• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:00 Uhr Nachrichten
StartseiteBüchermarktDie letzte Tat eines Heiligen26.05.2010

Die letzte Tat eines Heiligen

Walter Heinrich: "Die Stunde des Pelikans". Diogenes Verlag

Nachdem einem Häftling die Flucht gelungen ist, werden zehn andere zum Tode verurteilt. Da bittet ein Mann den Lagerkommandanten, ihn gegen einen der Todgeweihten auszutauschen. Es ist der Priester Maximilian Kolbe - dessen Schicksal Walter Heinrich schon vor über zwanzig Jahren beschäftigte.

Von Marta Kijowska

Der polnische Priester Maximilian Kolbe wurde in Auschwitz umgebracht. (AP)
Der polnische Priester Maximilian Kolbe wurde in Auschwitz umgebracht. (AP)

Man braucht nicht lange, um es zu merken: Walter Heinrich ist ein Mann der leisen Töne. Irgendwie, denkt man, passt er zu seinem Buch, zu dieser Geschichte eines unscheinbaren, stillen Mannes, der sich als moralischer Riese entpuppte. Als man ihn allerdings fragt, was der Auslöser dafür war, den Roman über Maximilian Kolbe zu schreiben, bekommt man eine überraschende Antwort: Er spricht nicht etwa von Kolbes Religiosität oder seiner berühmten letzten Tat. Nein, er erzählt von einer Kirchenbroschüre, die er vor Jahren gefunden und in der eine Äußerung Kolbes über den Film gestanden habe:

"Er sagte, dass dieses Medium Film ein wunderbares Medium wäre, es muss aber in die Hände verantwortlicher Menschen geraten. So kann es entweder zum Segen oder zum Fluch der Menschen werden. Dieser Satz hat mich innerlich aufgerüttelt und mir gesagt, man muss also doch verantwortlich etwas machen und in die Hände nehmen. Und dann nahm ich mir vor, weil ich sowieso einen neuen Stoff suchte, ich mache einen Film über Maximilian Kolbe."

Aus seinen Filmplänen wurde zwar nichts, da das Drehbuch aber schon fertig war, beschloss er, es in einen Roman umzuwandeln. Allerdings in einen, der nur bestimmte Episoden aus Kolbes Leben erzählen würde. Denn den Autor Heinrich interessierte weniger die Biografie dieses Mannes als vielmehr die Frage: Wie muss die Psyche eines Menschen beschaffen sein, der imstande ist, sich für einen anderen Menschen zu opfern und dazu ein qualvolles Sterben auf sich zu nehmen. Er hoffte, nicht nur eine Antwort auf diese Frage zu finden, sondern auch Kolbes geistige und moralische Haltung auf ihre Aktualität hin zu prüfen, zumal er meinte, die Kirche würde die von ihr heiliggesprochenen Menschen oft als ihr Eigentum betrachten:

"Die Kirche darf stolz auf solche Heiligen sein, aber sie sollte mehr stolz auf diese Heiligen sein, weil sie es zu einer allgemein gültigen hohen Menschlichkeit gebracht haben, und nicht weil sie so gute Katholiken waren oder so perfekte, fromme Menschen."

Um diese Gültigkeit zu zeigen, setzte Heinrich sein ganzes literarisches Können ein, und man muss sagen: mit Erfolg – zumindest in dem Sinne, dass sein Text, in dem sich deskriptive Passagen mit Dialogen, inneren Monologen und Reflexionen abwechseln, durchaus eine erzählerische Einheit bildet. Trotzdem fragt man sich, ob die Form einer klassischen Biografie nicht richtiger gewesen wäre. Denn erstens, die gattungsbedingte Sachlichkeit hätte dem Bild von Maximilian Kolbe, der ohnehin zu Pathos und Überschwang neigte, möglicherweise einen guten Dienst erwiesen. Und zweitens, durch das Auslassen ganzer biografischer Kapitel trägt der Roman nicht wirklich zu dem erhofften Verständnis bei, zumal er als treibende Kraft in Kolbes Leben seinen geradezu fanatischen Marienkult darstellt. Man versteht ihn eben deswegen nicht, weil man über die Kindheit und Jugend des Priesters, über sein damaliges soziales und geistiges Umfeld so gut wie nichts erfährt. Dafür aber, dass er im römischen Kolleg San Teodore studierte und gleich zweimal promovierte. Und das will zu der Situation, die als sein Schlüsselerlebnis gelten soll, nicht so recht passen: Es geht um eine Straßendemonstration, bei der junge Leute gegen die Kirche, vor allem gegen die Muttergottes hetzen und dabei auf Kolbes heftigen Protest stoßen:

Wer die Madonna verhöhnt, verhöhnt das Beste, das er hat – in sich selber hat und in allen, mit denen er lebt. Ihr dürft das nicht tun! Versprecht mir, jeder von euch, die Madonna nie wieder zu beleidigen!

Drei Monate später ruft Kolbe die sogenannte Militia Immaculatae ins Leben, eine Gruppierung, die mit ihrer ganzen Kraft der Muttergottes – der Unbefleckten – dienen soll. Seine Begeisterung ist so groß, dass selbst seine Vorgesetzten sich von ihm distanzieren und seine Pläne misstrauisch beäugen. Doch er lässt sich nicht beirren. Trotz der Widerstände gründet er auch bald eine Zeitschrift, die den Namen Der Ritter der Unbefleckten trägt, und baut schließlich ein Kloster auf, das innerhalb von zwölf Jahren zum größten Europas wird. Die Mönche leben dort in den ärmlichsten Verhältnissen, trotzdem kommen ständig neue hinzu. Warum – darüber kann man heute nur noch spekulieren. Für Kolbes eigenen Marienkult gibt es aber nach Walter Heinrichs Ansicht zwei Erklärungen:

"Das eine ist, dass er seine Mutter sehr verehrte. Und diese Mutter stand ihm wesentlich näher als der Vater, der übrigens auch frühzeitig gestorben ist. Eine andere Erklärung ist, dass männliche Heilige oftmals einen starken Hang haben, das göttliche Prinzip über weibliche Wege sozusagen zu verehren. Es ist gewissermaßen geschlechtsbedingt, dass der Mann sich dem Weiblichen mehr zuneigen kann, weil er schon eine natürliche Affinität dazu hat."

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nimmt dieses Leben im Dienste der Unbefleckten ein rasches Ende. Niepokalanów wird geschlossen und Kolbe nach Auschwitz deportiert.

Schließlich kommt der Sommer 1941 und mit ihm jene dramatische Szene, die Pater Kolbe berühmt machen wird: Zehn Männer sollen für die Flucht eines Mithäftlings im Hungerbunker sterben. Die Auswahl ist bereits abgeschlossen, Lagerkommandant Fritsch will gerade den Appellplatz verlassen. Doch da passiert etwas Unvorstellbares:

Maximilian ist unvermutet aus der Reihe getreten, stellt sich vor Fritsch auf und blockiert dessen Abgang. Etwas von unten her, da er kleiner ist, blickt er den Lagerchef an und zieht seine Streifenkappe vom fast kahlgeschorenen Kopf. "Ich möchte gern an seine Stelle", sagt er in etwas gebrochenem Deutsch, doch gut verständlich, und deutet dabei mit einer kleinen Kopfbewegung zu den Ausgewählten hin.

Maximilian Kolbe stirbt nach zehn Tagen Hungerbunker an einer Phenolspritze. Es ist der 14. August, Vorabend des Festes "Mariä Himmelfahrt". Um seine Motive zu verstehen, hatte Walter Heinrich jahrelange Recherchen auf sich genommen. Er lebte eine Zeit lang in einem Kloster in Warschau, fuhr mehrmals nach Auschwitz, sprach mit einem Priester aus Niepokalanów, machte Menschen ausfindig, die Kolbe gekannt hatten. Aus all diesen Informationen konstruierte er seinen Roman, dessen Titel – Der Pelikan beziehungsweise Die Stunde des Pelikans – auf eine griechische Sage anspielt. Dieser nach töten die Pelikane ihre Jungen, um sie nach drei Tagen mit dem eigenen Blut wieder zum Leben zu erwecken. Die christliche Symbolik sah in diesem Bild eine Parallele zum Opfertod Christi und nahm es, wenn auch ohne das Tötungsmotiv, in ihre Sprache auf. Und Walter Heinrich wiederum sah einen guten Grund, diese Symbolik in Bezug auf Pater Kolbe zu verwenden: Er erlöse zwar nicht alle Menschen, aber wenigstens einen von ihnen, und trete damit die Nachfolge Christi an.

"Gut, das ist nicht neu, aber der Sinn des Lebens, den Kolbe dem Menschen gab, war, dass er seine Grundtriebe überwindet. Die Grundtriebe, das ist der Selbsterhaltungstrieb, wie wir ihn auch im Tierreich kennen, und der Fortpflanzungstrieb. Dieser tierische Teil des Menschen soll nach Gottes Willen umgewandelt werden in spirituelle Energien, in ein geistiges Leben, in das, was die Kirche auch kennt: Der Mensch soll Bild Gottes werden."

Wer Pater Kolbe nach seiner eigenen Theorie beurteilt, der muss zugeben: Die Nachahmung Gottes ist ihm mehr als gelungen. Durch das Keuschheitsgelöbnis hat er seinen Fortpflanzungstrieb gebändigt. Und dass er auch den Selbsterhaltungstrieb überwunden hat, beweist seine letzte Tat. Inwieweit seine Haltung in unserer Zeit eine Vorbildfunktion haben kann, bleibt auch nach der Lektüre dieses Buches offen. Eines steht aber fest: Sein Tod war die logische Konsequenz seines Lebens – und allein das verdient höchste Bewunderung.

Walter Heinrich: "Die Stunde des Pelikans". Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2009. 336 S., 21.90 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk