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StartseiteForschung aktuellDie Kultur der Wale26.04.2013

Die Kultur der Wale

Jagdtipps vom Buckelwal

Verhaltensforschung. - Können Tiere eine Kultur haben? Vor allem bei Primaten wurde diese Frage in letzter Zeit häufig bejaht. Dass aber auch andere Tiere in der Lage sind, Techniken und Fähigkeiten von Individuum zu Individuum weiterzugeben und so etwas wie Kultur und Tradition auszubilden, wird in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Science" anhand eines eindrucksvollen Beispiels gezeigt: Meeresbiologen der University of St. Andrews konnten zeigen, dass Buckelwale nicht nur ihre Lieder, sondern auch Fangtechniken voneinander lernen.

Von Tomma Schröder

Vor dem Abtauchen haut ein Buckelwal mit der Fluke auf die Meeresoberfläche. (Science/Jennifer Allen, Ocean Alliance)
Vor dem Abtauchen haut ein Buckelwal mit der Fluke auf die Meeresoberfläche. (Science/Jennifer Allen, Ocean Alliance)

Aufregung an Bord eines Beobachtungsbootes: Ein Buckelwal im Golf von Maine schlägt direkt vor dem Schiff die Fluke auf die Wasseroberfläche. Doch dieses Winken mit der Schwanzflosse gilt nicht den glücklichen whale-watching-Touristen an Bord – der Wal ist lediglich auf Nahrungssuche.

"Sie schlagen mit der Fluke auf das Wasser und dann tauchen sie sofort ab und pusten kleine Bläschen in Form eines Netzes oder einer Wolke ins Wasser. Das verängstigt die Fische unter Wasser so sehr, dass sie sich zu einem engen Pulk zusammenfinden. Und die Buckelwale stürzen sich dann auf diesen Pulk und verschlingen alle Fische mit einem großen Schluck."

Jenny Allen hat diese Prozedur unzählige Male beobachtet. Als Mitarbeiterin des Walzentrums von New England hat sie oft selbst die Buckelwale im Golf von Maine studiert und sich dabei besonders deren Fangmethoden genau angeschaut. Denn dass Buckelwale mit der Fluke schlagen, ist nicht ungewöhnlich. Auch dass sie Fische mit einem Netz aus kleinen Luftblasen umgeben, um sie eng zusammen zu treiben, ist nicht neu. Die Kombination aus beidem aber, wurde bisher nur im Golf von Maine gesehen. Und zwar das erste Mal bei einem Buckelwalweibchen vor über 20 Jahren.

"Wahrscheinlich hat ein anderer Wal einmal zugeschaut, wie sie diese Methode verwendete, und der hat sich dann gedacht: Oh, das sieht nach einer guten Idee aus. Das werde ich auch ausprobieren!"

Geboren wurde diese Idee vermutlich aus der Not heraus. Denn 1979, kurz bevor die neue Fangmethode das erste Mal von Menschen beobachtet wurde, waren die Heringsbestände zusammen- und damit ein wichtiger Nahrungsteil der Buckelwale weggebrochen. Mit der neuen Fangmethode, so vermuten die Meeresbiologen, wichen die Wale dann vor allem auf Sandaale aus. Denn diese Fische scheinen besonders ängstlich auf die Druckwelle zu reagieren, die das Flukenschlagen auslöst, und finden sich deshalb noch enger zusammen. Die Buckelwale können dadurch ihren Appetit an den dünnen, rund 15 Zentimeter langen Sandaalen besser stillen. Das zumindest ist eine häufig geäußerte Hypothese, die von Jenny Allen und ihren Kollegen von der University of St. Andrews nun untermauert wurde.

"Wenn wir schauen, wo die Buckelwale die neue Fangmethode anwenden, dann ist das vor allem auf der Stellwagen Bank, wo die Sandaale in hoher Konzentration vorkommen. Darüber hinaus gibt es auch bestimmte Zeitfenster, in denen die Methode besonders häufig verwendet wird. Auch diese Perioden zeigen einen Zusammenhang mit der Größe der Sandaalbestände."

Doch diesen Zusammenhang zeigten die Forscher eher nebenbei. Was sie eigentlich interessierte, war die Frage: Wie kam es zu der Ausbreitung der Fangmethode, die heute von 40 Prozent der Buckelwale im Golf von Maine angewandt wird? Dank der von Wissenschaftlern begleiteten Walbeobachtungstouren hatten die Meeresbiologen ein sehr umfangreiches Datenmaterial. So konnten sie gute Einblicke in das soziale Netzwerk der Buckelwale gewinnen: Welcher Wal wurde wann beim Ausführen der neuen Fangmethode beobachtet? Mit welchen anderen Walen war er wie oft unterwegs?
Bei der Auswertung dieser Daten zeigte sich: Weder das Alter oder das Geschlecht, noch die Gene waren entscheidend dafür, ob ein Wal die Fangmethode adaptierte oder nicht. Ausschlaggebend war, mit wem der Wal sich herumtrieb und ob seine Kumpanen die neue Technik schon beherrschten oder nicht. Oder anders ausgedrückt: In welchem kulturellen Milieu der Wal sich bewegte. Allen:

"Die Buckelwale kennen also kulturelles und soziales Lernen. Und das sogar in verschiedenen Bereichen. Denn neben der Fangmethode lernen sie ja auch ihre Lieder, die sie singen, voneinander. Und dieses Lernen in unterschiedlichen Bereichen ist ein entscheidendes Merkmal für Kultur und Tradition. Das heißt Tiere, die weder zu den Primaten, noch zu den Vögeln gehören, sind fähig, kulturell voneinander zu lernen. Und das ist schon ganz schön spannend!"

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