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StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im März 201428.04.2014

Die »lyrix«-Gewinner im März 2014

Johann Sebastian Bach (picture alliance / dpa / 91050/United_Archives/ TopFoto)
Johann Sebastian Bach (picture alliance / dpa / 91050/United_Archives/ TopFoto)

Im März gastierte »lyrix« im Bach-Museum Leipzig. Inspirationsquellen zum Thema "Ruhm" waren ein historischer Orgelspieltisch und Ulrike Almut Sandigs Gedicht "Lied".

Wie kurzlebig Ruhm heutzutage sein kann und wie doch alle Welt nach Ruhm strebt - das zeigen viele der Gedichte, die ihr uns im März geschickt habt. Ein Aspekt, den einige von euch beleuchtet haben: Insbesondere in der digitalen Welt streben immer mehr Menschen nach Berühmtheit und möchten auffallen, manche um jeden Preis. Aber auch der stille, leise Ruhm kommt in euren Texten vor: Wie kann man mit seinem Tun und Handeln die Menschen in seiner persönlichen Umgebung bewegen, wie verewigt man sich in der Gedankenwelt seiner Freunde und Familie?

Vielen Dank für Eure engagierten und bewegenden Texte zum Thema "Ruhm". Hier kommen die fünf Gedichte, die unsere Jury am meisten überzeigt haben.

 

#super #welt #geil

die größten köpfe my-ner generation
blähen wie montgolfiere
über den köpfen von ahnungslosen
zerplatzen sie im ALLeingang
PENG! KRACK! POP!
kultur unverschlüsselt übertragen
durch die klebrigen weben des webs
WhatsApp? fragt der Buschfunk
das wird von vögelchen getwittert
in weniger als 80 tagen um die welt
verbindet eine YouTube jede pinnwand
x-press klick hashtag klick KNACK!
die 100 millionen marke
zum preis? tauchengehen im mainstream
das ziel: noch 1 milliarde
klick hashtag klick Ungefähr
3.500.000.000 Ergebnisse (0.15 Sekunden)

wie sie waren
wie sie sind
wie
wir sie haben wollen
also sprach jesus christus
über die digitaldementen
ich versteh euch nicht!
newtons apfel fiel nicht weit vom stamm
ehe ein mann namens jobs ihn anbiss
selbst wenn ein wurm drin war
schlägt das imperium zurück
wenn es sein oder nicht sein muss
stolpert freud über einstein
auf die couch hashtag wreckingball
in den tempel des todes hashtag ford
um gemeinsam den bach runterzugehen
mit kleinen Schritten für einen Menschen
aber riesigen Sprüngen für die Menschheit

(Philippe Bürgin aus Weil am Rhein, Mathilde-Planck-Schule Lörrach, Jahrgang 1994)

 

 

o.T.

Las heute über einige Personen
die Großes vollbracht,
die Schweres geschafft,
die Zeichen gesetzt,
die gekämpft und geopfert,
vielleicht auch gelitten,
der Gesellschaft gedient,
Geschichte geschrieben

und das alles aus
Zufall, aus
Schicksal, aus
Überzeugung
getan haben.

Staunte und las und las – allein –
am Abend saß
und kein Gesicht
und keine Tat,
kein Datum
und kein Name
wollte mir einfallen.

Ging morgens über hellgrauen Asphalt
(es war kalt)
und wie ich ging, gedankenblind,
ruft es und schreit und
taub war ich nicht – blieb stehn,
ein Kind
ein Mädchen war's, mit blondem Haar
läuft her zu mir
und kniet.

Und aus hoher Perspektive
seh ich Kinderhände
auf hellgrauem Asphalt
(ohne Handschuh – obgleich kalt!)
behutsam eine Schnecke heben.
Ihr Haus war gelb und sehr
bewegt.

Die Schnecke lebt
wohl heute noch.
Das Kinderlachen gab mir Antwort auf die Frage,
wer wohl der Held des Tages sei?

(Felicitas Fritzsche aus Merzhausen, Waldorfschule St. Georgen, Jahrgang 1994)

 

 

Leben?

Sterbe ich
werde ich
leben.
Lebe ich
werde ich
ewig sterben.
Wer denkt an das
was kommt?
Was werden will?
Was wollen kann?
Wer sieht was ist?
Es sieht wer weiß
doch weiß ich?
Sterbe ich
lebt  Erinnerung.
Lebe ich verblasst sie
mehr und mehr
hinterlässt nichts
weder Schatten
noch Rauch.
Lebt das Ich
das hier und jetzt
bleibt die
Bewunderung
bestehen
für heute und
für alle Zeit.
Lebe ich
werde ich
sterben
doch sterbe ich
werde ich
ewig leben.

(Annabelle Kahmann aus Wuppertal, Gymnasium am Kothen, Jahrgang 1997)

 

 

zeitarbeit

upload. video. vergangene sekunden zählen
eins, zwei, drei: like it! höre auf
zu zählen. millionen.
internetstar – von heute auf morgen
berühmt im netz. die zeit
läuft weiter ins unendliche. mit uns
wie lange? STOP
liegengeblieben wie ein altes auto
name – kenn‘ ich nicht –
herausstechen. kann jeder.
ein held sein bedeutet
bewundert, begeisternd, berührend
zu sein. für immer
im kopf von
ihnen. euch. dir. mir.
im herzen – von heute und morgen
download. ruhm. vergehende sekunden zählen

(Kathrin Moll aus Altdorf, Gymnasium Neckartenzlingen, Jahrgang 1996)

 

 

Was bleibt.

Jeder will bleiben.
Keiner kann bleiben.
Der Tod macht uns einen Strich durch die Rechnung
und doch der Wunsch:
Leben über den Tod hinaus.
Bekannt sein, Berühmt sein,
dann unsterblich obwohl längst gestorben.

Verewigt in Marmor und Ton
in Granit und Gold
und ein kleines Messingschild
erinnert an deine Existenz.

Ist es das?

Heute auf allen Titelseiten
in den Nachrichten und überall
omnipräsent
doch der Tod wartet auch auf dich.
No Chance.

Man glaubt nicht,
wie schnell Gras wachsen kann,
was heute schneit
ist morgen schon Schnee von gestern.
Eine Statue dir zu ehren aufgestellt
ist vielleicht noch eine Reliquie
dann eine Antiquität
und dann irgendwann
nicht mehr als ein bisschen
altmodischer, bestenfalls recyclingwürdiger Müll.


Was bleibt, bestimmst nicht du,
bestimmen nicht die Anderen,
nicht die Zeitung, nicht die Bücher,
nicht das Internet, auch wenn es nichts zu vergessen scheint.


Was bleibt, das bleibt
und du kannst nichts dafür tun
oder dagegen.
Es sind die Gedanken an dich und an das
was du getan hast
in den Herzen und Köpfen derer die du berührt und bewegt hast
in deren Leben du eine Spur hinterlassen hast,
wie ein Atom in einer Nebelkammer.

Nicht berühmt ist das, was bleibt,
sondern berührt
von dir.

(Magdalena Wejwer aus Umkirch, Wentzinger Gymnasium, Jahrgang 1997)

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