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StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im Januar 201631.01.2016

Die »lyrix«-Gewinner im Januar 2016

Im Januar habt ihr euch treiben lassen, hattet Zeit für Gedanken jeglicher Art, die euch in den Kopf gekommen sind und die ihr ungefiltert und unzensiert aufgeschrieben habt. Oder ihr wolltet sie aufschreiben, habt euch extra Zeit genommen und dann hat euch die Muse doch nicht geküsst – und ihr habt wunderbar genau das zum Thema gemacht. Inspirationen zum Thema "Kram-Gedanken" gab es von Elke Erbs Gedicht "Idyll" und dem Seitenruder eines Luftschiffes aus dem Potsdam Museum.

Mittagspause auf einem Baum im Wald. (Damien Meyer / AFP)
Mittagspause auf einem Baum im Wald. (Damien Meyer / AFP)

Wie viel Zeit bleibt dir zwischen Aufgaben und Pflichten des Alltags noch, um dir Zeit zu nehmen, nichts zu tun, dir eine Auszeit zu gönnen und deine Gedanken frei umher schweben zu lassen? Manche Menschen finden nichts an diesen "Kram-Gedanken", in denen alles durcheinander ist, wo durchaus auch wirres Zeug dabei ist. Aber durch dieses ganz freie, unbestimmte Denken kommen einem manchmal die besten Ideen, die genialsten Lösungen, die schönsten Sätze in den Kopf.

Sich aber bewusst Zeit für Muße zu nehmen, ist schwierig, denn der Alltag stört und beeinflusst. Und daher ist es auch kaum möglich, rigoros den Stecker zu ziehen und zack – wirst du kreativ. Oft sind wir noch zu sehr fixiert auf ausschließlich geordnete und hilfreiche Gedanken, sodass wir erste Ansätze von "Kram-Gedanken" sofort hinterfragen und negativ als "Blödsinn" und mit "klingt das dumm" bewerten.

Die Einfälle, die in den Kopf kommen sind flüchtig, aber durchaus wichtig. Und vielleicht tiefgründiger als vorerst vermutet, denn es sind persönliche Gedanken. Sie können Wahrheiten aufzeigen, durch die du unzensiert ehrlich zu dir selber wirst. Du fokussierst dich mehr auf ganz simple, grundlegende Dinge im Leben, die so sehr als selbstverständlich gelten, dass du sie neu entdecken musst, um sie zu schätzen und so "setzt[… du dich]/ in den schnee / und [siehst] der zarten pflanze / beim wachsen [… und] den sternen beim verglühen zu". Mit Geduld und Liebe zum Detail kannst du den "platz der entdeckung der langsamkeit" finden, "staubpulver glitzern sehen und staubkörner knistern hören und staubflockenschnee begreifen".

Wir gratulieren den Gewinnern im Januar und danken euch allen für eure Einsendungen!

Die Monatsgewinner im Januar 2016:

o . T.

Krame in Erinnerungen
wie in einem alten Koffer
ich war immer ehrlich zu dir
sogar als ich mich selbst belog

denke Gedanken 
wie andere an Wände malen
aus Langeweile und 
zum Zeitvertreib

dies und das und jenes
hier und dort und tralala
ich habe dich niemals geliebt

entweder man kann die Welt in 
2 Worte zusammenfassen oder
gar nicht

Patricia Machmutoff, Jahrgang 1996

barfuß
der erste schnee
und die nacht wurd kalt
da begab ich mich
zu einem stein
er lag
allein
im weißen kleid
im weißen schaum
und dachte sich nichts dabei
ich legte auf ihn nieder
ein korn
nein
zwei
zum wärmen im gefrorenen nass
und ich wässerte sie
mit einem schlückchen
zwei
drei
und es wurd hell
und wieder dunkel
und ich begab mich zu meinem kleinen garten
und sah einen spross
den stein zerstoßen
so setzte ich mich
in den schnee
und sah der zarten pflanze
beim wachsen zu
der baum
wurd größer
und größer
und verschluckte den stein
aus dem er einst gewachsen 
und als seine krone
die wolken durchbrach
kletterte ich hinauf
und ließ mich im weichen laub nieder
meine nackten füße
baumelten
in der luft
ich grüßte den mond
und sah den sternen beim verglühen zu

Luna Martens, Jahrgang 2000

zer-
streuung

staubpulver glitzern sehen
zu anderer zeit womöglich, jetzt
ist nur schmutz auf dem bildschirm
brummender computer, schweigendes ich
fahles licht gähnt aus meiner schreibtischlampe
augen starren aus dem schwarzen bildschirmschoner
wässrig suchen sie tränenlos in ellipsen kreisend gar nichts
ich will moleküle befragen die in ihrer summe meine gefühle ergeben
salzige wortwellen fließend das leere dokument hinter dem vorhang füllen lassen
wieder staubpulver glitzern sehen und staubkörner knistern hören und staubflockenschnee begreifen

Aaron Schmidt-Riese, Jahrgang 1995

platz der entdeckung der langsamkeit

flüstert er weil er
retriever
fürchtet und selber einer
ist
vom chinesischen horoskop

nonexistent fast
ist
innenleben faultiers
nach freuds definition
wie symbiotische fellalgen
im fell im mikroskop

wenn schizophrene träumen
sie
normal oder
sehen exstatisch
in eine
art
kaleidoskop

veilchen sind
schön doch wenn du sie auf
sexuelle art liebst
(schaust bei
stiefmütterchen
zuerst auf arsch oder titten? ich arsch)
hasst man
dicht
wieder bruder d(u) + ich(t)
(erklärung: buchstabenspiel)
integration wie hartz4nazi oder aids milf auf crack
integration hat versagt
darf man das formulieren
überhaupt
so
(tv total - chris tall nacht)
kaminer zwar gegenbeispiel
dieser hälftemann vor mir im
spiegel jedoch
fürbeispiel genug


inkohärente
kramgedanken wie
teppichwanzen saugen
mich in ein
(mit 5
war ich mir sicher)
nimmerendliches
giftmeer nahe
kerguelen
max demian
an lachgas erstickend
konditionierte mich
sie treiben
zu lassen
als wärens
tüten aus plastik
im dreieck bermuda

Vladimir Shadrin, Jahrgang 1996

C’est la vie

[Stille drückt wie ein schweres Tuch]
Blödsinn. Ritsch.
Der erste Zettel fliegt.
[Schneewittchenpapier
unschuldig und unberührt.]
Klingt das dumm. Ritsch.
Der zweite Zettel fliegt.
[Drei Schritte la]
Verschrieben. Ritsch.
Der dritte Zettel fliegt.

Nervöses Fingerklopfen.
Haare raufen.
Augen rollen.
Stöhnen.

Linke Tür, oberstes Regal
 Mmhh...gar nicht schlecht.

Klopf! Klopf!

Ritsch.
Das war der Geduldsfaden.

WANTED!
Mein Gedanken von vor zwei Sekunden
Wenn´s weg ist, war´s nicht wichtig, sagt sie.
Na, schön wär´s.

Poeten würden sagen:
sie hat...
gefeilt wie Mädchen ihre Fingernägel
investiert wie ein Spekulant
geschwitzt wie ein Sportler
gearbeitet wie ein Wissenschaftler

und jetzt?

Klopf! Klopf!

Verdammt nochmal!
Trampelt den gerade die ganze Welt
durch mein Zimmer
während ich versuche
mich zu erinnern
einen klaren Gedanken zu fassen.

Kommst du zum Essen?

Das wird dann heute nix,
mit dem hochpoetischen Gedicht.

Rebekka Stahlhut, Jahrgang 1999

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