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Montag, 18.12.2017
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Die letzte Vorstellung

Hoffmann & Campe, 304 S., EUR 19,90

Es beginnt wie in jedem klassischen Krimi mit einer Leiche: Ein früh morgendlich joggender Pfarrer findet in einem Haus seiner kleinen norddeutschen Gemeinde einen Toten. Mitten im Raum sitzt der Mann, mit Händen und Füßen an einen Stuhl gefesselt, in seiner linken Schläfe ein blutverkrustetes Einschussloch. Und aus dem CD-Spieler tönt unaufhörlich Mozarts <em>Zauberflöte</em>, immer wieder die Arie der Königin der Nacht. (Musikeinblendung der Koloratur-Passage) Die Musik ist ein Gruß des Mörders, ein Hinweis auf seine Person und ein Schlüssel für den neuen Roman von Ulrich Woelk.

Elke Biesel

Es sei sein bislang deutschester, zumindest aber sein erster gesamtdeutscher Roman, sagt Woelk. Der Tote hinter dem Deich ist ein ehemaliger RAF-Terrorist, der einst Unter schlupf fand in der DDR. Ein Vierteljahrhundert nach dem deutschen Herbst benutzt Woelk die Form des britischen Kriminalromans, um noch einmal den Terrorismus der 70er Jahre zu erkunden. Durch ein ungleiches Ermittlerpaar aus Ost und West setzt der Autor die Vergangenheit dann noch in Beziehung zum aktuellen deutsch-deutschen Kontext. Gleich zwei deutsche Schwergewichts-Themen, verbunden durch das musikalische Leitmotiv der Zauberflöt.

Für mich ist sie natürlich auf mehreren Ebenen gewissermaßen die richtige Oper für diesen Stoff gewesen. Zum einen ist sie, wie es im Text ja auch an einer Stelle heißt, ein altes deutsches Kulturgut, das doch gerne von bürgerlichen Kreisen benutzt wird, um sich der eigenen bürgerlichen Tugenden zu vergewissern und zum andere ist diese Oper eben dann tatsächlich ins Räderwerk des deutschen Herbstes oder der 68er Bewegung und das, was daraus wurde, geraten.

Zur Erinnerung: Am 2. Juli 1967 wurde Benno Ohnesorg bei Protesten gegen den persischen Schah erschossen. Während die Jugendlichen in den Straßen protestierten, saß das Herrscherpaar zusammen mit den Repräsentanten der Bundesrepublik in der Berliner Oper und lauschte einer Aufführung der Zauberflöte.

Woelks fiktiver Terrorist Hans Jacobi muss als einer jener Jugendlichen gedacht werden, die in der Folgezeit radikale Wege einschlugen. Kein Mitglied des harten RAF-Kerns, aber doch bereit, seine Überzeugungen mit Gewalt durchzusetzen. Wer kann ein Interesse haben am Tod eines Ex-Terroristen, der seine legale Strafe verbüßt und sich gänzlich zurückgezogen hat? Die Ermittler, der "Wessi" Glauberg und Paula Reinhardt, die junge BKA-Beamtin aus Ost-Berlin, beginnen in Jacobis Vergangenheit zu wühlen. Ein alter Kommunarde, der damals mit ihm die Wohnung teilte, seine Ex-Frau aus der DDR, die ihn gleichzeitig bespitzelt hat: Sie alle kommen zu Wort und langsam setzt sich das Mosaik eines Lebens zusammen. Und es stellen sich wieder die Fragen nach Verstrickung und Schuld. - Warum hat Ulrich Woelk noch einmal die Spuren der 68er und ihrer terroristischen Auswüchse aufgenommen?

Mein Ansatz war, dass man diese Fragen jetzt in der Tat nach 25 Jahren deutschem Herbst noch einmal neu stellen kann. Denn mir scheint es, dass sie auf der einen Seite historisch geworden sind - der Terrorismus so in der Form, wie wir ihn in den 70er Jahren erlebt haben, wird sich nicht wiederholen - und trotzdem ist ja das Phänomen des Terrorismus nicht verschwunden. Wir haben nach wie vor ein zunehmendes Terrorismus-Phänomen in der Welt und gerade der Terrorismus hat sich immer auf eine Art von Internationalität berufen. Insofern kann man das nicht separieren und sagen, da sind jetzt andere Kräfte am Werk. Nein, nein, da kann man schon noch mal in den 70er Jahren nachgucken, was denn da hierzulande gelaufen ist. Das andere ist, dass mich, glaube ich, so ein extremes Phänomen wie der Terrorismus immer beschäftigt hat und beschäftigen wird. (…) Da sind Leute die behaupten zu wissen wie eine bessere Welt aussieht. Und das find ich unglaublich faszinierend. Ich weiß das nicht und ich hab mich auch nie zu so einem Glauben durchringen können. (…) Dem nachzuspüren, das auch zu einem Stoff zu machen, um den sich dann eine literarische Geschichte webt, das finde ich einfach ungeheuer reizvoll.

Woelks Buch, lange vor dem 11. September 2001 begonnen, ist ein Widerspruch zu jeder Form von literarischer Romantisierung der ehemaligen RAF-Terroristen und ihrer Taten. Die Aktualität des Attentats auf New York stellte den Autor dann aber mitten im Schreibprozess vor eine neue Entscheidung. Sollte er in seiner Geschichte darauf reagieren?

Ich hab mich dann entschieden, sie nach dem 11. September anzusiedeln, sprich im Herbst 2001. Das bedeutete aber nun ganz konkret, dass der 11. September vorkommen muss. (…) Insofern habe ich einfach aus der Not eine Tugend gemacht und meine natürlich flüchtigen und auch emotionalen und unfertigen Reaktionen oder Ansichten zu diesem Thema in den Roman eingebracht.

Der 1960 geborene Woelk sieht sich selbst als "Zaungast" jener Ereignisse, die die Grundlage seines Romans bilden. Bei einem Bobenalarm während seiner Schulzeit in den frühen 70ern habe ihn nur die freie Schulstunde interessiert, erzählt er, die politischen Hintergründe klärten sich erst viel später.

Da war es dann so, dass man (…)gleich beides gesehen hat. Zum einen durchaus den humanistischen Gehalt, den es ja hatte: Gerechtigkeit in der Welt zu verlangen und faire Handelsbedingungen für die dritte Welt und so fort (…) Das andere war, dass ich sehr schnell die Ideologisierung oder die ideologische Verhärtung des Ganzen gespürt habe. Also, dass ich merkte, da sitzen mir Leute gegenüber, die wollen mir was erzählen (…) Und das hat mich gleich sehr außen vor gelassen. (…) Insofern gehört gewissermaßen die Haltung zu diesem Versuch die Welt zu verbessern zu meiner Sozialisation. Und ich schreibe letztlich ja immer über das, was meine Welterfahrung ausmacht. (…) Davon ist das eben ein sehr (…) wesentlicher Teil: politisch zu sein - auch.

Wenn Woelk die dunklen Geschäftsbeziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR zitiert oder die Rolle des BKA hinterfragt, dann tut er das jedoch nicht aus missionarischem Eifer gegenüber seinem Leser. An die direkte politische Bedeutung von Literatur glaubt er nicht. Sein Roman übernimmt vielmehr die Rolle eines Spiegels. Er ist der Versuch, die jüngste deutsche Vergangenheit ebenso wie die Schwierigkeiten des aktuellen deutsch-deutschen Zusammenlebens aus Ost- und Westsicht zu reflektieren. Manche Wendung im Roman wirkt dabei allerdings zu konstruiert. Dass ausgerechnet der Ermittler Glauberg ein Halbbruder des Ermordeten sein muss, eröffnet Woelk zwar viele Möglichkeiten, wirkt aber gleichzeitig gezwungen. Hinzu kommt, dass die Personen, die Woelk auftreten lässt, unter ihrer Typisierung leiden. Da ist der Alt-68er, der sich gut mit dem System arrangiert hat, die Krankenschwester aus der DDR, die von der Wende überrollt wurde oder der hochnäsige Spitzel aus der Berliner Spontiszene - Sie alle bleiben recht blutleer und wirken wie Transporteure bestimmter gesellschaftlicher Positionen, die zudem schon häufig so skizziert worden sind. Zum Teil hat Woelk diese Typisierung beabsichtigt und verweist auf das Bauprinzip des Kriminalromans:

Nun passiert genau das, wenn man so will, was auch bei Agatha Christie passiert. Jetzt werden die ganzen potenziellen Verdächtigen vorgeknöpft und die sind eben immer (…) beides : Sie sind Figuren, aber sie sind auch immer Archetypen für etwas. (…) Also es sind immer so gewisse Stereotypen, aber trotzdem sind es ja immer Menschen, (…) zu denen man ja auch eine menschliche Position aufbaut. Und in der ähnlichen Schwebe sehe ich meine Figuren.

Die letzte Vorstellung ist Woelks erster Krimi. Dass er sich überhaupt auf dieses formale Wagnis eingelassen hat, liegt in der finalen Pointe des Romans begründet, die an dieser Stelle aber nicht verraten werden soll. Das Geheimnis des Mörders war die zündende Idee für das gesamte Buch und Woelk, nach eigenem Bekunden eigentlich kein großer Krimileser, nahm die Herausforderung an:

Dann war bei mir die Idee da, es ist ein kriminalistischer Stoff, warum sich diesem Stoff nicht auch mit den Mitteln des Kriminalromans nähern. Dann hab ich ne Weile nachgedacht, war auch zunächst skeptisch, ob das denn wirklich meine Sache ist, einen Roman zu schreiben, der sich dann auch an so ein Konstruktionsprinzip hält. Denn man muss ja auch sehen, so ein Prinzip engt einen auch ein. Man muss es erfüllen, es muss stimmen, die Leser sind kritisch, die wollen dann am Ende auch nicht betrogen werden. (…) Alle Romane, die ich vorher geschrieben habe, insbesondere auch der Vorgänger "Liebespaare" sind sehr frei entstanden, sehr assoziativ und evolutionär und hier musste ich nun ganz anders vorgehen.

Es habe ihm aber auch Spaß gemacht, sagt Woelk. Den obligatorischen Nachfolgeroman, den jeder neue literarische Kommissar zu provozieren scheint, will er jedoch nicht schreiben.

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