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StartseiteBüchermarktDie Literaturzeitschrift "Flandziu"29.06.2012

Die Literaturzeitschrift "Flandziu"

Halbjahresblätter für Literatur und Moderne im Hamburger Shoebox House Verlag

Eine Literaturzeitschrift, die sich der Literatur der Moderne widmet, und in der neue Verbindungen zwischen Autorenstimmen von Majakowski bis Borges gezogen werden - die dazu auch noch verschiedene literarische Genres mit einbezieht: Zwei Mal im Jahr erscheint "Flandziu".

Von Anja Kampmann

Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen ist Namensgeber der Zeitschrift. (Stefan Moses)
Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen ist Namensgeber der Zeitschrift. (Stefan Moses)

"Flandziu", dieser Titel ist einem frühen, expressionistischen Dramenfragment von Wolfgang Koeppen entnommen und damit ist eine Figur bezeichnet, die nicht näher bestimmt ist, Flandziu bedeutet soviel wie "ein Wesen". Als Titel der Zeitschrift, die seit 2009 im Hamburger Shoebox House Verlag erscheint, signalisiert "Flandziu" vor allem eines; die Verbundenheit mit Wolfgang Koeppen als modernem Klassiker. Die Bedeutung Wolfgang Koeppens, so der Herausgeber Prof. Jürgen Klein, ist für die deutsche Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zu unterschätzen, in der Zeitschrift werden deshalb regelmäßig Koeppentexte mit abgedruckt:

"Ich finde dass die Trilogie, 'Tauben im Gras', 'Das Treibhaus' und 'Tod in Rom', die fantastischsten Bücher sind, die in der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben worden sind, und so früh! Wenn man sich also intensiv mit den 50er-Jahren befasst, kann man ganz klar erkennen, dass niemand ein Interesse an diesen Büchern hatte. Die sind so tiefsinnig und so weit gedacht und nehmen die deutsche Problematik auf, diese Kontinuität des Nationalsozialismus.

Auf der anderen Seite ist Koeppen natürlich derjenige, der klassische moderne Literatur in Deutschland überhaupt erst produziert hat, weil er es gewesen ist, der die Erzähltechnik, die moderne Erzähltechnik von Woolfe und Joyce, auch von den Franzosen, in die deutsche Literatur eingeführt hat."

Facetten der modernen Literatur werden in den Halbjahresblättern für Moderne gerade im Zusammenprall verschiedener Textsorten deutlich; - so stehen in einem Heft zu "Alexandria und der Literatur der Moderne" neben Gedichten von Joachim Sartorius und dem griechischen Lyriker Konstatin Kavafis auch Essays zu den Alexandria Songs von Leonard Cohen, und zum "Mythos" Alexandria, dem bis in die Antike gefolgt wird - wiederum kontrastiert von einem weiteren Text, mit einem ganz anderen Bild aus heutiger Zeit: Alexandria ohne ein einziges funktionierendes Theater, und ohne eine Tanzkompanie oder Buchhandlung, "die ihrem Namen Ehre machen würde".

Weit gespannt, zwischen literaturwissenschaftlichem Essay, Prosa und Gedicht, sind auch weitere Flandziu - Hefte zum Thema "Metropolen " - und so erklärt sich auch der Umfang von fast 300 Seiten einer jeden Ausgabe. Denn die Essays gehen ins Detail; Jürgen Klein wird unterstützt von einem sich international formierenden Beirat aus Wissenschaftlern und Schriftstellern: von Liverpool bis Lund, von Delft bis Paris ziehen sich die Achsen. Trotz des theoretischen Anspruchs versucht Klein aber immer auch den Leser im Blick zu behalten:

"Die Zeitschrift Flandziu soll Spannung und Entspannung zugleich bringen. Ich gehe nicht davon aus, dass der Leser die ganze Zeitschrift auf einmal liest, das kann er natürlich, aber das muss er nicht von Anfang an. Wichtig ist, dass ich also eine gute Mannschaft von Autoren zusammenkriege, die sehr unterschiedlich, sehr differenziert und spannungsreich schreiben, und dann sollen kurze und lange Texte, sollen beide vertreten sein in Flandziu, damit der Leser auch wechseln kann.

So denke ich schon, dass Aufsätze auch immer wieder mal die Existenzform von Literatur oder die theoretische Dimension von Literatur mitreflektieren sollen. Das kann man nicht ganz auslassen wenn man eine Literaturzeitschrift macht, weil es sonst zu engstirnig wird."

Einen einheitlichen Modernebegriff kann und will die Zeitschrift Flandziu nicht vermitteln. Vielmehr geht es dem Herausgeber darum, Konstellationen der Moderne, mögliche Zusammenhänge zwischen einzelnen Autoren fühlbar zu machen- in einem Themenheft zu "Metropolen der Moderne" kommt neben einer New York-Betrachtung von Uwe Johnson etwa ein Wolkenkratzer-Gedicht Majakowskis zu stehen, während der Romanist Hans Ulrich Gumbrecht sich den "Poeta en Nueva York" -Gedichten von Federico Garcia Lorca annähert. In Lorcas Poetik sieht er ein Mittel gegen moderne und postmoderne Diskurse, die sich verselbstständigen, gegen "existentialistische Stirnfurchen à la francaise": ein Dichter müsse "Spezialist und Meister in den fünf körperlichen Sinnen sein" hält er mit Garcia Lorca dagegen.

Gumbrechts Frage nach einer Ästhetik, die aus den Debatten um Moderne / Postmoderne erwächst, ist in der Zeitschrift Flandziu gut aufgehoben. Denn letztlich fragen die Essays nach Positionen von Autoren sehr unterschiedlicher Herkunft, seien es die Schimpftiraden auf Kleinstädte von Thomas Bernhard oder Guillaume Apollinaires Betrachtungen von Paris. Und wenn sich der Leser von den vielen Namen nicht abschrecken lässt, dann blickt er wie durch ein Kaleidoskop auf eine Moderne, die noch in Bewegung zu sein scheint. Da gibt es ein ganzes Heft zu Konkreter Poesie von ihren Anfängen bis heute und eines, das die Aktualität besonders eines Autors auch thematisch aufnimmt: junge Autoren wie Judith Schalansky werden nach ihrer Beziehung zu Wolfgang Koeppen gefragt.

"Ich glaube, dass Flandziu überhaupt eine 'Dazwischen-Zeitschrift' ist, die also zwischen Kulturphänomenen, Literatur, Philosophie vermittelt, und eigentlich immer nach dem Menschlichen sucht, hinter den Normativitäten. Man könnte ja auch sagen, dass auch die Diskurse miteinander verbunden sind, sie sind nicht hundertprozentig voneinander abgeschlossen, sondern sie interferieren, insofern ist Flandziu auch eine Zeitschrift der kulturellen Interferenz."

Die Zeitschrift ist für den Leser recht anspruchsvoll, belohnt dafür aber mit Genauigkeit und eben jenen unverhofften Verbindungslinien zwischen verschiedenen Autoren. Für die nächsten Hefte wird es um deutsche Literatur von 1945 bis 1960 gehen, mit Beiträgen von Peter Sloterdijk, Wiederabdrucken von Wolfgang Borchert und Heinrich Böll, Überlegungen zur Heidegger Renaissance in den 50er-Jahren - um nur einige zu nennen - es ist wiederum ein Versuch, verschiedene Aspekte dieser Zeit en detail aufzugreifen, und sie im Rahmen dieser Zeitschrift miteinander zu verbinden.

Jürgen Klein (Hrsg.): Flandziu - Halbjahresblätter für Literatur der Moderne
Zeitschrift, ca. 300 bis 320 Seiten
Shoebox House Verlag, Hamburg
Jahresabonnement 15 Euro, Einzelheft 10 Euro

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