dahinfließende Seiten. Der Roman hat keine Kapitel, keine nennenswerten Absätze und dauert so lang wie das Interview, das Kathryn an diesem Tag mit Hope Chafetz führt.

Von Thomas David

John Updike, inzwischen 72-jähriger amerikanischer Schriftsteller, erzählt in dem Beitrag auch von seinem Kunstverständnis (AP Archiv)
John Updike, inzwischen 72-jähriger amerikanischer Schriftsteller, erzählt in dem Beitrag auch von seinem Kunstverständnis (AP Archiv)

It´s a queer book, no doubt about it, but one of the things that I have experienced in my later years has been interviews. I have given a lot of interviews and in a way an interview is a little like a psychiatric session.

"Sucht mein Angesicht" sei ein merkwürdiges Buch, so Updike im Gespräch. Er sitzt an einem Tisch, vor ihm liegen Exemplare einiger seiner Bücher, darunter die englischsprachige Ausgabe des neuen Romans. Ein Interview sei ein wenig wie die Sitzung bei einem Psychiater, so Updike: Man projiziere seine Persönlichkeit, man umwerbe sich und nehme in der seltsamen Intimität des Interviews eine Beziehung zueinander auf. Hope, so Updike, sei anfangs widerwillig und scheu, genau wie er selbst, aber nach und nach werde sie großzügiger bis sie die Interviewerin schließlich langweile.

Several times in the book Hope talks about her terrible desire to please. And how she on the one hand despises it because it´s not a trait of the true artist.

In "Sucht mein Angesicht" erhellt John Updike den unerschöpflichen Nuancenreichtum des Gesprächs, die feinen Abstufungen im launischen Verhältnis der beiden Frauen, die mal wie zwei Rivalinnen wirken, mal wie Freundinnen oder wie Mutter und Tochter, und komponiert dabei unter der Oberfläche des Augenblicks mit souveräner Hand das Bild einer verlorenen Zeit. Hope Chafetz ist eine Nebenfigur der Kunstgeschichte, sie ist die Witwe des Action-Painters Zack McCoy, einem der Hauptvertreter der Amerikanischen Moderne, dessen fiktive Biografie Updike eng am Leben Jackson Pollocks entlang schreibt: In "Sucht mein Angesicht" entwirft Updike aus Hopes Erinnerungen – aus dem, was sie im Interview preisgibt, aus dem, was sie lediglich denkt, aus unzähligen, assoziativ gesetzten Erinnerungslinien – das Bild des historischen Moments in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, als die amerikanische Kunst ihre ästhetische Unabhängigkeit erklärte und Maler wie Pollock - wie Barnett Newman, Mark Rothko und Willem de Kooning - die internationale Szene betraten.

Yes, it´s about that moment. She´s trying to remember that moment when Pollock went out to that cold barn and did these things that never were quite done before. Discovered really a new way to use paint.

Hope versuche sich an den Augenblick zu erinnern, so Updike, als Pollock eine neue Art von Malerei erfand: Hope erinnert sich im Gespräch mit Kathryn an ihre Begegnungen mit den Künstlern Onno de Genoog und Bernie Nova, hinter deren Namen Updike die nur spielerisch ins Fiktive verzerrten Porträts von de Kooning und Newman skizziert; Hope erzählt wie Zack McCoy – alias Jackson Pollock – in seinem Atelier auf Long Island die Leinwand am Boden befestigte, sie von der Schwerkraft befreite und im Rhythmus seiner tropfenden Pinsel tänzelnd attackierte. Ganz gleich, wie viel über Pollocks "Drip"-Bilder geschrieben werde, so Updike: In gewisser Weise bewahrten sie die unsagbare Frische, die Kunst haben müsse.

Those paintings are very mysterious indeed, and he didn´t do very many that are first rate. It was a terrible struggle for him to find himself and then, of course, he drank himself out of business. Nevertheless, when you see them in a museum unexpectedly, they are quite stunning, and they are somehow things. And no matter how much is written about them, in a way they retain that unsayable freshness that art should have.

Als Schlüsselroman über das Leben Jackson Pollocks gewährt "Sucht mein Angesicht" einen faszinierenden Blick in die Arena der Moderne; der Roman entwirft ein Zeitbild der New Yorker Künstlerboheme der späten vierziger Jahre, eine Theorie des Abstrakten Expressionismus, er entwirft ein nicht ganz so farbenprächtiges Bild der Pop Art, mit dessen in aller Welt gefeiertem Wunderkind Hope unwahrscheinlicherweise in zweiter Ehe verheiratet war. Als kleines spätes Meisterstück des inzwischen 72-jährigen Schriftstellers zelebriert "Sucht mein Angesicht" darüber hinaus jedoch auch das anhaltende Wunder von Updikes eigener künstlerischer Imagination: den Ursprung jenes schöpferischen Impulses, der den Romancier - "die Werkzeuge sind verschieden, der Impuls ist derselbe", so Updike in seinem 1986 erschienenen Essay "Writers and Artists" - auf gleiche Weise antreibt wie den Maler.

All of us are curious about the workings of an artist and those of us who live with art, by art, are especially curious to express in mundane terms what has happened. But the attempt in art is not to create anything that can be summed up in other words.

In der Kunst, sagt Updike, gehe es nicht darum, etwas zu erschaffen, das in anderen Worten zusammengefasst werden könne. Anders ausgedrückt: Man versuche ein Ding herzustellen, so Updike, das so geheimnisvoll ist wie andere Dinge, wie ein Fels zum Beispiel oder wie eine Eidechse.

So, in a way, there always will be something, let´s hope, that evades verbal explanation.

Die 27-jährige Kathryn begegnet Hope mit den verbürgten ready-mades der Kunstgeschichte, sie verwendet die Klischees und belehrt Hope über die Qualität ihrer eigenen, offenbar weniger an den Werken von Pollocks Witwe Lee Krasner als an den transparenten Malereien der erst kürzlich verstorbenen Agnes Martin angelehnten Arbeit; Hope korrigiert und erläutert; im Gespräch, in Gedanken, tastet sie sich vor zu den Dingen, die "immer schon besser ein Geheimnis geblieben" wären: "Interviewer und Kritiker", so Hope Chafetz, "sind die Feinde des Geheimnisvollen, des Unbestimmten, das der Kunst Leben gibt." Kunst, so John Updike, sei für Hope eine Art von religiöser Sublimierung.

She is in a way a pious believing quaker who sublimates the religious creed into the creed of art. But, you know, it´s a very plain sublimation, and for her and, I think, for most of those people art was a kind of religion and they brought to it a religious intensity.

Die Mystifizierung der Kunst, die Hope im Interview mit Kathryn betreibt, fügt sich dabei nahtlos ins Bild von Updikes eigenem künstlerischen Selbstverständnis: Indem er in "Sucht mein Angesicht" - der Titel zitiert den 27. Psalm: "Mein Herz denkt an Dein Wort: 'Sucht mein Angesicht.' Dein Angesicht, Herr, will ich suchen." - auf die geheimnisvolle und schließlich unbestimmbare Dinghaftigkeit des Kunstwerks verweist, illuminiert Updike die metaphysische Dimension einer Kunst, die letzten Endes göttlichen Ursprungs ist und deren weltlicher Erzeuger die Schöpfung preist, indem er – wie Hope Chafetz, wie der tief im christlichen Glauben verankerte John Updike - Gottes Angesicht in allem sucht, das ihn umgibt.

It´s a gift, a gift to the world, to make, whatever. A book, a drawing, a painting.

Als ein von religiöser Spekulation durchdrungener Künstlerroman ist "Sucht mein Angesicht" nicht zuletzt ein selbstreflexiver Schlüsseltext zu Updikes eigenem Werk: Dessen überragende Qualität liegt seit der Veröffentlichung von "Das Fest am Abend", dem 1959 erschienenen Debütroman des Schriftstellers, in der Präzision von Updikes malerischem Auge, dem Duktus einer gewandten Prosa, in der Updike die Vielfalt und Tiefe des Lebens mit einer vor allem an den "Rabbit-Romanen" bewunderten Detailgenauigkeit an die Oberfläche kehrt. In "Sucht mein Angesicht" wendet er die Bilder von Zack McCoy und Bernie Nova – die amerikanischen Bilder von Pollock und Newman – zu einer Metapher jener nationalen Selbstvergewisserung und Identität, deren Textur John Updike seit Beginn seiner Laufbahn wie kein zweiter Schriftsteller seiner Generation darzustellen vermochte und deren Leuchtkraft, so macht "Sucht mein Angesicht" einmal mehr deutlich, aus dem christlichen Glauben des Autors entsteht. Seeing, so Updike in "Just Looking", einem Band seiner gesammelten Essays zur Kunst, is believing: "Sehen heißt glauben": Hope Chafetz‘ Monolog, die schillernde Farbspur ihrer Erinnerungen, die Hopes Interview mit Kathryn durchläuft, wirkt wie ein langes Extempore, das dieses Credo in immer neuen Variationen umspielt.

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