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StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im Juni 201513.07.2015

Die »lyrix«-Gewinner im Juni 2015

Im Juni habt ihr euch mit „Gefangenschaft – Isolation – Zersetzung“ beschäftigt. Die Zelle 117 in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen sowie die Gedichte „Das Schlimme“ und „Ich lebe, aber“ des damals inhaftierten Jürgen Fuchs gaben euch Anregungen für eure Einsendungen.

Zellentrakt im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen, heute eine Gedenkstätte. (dpa / picture alliance / KUVARYHMÄ / Niclas Makela)
Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (dpa / picture alliance / KUVARYHMÄ / Niclas Makela)

"Gefangenschaft", "Isolation", "Zersetzung" – einzeln oder in Verbindung erlauben diese Begriffe ein weites Feld der Interpretation. So kamen auch von euch ganz unterschiedliche Einsendungen. Ob es nun die gesellschaftliche Isolation "abgekapselt", "abgeschirmt", "gemeinsam und einsam", Isolation in Form von Sucht oder Chancenlosigkeit oder die Überforderung mit dem individuellen Lebensweg ist – eure Gedichte öffnen Abgründe in Gesellschaft und eigener Identität.
Was bringt diese Einengung, das Gefangensein, die Angst und Hoffnungslosigkeit mit sich? Wenn man "nicht mehr weiß, / ob es Nacht oder Tag" ist?
Die Perspektivlosigkeit führt zur vollständigen Zermürbung der eigenen Persönlichkeit. Wenn der Mensch am Ende seiner Kräfte ist – gefangen, isoliert, zersetzt –, bleibt nur ein "Ende ohne Sinn", "Dass ich manchmal schreie und weine, / dass ich mir meine Arme aufkratze. / Dass ich bluten will / bis ich in meinem Blut ertrinke".

Wir gratulieren den Gewinnern im Juni und bedanken uns bei allen für ihre Einsendungen!

Die Monatsgewinner im Juni 2015:

Dass ich Apfelsaft mag

Ich wollte dir nur sagen,
dass ich Spiegeleier mag
und Apfelsaft – naturtrüb.
Und dass ich manchmal nachts aufgestanden bin
und dann auf dem Dachboden
Mamas alte Kisten durchsucht habe
nach irgendetwas, das
noch nicht kaputt war.
Ich wollte dir noch sagen,
dass ich es schön fand wie
wir beide ganz weit raus fuhren aufs Land,
wo keiner mehr wohnen will
wegen der Atomkraftwerke.
Wie wir in der Sonne saßen
und die Wolkenberge durchsuchten
nach irgendetwas, das
nicht vorbeiziehen wird.
Ich wollte dir noch sagen,
dass ich noch oft an diese Tage denke,
an denen wir versuchten,
so tief auf den Boden des Teichs zu tauchen,
dass wir unsere Hände im Schlamm vergraben konnten.
Wie wir die feuchte Erde untersuchten
nach irgendetwas, das
noch nicht verwest war.
Ich wollte dir noch sagen,
dass die Wände hier sehr grau sind,
grauer noch als dein Strickpullover.
Und dass ich manchmal nachts aufstehe,
weil das Licht an ist.
Dass ich nicht mehr weiß,
ob es Nacht oder Tag ist
und einsam bin,
dass niemand mit mir spricht.
Dass ich manchmal schreie und weine,
dass ich mir meine Arme aufkratze.
Dass ich bluten will
bis ich in meinem eigenen Blut ertrinke.
Ich wollte dir nur sagen,
dass ich dein Grab besuchen werde
wenn ich frei bin, auf der Suche
nach irgendetwas, das
von uns geblieben ist.

Victoria Helene Bergemann, Jahrgang 1997

 

mousefalle

Im Zimmer
ein Rechner
immer online
die Welt steht offen
der Horizont ist weit
Erlebnisse frei Haus!

Viele Stunden
gefesselt am Stuhl
starrer Blick
kaum einen Meter weit
kleiner Spielraum
nur das Klicken des Fingers...

Tausend Freunde
in meiner Liste
viele chats
unbekannte Spielpartner
aber mein Leben
einsam und leer.

Im Zimmer
ein Rechner
immer online
niemals real
mein Horizont
nur virtuell

16 : 9

Tom Bussemas, Jahrgang 2002

 

Ende ohne Sinn

Gefangen
Gedanken
Isolation

Mauern
Schranken
Hallender Ton

Sein um Sein
Stein um Stein
Gefangen
Will nicht sein
Will heim

Gitter, Mauern mich begrenzen
Druck von außen stark
Seelendruck durch weißen Kalk
Zerstörung Tag für Tag

Und habt ihr mich gebrochen
Klein und schwach hier drin
Seelenheil zerronnen
Isolation- mein Ende ohne Sinn

Patricia Haas, Jahrgang 1997

 

Lea
fahle sonnenstrahlen werfen schatten
von maschendrahtzaun
auf den verlassenen boden
unweit der grauen fassaden
die zu häusern aufragend
an geteerten straßen lehnen
die von draußen kommen
wo "mauer" steht und "kein gefängnis"
auf heruntergekommenen schildern in weiß
was aber sagen die vorsichtigen blicke
von menschen in der fremde
die frieden suchten
aber ungewissheit fanden
an einem ort
den sie nicht verlassen dürfen
von sicherheitskräften umringt
die ihre sprache nicht sprechen
alleingelassen in einer isolierten welt
Freiheit?

Kathrin Moll, Jahrgang 1996

 

o.T.

gemeinsam
sitzen wir
im waggon
der u-bahn
es spielt andere musik in
jedem kopf
hörer
es leuchten andere farben auf
jedem bild
schirm
alle kommunizieren aber
nicht miteinander
jeder mit einer anderen
freundin aber
nicht hier
die wohnt doch in amerika
let's keep in touch
on the screen
talk face to face
book
abgekapselt
nicke ich mit dem kopf
im rhythmus meiner musik
abgeschirmt
schreibe ich gefällt mir
unter ein bild von emely
ich höre die schreie nicht
ich sehe nicht was um mich geschieht
gemein und einsam
sitzen wir
abgekoppelt
im waggon
der u-bahn
endstation
gesellschaftliche isolation.

Aaron Schmidt-Riese, Jahrgang 1995

 

Und hier zwei Beiträge "außer Konkurrenz":
(Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Leitmotivrundengewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den besten sein, wird es "außer Konkurrenz" veröffentlicht.)

Mundtot

Es war einmal das Wort,
vergebend
belebend
die Freiheit erstrebend,
schnelle Zungen
große Ohren
ein jeder zum Sprechenden erkoren,
die Stille hat niemand beim Namen genannt,
bevor man den Worten die Lippen verband.

Die Silben
sie wurden in Ketten gelegt
und fixe Ideen beiseite gefegt,
dem Redenden hat man den Knebel verpasst
das drückende Nichts nur ins Auge gefasst,
sie schlugen die Türen
die Riegel sind dicht,
und nach einer Meinung
da fragen sie nicht,
die lieben Gedanken
sie schlossen sie fort,
es war einst vor ewigen Zeiten
das Wort.

Julia Fourate, Jahrgang 1994

 

Tausend Möglichkeiten

Mein Leben ist eine Flucht
Ich fliehe ohne zu schauen wohin
Ich fliehe ohne zu schauen wovor
Ich fliehe einfach
Immer weg bloß weg
Ich fliehe
überrenne Kreuzungen
winde mich durch Sackgassen
Immer weg bloß weg
Ich fliehe vor der Verantwortung
Die ich übernehmen sollte
Vor dem Leben
Auf das ich gar nicht vorbereitet bin
Ich fliehe vor den tausend Möglichkeiten
Aus denen ich mir blindlings eine auswähle
Natürlich die Einfachste
Immer weg bloß weg
Ich fliehe
Und merke nicht, dass ich hätte abbiegen können
Ich suche den Sinn des Lebens
In dem Labyrinth aus Möglichkeiten
Suche das Ende meines Weges
Versuche ihn vorauszuahnen
Aber alles verschwimmt
Weil ich fliehe
Die Zeit rennt mit mir
Kindergarten vorbei
Schule geschafft
Was wird wohl kommen???
Ich habe keine Zeit darüber nachzudenken
Zeit darüber nachzudenken was ich will
Zeit darüber nachzudenken wer ich bin
Ich will nicht fliehen vor dem Leben
Doch wenn ich nicht laufe
Rennt es an mir vorbei
Ich möchte
Tausend Möglichkeiten leben
Und kann doch nur ich sein
Ich möchte alles und bekomme nichts
Und egal wie schnell ich laufe
Ich bleibe einsam eingesperrt
In meiner Möglichkeit

Mareen Kraft, Jahrgang 1998

 

 

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