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Die lyrix-Gewinner im Mai und Juni 2011

Hamburger Kunsthalle
Hamburger Kunsthalle (Wolfgang Neeb)

"Wenn ich beim Waldesrauschen..." - Natur gestern und heute. So lautete unser Leitmotiv im Mai und Juni. Inspirieren lassen konntet ihr euch von Gedichten von Joseph von Eichendorff und Hilde Domin sowie von Caspar David Friedrich-Bildern aus der Hamburger Kunsthalle.

Im Mai und Juni haben wir ein Gedicht des Romantikers Joseph von Eichendorff und einen zeitgenössischen Text von Hilde Domin gegenübergestellt. Während bei Eichendorff das Motiv des Reisens als Ausdruck der Sehnsucht und Einsamkeit aufgegriffen wird, betont Hilde Domin in "Inselmittag" das verbindende Element der Natur, das Menschen im gemeinsamen Erleben zusammenführt. Wir wollten im Mai und Juni von euch wissen, was ihr heute sucht, wenn ihr in die Natur geht. Erreicht haben uns Texte in denen viele von euch - ähnlich wie Hilde Domin - die Natur als Schauplatz und Raum zwischenmenschlicher Beziehungen beschreiben. Auch kritische Auseinandersetzungen mit Umweltzerstörung und Nachlässigkeit im Umgang mit der Natur sind bei uns eingegangen, ebenso wie Gedichte über die Vielfalt von Empfindungen, die ihr zu den Naturgewalten habt: Ehrfurcht, Bedrohung, Angst und Bewunderung.

Vielen Dank für eure Gedichte und herzlichen Glückwunsch den Gewinnern!


Hier die Texte der Leitmotivrundengewinner aus dem Inland:

Seelenflug

Als ich saß auf stillem Hügel
Und die Sonn’ die Berge küsst,
Ward mir als bekäm’ ich Flügel
Und als ob ich fliegen müsst.

Über Tal und weite Meere
Möcht’ ich fliegen hoch hinaus,
Freier als ein Vogel wäre,
Aus der Seele innerst Haus.

Wie das Senfkorn auf dem Felde
Würd’ ich wachsen und erblüh’n,
Wär’s als ob die Sonn’ mir melde:
Du bist frei, scheu keine Müh’n.

Würde ich mit and'ren Augen
Der Welten Seele sehen können,
Würd’ aus des Weltenstrome ich saugen
Und meiner Seele dieses gönnen.

Mein Herz, es wäre gar so offen,
Als wollt’ es umarmen die ganze Welt
Und ich weiß ich kann noch hoffen,
Dass die Hoffnung nie zerfällt.

Doch als die Sonn’ hinunter sank
Und lange nicht mehr ward geseh’n,
Dürstete ich nach diesem Trank,
Der meine Seele ließ neu aufersteh’n.

Betrübt, doch zugleich beflügelt
Stand ich vom düstren Hügel auf,
Meine Seele neu gezügelt,
Neu verschlossen, der eisern’ Knauf.


(Miriam Kaisers aus Mönchengladbach, Deutschland, Gymnasium Odenkirchen, Jahrgangsstufe 12, Muttersprache: deutsch)


Meer

Setze meinen Fuß hinein
Das Gefühl
Es ist
Ist kalt
Kalt aber dennoch vertraut
Es umspült meinen Fuß
Reinigt ihn
Von allem Schmutz

Ich sehe zu
Wie sich die Schaumkronen bilden
Sehe zu
Wie sich das Meer verfärbt
Von blau zu grün
Von grün zu blau
Kann sehen
Wie die Wellen kommen

Das Meer
Es will toben
Schlägt meterhohe Wellen
Sehe sie auf mich stürzen

Das Meer
Hat zwei Gesichter
Einerseits
Hat es eine mächtige Kraft
Kann uns verletzen
Andererseits
Ist es doch für uns da
Ernährt uns
Beruhigt uns


(Lena Marie Hinrichs aus Wentorf bei Hamburg, Deutschland, Hansa-Gymnasium Hamburg-Bergedorf, Jahrgangsstufe 5, Muttersprache: deutsch)


salzgräser

an der nordsee ist nur der horizont geblieben
ich weiß dass es nicht vollkommen wird ohne dich
die gischt zu atmen macht mich frei aber
freedom is just another word for nothing left to lose
und so sitze ich auf dem trockenen und während ich die freiheit
für uns neu definiere denke ich nur an dich
und wie du hier wärst mit mir
in meiner fantasie schmelzen wir schon in den dünen
wie die sonne die erst elf uhr nachts verschwunden ist
doch die realität stellt mir nur backfisch auf den tisch
im strandlokal wo die musik mich flüchten lässt nach draußen
dort stelle ich mich dann ins watt zu den salzgräsern
und schlage wurzeln damit ich nicht ausversehen zu dir laufe

ich biege mich im wind und vor lachen
wie sehr du hier fehlst


(Christiane Heidrich aus Vaihingen/Enz, Deutschland, Friedrich-Abel-Gymnasium, Jahrgangsstufe 10, Muttersprache: deutsch)


die natur des menschen

die lunge der welt wird höchstbietend versteigert das kettensägenrasseln nicht ernst genommen

solange die tulpen noch puls haben
und duften und leuchten
will ich strahlen
manchmal erfasse
ich flakongeruch zwischen ihnen

solange sich noch regenbögen
zwischen den verrußten schloten spannen
will ich staunen
manchmal habe
ich angst sie zerbrechen einfach

solange die evolution
nicht ihr ganzes buntes federkleid verliert will ich hoffen manchmal sehe ich uns schon als nackte vögel

und der himmel in den wir fliegen
flammt auf


(Jonas Kohnen aus Ludwigshafen, Deutschland, Heinrich-Böll-Gymnasium Ludwigshafen, Jahrgangsstufe 12, Muttersprache: deutsch)


Stadtparksommer

in den stamm der alten eiche ritzten wir lügen und verankerten sie tief im wurzelwerk als der sommer sich in in unsere lider brannte seine grünen tage ins straßennetz schickte

wir leckten die strahlen von einander ab bis wir ausgehöhlt in den windmeeren trieben ließen uns von grasgrillenmelodien tragen die selbst das alltagsrauschen ausblendeten

schattenspiele sprenkelten deine helle haut jagten ihre muster von deinem mundwinkel bis zu meinen prickelnden fingerkuppen und gruben sich tief in meine fersenwege hinein

die stunden in diesem hibiskusrausch
ließen uns wohl glauben wir wären
winterlos


(Sophie Garbe aus Tübingen, Deutschland, Uhlandgymnasium, Jahrgangsstufe 11, Muttersprache: deutsch)


Erste Liebe

Mohnfelder im Gegenlicht.
Chromatik der Dämmerung.
Zitternde Wörter
im Sommerwind.
Pusteblumensamen
zwischen den Zähnen.
Ab und zu
synchroner Sternensturz
am Firmament.
Einen Herzschlag lang, Zögern.

Die Lippen finden sich
im Lichterdecrescendo.


(Larissa Hieber aus Schwäbisch Gmünd, Deutschland, Hans-Baldung-Gymnasium, Jahrgangsstufe 12, Muttersprache: deutsch)


Und hier die Gewinnertexte aus dem Ausland:

Ich laufe durch den Wald,
niemand ist da.
Ich bin verloren.
Der Wind flüstert, die Bäume rascheln,
meine Gedanken fliegen
und die Hoffnung fehlt mir.
Ich renne und renne
und komm’ nicht mehr raus.
Die Dunkelheit hält mich fest
und versperrt mir den Weg.
Wie lange geht das noch so?
Ich habe Angst!

Aber warum?
Warum habe ich denn eigentlich Angst?
Ich liebe doch in der Natur zu sein!
Da fühle ich mich immer so wohl.
Warum laufe ich denn eigentlich?
Ich bin doch da, wo ich sein will!
Von der Stadt entfernt.
Wo es nur Stille herrscht.
Wo ich wirklich daheim bin!
Ich bin glücklich!

Der Mond scheint,
so ruhig und still.
Dieses sanfte silberne Licht.
Der See, so tief,
bewahrt Geheimnisse.
Das Gras, so weich,
mit kleinen Tröpfchen Wasser.
So wundervoll.
Ich rieche
den leichten Duft der Blumen
und fühle mich wohl.
Ja, ich fühle mich wohl,
Ich bin da, wo ich wirklich sein will.


(Isabella von Wallwitz aus São Paulo, Brasilien, Colégio Visconde de Porto Seguro, Jahrgangsstufe 7, Muttersprache: portugiesisch)


Loving you in Gedanken

gestern saßen wir noch aneinandergebunden
mein rücken von deinen armen umrankt
wir waren eins in diesen sekunden
die natur hat ihre energie von uns getankt

ich küsste deine frischgeernteten erdbeerlippen
versank in deinem schokohaar
die eiche über uns fing an zu wippen
sie und der wind sahen aus wie ein paar

deine augen glänzten wie wassertropfen
vom morgentau am grünen gras
man hörte nur unsere Herzklopfen
so laut dass ich alles andere vergaß

heute im wolkenkratzer denke ich an dich
so schön hast du gestern gelacht
wie kälte warm wird fühle ich
und wie der beton zum leben erwacht


(Haris Poturkovic aus Zenica, Bosnien und Herzegowina, Erstes Gymnasium in Zenica, Jahrgangsstufe 11, Muttersprache: bosnisch)

»lyrix« Teilnahmebedingungen

»lyrix« ist der Bundeswettbewerb für junge Dichterinnen und Dichter von Deutschlandfunk, Deutschem Philologenverband und Deutschem Museumsbund. Teilnehmen können Jugendliche im Alter von 10 bis 20 Jahren. Zu den Teilnahmebedingungen.

Lyrix

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Im Februar 2014 begab sich »lyrix« mit dem Thema "Under Cover" in das Schwule Museum* Berlin. Dort begegneten wir einer Barbie-Ken-Puppe sowie einer Skulptur des Heiligen Sebastians.

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April 2014: LOSREIS(S)EN

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