• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 02:07 Uhr Konzertmomente
StartseiteForschung aktuellDie Last der Evakuierung12.07.2011

Die Last der Evakuierung

Aus der Sendereihe "Fukushima und die Folgen"

Gesundheit.- Nach dem Reaktorunglück von Fukushima mussten innerhalb von 24 Stunden 200.000 Menschen die 20-Kilometer-Zone um das Kernkraftwerk verlassen. Viele können vielleicht niemals mehr in ihr altes Zuhause zurück - eine oftmals extreme psychische Belastung.

Von Dagmar Röhrlich

Erfahrungsgemäß haben die Betroffenen einer Langzeit-Evakuierung  ein erhöhtes Risiko, psychisch zu erkranken.   (picture alliance / dpa)
Erfahrungsgemäß haben die Betroffenen einer Langzeit-Evakuierung ein erhöhtes Risiko, psychisch zu erkranken. (picture alliance / dpa)

"Wir haben in Fukushima gelernt, dass es sehr wichtig ist, von Anfang an vor Ort zu sein, auch um von unnötigen Maßnahmen abzuraten, die die ohnehin dramatische Situation der Menschen vollkommen sinnlos noch weiter verschlechtert hätten",

urteilt Maria Neira von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Eine solche unnötige Maßnahme wären beispielsweise weitreichende Ausfuhrverbote gewesen, erläutert die Direktorin für Public Health. An der schnellen Evakuierung hätte allerdings kein Weg vorbei geführt: Innerhalb von 24 Stunden mussten 200.000 Menschen die 20-Kilometer-Zone um die Havaristen verlassen.

"Diese Evakuierungszone war die beste Maßnahme, um eine Belastung der Menschen in der Umgebung der Nuklearanlage zu verhindern. Ich bin beeindruckt von der Belastbarkeit und Disziplin der Japaner in dieser Notsituation. Aber alle diese Menschen haben Schreckliches erlebt, und viele von ihnen können niemals mehr nach Hause zurück. Daraus erwachsen psychische Probleme, die wir nicht unterschätzen dürfen. Erfahrungsgemäß haben die Betroffenen ein erhöhtes Risiko, an Depression oder Alkoholismus zu erkranken oder Selbstmord zu begehen. Um die psychologischen Lage der Evakuierten müssen wir uns vom ersten Tag an kümmern."

Diese Lehre stammt aus Tschernobyl. Während dort jedoch das Problem lange ignoriert worden ist, scheinen japanische Experten dafür sensibilisiert zu sein. Vielleicht gelinge es also diesmal, diese Effekte wissenschaftlich zu untersuchen, hofft Wolfgang Weiss. Er ist Vorsitzender der UN-Strahlenschutzorganisation UNSCEAR und Fachbereichsleiter im Bundesamt für Strahlenschutz:

"Wir wissen aus Tschernobyl, das es hier viele Effekte gibt, die aus Erkenntnis der Wissenschaft nicht der ionisierenden Strahlung unmittelbar zugeschrieben werden können, die aber offenbar aufgetreten sind - das ist überhaupt keine Frage."

Vielleicht durch die ununterbrochene Abfolge von Stressauslösern. Die Evakuierten in Japan müssen mit den Erinnerungen an das Erdbeben und den Tsunami fertig werden, damit, Freunde und Verwandte in den Fluten verloren zu haben, mit den Zerstörungen, dem Verlust ihrer Heimat, der Arbeitsplätze, der sozialen Sicherheit. Da es bislang jedoch keine systematische Untersuchung solcher Effekte gibt, steht die Psychologie auf diesem Forschungsgebiet am Anfang:

"In der nächsten Zeit werden wir uns vor allem um die psychologischen Konsequenzen für die Evakuierten kümmern. Bei allen anderen gesundheitlichen Folgen einer Havarie erwarten wir für diese Gruppe der Evakuierten keine größeren Probleme."

So hatte ein erstes Screening der Schilddrüsen von 1000 evakuierten Kindern ergeben, dass ihre Belastung mit Jod 131 unterhalb der Grenzwerte lag: Sie waren schnell genug aus der Gefahrenzone herausgeholt und mit unbelasteten Lebensmittel ernährt worden. Ihr Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, ist nicht erhöht. Um später potenzielle Folgen der Strahlung bei allen betroffenen Gruppen zu erkennen, beginnen nun epidemiologische Studien:

"Es ist sicher, dass in den nächsten Jahren Behauptungen aufgestellt werden, dass Krebsrisiken erhöht sind. Und wir wollen das sozusagen dem Stand der Wissenschaft gegenüberstellen, um auskunftsfähig zu sein."

Denn es gibt Risikogruppen. Die wichtigste besteht aus den Einsatzkräften in Fukushima. Sie waren während der ersten drei Monate nur schlecht überwacht worden. So gab es nicht für jeden Dosimeter: In einer Gruppe erhielt nur einer ein Gerät, die Dosis der anderen wurde dann abgeleitet. Diese Dosimeter erfassen zudem nur die Strahlung, die von außen wirkt. Was eingeatmet oder in den Körper aufgenommen wird, messen sie nicht. Gleichzeitig waren die Geräte, mit denen die tatsächlich im Körper der Arbeiter wirksame Dosis bestimmt werden konnte, defekt. Bei einigen besonders betroffenen Mitarbeitern konnte erst durch Untersuchungen im Nationalen Institut der radiologischen Wissenschaften in Chiba ausgeschlossen werden, dass sie an der gefährlichen akuten Strahlenkrankheit litten. Die Regierung musste den Fukushima-Betreiber Tepco anweisen, die Bedingungen zu verbessern.

Zum Themenportal "Katastrophen in Japan"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk