Montag, 18.12.2017
StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im Juli 201429.08.2014

Die »lyrix«-Gewinner im Juli 2014

Im Juli haben wir nach euren Erfahrungen mit dem Thema "Zufall" gefragt? Glaubt ihr an ihn oder denkt ihr, alles ist vorherbestimmt?

Würfelspiel (Stock.XCHNG / Gabriel Doyle)
Würfelspiel (Stock.XCHNG / Gabriel Doyle)

Im Juli wurde >>lyrix<< dem "Zufall" überlassen - zumindest thematisch.

Die entstandenen Texte, inspiriert von einer Klecksografie des Künstlers Justinus Kerner und zwei Gedichten von Dagmar Kraus, betrachten das Thema "Zufall" aus sehr verschiedenen Blickwinkeln. Gemeinsam haben die Einsendungen alle eins: Die gedankliche Verknüpfung mit dem Motiv des Schicksals und die Frage nach dem WARUM. Ist alles Zufall oder gibt es eine Vorbestimmung, eine höhere Macht, die uns jegliche Art der Selbstbestimmung entreisst. Und wenn ja, ist dieses Unabwendbare dann gut oder schlecht? Kann man dem Zufall entgegenwirken oder ihn nur in Frage stellen? Oder sollte man sich ihm gar hingeben? Fragen über Fragen, die in euren Gedichten nicht nur aufgeworfen, sondern teilweise auch beantwortet werden.

 Hier kommen die Beiträge unserer Monatsgewinner:

 

Schicksal

Zugefallene Träume,
zu zerfallene Zweifel,
anzufallende Wünsche
schlummern in der Luft.
Glück.

Tausend Orte, tausend Wege,
in die ich meine Hoffnung lege.
Mein Würfel habe keine Seiten,
habe keine trivialen dummen Zahlen,
sei gar schwerelos und falle nie.
Endlos.

Er trage in sich nur den einen Namen,
deinen Namen nur und dein Gesicht.
Er sei der Sprung der Uhr – Ursprung
Der Zeit, des Glücks, der Freude,
der Freiheit, der Liebe.
Schicksal.

(Christopher Gerling aus Hersdorf, Regino-Gymnasium Prüm, Jahrgang 1996)

 

 

Ein zufällig entstandenes Gedicht

Warum hab´ ich gerade heute
Lust gehabt aufs freie Dichten?
Schließlich locken and´re Texte,
Drama, Comics, Kurzgeschichten...

Und weshalb bin ich das Mädchen,
dessen Stift die Worte schreibt?
Wieso geht Hans gern nach draußen,
während Max zuhause bleibt?

Meine Brieffreundin aus Bremen
kenne ich erst seit drei Jahren,
denn wir waren in dieselbe
Jugendherberge gefahren.

Und beinah´ anderthalb Jahre
h
aben wir uns nicht geschrieben.
Plötzlich fragt´ ich mich: Wo ist
Lillis Adresse abgeblieben?

Morgens brachte ich den Brief an
sie zur Post und ging nach Haus´.
Abends fischt´ ich aus dem Postfach
einen Brief an mich heraus.

Von wem er war, könnt ihr erraten,
war es Zufall, oder nicht?
Vielleicht ist ja alles Zufall,
Leben, Wetter, das Gedicht.

Zufall ist ein Wort, das sagt ihr,
weil ihr es nicht besser wisst,

auf ,,warum“ gibt’s nur die Antwort:

Weil das Leben halt so ist!

(Katinka Kultscher aus Hamburg, Helene-Lange-Gymnasium, Jahrgang 1999)

 

 

eins zu einhundertvierzigmillionen

und heute
trifft es
eben
dich

die lottofee
putzt ihre flügel
vor laufenden
kameras

ein insekt
das sich von
willkür
nährt

sechs richtige
aber wo ist
der schein
und warum

ausgerechnet
du

(Ansgar Riedißer aus Renningen, Gymnasium Renningen, Jahrgang 1998)

 

 

wenn dein körper ruhig
im atemrythmus pulsiert

wühle ich mich daneben auf
kräusle mich in deine haare
krieche unter die decke
öffne deine handflächen
will ertasten erfühlen
ob sie mich morgen
berühren wie heute
ob wir uns dann noch
vier augen schenken
oder eins sich schon
verliert ich streiche
deine falten entlang
deine linien weiter
und finde nur
würfel

(Benita Salomon aus Schriesheim, Jahrgang 1993)

 

 

wenn mir der zufall zufällt

früher
hatte ich angst,
dass ausgerechnet mir
der zufall zufällt.
angst, dass das schicksal mächtiger ist
als selbstbestimmung.
früher
hatte ich angst,
nach ständigem hin und her
und auf- und abwägen
doch keine entscheidung zu treffen
und eine münze zu werfen.
ich hatte angst vor dem ja und angst vor dem nein und
angst vor einer entscheidung, die aus
zufall
gefällt wurde. ich wollte
einen würfel nur mit sechsern entwerfen und
die lotterie des lebens überlisten, ich wollte
fortuna
auf meine seite ziehen, damit
ich nicht des zufalls wegen fiel, ich wollte
vor einer reise zwanzig versicherungen abschließen und
nach einem plan tausend risiken abwägen, ich wollte
vor potenziell aus dem obergeschoss fallenden blumentöpfen und
vor bananenschalen auf den pflastersteinen
gewarnt sein. ich habe die wettervorhersage zwanzig tage im voraus
auswendig gelernt und
den busfahrplan in mein gedächtnis eingebrannt, ich habe
die unternehmungen meiner freunde überwacht, denn so konnte ich sagen:
heey, was für kein zufall, dass wir uns hier sehen, denn ich wusste, du würdest kommen.

früher
habe ich alles versucht, um der willkür des schicksals zu entgehen.
und doch -
irgendwann -
habe ich gemerkt, dass ich übertreibe. gemerkt,
dass tyche niemals schläft, dass
der wetterfrosch auch nur ein tier
und dass irren menschlich ist.
irgendwann habe ich gemerkt,
dass man das leben doch nicht
hundert jahre im voraus planen kann
und die fügungen des schicksals auch positiv sein können.
und heute
heute
habe ich keine angst,
dass mir der zufall zufällt.
heute freue ich mich, unvorhergesehen freunde zu treffen und
entscheidungen in dem moment zu fällen, in dem ich die münze werfe.
heute
ne
hme ich mein leben in die hand und
wenn das leben doch aus zufall besteht, dann
nehme ich eben den zufall in die hand.
zwar
kann mir heute immer noch ein blumentopf auf den kopf fallen.
aber ich habe keine angst mehr, sondern
überliste den zufall,
indem ich für den fall der fälle
immer einen helm trage.

(Jing Wu aus Dortmund, Abitur, Jahrgang 1995)

 

 

Und hier ein Beitrag "außer Konkurrenz":

(Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Leitmotivrundengewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den besten sein, wird es "außer Konkurrenz" veröffentlicht.)

 

Zufall?!?

Die Wahrscheinlichkeit,
dass es ein Universum gibt,
in der es eine Erde gibt, so wie diese,
auf der Menschen leben,
so wie du,
die ist sehr klein.
Die Wahrscheinlichkeit dafür,
dass es dich gibt,
die ist so gut wie null.
Aber es gibt dich trotzdem.
Und es gibt nicht nur dich,
sondern auch mich
und ein paar Milliarden andere,
deren Existenz
von der Wahrscheinlichkeit her betrachtet
so unwahrscheinlich ist,
dass sie eigentlich unmöglich ist.
Aber es gibt sie trotzdem.
Ist das jetzt ein Zufall oder Absicht?
Unsere Existenz und alles andere,
ein Fehler im System, eine Verkettung von Zufällen
oder ein Verweis auf eine höhere Wahrheit?
Ist es nicht viel zu unwahrscheinlich,
dass all dieses Unwahrscheinliche existiert?
Ist es nicht viel zu komplex und doch zu geordnet
zu mathematisch, zu gut und zu schön,
um bloß ein Zufall zu sein?
Geht es darum, dass wir kein Zufall sein wollen?
Geht es darum, dass es schöner wäre,
wenn wir existieren, weil eine höhere Macht das will,
als nur, um das Gesetz der Großen Zahl zu erfüllen?
Ich weiß nicht, ob der Alte würfelt.
Aber es ist mir eigentlich auch nicht so wichtig,
warum es mich gibt, trotz der Wahrscheinlichkeit,
die dagegen spricht.
Hauptsache, es gibt mich.

(Magdalena Wejwer aus Umkirch, Wentzinger Gymnasium, Jahrgang 1997)

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