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StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im November 201306.01.2014

Die »lyrix«-Gewinner im November 2013

Im November besuchte »lyrix« das Kreismuseum Wewelsburg. Das Museum dient heute als Erinnerungs- und Gedenkstätte für den Terror der SS von 1933 – 1945.

Die Gruft im Nordturm der Wewelsburg (Kreismuseum Wewelsburg)
Die Gruft im Nordturm der Wewelsburg (Kreismuseum Wewelsburg)

Dort fand am 20.11.2013 eine »lyrix«-Schreibwerkstatt mit dem Lyriker Max Czollek statt, aus dessen Feder auch die beiden Gedichte zum Monatsthema "Ausgrenzung und Verfolgung" kamen. Zentral für die Arbeit am Leitmotiv war das Gemälde "Verfolgung" des Künstlers Josef Glahé aus der Dauerausstellung des Museums.

Weitere Informationen zur Schreibwerkstatt.


Eure Gedichte beschäftigen sich insbesondere mit der Frage, an welchen Stellen uns Ausgrenzung und Verfolgung heute begegnen. Sie berichten unter anderem vom "Anderssein" und hierdurch bedingter Ausgrenzung, aber auch von politisch, religiös oder ethnisch motivierter Verfolgung, die im Extremfall zum Tode führt.


Wir bedanken uns sehr für eure vielfältigen und interessanten Einsendungen! Hier kommen die Gedichte der Gewinner im November:

 

 

o.T.

die ich kannte die töten sie sind nicht wie du menschen im grenzland sind fremde die du kanntest verachten ihr seid nicht wie du die leute aus besseren kreisen die er kannte die hassen wir sind nicht wie du übertrieben verschönt götzen gleich die sie kannte verleugnen es ist nicht wie du verfolgt von mord hass distinktion die man kannte die schänden sie ist nicht wie du rein wie zu früherer zeit die wir kannten verbieten ihm sei nicht wie du held über helden die ihr kanntet die glauben du bist nicht wie du ein mensch unter menschen die sie kannten verkennen ich bin nicht wie du


(Philippe Bürgin aus Weil am Rhein, Mathilde-Planck-Schule Lörrach, Klasse 13, Muttersprache Deutsch)

 

 

Ausgrenzung?

"Vorurteile? - Haben wir keine.
Die Fremden leben sowieso lieber alleine.

Vielfalt und Freiheit sind doch toll,
wenn jeder macht was er auch soll.

Verschieden sehen Menschen aus,
aber nein, der da kommt mir nicht ins Haus.

Offen sind wir, tolerant,
doch Fremdlingen gibt man nicht die Hand.

Hallo du da, mit dem dunklen Gesicht,
merke dir,
Ausgrenzung, die gibt es bei uns nicht."


(Paul Rathke aus Glauchau, Georgius-Agricola-Gymnasium Glauchau, Klasse 11, Muttersprache Deutsch)

 

 

Blutzoll

Kind der Statik,
setz dich auf den Gehsteig
und beiß das Moos aus
den Ritzen der Pflastersteine.

Ordne,
was einfältige Arbeiter unter
ihren Schlägen schief
in den Boden trieben.

Bereite
das Mosaik zum Teppich
den kommenden Völkern
und befehle den Steinen
sich zu putzen.

Achte nicht
auf das Brechen deiner
herauspurzelnden Augäpfel,
wie sie zerspringen

und die Kastanie deiner Pupille
in Rillen
dem Rinnstein
folgt.

Lese
nur die Scherben auf,
sie könnten den Granit
zerkratzen.

Sattle
dein Maultier und
stecke ihm Rosen zum Schmuck
mit den Dornen an.

Erst wenn deine Augen
über dir Äste schlagen,
wirst du, blind tastend,
die Felsen sehen,

deren Struktur du entweihtest.
 

(Moritz Schlenstedt aus Dresden, Evangelisches Kreuzgymnasium, Klasse 12, Muttersprache Deutsch)

 

 

Wir beide

Der Mond scheint still
Im Angesicht
Der dunkelgrünen Trübe
Ich wisper‘ dir
Ein Traumgedicht
Tief unter’m Nachtgefüge

Das Sternennetz
Ist dieses Mal
Für uns allein gewoben
Die Ferne als
Verlass‘ner Saal
Zum Tanze auserkoren

Doch schäumt der Schnitt
So rücksichtslos
Genau zwischen uns beiden
Ist jeder Blick
Ein eig’nes Floß
Die Stille schreit das Leiden

Obwohl du bist
So gut für mich
Sieht dich die Welt als Fremder
Erkennt dich falsch
Dann stürzt sie dich
Vom Himmelsrandgeländer

 
(Annika Werner aus Schloß Holte-Stukenbrock, Gymnasium Schloß Holte-Stukenbrock, Klasse 10, Muttersprache Deutsch)

 

 

Gut getroffen

Gut getroffen.
Der Himmel ist wolkenlos, die Sonne scheint.
Sie scheint, um uns zu schmeicheln.
Wir gehen die Straßen entlang.
Wir, die Clique.
Die Clique der Coolen.
Wir sind zusammen, stark, grenzenlos.
Und da ist sie.
Sie ist anders als wir.
Sie, die sich nicht in dieser Welt einfügen kann,
die Sandalen mit Socken trägt und Nutella mit Wurst isst.
Sie gehört nicht hierher.
Sie ist befremdlich.
Wir fixieren unser Ziel.
Wir laden das Gewehr.
Wir schießen.
Sie fällt.
Gut getroffen.

Der Himmel ist wolkenlos, die Sonne scheint.
Sie scheint, um mich zu verhöhnen.
Ich gehe die Straßen entlang.
Ich, die Andere.
Der Inbegriff der Andersartigkeit.
Ich bin allein, anders, ausgestoßen.
Und da sind sie.
Sie sind anders als ich.
Sie, die sich eine Welt aufgebaut haben
Mit ihren Regeln und ihren Werten.
Doch die Eintrittskarte für mich haben sie vergessen.
Sie sind gefährlich.
Sie fixieren das Ziel und schauen auf mich.
Sie laden das Gewehr und öffnen den Mund.
Sie schießen.
Mit boshaften Begriffen und wütenden Worten.
Sie schießen mit spöttischer Sprache.
Die Munition ist billig.
Die Wirkung ist stark.
Sie schießen.
Ich falle.
Gut getroffen.
 

(Jing Wu aus Dortmund, Käthe-Kollwitz-Gymnasium, Klasse 12, Muttersprache Chinesisch)

 


Und hier die Gewinner "außer Konkurrenz"

(Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Leitmotivrundengewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den besten sein, wird es "außer Konkurrenz" veröffentlicht.)

  

Nostra Culpa (2013)

Ach regne nun auf unser Haupt,
du liebe Freundin Asche,
nie hat sie uns den Schlaf geraubt,
befremdlich ist sie nicht,
wir kehren unsre Rücken stets,
zu spüren eure Leiden,
was bliebe uns, was könnten wir,
zu eurer Rettung heute tun?
Gesenkte Blicke,
schweige still!
Weil niemand von uns hören will,
die Stimmen in uns
laut erbeben,
'drum dürft ihr nie den Kopf erheben.

Auf weiße Laken rieselt sie,
die Stille eurer Poren,
wer sind wir, ach, wen habt ihr euch,
zum Heiland nur erkoren?
Wir sehen nicht, wir kennen nicht,
wir wollen auch nicht nennen,
und nimmermehr zu eurem Leid,
und unsrer Schuld bekennen.
Denn Schreie, die wir niemals hören,
und Blicke die uns nimmer stören,
ihr habt uns und wir euch belogen,
und dichter Rauch ist aufgezogen.

Ach regne nun auf unser Haupt,
o Mutterschoß Vergessen,
die gänzlich und genau wie wir,
niemals Courage besessen.
 

(Julia Fourate aus Nordhofen, Mons-Tabor-Gymnasium, Klasse 13, Muttersprache Deutsch)

 

 

Verfolgt

Wenn du so bist, wie du bist
und das nicht so ist
wie es uns passt, was wir uns gedacht
holen wir dich, dann wirst du umgebracht

Wenn du das denkst, was du denkst
und uns nicht gibst und schenkst
was wir wollen, dann zögern wir nicht
verfolgen dich

Wenn du das sagst, was du glaubst
und uns damit Macht und Anhänger raubst
und unsere Autorität dadurch untergräbst,
dann begraben wir dich, wenn du nicht mehr lebst.

Wenn du so bist, wie du bist
und das nicht so ist
wie es uns passt, was wir uns gedacht
suchen wir dich, kriegen wir dich,
du entkommst uns nicht
und dann wirst du viel schneller als du vielleicht gedacht
umgebracht.

 
(Magdalena Wejwer aus Umkirch, Wentzinger-Gymnasium, Klasse 12, Muttersprache Deutsch)

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