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StartseiteBüchermarktDie Kunst des Ausschnitts13.09.2007

Die Kunst des Ausschnitts

Der Dadaist Kurt Schwitters hat es getan, gleichfalls der Komponist Hanns Eisler, der Mediziner und Politiker Rudolf Virchow oder der Maler Pablo Picasso: Mit der Schere haben sie die Zeitungen als Manifestation der Tagesaktualität durchforstet und die Ausschnitte gesammelt.

Von Wolfgang Stenke

Ausschnittsquellen (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)
Ausschnittsquellen (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)

"Ein billiges, transientes, flüchtiges - wie auch immer man das beschreiben will - ein solches Medium wird hier überführt in eine Beständigkeit, in eine Archivwürdigkeit oder aber in eine visuelle Würde, wenn sie zum Beispiel in eine Collage geklebt wird."

Bedrucktes Papier, nur knapp dem Abfallcontainer entgangen, bekam eine neue Dignität. In den Archiven des Auswärtigen Amtes ebenso wie in den kilometerlangen Regalen des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs. - Die Tübinger Kultur- und Wissenschaftshistorikerin Anke te Heesen, die sich auskennt mit den Techniken des Sammelns, Exzerpierens, Sichtens und Systematisierens, hat darüber ein Buch geschrieben:

"Und dieses Paradox wohnt diesem Zeitungsausschnitt auch heute noch inne, denn auf der einen Seite fügen wir es vielleicht in Bücher ein, wir fügen es in eine Sammlung ein, gleichzeitig vergilbt dieses Papier sehr schnell, ist nicht besonders stabil. Diese Paradoxie, die diesem Stückchen Papier innewohnt, die ist eigentlich heute wie damals sehr ähnlich gewesen. Dieses Flüchtige macht es zu etwas sehr spezifisch Modernen, indem in ihm Bewegung ruht, aber auch gleichzeitig Stillstand, indem es etwas Fragmentarisches darstellt, aber auch gleichzeitig ein bleibendes Moment, (...) was ein Stück Information speichert."

Zettel mit Notizen, Zitaten und Skizzen, so beschreibt Anke te Heesen es in ihrer Studie mit dem Titel "Der Zeitungsausschnitt. Ein Papierobjekt der Moderne", wurden seit Beginn der Neuzeit von Wissenschaftlern auf die leeren Seiten von Arbeitsjournalen geklebt, durch Indizes erschlossen und mit Hilfe von Schere und Kleister in die Systematiken neuer "scrapbooks" überführt. "Sudelbücher" nannte sie Georg Christoph Lichtenberg im 18. Jahrhundert. Seine eigenen Exemplare werden noch immer gelesen und zitiert - nicht zuletzt wegen der unübertrefflichen Ironie, mit der er dort Kollegen bedachte:

"Er exzerpierte ständig, und alles was er las, ging aus einem Buche neben dem Kopfe vorbei in ein anderes."

Im späten 19. Jahrhundert trat mit der Entwicklung der modernen Massenpresse neben die Buchexzerpte ein neues Objekt des (nicht nur wissenschaftlichen) Sammeleifers: der Zeitungsausschnitt. Fast gleichzeitig wurden in Paris und New York, später auch in Berlin und Wien, Agenturen gegründet, die im Auftrag ihrer Klienten die Gazetten systematisch auswerteten. Die Kundschaft suchte Nachrichten aus dem politischen Geschehen, Meldungen aus Kunstgalerien und Parlamenten, von der Börse oder über sich selbst. - Beispiel: Rudolf Virchow, Mediziner und Reichstagsabgeordneter der liberalen Fortschrittspartei. - Anke te Heesen:

"Virchow hat aus einem vehementen politischen Interesse gesammelt. Er selbst war ja neben seinem eigentlichen Beruf als Pathologe oder in weitestem Sinne Mediziner, Sozialpolitiker auch. (...) Und der zweite Grund: Wie viele andere Zeitgenossen hat er zu sich selbst gesammelt, d.h. die Nennung seines Namens in irgendeinem Zusammenhang, sei es medizinische Kongresse oder Berichterstattung zu seiner Person. Dieses Sich-selbst-Sammeln spielte eigentlich für sehr viele Leute um 1900 eine große Rolle."

Es war die Zeit, in der im wilhelminischen Kaiserreich Ministerien und Interessenverbände die Bedeutung von Pressepolitik und Propaganda entdeckten. Zum Studium der veröffentlichten Meinung werteten sie systematisch die Zeitungen aus, erstellten Pressespiegel und archivierten das aus dem täglichen Nachrichtenfluss herausgefilterte Material. Auch Banken und große Wirtschaftsunternehmen beauftragten Ausschnittbüros oder bauten eigene Zeitungssammlungen auf. Zur Unterstützung und Verwissenschaftlichung der deutschen Kolonialpolitik wurde im Jahre 1908 in Hamburg das Deutsche Kolonialinstitut gegründet. Es sollte Informationsmaterial sammeln und Behörden, Firmen und Wissenschaftler mit Auskünften bedienen. Daraus entwickelte sich das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv, das die täglich anfallenden Mengen zerschnittenen und sortierten Papiers anfangs als Rohstoff einer künftigen Kolonialgeschichtsschreibung begriff.

Anke te Heesens kulturwissenschaftlicher Streifzug berührt nicht nur solche institutionsgeschichtlichen Felder. Sie zeigt am Beispiel des Physikers Ernst Gehrke, der in den 20er Jahren Einsteins Relativitätstheorie als Folge eines Massenwahns entlarven wollte, zu welcher Erbitterung die Mandarine des deutschen Geisteslebens fähig waren. Gehrke fühlte sich durch den Starkult um Einstein persönlich herausgefordert. Als Grundlage für ein Anti-Einstein-Buch sammelte er das über den Kollegen publizierte Zeitungsmaterial. Damit wollte der Berliner Physiker zeigen, wie te Heesen schreibt, dass "der Physiker und Jude, der Politiker und Star Einstein gegen den Codex deutscher Wissenschaft verstieß." Doch selbst mit dem größten Sammlerfleiß war das Denkmal Einstein nicht mehr vom Sockel zu stoßen.

Die kenntnisreich, wenn auch gelegentlich etwas sehr ausführlich präsentierten Fundstücke aus der Welt der Archive verdanken sich dem gewissermaßen archäologisch inspirierten Blick der Autorin. Selbst im Zeitalter des Internets und der elektronischen Suchmaschinen, wo ein paar Mausklicks riesige Stoffmengen verfügbar machen, hantieren wir auf der Schreibtischoberfläche des PC-Bildschirms mit den Symbolen von Schere, Kleister und Papier. Und nicht nur das.

"Wir beschäftigen uns immer noch sehr viel mit Papier - und die Kunst ist es eigentlich, Papier wegzuwerfen, aber wir arbeiten immer noch damit."

Das papierlose Büro, das gepriesen wird, seit der PC seinen Siegeszug angetreten hat, ist bis heute ein Wunschtraum geblieben. Und angesichts der Anfälligkeit der elektronischen Speichermedien ist man immer dann auf der sicheren Seite, wenn auf konservative Weise Ausdrucke von Texten oder eben Zeitungsausschnitte archiviert werden. Die Erfahrung hat jeder schon gemacht, der alte Disketten auf seinem neuen Computer abspielen wollte. Wir leben also immer noch von den ganz handfesten Kulturtechniken aus den Anfängen der Moderne. - Anke te Heesen:

"Letztlich habe ich dieses Buch auch aus der Motivation heraus geschrieben, ein Stück dieser Geschichte unserer alltäglichen Beschäftigungen, auch wenn wir vorm Bildschirm sitzen, ein Stück dieser Geschichte freizulegen."

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