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StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im April 201630.04.2016

Die »lyrix«-Gewinner im April 2016

Der April stand unter dem Motto „es ist ein baum“. Als Inspirationsquelle zu euren Texten konntet ihr sowohl auf Lutz Seilers Gedicht „im felderlatein“ zurückgreifen als auch auf Fundstücke aus der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, die dort von DDR-Flüchtlingen zurückgelassen wurden. In euren Gedichten habt ihr den Baum als Hüter von Erinnerungen und Wissen ergründet und damit die Bedeutung, die er für den Menschen einnimmt.

Ein Kirschblütenbaum steht unter einer Glasglocke. (imago / Westend61)
Ein Kirschblütenbaum steht unter einer Glasglocke. (imago / Westend61)

Bäume verkörpern für euch Verwurzelung, Standfestigkeit und Weisheit. Der Baum als friedliches Element der Natur verbindet mit Wurzeln und Krone Himmel und Erde und sammelt als langlebiger stiller Beobachter einen enormen Erfahrungsschatz über Vergangenheit und Zukunft.

Das kurze Dasein des Menschen ist geprägt von Irrungen, Suche und der Sehnsucht nach "tiefe[n] wurzeln", Weisheit und Freiheit. Unerfahrenheit und Verdrängung beeinflussen gleichermaßen die immer wiederkehrenden Fehler des Menschen, der sich Manipulation, Denkfaulheit und Zerstörung hingibt: "du musst dir der vergangenheit bewusst sein / deine wurzeln kennen".

Der Mensch schöpft nicht aus der Dokumentation des Baumes: Fehler und Erfolg, Krieg und Frieden, Suchen und Finden - er ist nicht mal im Stande, sich dieses Reichtums bewusst zu werden.  Solange er jedoch trotzdem eine natürliche Beziehung zu ihm beibehält und somit auf seine eigene Art eine Verbindung zu ihm hat, kann er Erinnerungen an ihn knüpfen und durch ihn festhalten, denn "er stand schon hier / als ich in deinem alter war". Manchmal jedoch zerstört der Mensch trotzdem mit "Kettensäge […,] Bagger […und] Maschine"  den Baum und mit ihm die "Jahresringe", die ihm "gern erzählen [würden] was [sie] erlebte[n]".

Herzlichen Glückwunsch an unsere Aprilgewinner und vielen Dank an alle, die einen Text eingesendet haben.

Die Monatsgewinner im April 2016:

Jahresringe

du musst dir der vergangenheit bewusst sein
deine Wurzeln kennen
und ihnen dann entwachsen
man kriegt so schnell Pilz
sagt die Eiche
patriotismus
ich bin deutsch
und das weiß ich
und find es nicht gut
sagt die Eiche
ich bin ein Baum
und an mir kann man sehen
wie viele Schädlinge es gibt
alle paar jahre runzelt mein Stamm
sagt die Eiche
wenn mal wieder jemand sagt
rechter Ast nach oben
und sie marschieren hinterher
dann haben sie die Jahresringe nicht gezählt
sagt die Eiche
und dann lichten sich wieder die Wälder
und erst wenn der letzte Baum dem Pilz zu grunde fällt
der letzte Busch dem Pestizid
werden sie merken
dass man rassismus nicht essen kann
sagt die Eiche
es ist 2016
oder 1933
ich weiß nicht
ich hab die Jahresringe nie gezählt
ich würde ihnen gern erzählen was ich erlebte
doch ich hab keine kraft mehr
ich kann nur noch mit der Krone im wind nicken
säuselt die Eiche
und stirbt ein weiteres mal

Victoria Helene Bergemann, Jahrgang 1997

Was mich von einem Baum unterscheidet

Erstens
schlage ich keine Wurzeln
sondern renne vor ihnen weg
bis sie mir im Bauch stehen

Zweitens
werfe ich keinen Schatten
sondern versuche darüber zu springen
mit der Sonne im Gesicht

Drittens
wachse ich nicht nach oben
sondern kreuz und quer
und mache mich gerne klein

Viertens
Esse ich keine Erde
vielmehr begräbt mich die Aussicht
irgendwann unter ihr zu liegen

Fünftens
Trinke ich kein Licht
um zu wachsen brauche ich Ruhe
ich bin ein Nachtschattengewächs

Sechstens
Trage ich keine Krone
in der Gedanken nicht ineinanderwachsen
denn meine Blätter sind Hirngespinster

Siebtens
ich schreibe ein Gedicht darüber.

Laura Bärtle, Jahrgang 1999

orientierungslos zentriert

onyxfarbene mitternachtsarme
wiegen mich …

zwischen wach und traum

frühlingsbäume fliegen
tönen gleich
an mir vorbei

ich möchte sein wie ein baum

tiefe wurzeln
möcht´ ich schlagen

tanzen möchte ich
wie blätter im wind
zart ungestüm
orientierungslos zentriert

frei sein möchte ich
wie seine früchte
seine samen
mich tragen lassen
in die welt

aber
immer wissend
ich habe …

… hatte

wurzeln

möchte …
erinnert werden
wenn …
meine handschrift verblasst
meine zeit vergangen

und …

mein gewesen sein
lächeln in gesichter zaubert
frühlingsbäumen gleich

Lara-Sophie Cronhardt-Lück-Giessen, Jahrgang 2000

 

apfelkerne

tot …
sie ist einfach tot …

ein medaillon
mit eingravierten rosen
gehört jetzt mir
mit einem leisem klick
springt der kleine deckel auf
vergilbtes bild aus ferner zeit
und …
4 kleine braune kerne
apfelkerne …

auf ihren knien mich schaukelnd
strich sie mir übers haar
weiche warme hände
zerfurcht von leben
mit braunen flecken
schrumpeligen adern

leise zitternd öffnet sie
die alte hand
darin ein kleiner brauner kern
ein apfelkern

siehst du diesen apfelbaum
er hat ihn mir geschenkt
er stand schon hier
als ich in deinem alter war
wie herrlich seine
zarten federgleichen
blüten sind
atme tief den frühling
erinnere dich …
über meine zeit hinaus

in diesem kleinen apfelkern
wohnt ein ganzer baum
er kann wurzeln schlagen
überall …
wie du …

eifrig nickte ich
ohne zu verstehen

ihre liebe
nehm ich mit
in jeden neuen tag

und …
kleine braune apfelkerne

Marie-Celestine Cronhardt-Lück-Giessen, Jahrgang 2000

Nur ein Baum

Es ist nur ein Baum
denkt die Kettensäge
denkt der Bagger
denkt die Maschine
die den alten Urwaldriesen
zu DinA4 verarbeitet.

Magdalena Wejwer, Jahrgang 1997

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