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Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im August 201522.09.2015

Die »lyrix«-Gewinner im August 2015

Im August habt ihr euch dem Thema „Traum-Frau“ gewidmet. Angeregt wurdet ihr durch Henri Laurens' Skulptur „La Grande Nuit“ und dem Gedicht „Frau und Flügel“ von Eva Paula Pick.

Eine junge Frau liegt mit geöffneten Augen auf dem Boden. (Imago / Westend61)
Weiblichkeit wird je nach Epoche, Weltanschauung und Religion vollkommen anders definiert. (Imago / Westend61)

"Traum-Frau": eine Frau, die träumt? Eine traumhafte Frau? Träume über Frauen?

Ein Leitmotiv zum Träumen – und zum Aufwachen! Ihr habt uns geschrieben von den schönen Träumen, von Liebe und Göttern, von Verlangen und Hingabe, von Bewunderung und Schönheit. Ihr weist auf den Wert des weiblichen Körpers hin "mit Abgründen, die sie selbst nicht / abzuschätzen vermag, in denen sie / sich selbst verlieren kann", dessen "Schätze /[...] zum Vorschein kommen", auch wenn sie "kein Cello / sondern eher ein Kontrabass" ist – "egal, denn Du bist schön".

Aber es gibt auch die schmerzhaften Träume, unerfüllte Liebe und Sehnsucht, "das Sehnen tut weh es tut weh / dass das Sehnen Sehnen bleibt / ich will ihre Sehnen spüren / ihre Seele zum Sehnen berühren", schreibt eine Teilnehmerin.

Sehr viele von euch haben sich gesellschaftskritisch positioniert. Ihr macht auf Zwänge der Gesellschaft in Form von brutaler, unnachgiebiger Perfektion, auf das Verstecken hinter Masken aufmerksam. Auf eine Frau, die sich beugt und erduldet. Sie erträgt seelische und körperliche Demütigungen, wenn sie den Traum eines anderen oder der Gesellschaft nicht verkörpert, wenn sie "denken kann / und das, schlimmer noch, auch tut", wenn sie "Frau sein [will] – und nicht Sklavin".

Herzlichen Glückwunsch den Gewinnern im August und danke an alle für eure Einsendungen!

Die Monatsgewinner im August 2015:

Koordinationsfähigkeiten

Als ich über den bunt gemusterten Teppich rannte,
den man in den 80ern mal peppig nannte
und danach gegen den Schrank lief,
der zerbrach als er gegen die Wand stieß,
der Boden mir gefährlich nahe kam,
sodass alles oben nur noch spärlich erkennbare Sachen waren,
hast du gelacht und gesagt,
warum ich das mach, hast gefragt,
wie es um meine Koordinationsfähigkeiten stehe,
weil du kooperationsmäßig keinen sehest,
der so mit mir eine Allianz eingehen wollte,
in der so etwas wie Liebe den Grund der Verknüpfung darstellt,
wo neben dir der letzte Ali oder Hans einsehen sollte,
dass vor nem Eckplatz oder ner Biege mich die Hand der Unterstützung festhält,
weil ich ja immer noch Probleme mit Gleichgewicht und Orientierung habe
so wie ein polemischer Indianer bei einem Bleichgesicht am Ort des Streitpunkts eine Narbe
in seinem Stolz hinterlässt,
so bliebe mir deine Hilfe, wenn du gewollt meine Hand umfässt.
Aber ich redete dir ja viel zu hochgestochen,
sitze neben dem Schrank, er ist seitdem ich das Ziel verfehlte immer noch zerbrochen,
du sagst, ich sei so trampelig, ein Nilpferd im winzigen Planschbecken,
du magst bei meinem Angesicht mir nicht auch nur die Hand ausstrecken.
Und überhaupt, weißt du nicht, was ich bei dir soll,
ich sei dir ja auch viel zu schlau,
du saugst mich auf mit der Klopapierroll-
es ist einfach; ich bin nicht deine Traumfrau.

Victoria Helene Bergemann, Jahrgang 1997

 

An Helena

In deinem Herzen wohnt ein Glänzen,
das immerzu nach außen drängt.
Vernichtet Starrheit meiner Grenzen,
sodass mein Herz an deinem hängt.

Du vermagst mit deiner Schönheit,
mich zu blenden, mich zu dreh'n.
Führst mich in eine Art Beschränktheit,
Dir nur noch ins Gesicht zu seh'n.

Weißt Du wie oft ich an Dich denke?
Wie oft ich Dich zu schau'n mich trau'?
Wie viel von meiner Zeit Dir schenke?
Und doch aus Luft nur Schlösser bau'?

Kannst Du Dir denken was ich fühle?
Wenn dein Lächeln zart mich streift.
Wie viele Wunden ich so kühle,
sodass mein Herz nach deinem greift.

Gestern hab' ich lang von Dir geträumt,
Du führtest mich auf schönen Pfaden,
bis am Strand die Wellen aufgeschäumt,
unsre Liebe weit nach draußen tragen.

Auch wenn das Leid allabendlich,
in meine schwere Seele tritt,
seh ich nur deine Leichtigkeit.
Dein Herz nimmt es auch meines mit?

"James G.", Jahrgang 1998

 

Heute hohe Minne

Sie ist so schön, Gott, so schön,
das Sehnen tut weh es tut weh
dass das Sehnen Sehnen bleibt
ich will ihre Sehnen spüren
ihre Seele zum Sehnen berühren
und ihr Herz
ich will ihr Herz
mit beiden Händen greifen
sie bei den Lenden greifen
sie ist eine Frau sie ist Frau meine Frau
ich bin Frau will eine Frau und Frau sein

bin keine Frau?

Ich pflücke doch Blumen
sie liebt mich, sie liebt mich nicht
ich liebe sie, liebe sie, schenke keine Blumen
bin Frau

Der Körper ein Violoncello
so weich überall und so schön überall
über alles schön
kleine Frau

Ein bisschen ein Kaktus manchmal
und immer Diotima
ein Mahnmal für Aphrodite auch
und für das Streben, o Eros.

        Ein Aphorismus:
        Die Eltern des Eros sind Poros und Penia.

Eigentlich bist Du auch kein Cello
sondern eher ein Kontrabass
aber egal denn Du bist schön
weil ich bei Dir sitze und endlich nicht rauche
und endlich nicht friere
und Du zitierst Erich Fried
und endlich käme ich
auch mal zur Ruhe
dann bist Du so schön
aber weißt nicht von Eros
und wenn Du es ahnst kokettierst Du
o Frau einer Frau!

Frouwe mîn!
Poros und Penia zeugten Eros
den Gott, das Streben
Hodos hätte es auch gekonnt

Ruhe bleibt nicht Du bleibst nicht nur
Eros bleibt
Streben, Sehnen bleibt

und Du so schön.

Anne Glaser, Jahrgang 1997

 

Formlos

Ihr Körper ist ein Gebirge-
von Höhen und Tiefen durchzogen.
Mit Abgründen, die sie selbst nicht
abzuschätzen vermag, in denen sie
sich selbst verlieren kann.
Manche Gletscher müssen erst
auftauen, damit die Schätze
dahinter zum Vorschein kommen
können. Einige Täler und Gipfel
werden nie erschlossen werden,
weil dort ewiges Eis herrscht und
sich niemand die Mühe macht,
bis dorthin vorzudringen.
Keine Hacke und keine Schaufel
werden dort jemals mit dem Boden
in Berührung kommen, obwohl er
doch zu einem der fruchtbarsten
zählt.

– Was für eine Verschwendung!
Wo bleiben die Entdecker,
die Forscher, die Abenteurer?

Gerrit-Freya Klebe, Jahrgang 1996

 

Traum-Frau?

Anfangs ist sie sein Traum
und er ist ihr Traum,
traumhafte Träumerei
-bis zur Hochzeit.

Besser, bis nach der Hochzeit,
denn dann kommt das Erwachen.
Sie ist schön, noch immer, das stimmt,
aber jetzt sieht er, was er vorher nicht gesehen hat
was er immer noch nicht sieht,
weil man das nicht sehen kann,
weil ihm jetzt erst klar wird,
wenn er da eigentlich geheiratet hat:
Eine Frau, mit einem eigenen Kopf.

Eine Frau, die denken kann
und das, schlimmer noch, auch tut
und auch so handelt, wie sie das für richtig hält:
Sie weigert sich, seine Sachen zu bügeln,
nachts für ihn zu kochen, ihm hinterher zu räumen,
sie weigert sich, das zu tun, was er sagt,
sie will nicht seine Dienerin sein.
Sie will Frau sein- und nicht Sklavin.

Er sieht das alles ein bisschen anders,
wer seine Frau liebt, der züchtigt sie,
und wenn ein Schlag nicht hilft, dann helfen zwei.
Und irgendwann gewinnt er,
weil er ihr nicht nur die Rippen bricht,
sondern auch den Willen.
Sie versucht zu fliehen, doch er fängt sie jedes mal
wieder ein und dann wird es noch schlimmer.
Langsam hört sie auf es zu spüren,
jeder Schlag, ein Schlag ins Gesicht.
Sie kann nicht mehr und versucht zu tun, was er will.
Aber es reicht ihm nicht
er will immer mehr!

Sie will nichts mehr, nur sterben,
denn das es aus diesem Traum kein Erwachen mehr gibt,
hat sie gemerkt, aber diesen Gefallen tut er ihr nicht.
Das wäre ja auch wirklich zu einfach.

-

Schaut nicht weg ihr anderen, stellt euch nicht schlafend!
Wartet bis der Löwe schläft und dann rettet die Schlafende
bringt sie fort, in Sicherheit, damit ein neuer Morgen
sie wecken kann.
Der Albtraum wird ein Albtraum bleiben,
er ist dann noch immer ein schlechter Traum
- aber nicht mehr ihr Leben.

Magdalena Wejwer, Jahrgang 1997

 

Und hier vier Beiträge "außer Konkurrenz":
(Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Leitmotivrundengewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den besten sein, wird es "außer Konkurrenz" veröffentlicht.)


Mondfrau –

schwarzes kostüm
streng korrekt
straffer knoten
aufzug in die chefetage
verantwortung
entscheidungen
stark
lippen nägel
rot wie blut
unnahbar

bis die sonne versinkt

Mondfrau –

wird

gepflückt, wenn sanft der wind in der untergehenden sonne gräser streichelt
spitzengardinen sich wild dem licht des aufgehenden mondes entgegen blähen

samtig weich schimmert ihre haut
große braune hände auf zerbrechlichem weiß

Lara-Sophie Cronhardt-Lück-Giessen, Jahrgang 2000

 

seifenblasen

makelloses gesicht
camouflage in vielen lagen
make up in vielen farben

frisur gestylt
mit extensions aufgepeppt

fingernägel
voll gegelt

bräune
aus der röhre

gepusht
kaschiert
gefakt

abgeschminkt

manchmal
zerplatzen
traumfrauen
wie
bunte
seifenblasen

Marie-Celestine Cronhardt-Lück-Giessen, Jahrgang 2000

 

Sankt Pauli

Vor Kälte blaue
Fingerspitzen,
ich bin ein Mensch
ich friere,
Schritte hallen in der Nacht,
das Auge blind
vor Neonlicht,
dicke Luft nach Freiheit
brennt,
versenkt mir meine Haare.

Die Haut schreit auf von
all den Händen
die sich darauf gefunden haben,
und Fasern nur erinnern sich
denn ich vergaß Gesichter.

Wie soll ich große Worte finden?
Nicht einmal sprechen kann ich mehr,
der Rocksaum ist zu kurz,
doch das
ist eben, was gefällt,
kann nicht mal
atmen,
nicht mal
schrei'n,
und schließe meine Augen,
ich laufe auf
ich laufe ab,
kein guter Tag
kein guter.

Ich leere die Gedanken aus,
und finde neue Arme
die mich zu sich ins Dunkle zieh'n,
              dann wird es schließlich Tag.

Julia Fourate, Jahrgang 1994

 

skizze

mit spitzer
bleistiftmine zeichne
ich ein bild von dir
in präziser perfektion
abgepaust aus einem modemagazin
alles muss passen
jede linie jede kurve jeder punkt
unermüdlich dreht am stift die spitzermühle
lässt späne fallen wie
tränen die nicht sein dürfen
um noch genauer
ein bild von dir zu skizzieren
jede linie jede kurve
zu platzieren jeden
punkt
abgebrochen
die graue mine und
du zerfällst zu staub
giftschwer
dein immer gleiches lächeln - ein paar bleipartikel
wer bist du überhaupt?
will ich fragen können

Aaron Schmidt-Riese, Jahrgang 1995

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