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StartseiteLyrixDie lyrix-Gewinner im Dezember 201017.01.2011

Die lyrix-Gewinner im Dezember 2010

Zum Jahresende haben wir euch in Anlehnung an ein Gedicht von Heinz Erhardt gebeten, uns Texte über nützliche oder überflüssige Erfindungen zu schicken.

Flachbildschirme auf der "IFA 2008". (AP)
Flachbildschirme auf der "IFA 2008". (AP)

In "Fernsehen" stellt Heinz Erhardt ironisch den Nutzen eben dieser Erfindung in Frage. Wir wollten von euch wissen, welche Erfindungen die Welt eurer Meinung nach (nicht) braucht. Erreicht haben uns Gedichte, die sich kritisch mit modernen Erfindungen - wie zum Beispiel dem Telefon oder dem Auto - auseinandersetzen. In vielen eurer Texte wird zudem deutlich, wie sich der technische Fortschritt eurer Ansicht nach auf zwischenmenschliche Beziehungen auswirkt.

Hier sind die Monatsgewinner aus dem In- und Ausland. Herzlichen Glückwunsch und danke für eure Gedichte!


suchmaschine der erinnerung

ich tunke mich in vergangenheit
sogwirkung abwärts

kämpfe mich durch ein gestrüpp
aus melancholie und sehnsucht
zum edelkitschrausch meiner
manipulierten bildermeere

ich dürste nach konservierter wahrheit
und finde selbstbetrug vor

ich bin hals über kopf verliebt in
meine reizüberfluteten nächte
die in wohlig glasigem blick
leise verwummern

ich ströme von erinnerung
zu erinnerung und hoffe dass
ich mir das vorbeiziehende glück
in die taschen stopfen kann

ich klammere mich
an gedankenkonstrukte und
übergrelle zukunftsmalerei
und es funktioniert auch

bis ich mir den schleudersitz
zurück ins wahre leben wünsche
und es keinen boden mehr gibt
auf dem ich landen kann


(Jonas Kohnen aus Ludwigshafen, Deutschland, Heinrich-Böll-Gymnasium Ludwigshafen, Jahrgangsstufe 12, Muttersprache: deutsch)


Tinitus

In meinen Ohren rauscht es nonverbal.
Und ich betrinke mich an der hochprozentigsten Stille
Die ich auftreiben kann.
Ich tauche meinen Kopf unter Eiswasser
Und lausche dem Zittern meiner Adern
Mein Hirn – verkabelt ins nichts.
Ich tauche durch mein sporadisch versunkenes Atlantis und
Suche Polaroids.
Aber da ist Zigarrenqualmleere in meinen Gedanken
Ich rolle mich in meinem
4D Dolby Surround Kinosessel
Zu einer Analogen Kugel zusammen
Das Große Fressen aus: sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen
Mir ist schlecht.


(Josefine Berkholz aus Berlin, Deutschland, Romain Rolland Oberschule, Jahrgangsstufe 11, Muttersprache: deutsch)


Tattoos

Wenn ich da sehe, diese Farben
Auf den Körpern, dieser Knaben
Dann denke ich mir allzu häufig
Hier sind doch wilde Hunde läufig

Denn so sabbernd und begeistert
Die Jugend sich die Haut bekleistert
Ohne Sinn und ohne Verstand
Missbrauchen sie die Haut als Wand

Was meine Augen dann beleidigt
wird meistens noch als Kunst verteidigt
Ich spreche voller Zorn und Groll
von Tattoos, den Körper voll

Wer es mag, der soll es tragen
Aber nicht mein Auge plagen
Unter einem Shirt versteckt
bleibt das Schandbild unentdeckt

Darum sag' ich es erneut
Nicht jeden diese Kunst erfreut
Schonet mich und mein Gemüt
Wenn ihr an mir vorüber zieht


(Oliver Link aus Bensheim, Deutschland, Geschwister-Scholl-Schule, Jahrgangsstufe 11, Muttersprache: deutsch)


Totalschaden

Einst ritten Liebespaare
Bei Sonnenuntergang
die Allee entlang
Doch heute ist die Straße
Nur noch Schauplatz
eines Schönheitswettbewerbes
Blecherner Männerträume
Als Hauptpreis gibt es einen Ehekrach
Scheidungspapiere und Tränen
Vor Freude über den neuen Schatz
Putz- statt Kuschelstunden
Und am Ende krepiert das junge Glück
An einem Totalschaden
Durch einen umstürzenden Baum
Als Antwort auf den Klimawandel


(Benita Salomon aus Schriesheim, Deutschland, Kurpfalzgymnasium Schriesheim, Jahrgangsstufe 12, Muttersprache: deutsch)


Jugend in Tuben

Du kaufst dir die Jugend in Tuben
Nur vier Euro neunzig – Regal hinten links –
Es fliehen durch dieses Chemielabordings
Die Jahre die sich in dich gruben,

Die Spuren von Lachen und Sorgen,
von Schmerzen, von Liebe, von Glück.
So leicht dreht die Zeit sich zurück
Und strafft so den Spiegelbildmorgen.

Doch, ist’s nicht die Schwerkraft, die alles hier hält?
In jeder der Falten Erinnerung sitzt,
Wie Namen die jemand in Bäume geritzt.

Ja, ist’s nicht die Haut, die Geschichten erzählt?
Zeigt sie keine Spuren, ist Zeit doch vergebens.
In jeder der Falten, die Handschrift des Lebens!


(Anna Neocleous aus Rietberg, Deutschland, Gymnasium Nepomucenum Rietberg, Jahrgangsstufe 12, Muttersprache: deutsch und griechisch)


unsinn

ich höre deine stimme unsicher in meinem ohr
das letzte mal als ich dich hörte war bevor
man dieses seltsam ding erfunden
gelb mit drehscheibe drumherum endlos kabel gewunden
da hab ich noch deine worte gehört und deine augen gesehen
da konnte ich ohne hörer am ohr neben dir stehen
ich brauche kein sogenanntes telefon in meinem leben
es würde mir völlig reichen dir real die hand zu geben


(Nina Rastinger aus Gmunden, Österreich, Bundesgymnasium Gmunden, Jahrgangsstufe 8, Muttersprache: deutsch)


Internetfreund

Freund, wo bist du?
Jetzt brauche ich dein Gespräch.
Jetzt mehr als jemals.

Ich möchte nicht mit dir im Chat sprechen,
weil ich dich nicht sehe.
Und wer bist du? Ich weiß es nicht.

Ich möchte wissen,
dass nur du und ich Freunde sind.
Ich möchte dich sehen, wenn ich mit dir spreche.

Freund, ich möchte nicht deine Fotos nur
im Internet sehen.
Ich möchte dein Gesicht, dein Lächeln sehen
und ich möchte, dass du mir deine Geheimnisse sagst.

Freund, bist du mein Freund nur im Internet
oder kann ich dich sehen?
Sprichst du nur im Internet,
oder kann ich dich hören?
Bist du in der realen Welt,
oder bist du mein Freund
nur im Internet?


(Edin Ibreljic aus Zenica, Bosnien und Herzegowina, Prva gimnazija u Zenici, Jahrgangsstufe 10, Muttersprache: bosnisch)

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