Freitag, 15.12.2017
StartseiteBüchermarktDas erschütterte Deutschland15.10.2014

"Die letzten warmen Tage"Das erschütterte Deutschland

Ricarda Junge führt mit "Die letzten warmen Tage" von der satten Bundesrepublik der 1980er-Jahre in eine prekäre Existenz der Jetztzeit. Der Gesellschaftsroman macht individuelle Erschütterungen auf elegante Art als soziale Umwälzungen kenntlich.

Von Christoph Schröder

Blick auf Transparente, die von DDR-Bürgern auf Demonstrationen zur Wendezeit mitgeführt wurden, aufgenommen im Deutschen Historischen Museum in Berlin (picture-alliance / ZB)
In Ricarda Junges Roman wird deutlich, dass nicht nur der Staat im Osten kollabiert ist, sondern auch Westdeutschland einem grundlegenden, wenn auch weniger offensichtlichen Wandel unterworfen war. (picture-alliance / ZB)
Weiterführende Information

Audio: 
(Deutschlandfunk, Information und Musik, 12.10.2014)

Wiesbaden-Sonnenberg ist ein reicher Stadtteil in einer reichen Stadt. Die Straßen schlängeln sich am Hang entlang, Einfamilienhäuser der gehobenen Art und Villen stehen hinter Sichtschutzhecken und Mauern, über alldem thront die Burg, die dem Stadtteil ihren Namen gibt. Eine altbundesrepublikanische Komfortzone, tiefes Westdeutschland, dem finanzielle Notstände und Zukunftssorgen fremd sind. In Ricarda Junges neuem Roman "Die letzten warmen Tage", ihrem bislang vierten, werden die Milieus nicht nur hart gegeneinander geschnitten, Ricarda Junge, geboren 1979, gelingt etwas weit Erstaunlicheres: Sie entwirft aus Westperspektive ein Panorama deutscher Geschichte zwischen DDR und BRD, von den 50er-Jahren bis in die Gegenwart. Ihr gelingen klar umrissene, klischeefreie Charaktere - und sie zeigt in diesen individuellen Lebensläufen doch einen gesellschaftlichen Wandel und dessen kausale Zusammenhänge auf.

Anna heißt die Protagonistin, die als Tochter eines evangelischen Pfarrers und einer Ärztin in den 1990er-Jahren in Wiesbaden-Sonnenberg aufwächst. Hinter der saturierten Familienfassade allerdings lauern die Brüche. Die Mutter zum Beispiel ist im Alter von elf Jahren gemeinsam mit ihren Eltern aus der DDR geflohen, seitdem führt sie ihr Leben nur noch in Provisorien. Von einem Gefühl des Zuhauseseins, von Heimat gar, kann keine Rede sein:

"Diese Geschichte hat mich sehr fasziniert. Im Ursprung ist das die Geschichte meiner eigenen Mutter. Und die war der Ausgangspunkt dafür, dass ich Akteneinsicht beantragt und mit anderen Flüchtlingen gesprochen habe und da auf einmal bestimmte Muster entdeckt habe, nämlich dass sie als Flüchtlinge gar nicht wahrgenommen worden sind und sich auch gar nicht als Flüchtlinge begriffen haben."

Deutschland im Wandel

Ein Akt des Verschweigens also, der Leugnung, bei Weitem nicht der einzige in diesem bemerkenswerten Buch, für dessen Manuskriptfassung Ricarda Junge bereits im vergangenen Jahr mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet wurde. "Die letzten warmen Tage" zeichnet Annas Weg über gut zwei Jahrzehnte bis in eine prekäre Existenz im Berlin der Jetztzeit nach und protokolliert die Brüche, die Erschütterungen. In den Jahren nach dem Fall der Mauer verändert sich etwas in Deutschland; die ewige soziale Sicherheit, die große Illusion der Ära Helmut Kohl, überträgt sich nicht auf die Kinder des frisch wiedervereinigten Landes. In Ricarda Junges Roman wird deutlich, dass nicht nur der Staat im Osten kollabiert ist, sondern auch Westdeutschland einem grundlegenden, wenn auch weniger offensichtlichen Wandel unterworfen war:

"Es gab also gefühlt große Veränderungen, während die Elterngeneration darauf überhaupt nicht reagiert hat und auch die Lehrergeneration darauf nicht reagiert hat, sodass im Grunde genommen die ganzen Ratschläge: Mach eine gute Ausbildung, studiere, finde einen guten Job, der Gedanke, dass man einen Job annimmt und dort ein Leben lang bleibt - das stimmte ja schon alles nicht mehr, und darauf hat eine bestimmte Gruppe von Leuten, von denen man eigentlich denken würde, dass sie durch ihre wohlhabenden Familien abgesichert sind, mit einem Ruck nach rechts reagiert. Das war natürlich in dieser Zeit und in diesem Milieu die größtmögliche Provokation."

Als Teenagerin schließt Anna sich einer Gruppe junger Menschen an, die sich "Gentlemen's Club" nennt, einer Ansammlung reicher Bürgerkinder, die sich selbst in heroischer Pose inszenieren, die davon sprechen, dass sie sich verraten fühlen und verkauft, die von Ehre, Stolz und Kampf schwadronieren und auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Der Wiesbadener Extremismus in Ricarda Junges Roman ist ein Upperclass-Rechtsradikalismus, dessen Protagonisten in Poolvillen am Hang wohnen, teure Kleidung tragen und sich von den hirnlosen Schlägerglatzen, die im Osten Asylbewerberheime anzünden, spöttisch distanzieren. Gefährlich sind sie dennoch. Oder gerade deswegen.

Protest gegen die Kommunikationsverweigerung

Anna gehört zu diesem Netzwerk und doch auch wieder nicht, denn eines unterscheidet sie elementar von ihrem bornierten Umfeld: sie schreibt Literatur. Damit steht sie in einer Reihe mit ihrem Großvater und ihrem Vater, doch während beide gescheitert sind und die Gelegenheit, Schriftsteller zu werden, entweder verpasst oder niemals bekommen haben, wird für Anna das Erzählen zu einem lebenswichtigen Element und zu einem Protest gegen die Kommunikationsverweigerung innerhalb ihrer eigenen Familie:

"Das läuft erst einmal nicht gut für sie mit dem Schreiben, und man kann ahnen, dass die Texte auch grässlich sind, die sie abliefert, aber sie stellt sich der Kritik, sie geht nach draußen und versucht, Rückmeldungen zu bekommen. Das Schreiben ist für Anna eine Art, es auszusprechen, aber nicht zu konfrontieren. Sie konfrontiert niemanden damit in ihrer Familie. Sie kann etwas aussprechen, indem sie es aufschreibt und es in dem Aufschreiben erst einmal für sich behält."

Der erzählerische Rahmen von "Die letzten warmen Tage" ist eine schwebende, geradezu somnambule Liebesgeschichte, die sich ganz am Ende des Romans abrupt und überraschend in einen ungleichen Kampf verwandelt. Auf einem nächtlichen Gang durch Berlin begegnet die notorisch schlaflose Anna, die mittlerweile einen Roman veröffentlicht hat, sich aber als scheinselbstständige Werbetexterin für ein Online-Kaufhaus durchschlägt, dem undurchschaubaren Constantin.

Neoliberale Nullnummer

Der will nur "Consti" genannt werden, ist mehr als 20 Jahre älter als sie selbst und ein Geschäftsmann von modernem Zuschnitt: Auch er, ein Grundmotiv des Romans, nirgendwo zuhause, aber überall präsent, permanent online und ständig unterwegs. Einer, der kauft und verkauft, einer, der sich vor lauter Flexibilität selbst verloren hat. In ihren wenigen gemeinsamen Nächten, in wechselnden Wohnungen und Hotelzimmern, erzählt Anna Consti ihr Leben und das ihrer Familie. Es ist ein Akt des Vertrauens, der grausam missbraucht werden wird. Denn Consti, der zunächst ein wenig harmlos und unbeholfen wirkende Sunnyboy, erweist sich, als es darauf ankommt, als eine neoliberale Luftnummer, als ein Mann, der seine Machtoptionen rücksichtslos ausspielt:

"Sein Leben ist von außen betrachtet ja sehr erfolgreich. Aber nur, wenn es sich an wirtschaftlichen Markern messen lässt. Er sagt ja auch selbst: Beruflich läuft bei mir alles rund. Was da nicht steht, ist: Privat ist bei mir alles eine Katastrophe. Aber er wird auch nur am Beruflichen gemessen."

"Die letzten warmen Tage" ist ein beeindruckendes Buch, das die mentalen Entwicklungslinien eines Landes auf literarische Weise nachvollzieht. Ein sprachlich sicherer und elegant komponierter Roman, der deutlich macht, dass das Private und das Politische gerade dann miteinander verschränkt sind, wenn man eben diese Erkenntnis demonstrativ von sich weisen will. Wer erfahren will, warum die Nachkriegszeit, die deutsch-deutsche Teilung, die saturierte Bundesrepublik und die neue Berliner Republik mit ihren unsicheren Biografien Phänomene einer geradezu zwangsläufigen historischen Entwicklung sind - hier ist es nachzulesen.

"Geschichte und Gesellschaft kann man meiner Meinung nach nur über Einzelschicksale erzählen. Und ich hoffe, dass es mir gelungen ist, dass über die Erfahrungen einzelner Menschen ein ganzes System erzählt wird."

 

Ricarda Junge: "Die letzten warmen Tage"
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014, 432 Seiten, 21,99 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk