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StartseiteLyrixDie lyrix-Gewinner im März 201023.04.2010

Die lyrix-Gewinner im März 2010

Im März haben wir euch um Gedichte zum Thema "Zweifel" gebeten.

Ratlosigkeit (Stock.XCHNG / Andy Stafiniak)
Ratlosigkeit (Stock.XCHNG / Andy Stafiniak)

Als Inspirationsquelle stand euch "Das fragwürdige Gedicht" von Detlev Meyer zur Verfügung. Wie Detlev Meyer haben auch viele von euch in ihren Gedichten Zweifel an einer Liebe geäußert. Einige von euch zweifelten an der Existenz eines Gottes oder an einem Weg, den sie eingeschlagen hatten. Andere wiederum haben in ihren Gedichten den Zweifel selbst zum Thema gemacht, seine Macht und seinen Einfluss auf den Menschen beschrieben.

Im April lautet unser Leitmotiv: Kinderfragen

Hier folgen nun wie immer die lyrix-Monatsgedichte und die Namen der Gewinnerinnen und Gewinner aus dem In- und Ausland.

Vielen Dank für eure Einsendungen und herzlichen Glückwunsch!


zweifelhaft

Kannst du mir sagen
Welchen Weg ich geh‘n soll?
Kein Mensch ist da, mir meinen Weg zu weisen
Kein Schild an dieser Kreuzung, niemand da
Der weiß, wohin das Leben weiter geht

Kannst du mir sagen
Wo ich heute stehe?
Ich weiß nicht, wer ich bin noch was mich treibt
Bin ich die, die ich euch nach außen zeige?
Wer weiß, was tief in mir verborgen ist?

Kannst du mir sagen,
Wo der Sinn verborgen?
Was tu‘ ich selbst, was tut die Welt mit mir?
Wie soll ich meinen Willen unterscheiden?
Sag‘, gibt es jemanden, der das versteht?

Kannst du mir sagen
Wer mich lehren kann?
Mir zeigen, meine Wege zu erkennen
Es scheint, als ob nur einer mich begleitet
Der Zweifel, der voll Hunger in mir frisst


(Nora Heilke aus Neunkirchen, Deutschland, Nikolaus-Kistner-Gymnasium Mosbach, Jahrgangsstufe 12, Muttersprache: deutsch)


Wohin

Wohin kann ich gehen,
wenn Weg und Weg sich scheiden?
Welch` Pfad ist wohl der richtige
und welchen sollt` ich meiden?

Zerissen, zwischen Stühlen sitzend,
wartend, dass etwas geschieht.
Doch keiner da, der mich erlöst
und auf die richt`ge Seite zieht.

Nein! Muss allein entscheiden lernen,
doch Zweifel nimmt die Überhand-
den einen Weg rät mir das Herz,
den anderen rät der Verstand.

Pro und Contra, für und wieder
weiß schon nicht mehr wo ich bin.
So steh ich hier, an dieser Kreuzung
und frage mich erneut ...wohin?


(Julia Große aus Stendal, Deutschland, Winckelmann-Gymnasium Stendal, Jahrgangsstufe 10, Muttersprache: deutsch)


Spiegelblickerzeiten

wahre schönheit kommt aus dem fernseher
sagst du und wer ist eigentlich noch gut genug?
wem sind noch die tragweiten des handelns bewusst?

gutes wird nur noch aus schlechtem gewissen getan das eine kleine nische im unterbewusstsein einnimmt der ein oder andere kragen platzt mal – leise – doch die revolution bleibt aus du siehst dich im spiegel und du siehst dich schon in den kleidern aus dem nachdröhnenden werbespot

die ungestillten münder der welt werden mit abgedroschenen phrasen abgespeist das leid in abstrakte formeln gepackt die niemanden mehr aufwühlen können

vor dem spiegel ist nun zeit zum zweifeln – wie lange halten noch die nähte unserer weißen westen?


(Jonas Kohnen aus Ludwigshafen, Deutschland, Heinrich-Böll-Gymnasium Ludwigshafen, Jahrgangsstufe 11, Muttersprache: deutsch)


Geisterhände

Wie mit Geisterhänden führen
Mich die Nächte heim zu Dir,
Wo sich zarte Bande schnüren,
Denn im Traum erscheinst Du mir.

Unter unzähligen Küssen
Geben sich die Herzen hin,
Die nun nicht mehr frieren müssen,
Meine Ätherkönigin!

Doch im ersten Morgenglühen
Lösen sich die Bilder auf
Und die Ahnungen verblühen
Schon im Sonnenfeuerlauf.

Ist es wirklich unsre Zukunft, welche meine Nacht umsäumt,
Oder bleiben deine Küsse immerwährend nur erträumt?


(Kai Gutacker aus Niddatal, Deutschland, Sankt-Lioba-Schule, Jahrgangsstufe 13, Muttersprache: deutsch)


Lieber Gott,

wenn es dich gibt,
warum sterben täglich tausende Kinder?
Siehst du ihre Tränen nicht?

Wenn du uns beschützt,
warum raubt ein Sturm, ein Erdbeben
in einer Sekunde
das Leben tausender Unschuldiger?
Kümmert dich diese
gnadenlose Sinnlosigkeit nicht?

Wenn du unsere Bitten erhörst,
warum gibt es so viele Vorurteile
gegenüber anderen Hautfarben,
Religionen und Meinungen?
Noch so große Unterschiede
zwischen Frauen und Männern,
Arm und Reich?
Sag mal,
spürst du den Hass
und diese Ungerechtigkeit nicht?

Wenn du uns erhörst,
warum leiden Millionen von Menschen
an Hunger, Kälte und Krankheit?
Warum gibt es soviel Kummer und Schmerz,
so viel Not in der Welt?
Bist du taub für unsere Bitten?

Lieber Gott,
wenn es dich gibt,
vielleicht würdest du mir antworten:

Mein Kind,
es tut mir Leid.
Doch sag; seid ihr Menschen
oder Marionetten?


(Larissa Hieber aus Schwäbisch Gmünd, Deutschland, Hans-Baldung-Gymnasium, Jahrgangsstufe 10, Muttersprache: deutsch)


Was mache ich?

Und jetzt?
Was kann ich machen?
Muss ich es sein,
oder kannst du es für mich werden?

Bist du es?
Bitte sag, dass du es bist,
den ich bis jetzt gesucht habe!
Und wenn du es nicht bist,
wer kann es sein?

Könnte es ein Prinz sein,
oder muss es ein echter Mann sein?
Gibt es überhaupt einen Prinz,
der nach einer Prinzessin sucht?
Gibt es die Magie wirklich,
oder muss es nur die Wirklichkeit geben?

Ich sehe immer diesen Traumprinz vor mir,
aber verzweifelt wache ich auf
und er ist nicht mehr da!

Und jetzt?
Was soll ich machen,
wenn ich dich nicht finde?


(Isabella von Wallwitz aus São Paulo, Brasilien, Colégio Visconde de Porto Seguro, Jahrgangsstufe 6, Muttersprache: portugiesisch)


Zweifel

Viele Leute in der ganzen Welt,
was kann man machen,
zweifeln heute an vielen Sachen.

Sie Zweifeln an ihren Freunden,
sie vertrauen niemandem,
keinem können sie mehr vergeben,
wofür sollen sie dann noch leben?

Zweifler und Zweiflerinnen
sind überall
das Glück und die Hoffnung
verschwinden aber aus dem All.

Mit dem Zweifeln kommt die Trauer
und die Fassunglosigskeit
Wo findet der Mensch dann noch
Glück und Freiheit?

Wir schwimmen im großen Fluss des Zweifelns
doch soll das Leben an uns vorbeifließen?

Am Ende zweifeln Leute an sich
und das ist die größte Tragödie,
glaube ich,
weil das das Zeichen ist,
dass du besiegt bist,
dass das Zweifeln gewonnen hat,
dass der Kampf mit dem Leben sich nicht gelohnt hat.

Dürfen wir zulassen
am Ende von der Kraft des Zweifelns
wirklich besiegt zu werden?!


(Kenan Beganovic aus Zenica, Bosnien und Herzegowina, Allgemeines Gymnasium Zenica, Jahrganggstufe III-6, Muttersprache: bosnisch)


Kleine Wunder reichen nicht?

Der Tag beginnt
mit Vogelgesang,
Sonnenschein und
goldenem Licht.

Doch dann verlieren
wir diese, aber wie?

Das goldene Licht
wird langsam
nur hell, wieso
können wir das
Moment nicht
länger halten?

Die Sonne geht
ihren ewigen Weg,
doch sie bedeckt
sich mit den Wolken,
ist es ihr zu kalt?
Will sie noch länger
schlafen, nachdem
sie uns geweckt hatte?

Die Vögelchen fliehen
vor Lärm, und die
Armen verstecken sich
im Gebüsch, und
warten stumm bis die
Ruhe wieder kommt.

Aber kommt die Ruhe?
Kann die Welt mal
abschalten und
bewundern wie ein
kleiner, brauner Spatz
in der Pfütze Bad nimmt?

Kleine Wunder reichen nicht?
Warum sucht der Mensch
immer das Unerreichbare?

Wird es denn ewig so sein?


(Katalin Élo aus Gyor, Ungarn, Révai Miklós Gimnázium és Kollégium, Jahrgangsstufe 12, Muttersprache: ungarisch)


Zweifel

In Zweifel gerate,
da die Verzweiflung die Unverfänglichkeit
des Menschen abspiegelt.

In Zweifel gerate,
wenn ich mich selber
betrügen vermag,
und mir es selbst einrede,
jene Lage ausweglos sei.

In Zweifel gerate,
mein Ganzes
an den Tag legend,
meine Maske fallen lasse.

In Zweifel gerate,
weil ein Mensch
kein Gott ist.

Nur Gott
zweifelt nicht.
Wird einmal zweifeln,
zum ersten und letzten,
zur Apokalypsezeit.


(Maciej Kwiatkowski aus Radom, Polen, PG 10 Radom, Jahrgangsstufe 8, Muttersprache: polnisch)


Hab ich wirklich den richtigen Weg gewählt?

für Dich

Ich lese die leeren Blätter,
die deine Briefe sein könnten.
Zwei Monde
in einem Himmel,
in einer Welt.
Aber warum
bedeuten sie mehr als abwesende Wörter?
Hab’ ich wirklich
den richtigen Weg gewählt?

Ich blättere die Geschichten in deinem Tagebuch,
die dein Leben sein müssten.
Die Kruste
bedeckt und tötet
deinen Held.
Aber warum
flieht er noch von der Rüste?
Hab’ ich wirklich
den richtigen Weg gewählt?

Ich nehme die fahlen Fotos,
die ein Tropfen deines Glücks sein wollten.
Sie lohten.
Verbrannten, als Tau
auf’m freien Feld.
Aber warum
vergessen sie nicht ihre vergangene Folter?
Hab’ ich wirklich
den richtigen Weg gewählt?


(Valentyna Bilokrynytska aus Tscherkassy, Ukraine, Cherkaska Himnazija Nr. 31, Jahrgangsstufe 10, Muttersprache: ukrainisch)

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