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StartseiteBüchermarktDie Liebenden05.12.2002

Die Liebenden

Hoffmann & Campe, 752 S., EUR 25,90

<em>Mein Lieber Richard! Als ich aus Hannover wieder abfuhr, war ich ganz traurig, dass die schönen Stunden so schnell vergangen waren. Aber noch bevor ich lange gefahren war, schalt ich mich ein undankbares Wesen und sagte mir, dass es vielen anderen so gehe, die dennoch den Kopf nicht hängen ließen. Folglich bin ich also mit dem Entschluss, kein Jammerlappen zu sein, in die neue Arbeit eingestiegen. Es ist zwar weiterhin so, dass ich Sehnsucht nach einem gewissen lieben großen Jungen habe, aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen bin ich glücklich.</em>

Elke Biesel

Dortmund, 8. März 1951 - Meine liebe Inge! Du warst wieder einmal pünktlich wie der Sonnenaufgang, und ich danke Dir ganz herzlich für Deinen lieben, langen Brief. Es spricht für Dich und Deinen Optimismus, dass Du mit so viel Schwung und Mut an Deine Arbeit gehst. Aber wenn Du nebenbei noch Deinen Spanisch-Kursus hast, muss es mit der Freizeit doch gänzlich Essig sein. Versprich mir bitte, nicht bis in die späte Nacht aufzusitzen, nur um mir zu schreiben.

Am Anfang stehen zwei Liebende. Zwei junge Menschen, die nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges zueinander finden und die trotz mancher Widerstände und Entbehrungen beginnen, ein gemeinsames Leben aufzubauen. Gerhard Henschel, dem Lesepublikum vor allem durch seine Satiren bekannt, verfolgt in seinem ungewöhnlichen Briefroman die Geschichte der Liebenden bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Neben den beiden Protagonisten lässt er eine Vielzahl von anderen Stimmen aus der weit verzweigten Familie und ihrem Umfeld zu Wort kommen. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie fußen auf authentischen Originalvorlagen. Dazu Henschel:

Die Bearbeitung habe ich so gering wie möglich zu halten versucht. Ich wollte immer möglichst weit den Originalton wiedergeben, aber ich habe stark gekürzt, das war der Haupteingriff, den ich vorgenommen habe. Wenn das Buch eins zu eins wieder gegeben worden wäre (…) dann wären es etwa 25 Bände dieses Kalibers geworden. (…) Da mussten Stellen neu vernäht werden, wenn man beispielsweise aus einem ganzen Briefjahrgang einer (…) beteiligten Frau die schönsten Stellen zusammen nimmt in einen Brief, was ich hin und wieder einmal getan habe.

Allein die Romanform hat es Henschel ermöglicht, den Briefschatz bereits heute und nicht erst in ferner Zukunft öffentlich zu machen. Er konnte die Namen aller noch lebenden Briefschreiber verändern und trotzdem authentisch bleiben. Er konnte ihren Stil wahren und trotzdem kleine Retuschen vornehmen. Heraus gekommen ist bei seiner Briefmontage das Panorama einer Familie, das über das Private hinaus einen stark exemplarischen Charakter hat. In der Geschichte des Ehepaares Schlosser wird mancher Leser bald Züge der eigenen Familie, zumindest aber eines Teils der bundesrepublikanischen Gesellschaft entdecken: Da gibt es die Wurzeln, die bis in den Nationalsozialismus reichen und das viel zitierte deutsche Wirtschaftswunder in Form eines sozialen und finanziellen Aufstiegs.

Doch in der detaillierten Klarheit, mit der die Briefe einen entbehrungsreichen Familienalltag beschreiben, verliert es alle Wunderqualitäten. Das eigene Haus mit Garten, das allen vier Kindern ein eigenes Zimmer bietet, erschien den Eheleuten einst als Erfüllung aller Wünsche, doch letztlich trägt es dazu bei, die Liebenden im Laufe der Jahre zu entzweien und ihre Kraft aufzuzehren. "Liebe hat Stille gebraucht, wenn sie sich entfalten und blühen wollte. Hektik und Unrast waren ihr Tod", schreibt Richard Schlosser gegen Ende seines Lebens. Da hat sein Traum vom Nestbau schon ein tragisches Ende gefunden. Der Autor Henschel sieht sein Buch auch als Sozialstudie. Henschel:

In diesem Fall war es so, dass durch Krankheiten bedingt, durch Auslandsreisen bedingt, immer wieder Briefe geschrieben wurden. Und so ergibt sich dann ein großes Gesamtbild einer Familie, wie es sicher nur selten zu haben ist. Das für mich selbst bei der Auswahl des Stoffes Faszinierende war eben der große Bogen, der sich ziehen lässt vom Jahr 1940 bis in die 90er Jahre des 20en Jahrhunderts hinein. Und das sind ja nicht nur zwei Leute die sich da gegenseitig schreiben, es sind ja viele daran beteiligt, es ist so ein großer Chor und ich hatte beim Schreiben an diesem Buches das Vergnügen, den dirigieren zu dürfen und hier und da mal einen Solisten aufzurufen, der etwas beiträgt.

Für den Leser entwickelt Henschels Briefroman nach anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten einen Sog, der ihn beständig durch Hunderte von Seiten zieht. Die Geschichte der beiden Liebenden entwickelt eine eigene Spannung und vermag anzurühren, ohne je ins Voyeuristische abzugleiten. Hinzu kommt, dass beim Gang durch die Jahrzehnte längst vergessene Facetten bundesrepublikanischer Geschichte wieder aufleben: Es entsteht eine Kulturgeschichte im Kleinen.

Minneapolis, 5. November 1965 - Liebe Inge! Mit neun verschiedenen Flugzeugen bin ich nun glücklich nach Minneapolis befördert worden (…) Zu einem Bummel durch irgendeine Stadt hat es noch nicht gereicht. Zumindest habe ich eine Reihe amerikanischer Hotels (…) kennen gelernt. Im futuristischsten waren wir gestern: "Red Carpet Inn". Alles in schwerem sattem Rot: Teppiche, Handtücher, Bettdecken, Salzstreuer, Geschirr usw. (…) Ein Zimmer in der Größe eines Fußballfeldes, in Bad und Schlafraum Spiegel von ca. drei Quadratmetern, Zeitschaltuhr für Infrarotsonne im Bad, versiegelter Lokusdeckel, Telefon, 20 cm dicke Telefonbücher, natürlich Television (…). Manches ist wirklich schon so, wie es sich der Europäer für 2000 denkt.

Dass all diese Familienbriefe aus mehr als sechs Jahrzehnten aufgehoben wurden, manche sogar die Flucht aus Ostpreußen überstanden haben, das rechnet Henschel einem "Spar- und Sammelsinn" zu, der möglicherweise charakteristisch sei für das "leicht gehobene Bürgertum" , das er beschreibt:

Aber es war ein großes Bestreben, weiter sozial aufzusteigen vorhanden und dazu gehörte sicherlich auch der Sinn dafür, etwas aufzubewahren und die eigene Geschichte nicht einfach hinter sich zu lassen und zu vergessen.

Zwar kommt die große Geschichte in Form politischer Ereignisse in den Briefen nur am Rande vor, trotzdem lässt sich aus Henschels Buch mehr und anderes über das Werden der Bundesrepublik erfahren als aus einem wissenschaftlichem Werk. Er gibt dem menschlichen Alltag eine Stimme - und das ist selten geworden in der Literatur.

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