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StartseiteBüchermarktDie letzten Tage in einem Luxushotel21.11.2012

Die letzten Tage in einem Luxushotel

Marjana Gaponenko: "Wer ist Martha?", Suhrkamp Verlag

In dem neuen Buch "Wer ist Martha?" erzählt die ukrainische Autorin auf Deutsch vom Leben und Sterben eines verschrobenen Ornithologen aus Galizien. Er kam im Habsburgerreich zur Welt, hat die Sowjetunion überlebt und verbringt seine letzten Tage in einem Luxushotel in Wien.

Von Eva Pfister

Wien ist der Handlungsort des Buches von Marjana Gaponenko. (dradio.de/Janine Wergin)
Wien ist der Handlungsort des Buches von Marjana Gaponenko. (dradio.de/Janine Wergin)

Wir könnten uns in ihrer Bibliothek treffen, hat Marjana Gaponenko vorgeschlagen, und so sitzen wir also zwischen hohen, vollgestopften Bücherwänden in der Mainzer Oberstadt. Es sieht nicht nach der Bibliothek einer 30-Jährigen aus, manche Bücher hat sie geerbt, sagt sie, aber das seien noch nicht alle, andere seien noch eingelagert. Gelesen hat die Schriftstellerin allerdings nicht alle ihre Bücher und sie befürchtet, dass ihr Leben dafür zu kurz sein wird.

"Ich habe sehr viel gelesen, aber jetzt, wo ich selbst schreibe, habe ich verstanden, ist es gefährlich, andere Kollegen, ob tot oder lebendig, zu lesen, weil ich sehr begeisterungsfähig bin. Ich möchte nicht, dass ich unbewusst mich beeinflussen lasse von einem Schreibstil. Seit zehn Jahren lese ich sehr wenig, lese hauptsächlich Sachbücher. Und diese feingeistige, schöne Literatur, die habe ich mir für das Alter aufgehoben."

Für ihren neuen Roman hat sich Marjana Gaponenko in die Vogelkunde vertieft, denn ihrem Helden hat sie den Beruf eines Ornithologen verpasst. "Wer ist Martha?" heißt das Buch, und die Frage bewahrt bis zum Ende ihr Geheimnis, auch wenn schon auf den ersten Seiten eine Martha vorgestellt wird. Es war das letzte Exemplar der ausgestorbenen Gattung der Wandertaube und verschied am 1. September 1914 in einem amerikanischen Zoo, am selben Tag, als Luka Lewadski in Ostgalizien das Licht der Welt erblickte. Für den Sohn eines gräflichen Försters und einer Ornithologin war dieses Zusammentreffen symbolisch; bald studierte auch er die Vögel, die sein Vater so gut gezeichnet hatte, bevor er sich aus Kummer über seine Arbeitslosigkeit das Leben nahm. Allerdings sei sein Vater kein trauriger oder gar zu verurteilender Mensch gewesen, so schärfte es die Mutter dem kleinen Luka ein.

"Als er anfing, die gemalten Vögel seines Vaters in freier Natur zu erkennen, hätte er jedem ins Gesicht gespuckt, der schlecht über den Toten gesprochen hätte. Die Vogelzeichnungen betrachtete Lewadski im Bewusstsein, dass sich hinter jedem Vogelauge das Gesicht seines Vaters versteckte, das Gesicht eines lebenslustigen Mannes, der er ohne Zweifel gewesen war. 'Wer Vögel beobachtet, kennt die Daseinsfreude', schwor Lewadskis Mutter, ihr leicht vergilbtes Taschentüchlein in der welkenden Hand zerknüllend. 'Mein Vater war glücklich, er kannte die Daseinsfreude!', rief der kleine Lewadski den Kindern im Dorf zu, wenn er glaubte, von einem mitleidigen Blick getroffen worden zu sein."

Daseinsfreude ist ein zentraler Begriff in Marjana Gaponenkos Roman. Obwohl Luka Lewadski alle Verwerfungen des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erfährt, stirbt er als glücklicher Mensch. Als die Nationalsozialisten begannen, den Osten Europas zu erobern, floh Lewadski mit seiner Mutter nach Tschetschenien, von dort wurden sie nach Zentralasien deportiert und fanden Jahre später den Weg zurück in ihre Heimat, die nun zur Ukraine gehörte. Mit 96 Jahren ereilt Lewadski die Diagnose eines unheilbaren Tumors. Statt sich der Chemotherapie zu unterziehen, beschließt der Greis, seine letzten Tage im Hotel Imperial in Wien zu verbringen. Dieses Luxushotel hatte er als Kind kennengelernt, dort fütterten ihn seine Großtanten mit Schokoladentorte, bevor man zum Konzert in den nahen Musikverein aufbrach. Für den alten, todkranken Lewadski wird das Imperial zum Sehnsuchtsort. Wie Joseph Roths Hotel Savoy steht es für das alte Europa, das der Kriegsveteran Gabriel Dan ebenso nostalgisch verklärt wie der ukrainische Wissenschaftler. Und vielleicht auch die junge ukrainische Autorin Marjana Gaponenko.

"Ich bin ein Mensch des Abendlandes. Ich bin ein Mensch, der zu Europa gehört, zu unserem geistigen Erbe, ich sehe zu, wie Europa sich vielleicht auflöst, sich vermischt mit anderen Kulturtraditionen, ich schau einfach zu und ich weiß, dass wir eine tolle Zeit hatten, die Epoche des Barocks war die größte Zeit für uns, es war ein Aufschwung des Geistes, den wir nicht mehr erleben werden, da war alles möglich, die Welt stand offen, man konnte noch alles entdecken. Nicht dass ich dieser Zeit nachtrauere, aber ich weiß, das hatten wir und das hat uns bereichert, das hat uns zu dem gemacht, was wir sind, und ich weiß, die Ukraine gehört im Geiste zu Europa, wir sind alle ein Teil des Abendlandes und können ruhig stolz sein."

An einem Novembertag trifft Luka Lewadski in Wien ein, wo er seine Ersparnisse in wenigen Wochen zu verschwenden gedenkt. Wie er mit dem afrikanischen Taxifahrer über die Schönheit der deutschen Sprache räsoniert, wie er durch seine luxuriöse Suite stolpert und im vornehmen Restaurant über dem Essen einnickt, schildert Marjana Gaponenko so komisch, dass man die Tragik seiner Situation zuweilen vergisst, genau so wie der Greis selbst, vor allem, als er auch noch einem Altersgenossen begegnet. Die Beiden besuchen ein Konzert im Musikverein, das sie mit ihrem Zischeln und Schnarchen penetrant stören, und landen anschließend in der Hotelbar, wo sie bei wechselnden Cocktails philosophieren und sich in zunehmend abstruse Gespräche verwickeln. In diesem Kapitel überschlägt sich die Autorin in Skurrilitäten; berührender ist es zu lesen, wie Lewadski sich mit seinem palästinensischen Butler anfreundet, und in dem Badezimmer, das größer ist als seine ganze frühere Wohnung, seinen Erinnerungen nachhängt.

"Wie lang ist es her!, denkt Lewadski, das Badewasser wird langsam kalt, und der Schaum ist verschwunden. Nichts verbirgt meine Blöße. In der Tat wehen seine Beine wie zwei weiße Bänder kapitulierend auf dem Badewannengrund. Wie lang ist es her. Mein schöner Plattenspieler, meine noch zu sammelnde Bibliothek. Und die Nachbarin, wenn sie wirklich im Krimkrieg geboren wurde, dann war sie im Jahr, als ich die Wohnung bezogen habe, sage und schreibe hundert Jahre alt. Lewadski scheucht mit dem Arm einige verbliebene Schaumfetzen ans andere Ufer. Verweint kam sie einmal die Treppe hoch. 'Der große Führer ist gestorben!', schluchzte sie im Treppenhaus. Hätte ich damals gewusst, dass er es war, denkt Lewadski, warmes Wasser nachlaufen lassend, so hätte ich mich über die Nachricht gefreut. Dass er es war, der uns beide und ganz Tschetschenien in Viehwaggons hatte packen lassen, dass er es war, für den ich mir am Rande der Welt wie ein Maulesel den Buckel krumm machte, so hätte ich die Hexe im Türrahmen umarmt und zusammen mit ihr Tränen der Freude vergossen. 'Möchten Sie Ihr Gebiss haben?', flüsterte Habib durch den Türspalt."

Marjana Gaponenko schreibt brillant und witzig, aber sie begleitet ihren Helden auch sehr einfühlsam auf seinem letzten Lebensweg und unterschlägt nicht seine Trauer. Manchmal fragt man sich beim Lesen, warum eine 30-jährige Autorin sich so intensiv dem Thema Alter und Tod stellt – dabei ist es nicht erstaunlich angesichts ihrer Faszination für den Barock mit seinem Memento mori.

"Wie man dem Alter entgegenwachsen kann, das ist die Frage, mit der ich mich beschäftige. Es ist in meinen Augen völlig verkehrt, dieses Phänomen zu ignorieren, dass wir irgendwann alle sterben werden. Man muss daran denken, nicht ernst, aber mit ein bisschen Humor, mit – ja, mit Lebensfreude. Und das ist auch die Frage, die Lewadski stellt. War das alles? Und er war ein bisschen abgestumpft. Und diese Kulisse, die luxuriöse Kulisse eines Grandhotels war notwendig, damit er versteht, wie nichtig das alles ist, wie stumpf dieser Glanz in Wirklichkeit ist verglichen mit dem Wunder der Schöpfung."

Dieser originelle Roman einer Ukrainerin, die auf Deutsch schreibt, ist schwerlich der Migrantenliteratur zuzuordnen. Die Kosmopolitin, die einmal im Jahr ihre Familie in Odessa besucht und sich ansonsten in Krakau genau so zuhause fühlte wie in Dublin und nun in Mainz, scheint sich eher in der Tradition des Habsburgerreiches zu sehen, das sie – wie das heutige Europa - als eine positive Utopie versteht. Aber wie kam Marjana Gaponenko dazu, sich der deutschen Sprache zu verschreiben?

"Von einem Tag auf den anderen habe ich mich sehr angeödet gefühlt von meinem dürftigen Lebensinhalt. Da war ich ungefähr 16 Jahre alt. Und ich habe mir gedacht: Geht mein Leben so vorbei? Bleibt es für immer so, dass ich auf einer Parkbank mit meinen Freunden sitze und wir trinken so einen komischen Schaumwein? - Und ich habe mir gedacht, ich mache jetzt etwas Besonderes und ich lerne eine Fremdsprache. Deutsch war besonders spannend, weil es die Sprache des ehemaligen Staatsfeindes war oder ist, und ich habe mir gedacht, ich mache das, was meine Großmutter gar nicht gemacht hätte. Und ich habe Gedichte geschrieben, aber das war ein Teil der Übung. Und so hat sich aus diesem pragmatischen Interesse eine Art Leidenschaft entwickelt."

Marjana Gaponenko: "Wer ist Martha?", Roman, Suhrkamp Verlag 2012, 237 Seiten, 19,95 Euro

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