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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteLyrixDie lyrix-Gewinner im Januar 201223.02.2012

Die lyrix-Gewinner im Januar 2012

Als Inspirationsquelle für das Leitmotiv "Verwandlungen" dienten euch in diesem Monat ein Gedicht von Hedwig Lachmann sowie Fotos des Glaspalasts aus dem Museum H2 früher und heute. Jetzt stehen die fünf Gewinner für Januar 2012 fest!

Glaspalast des H2 (H2- Zentrum für Gegenwartskunst Augsburg)
Glaspalast des H2 (H2- Zentrum für Gegenwartskunst Augsburg)

Das Gedicht "Verwandlungen" von Hedwig Lachmann beschreibt Menschen, die sich verändern und ihre Eigenschaften. Diesen Prozess nennt sie Verwandlung und reflektiert in ihrem Text über die Auswirkungen der Verwandlung von Menschen.

Weil sich nicht nur Menschen verwandeln können, sondern auch die Natur, Tiere, unsere Umgebung, Gebäude und viele andere Dinge, wollten wir von euch wissen, was euch zum Thema "Verwandlungen" einfällt.

In vielen Gedichten, die uns erreicht haben, ging es um eure eigenen Verwandlungen und darum, wie sich Menschen mit den Jahren ändern. Aber ihr habt nicht nur über das älter und erwachsen werden gedichtet. Genauso erreichten uns Texte, die sich mit dem Wandel der Natur beschäftigten: im Herbst und Winter, beim Wechsel von Dunkelheit zu Licht und von der Kaulquappe, die zum Frosch wird. Dass sich auch Gefühle verwandeln können, zeigten eure Gedichte, in denen es um Liebe geht, die verschwindet.

Wir gratulieren wir den fünf Januar-Gewinnern!

Hier sind die Texte der Leitmotivrundengewinner aus dem Januar 2012:

Kafkas Verwandlung

Durch kleine schwarze Löcher
Fällt das Tageslicht
Mehr und mehr das ursprüngliche Erscheinungsbild erlischt Nunmehr kurzbeinig Von Menschenschuld bereinigt Gelöst von dem Familiären Der immerwährenden Pflicht sich zu erklären Sozusagen zum Unmündigen reduziert Einfach zum Insekt mutiert


(Svenja Fluhrer aus Bamberg, Franz-Ludwig-Gymnasium Bamberg, Klasse: 12, Muttersprache: deutsch)


Im Sonnenschein

Wir standen bis zu den knien in
laubmeeren in wortflussschlachten
stundenlang, haben uns inseln
aus lächelndem schweigen gebaut
um uns sprangen lachende fische
um uns trieben ruhende boote

Jetzt versuchen wir einzelne blätter
mit löchrigen netzen von der ober-
fläche zu fischen und tauchen
nach den letzten tropfen meer

ich blicke dir ins gesicht und sehe
nur zwei mandelförmige münzen
sie schimmern tief auf dem grund
eines wunschbrunnens


(Benita Salomon aus Schriesheim, Kurpfalzgymnasium Schriesheim, Jahrgangsstufe: 12, Muttersprache: deutsch)


Melancholie-erstarrte Nacht

Ich verrenne mich Hals über Kopf in
Den Blues bröckelnder Fassaden
Es sind die kleinen Details die diese Stadt So besonders machen:

Die schwermütigen Bunker als Mahnmale der Vergangenheit
Und ein Reisender der eine Zigarette in sein Lächeln steckt
Am Hafen laufen die Schiffe aus doch ich bleibe hier
Und stelle mich der Heimat:

Wir sind zu Straßenlaternen-Poeten verkommen
Denn die Eleganz der Sterne löst sich auf in leuchtstoffröhrener Nacht I
ch betäube mich mit Schokolade von deiner Zungenspitze
Und ernüchtere mich an den schnapsschwangeren Linienbussen

Als ich aussteige und sich der Regen an mir bricht
Fallen mir die Steine zurück ins Herz
Die du mir nicht ganz herunterkratzen konntest
Und die mich jeden Tag mehr vernachdenklichen

Wir bleiben vage bei allem was wir tun:
Statt dem besagten beschwingten Erblühen Verknospen wir – ein kraftloser Frühling
Gegen einen stur aufbäumenden Winter

Doch die betäubende Kälte bleibt aus
Weil du mir dann und wann
Eine gemeinsame Stunde gewährst
Ein Friede auf Zeit für die aufgepeitschte Seele


(Jonas Kohnen aus Ludwigshafen, Heinrich-Böll-Gymnasium, Jahrgangsstufe: 13, Muttersprache: deutsch)


Ein Funkeln

Auf Erdens Grund, in Himmels Weiten,
Es lässt sich alles zur Wandlung verleiten.
Ein Mensch, ein Tier, die niederen Wesen,
Selbst in Mutter Natur ist die Handschrift der Wandlung zu lesen.
Sie liest sich langsam, sie liest sich schnell,
Sie steht in den Wolken, entspringt im Wasserquell.
Wandlung ist alles, Wandlung ist nichts,
Man spürt sie im Wind und den Strahlen des Lichts.
Wandlung ist gut und Wandlung ist schlecht,
Wandlung ist nicht da und ist trotzdem echt.

So wandelt die Erde, sich drehend immerfort,
Sie erlebt Liebe, sie erlebt Mord.
So wandelt der Himmel, hoch über uns schwebend,
Mit Sonne und Regen, still und dennoch am Leben.
So wandeln auch wir, als Strahlen im Dunkeln,
Wandeln in der Dunkelheit, ein schillerndes Funkeln.


(Elias Müller aus Heilberscheid, Mons-Tabor-Gymnasium, Jahrgangsstufe: 8, Muttersprache: deutsch)


DEZEMBER
still und leise
kleine gläserne Kristalle
bringen den Geruch von
Zimt
Kälte
in weißen Wolken
die Flocken legen sich auf dein Gesicht
in deine Wimpern
und dann
das Jahr endet
kleine Feuer dort am Himmel
lachen
etwas Neues
darf beginnen

JANUAR
weiß und
klein und zärtlich
still wie Elfen
flocken sie auf weißen Boden
Kristalle
schön und gläsern
fallen vom Himmel
in aller Stille
sanft legen sie sich auf
dein Haar
hör ihnen zu
sie erzählen Geschichten

FEBRUAR
weiß ist alles
weiß und still
nur vereinzelt das Rufen
eines Vogels
einheitlich
aber dort
unter Bäumen gut geschützt
wird ein kleiner Keim geboren
zart und grün
noch ruht er unter der
Erde
bald


(Lena Leix aus Augsburg, A. B. von Stettensche Institute, Jahrgangsstufe: 9, Muttersprache: deutsch)



Ausgenommen der Wertung:
Uns hat im Januar ein bemerkenswertes Gedicht erreicht, das auch von der Jury sehr gut bewertet wurde, aufgrund seiner Länge aber leider nicht in die Wertung eingehen kann. Bitte denkt beim Dichten an unsere Wettbewerbsregeln: Gesprochen soll der Text die Dauer von einer Minute nicht überschreiten.

Wir möchten den Text von Larissa aber trotzdem hier veröffentlichen, weil er nach Punkten sonst ganz vorn mit dabei gewesen wäre und euch hiermit alle ermuntern: Schreibt weiter, auch wenn es mal nicht für einen Monatsgewinn gereicht hat!

Wir

Wir.
Helden von heute.
Kinder von gestern.
Die Generation von Morgen.
Uns.
Braucht man,
belächelt man.
Will man?
Wir.
Sind wandelbar. Wollen immer weiter.
Monotonie war einmal.
Ihr.
Seid Manager, Politiker
Lehrer, Bankiers.
Noch vor ein paar Wimpernschlägen
aus den Blumenkleidern geschlüpft,
die Ray-Ban abgelegt,
den Kalten Krieg überstanden,
die Einheit gefeiert.
Noch vor einem Augenblick
Jazz gespielt,
Blues geträumt,
Rock ’n’ Roll gelebt.
Jeder Gedanke
war ein Lichtreflex
auf eurem Zelluloidfilm.
Sommer of Love.
Barfuss. Sommersprossen auf rot gebräunter Haut.
Musik zwischen den Zähnen.
Eure Jesuslatschen bei der Revolution verloren.
Wir.
Lethargie in der Mittagshitze.
Langeweile.
Drohnen in der Tagesschau.
Auge um Auge war einmal.
Ein Knopfdruck.
Und wir sind jetzt.
Hier.
Lebensmotto easy-going
doch; schneller als ihr.
Manchmal schneller als wir.
Wir haben keine Zeit
zum Müßiggang.
Zeit ist Geld.
Wir kaufen uns alles:
Liebe, Macht, Gerechtigkeit.
Unmögliches wird unmöglich.
Grenzenlos gibt’s nicht.
Wir können alles.
Wir stellen uns selbst her.
Und verändern uns danach.
Perfektion.
Wer gegen den Strom schwimmt,
hat eben verloren.
Wir. Das nennt man Demokratie.
Uns macht keiner etwas vor.
Meinungsstark, das sind wir.
Auch für dein Lächeln gibt es eine Kategorie.
Wir denken in Schubladen.
Eigentlich unnötig,
wir haben dich eh schon aufgelistet
2593 Einträge bei Google.
Ein Gesicht in facebook.
Ein Leben im Netz.
Wir wissen alles über dich.
Wenn du an dir zweifelst:
Frag uns.
Wir beurteilen. Urteilen ab.
Posten unser leben
und leben wenn wir damit fertig sind.
Wir sind aufgeklärt.
Lieben wie die Großen
Beziehungen wie Soaps.
Mehr Freundinnen wie Papa.
Irgendwann kommt die Richtige.
Vollkommenheit
passt zu uns.
Wir besitzen die Welt.
Wir sind uns einig:
wir führen mit dem Glück
eine On-Off-Beziehung.
Doch manchmal
denk ich mir:
Vielleicht
war früher doch nicht alles besser.
Vielleicht sind wir
Gewinner von Morgen
am Anfang.


(Larissa Hieber aus Schwäbisch Gmünd, Hans-Baldung-Gymnasium, Jahrgangsstufe: 12, Muttersprache: deutsch)

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