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StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im August 201429.08.2014

Die »lyrix«-Gewinner im August 2014

Im August wollten wir von euch wissen, was Fremde für euch bedeutet. Hier die Gedichte der Monatsgewinner.

(Museum für Ostasiatische Kunst)
Scowen & Co: Eingang zum buddhistischen Tempel in Kandy, ca. 1876, Albuminabzug, 224 x 280 mm, Museum für Ostasiatische Kunst Köln, P 551 (Museum für Ostasiatische Kunst)

Im August befasste sich lyrix mit dem Thema 'In die Fremde'. Eure Einsendungen dazu, inspiriert von historischen Fotografien aus dem Ostasiatischen Museum Köln und einem Gedicht von Birgit Kreipe, sind sehr unterschiedlich und spielen auf verschiedensten Arten von Fremde an.
Dass es hier um etwas Unbekanntes geht, das unwohle Gefühle und auch Angst auslöst, wird in vielen der Texte deutlich. 'Fremde' wird nur in wenigen Gedichten als etwas Positives betrachtet, das erforscht werden kann und dem man mit Neugier begegnen sollte.
Es geht um ungeklärte Fragen, Unausgesprochenes oder auch um Angst vor dem was in der Ferne auf einen warten könnte. Um die unbekannten Konflikte, die noch nicht ausgefochten sind.
Fremde begegnet uns überall: auf Reisen ins Ausland, auf der Flucht in ein unbekanntes Land, oder auch als innere Fremde, die wir uns selbst gegenüber verspüren.

 

Hier kommen die vielseitigen Beiträge unserer Monatsgewinner:

 

die anderen

 

auf in die fremde bei unbekannten häusern stehn auf

unbekannte busse warten die als flache schatten kommen

und uns mit sich tragen

draußen: die zeit es dunkelt den ganzen august und weiter

an keiner der bekannten himmelsrichtungen entlang nur

vorwärts ins gelobte land das uns

zitternd wieder ein stück flieht im warmen körper eines tiers

wir verlassen jeden anhaltspunkt jeden weg zurück

und wenden wir uns flüchtig einander zu ist da die fremde

zieht uns tief ins jeweils andre ich

 

(Ansgar Riedißer, Jahrgang 1998)

 

 

feuchte Luft

 

Was ist mein gesprochenes wort an der

schmalen zungenstelle an der niemand

versteht wie sich die Lippen formen im

zwielicht einer weißen Reisenden

 

der Blick kreuzt sich im wind mit

ungeraden Kinderaugen über Glasnudeldampf

und zum Ende stößt er mit sich selbst zusammen

kurz vor Cambodia und dem gespiegelten Meer

 

flugtickets in der bauchtasche wiegen

im Anbruch der westlichen Laune so

schwer wie eintausendfünfhundert Mittag-

essen der wahren köchin am wegesrand die

stumm bleibt über diesen Umstand und nur

in unsrer sprache ihre haut verbannt, wir

sehen auf den boden, unserm essen beim

verschwinden zu

 

Tourismusmühlen malen auf der Karte

eifrig ziele der Vorangegangenen

in den Tempeln scheint das truglicht

der verbundenheit, der europäer,

der verzweifelt nach Meditation

aus dem Schaufenster schreit

 

eine Khmer Prostituierte im straßenlicht der Dunkelheit

schweigend sehen wir uns fragend an über dem hellen

Nacken ihres Freiers ist da diese Unerträglichkeit dass

jede Frage im Schweigen unausgesprochen

bleibt

 

(Hanna Thomschke, Jahrgang 1994)

 

 

 

Begegnung

 

Du warst eine Fremde

in der Ferne vor mir

Teil des Horizonts

dem ich mich genähert habe

so weit

dass man die Augen zusammen kneifen muss

dich zu erahnen

eine eindimensionale Erscheinung

irgendwo dort

jetzt hat das

was unbekannt war

einen Namen

deinen Namen

das was fremd war

wurde meine Heimat

alle dunklen Ecken

sind ertastet und erhellt

das hätte ich damals nie gedacht

Was Fremde und was Heimat ist

weiß man erst

wenn man ihr näher kommt

 

(Christine Zeides, Jahrgang 1995)

 

 

 

o.T.

Gestern knüpften wir doch noch Gänseblümchen in Reihen mit Stolz asymmetrisch. Hältst du mal bitte kurz – nur ganz kurz an den Takt das Pendel das Klavierdings. Ich weiß doch auch nicht was das ist was? Da ist. Fahr mal kurz ein bisschen runter kommen zu mir. Ich kann das doch nicht wissen wie das geht mit dem sein wie man ist wenn man siebzehn ist und alleine am Bahnhof oder so ich weiß doch auch nicht. Wie man sich verhält wenn alle davon reden wie sie sich auf die Reise freuen und ich nicht einmal mehr weiß wo ich noch mal hinfahren wollte ich wo hinfahren? Ich weiß doch auch nicht wie das geht das denn? Gestern knüpften wir doch noch Gänseblümchen. Barfuss. Das kann ich doch inzwischen. Hältst du mal bitte kurz – wir können doch nicht schon wieder weiter. Das kann ich doch inzwischen. Indianerehrenwort. Wollten immer wo hin wollten wir? Irgendwo aber doch nicht jetzt schon nicht jetzt doch nicht jetzt schon. Das ist doch absurd!

Gestern knüpften wir doch noch Gänseblümchen. Wir wollten doch nie Zug fahren.

 

(Johanna Fugmann, Jahrgang 1997)

 

 

berge

vielleicht hat platon recht denkst du

und wir leben in einer höhle

einmal werden wir abhauen

raus aus der höhle hast du immer gesagt

dass du berge nicht magst

ich drehe mich um:

da bist nur noch du

dein lachen und der wind

der mich auseinanderschraubt

wie einen bausatz

bald bin ich nur noch

ein teil vom fluchtplan

 

(Leonard Schwob, Jahrgang 1998)

 

 

 

Und hier ein Beitrag "außer Konkurrenz":

(Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Leitmotivrundengewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den besten sein, wird es "außer Konkurrenz" veröffentlicht.)



Schöne neue Welt

Es geht ums Überleben,

um die Zukunft, die es zuhause

nicht gibt, nicht für ihn.

Träume und Hoffnung.

Angst verleiht Flügel,

Realität auch.

Der Weg ist weit und beschwerlich,

es lauern Gefahren und Soldaten.

Doch es muss gehen.

Er muss gehen.

Er will in das Land, in dem es Freiheit gibt.

Wenn er es bis drüben schafft.

Hunger. Kälte. Gefahr. Einsamkeit.

Setzt man sein Leben aufs Spiel,

einfach so, aus Spaß,

weil man nichts besseres zu tun hat?

Er weiß, was auf ihn wartet,

sollte er die Flucht überleben,

die Zäune, Mauern und Gefahren überwinden können.

Fremde Sprachen, fremde Religionen und Gebräuche,

fremde Gesetze und Gerüche.

Fremde Menschen, die ihn nicht haben wollen.

Eine fremde Welt. Eine neue Welt.

Er riskiert sein Leben, nimmt all das auf sich,

um in die Fremde zu ziehen.

Angst. Leid. Tod. Hunger. Gefahr.

Die Fremde ist seine letzte Hoffnung,

ein neues Leben zu beginnen.

Leben zu beginnen.

Kurz vor der Küste, fischt man ihn aus dem Meer.

Er ist ein Gerippe mit Haut. Matt glänzen seine Augen.

Aber sie glänzen. Er hat es geschafft.

Doch dann: Was will der hier?

Retour à l'expéditeur. Er wird zurück gebracht

- zurück ins Land des Todes.

(Magdalena Wejwer, Jahrgang 1997)

 

 

 

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