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StartseiteBüchermarktDie Kunst, weniger zu arbeiten24.05.2002

Die Kunst, weniger zu arbeiten

Argon, 219 S., EUR 16,90

Es ist noch nicht lange her, da hat der Berliner Argonverlag mit der Zeitgeiststudie "Generation Golf" einen Erfolg erzielt, über den die Branche spricht. Das Trendbuch für die 25- bis 35 jährigen lässt sich so zusammenfassen: Wir wollen Karriere machen und bleiben wie wir sind. Das Buch ist damit zugleich eine Abgrenzung gegenüber jenen 68ern und ihren Nachfolgern, die in den 70er- und SOer-Jahren vom Sauren Regen bis zum Nato-Doppelbeschluss immer etwas fanden, wogegen zu protestieren sich lohnte. Nun ist im Argon-Verlag ein weiteres Buch erschienen, das Kultstatus anstrebt, und dieses Mal jedoch just bei der geschmähten Generation. Sie ist ja <em>nolens volens</em> inzwischen doch in Amt und Würden - und holt nun zu einem weiteren Schlag der Weltveränderung aus. Es geht ohne Zweifel um eines der großen Probleme unserer Zeit - um zwar um das "Ende der Arbeitsgesellschaft". Das Dilemma ist: Es gibt nicht mehr genug Arbeit für alle, doch paradoxerweise sind die meisten heute Vierzig- bis Fünfzigjährigen trotzdem im Stress, arbeiten 60 Stunden pro Woche, wedeln hektisch mit dem Terminkalender, klagen mit wichtiger Miene über den ewigen Zeitmangel und halten sich natürlich für unersetzlich.

Ulrich Müller-Schöll

Die Autoren Axel Braig und Ulrich Renz haben es am eigenen Leibe erfahren: Der eine war Arzt, der andere Verlagsmanager, bevor sie mit diesem Buch persönlich Abschied nahmen von dem, was sie "Arbeitswahn" nennen. Das Buch soll ihren Ausstieg dokumentieren und ein mutmachender Ratgeber für andere sein. Ihr Credo lautet: Wer aus der Arbeit aussteigt oder das Arbeitspensums reduziert, kann nur gewinnen: für die Familie, für die Gesundheit und vor allem für sich selbst.

Das Buch heißt wohlweislich "Die Kunst, weniger zu arbeiten". Denn beim Ausstieg aus der Arbeit handelt es sich, wie die Autoren wissen, nicht um eine verbreitete Praxis, noch um ein Programm. Vielmehr bedarf es dazu einer Kombination aus verschiedenen Ingredienzien wie einer persönlichen Biographie, die Leidensdruck schafft, Ideen, die ihn in produktive Bahnen leiten, und es bedarf einer gesellschaftlichen Lage, die einen solchen Ausstieg zumindest nicht verhindert. Das Buch befasst sich mit all dem, bleiben wir aber zunächst bei der gesellschaftlichen Lage.

Die Autoren rechnen vor, dass man in der Bundesrepublik realistischerweise eigentlich nicht von dreieinhalb, sondern von sieben Millionen Arbeitslosen ausgehen müsste. Dann nämlich, wenn man nicht nur die offiziellen, sondern auch die versteckten Arbeitslosen mitrechnet - etwa Frührentner, Mütter, die sich zuhause um die Kinder kümmern, oder Arbeitslose, die vorübergehend in staatlich finanzierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Umschulungen einen Platz gefunden haben. Und die Autoren weisen auf weitere subventionierte Arbeitsplätze hin: etwa, wenn sich der Tagebau oder Autokonzerne ihre Standorte vergolden lassen. "Eine weniger arbeitswahnsinnige Gesellschaft", so spekulieren sie, "hätte sich vielleicht eine intelligentere und lustvollere Art ausgedacht, ihr Geld zu verprassen."

Wie aber ist unsere Gesellschaft so arbeitswütig geworden? Im Neuen Testament wird noch vor dem Mammon gewarnt wird: "Sehet die Vögel an: Sie sähen nicht, sie ernten nicht ... und euer himmlischer Vater ernährt sie doch". Erst im Protestantismus und besonders im Zuge der Aufklärung schob sich die Arbeit in den Vordergrund. Privatiers und Honoratioren verschwinden. Arbeitsscheue werden nur noch als Romanfiguren geachtet. Der Schwiegersohn von Karl Marx, Paul Laffargue, klagt ketzerischerweise das Recht auf Faulheit ein und bleibt damit natürlich ein Außenseiter.

Nationalsozialismus und Realsozialismus stilisieren die Arbeit gleichermaßen, und schließlich auch die Frauenbewegung: Die Autoren zitieren eine ihrer "Urmütter", Germaine Blair, die sich darüber ärgert, dass die Frau des britischen Premiers ein Kind bekommt: Jetzt falle die Arbeitskraft einer hervorragenden Arbeitsrechtlerin aus.

Ein an Fundstücken reiche Kapitel zeigt pointiert, wie die Arbeit immer mehr dominierte und die oft sympathischen, weniger arbeitswütigen Figuren an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Es ist ohne Zweifel besonders gut gelungen. Was aber, wenn einer das Credo der Autoren ernst nehmen und wirklich weniger arbeiten will? Ein Kapitel im Ratgeberstil, künstlich aufgeplustert, weiß dazu letztlich doch nicht viel zu sagen. Es reiche auch ein weniger PS-starkes Auto. Die Fixkosten seien oft nicht so groß wie befürchtet. 1500 Mark mehr wögen kein Magengeschwür auf usw. "Lassen Sie sich nicht in die Defensive drängen", rät das Buch denen, die sich vergeblich um ein Sabbat jähr bemühen. "Und wenn es trotzdem nichts wird", raten sie, "treffen sie sich doch einmal in der Woche mit Ihrer Frau zum Mittagessen".

Sieht man von der Banalität solcher - zumal vielleicht etwas männerzentrierten - Ratschläge ab - denn auch banale Ratschläge können ja richtig und hilfreich sein: Dann gibt es immer noch mindestens zwei große Hinderungsgrunde, die im Buch kaum gestreift werden.

Zum einen ist da der "systemische" Aspekt - die Tatsache, dass die Gesellschaft ein komplexes Ganzes mit vielerlei zusammenwirkenden Faktoren ist. Die Autoren tun über weite Strecken so, als würde sich durch den Umstieg aus der Arbeit in die Freizeit an der Wirtschaft und ihrer Entwicklung nichts Wesentliches ändern. Doch was wäre, wenn die Großunternehmen tatsächlich in Billiglohnländer abwanderten? Woher kämen Innovationsschübe ohne zusätzliche Umschulungs- und Ausbildungsmaßnahmen? Wie könnte die auf Wettbewerb ausgerichtete kapitalistische Ökonomie einen solche "Orientalisierung" der Gesellschaft verkraften? Darüber liest man nichts, geschweige denn, dass das Buch eine Antwort wusste. Darauf könnten die Autoren allerdings einwenden, dieses Argument ziehe so wenig wie das wohlfeile "Wenn das jeder täte". Es tut eben nicht jeder, und wenn sich heute Einzelne aus dem ökonomischen Kreislauf ausklinken, kommt das der Wirtschaft eher zugute, eine These, die die Gewerkschaften bekanntlich seit Jahren vertreten.

Fragwürdiger ist, ja ein grundsätzlicher Denkfehler scheint zu sein, dass die Autoren ganz selbstverständlich von einem Gegensatz zwischen Arbeit und Leben ausgehen. Im Alltag heißt es zwar: Man arbeitet, und das Leben geht an einem vorbei. Doch die Meisten von uns, sobald sie sich kritisch fragen, was bliebe, wenn die Arbeit wegfiele, was denn ihr Leben wesentlich ausfüllt, werden feststellen, dass die Arbeit ein ganz wesentlicher Teil davon ist. Die Autoren zitieren in diesem Zusammenhang den denkwürdigen Satz von Hannah Arendt, die 1958 schrieb: "Es ist ja eine Arbeitsgesellschaft, die von den Fesseln der Arbeit befreit werden soll, und diese Gesellschaft kennt kaum noch vom Hörensagen die höheren und sinnvolleren Tätigkeiten, um deretwillen die Befreiung sich lohnen würde." Die Gesellschaft sei zu einer der "Jobholders" verkommen, jeder einzelne lebe von der unmittelbaren Befriedigung im Job - für Hannah Arendt eine erschütternde Einsicht, weil sie wusste, dass sich dieser epochale Zustand nicht so leicht würde zurückdrehen oder umwandeln lässt in einen Menschenwürdigen. "Was uns bevorsteht", wird sie von den Autoren zitiert, "ist eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist." Ersatz dafür war für sie nicht in Sicht.

Die Autoren unterschätzen dieses Problem. Urlaub und Hobbys sind eine Zeitlang schön, aber keiner kann so leicht aus dieser Arbeits-Hülle heraus. Wo die Droge Arbeit fehlt, sorgt schnell ein Äquivalent für ähnliche Zielgerichtetheit. Und nicht jeder fällt dann so weich wie die Autoren selbst, die sich ins Bucherschreiben geworfen haben. Wer also dieses Buch liest, wird sich über den lesbaren Stil freuen, wird auf manchen klugen Gedanken stoßen, wird Sehnsüchte nach einer ganz anderen, von Arbeit freien Welt aufkommen lassen, wird die Argumente des Buches wälzen, wird vielleicht kühne Pläne schmieden. Es wird ihm dann vielleicht aufgehen, dass heute diejenigen Arbeitslosen, die mit ihrer Arbeitslosigkeit psychisch zurecht kommen, durchaus zu den Helden unserer Zeit gehören.

Er wird sich - vielleicht auf einer längeren Zugfahrt - gut unterhalten fühlen, und wie bei allen schönen Märchen wird ihm zuletzt ein wenig grausen. Und so wird er zuletzt zufrieden und dankbar sein, dass die Welt ist wie sie ist und er seine manchmal eintönige Arbeit auch weiterhin verrichten darf. Aber dafür hat sich das Buch dann doch gelohnt, oder?

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