Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im April 201420.06.2014

Die »lyrix«-Gewinner im April 2014

Im April reiste »lyrix« zum Schillerhaus in Rudolstadt. Schillers "Reiseschreibzeug" lud dazu ein, sich mit dem Thema "LOSREI(S)SEN" zu befassen.

Die ersten Verse der Ballade "Hero und Leander" in der Handschrift von Friedrich Schiller (dpa / picture alliance)
Die ersten Verse der Ballade "Hero und Leander" in der Handschrift von Friedrich Schiller (dpa / picture alliance)

Im April stand »lyrix« im Zeichen des Reisens und Schreibens. Die Gedichte zeigen die Entstehung von eigenen Welten, nur mit Hilfe der Fantasie erschaffen. Einige beschreiben den Prozess des Gedichteschreibens, den Umgang mit Papier und Tinte. In anderen Texten begegnet uns auf der Suche nach Abenteuern das Unbekannte, die düsteren Seiten der großen Städte, Einsamkeit, Kriminalität und Armut. Auf Zugfahrten, Roadtrips und Touren in ferne Länder begleitet uns aber auch die Sehnsucht nach einer nicht greifbaren Freiheit und die Euphorie oder Ernüchterung am Ziel der Reise.

Vielen Dank für eure Gedichte! Hier kommen die Top 5:

  

Paris

Wir ziehen viele Meter
unter der Erde hin,
ich frage nicht nach morgen
ich frag nicht
wer ich bin.
Ich sehe mich im Spiegel
des schwarz-hellblauen Lichts,
und weiß ich, all mein Schaudern,
all das bedeutet nichts.

Denn hunderte von Metern

und über mir die Stadt,
bin ich frei von allem,
was je zerstört mich hat.
Ich höre
die Sirenen
betörend, fern und nah,
ich weiß nicht mehr
wer bin ich?
Ich weiß nicht
wer ich war.
Und ich koste eine Freiheit
die mich längst ergriffen hat
sie zerfließt in meinem Mund
und
ich trink' mich niemals satt.

Wir ziehen im Tiefdunkeln,
rasch unter ihr dahin,
ich frage nicht nach heute
frag' nicht mal, wer ich bin.
Denn ich fiel so lang
so frei,
sie fängt mich auf
die Stadt,
die Schönste aller Damen,
die mich heut' gerettet hat.

(Julia Fourate aus Nordhofen, Mons-Tabor-Gymnasium, Jahrgang 1994)

 

 

Das Land der Phantasie

Was bewegt den Mensch zum Schreiben?
Mit flinker Feder sich die Zeit vertreiben,
Und sein ganzes Herz der Kunst geweiht,
Ist nur ein wahrer Schöpfer stets bereit,
Auf seiner Flucht ins allzu fremde Land,
In dem er sich als kleines Kind schon fand,
Den Phantasien freien Lauf zu lassen,
So wird er auf Papier ein Werk verfassen.
Er wird hoffen, zittern, er wird bangen,
Nimmt den Leser in der Welt gefangen,
Die ihm einst so viel bedeutet hat,
Bevor er jene Leut' zum Eintritt bat.

(Christopher Gerling aus Hersdorf, Regino-Gymnasium Prüm, Jahrgang 1996)

 

 

Selbstfindung

Zeit geht vorbei,
wir verpassen das Leben,
sehen uns stehen,
im Regen des Strebens.

Gefangen in unserer eigenen Welt,
einer Hülle des Schutzes,
aber von keinem Nutzen,
suchen wir vergeblich nach Leben.

Wir müssen das Heim verlassen,
das Leben beginnen,
sammeln verstehen
und alles erleben.

Es heißt Erfahrungen zu sammeln,
aus ihnen zu lernen,
Reisen zu machen
und Weisheiten zu erlangen.

Es heißt Menschen zu treffen,
von ihnen zu lernen,
Eindrücke zu fangen,
um bescheidener zu werden.

Um die Tore zu sehen,
durch die wir gehen,
wenn wir uns auf die Reise begeben.

Wir finden alles neu,
weil es uns unbekannt erscheint,
doch im Nachhinein lernen wir:

Zu staunen, unser Herz zu öffnen
und die Welt zu lieben,
denn alles ist anders,
jede Straße anders gepflastert,
jeder Baum anders gepflanzt
und jedes Haus anders gebaut.

(Corinna Haenlein aus Misteglau, Gesamtschule Hollfeld, Jahrgang 1995)

 

 

ich reise

doch
(Hannover): packen, sortieren, bangen
im Kopfe schon lange fort
das Wehen der Ferne summt wohlig
ach, das Gefühl eines nassen,
flüchtenden Fisches in der zappelnden Menge
das treibt mich

derweil
(Hamm): ich atme, lache, erwarte
es sitzen die anderen dort, jeder allein
ihre Hände beim Denken drehen das Haar
seine umklammern die schmale Silhouette
die ein angebissener Apfel ziert
dort spielt sein Leben
ich jedoch breche auf
meine trockene Nase an der feuchten Scheibe

einen Augenblick
(Düsseldorf): ganz fest, ganz kurz, wir harren aus
pechschwarze Netze vor dem blauen Himmel
hinter dem Glas eine rauschende Grüne
es tut fast weh
das sie entgleitet
ich lausche ihrem rasenden Rattern

viele Stunden lang

bald
(irgendwo:) frierend, müde, fast verloren
es schwindet auch das Licht
ein höhnendes Flackern in den Fenstern
die Sitze sind alt und gar faltig
vorbei rast an mir die Süße des Ungewissen
ich atme sie ein, mehr nicht

dann:
(Köln:) Menschenmengen, verschwommene Gesichter, bald vergessen
es reisst an mir eine leise Ahnung
immer weiter,
zu langen Treppen, zu fremden Gesichtern
ich bin daheim
mein Wesen, ein taumelnder Passagier in einem Fass
keine Rast, bodenlos der Halt

(Laura Irmer aus Holle, Goethegymnasium Hildesheim, Jahrgang 1996)

 

 

Fifth Season Symphony (Frankfurt)

Araber falten Nachtleichen auseinander, verteilen Zigaretten und Feuer
Halbnackte Morgengraubären verhaspeln sich zu blecherner Laternenmusik
Die Frauen kommen wieder.
Nackte Zehen eines gebrochenen Fußes kleben auf dem Gehweg, seine Augen suchen auf der Straße den in Sirenen Verschwundenen
Durch Wände denkend riecht man vorbezahltes gestocktes Sperma, Englisch Breakfast, gekaufte Lust zum Freundschaftspreis
Ringelnde Wasserspeier fressen als Nattern der Gosse die Nachgeburten des Glücks vom Pflaster
Am Himmel spiegelt sich eisiges Entsetzen, die Scheuklappen zum Polarsommer gebeugt
Wenn nackte Ärsche Photosynthese betreiben könnten, hier stünde ein weißrussischer Birkenwald
aber neben die pentatonische Gottesanbeterin gesellt sich die Spinne zum heiligen Kreuz, der Halbmond ist aus Scham verschwunden
Oh, ihr Junkies seid die Unruh unserer Kindlichkeit, kreisende Träumer um unerforschte Lava, wenn ihr den Sud in die Straßen treibt und die Fliesen
vor denen Eros sonnbrillenbeschirmt Erdhummeln Schutz bietet
zum Gestirn verschwimmen
Badet in euren fixen Quellen und bellt mit euren Seeadlerpupillen den Lachsen entgegen
Eisbrecher im Polarmeer.
Der süchtige Blick nach Begattung
bezahlt die morgendliche Bestattung

(Moritz Schlenstedt aus Dresden, Evangelisches Kreuzgymnasium, Jahrgang 1996)

 

 

Und hier die Gewinner "außer Konkurrenz"

(Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Leitmotivrundengewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den besten sein, wird es "außer Konkurrenz" veröffentlicht.)

 

Der Weg

Ich gehe weiter, ohne Ziel.
Ein Windhauch weht, ein Blättlein fiel.
Wo komm ich her, wo will ich hin?
Die Antwort wäre ein Gewinn.

Ich träum des Nachts von fernem Land,
von vielen Freunden, Hand in Hand.
Als Vogel flieg ich, froh und frei,
du bist im Traume mit dabei.

Ich reite schneller als der Wind,
wir fliegen himmelwärts geschwind.
Ich spüre Leben, froh und frei,
du bist im Traume mit dabei.

Das Mondlicht glitzert auf dem Meer,
es sorgt für ganz besondren Flair.
Ich schwimm mit Fischen, froh und frei,
du bist im Traume mit dabei.

Ein Windhauch weht, ein Blättlein fiel.
Nun endlich habe ich ein Ziel.
Wo will ich hin, was mach ich hier?
Der Weg führt mich nach Haus zu dir!

(Annabelle Kahmann aus Wuppertal, Gymnasium am Kothen, Jahrgang 1997)

 

 

Wrigley's Extra

Und jetzt hocke ich hier
nichts zu essen nichts zu schreiben
keine Ahnung wo ich schlafen soll
in einer fremden großen Stadt
einer Stadt die niemals schläft

Ich wollte keine Abenteuer ich wollte einfach weg
verlassen verdrängen vergessen
aber das geht nicht denn auch der Lärm des Verkehrs
kann meine Gedanken nicht übertönen

Alles ist fremd die Menschen die Straßen die ganze Stadt
Der Kanal ist auch fremd fremd und hässlich
aber er hat ein Bett auch wenn es einbetoniert ist
ich habe nichts außer dem Kaugummipapier in meiner Hosentasche
und einem Bleistiftstummel

Ich bin ein Robinson verloren und verlassen
zwischen Lichtermeer und Wolkenkratzern und jeder Menge Werbung
und ich bin allein und ein Staubkorn in dieser Stadt
die eine Welt für sich ist

Ich schreibe einige Worte auf das Papierchen
dann stecke ich es in eine leere Flasche
die hier so trostlos rumliegt wie ich
mache den Deckel drauf und werfe sie in den Kanal

Gestern bin ich abgehauen da war Mittwoch
Heute bin ich hier gestrandet und es ist Donnerstag
Morgen kommt Freitag.

(Magdalena Wejwer aus Umkirch, Wentzinger Gymnasium, Jahrgang 1997)

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