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StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im Oktober 201531.10.2015

Die »lyrix«-Gewinner im Oktober 2015

Im Oktober habt ihr hinter die Fassade der Freundschaft geschaut. Was macht einen wahren Freund aus? Woran erkennt man ihn? „best friends: farbfamilien merkt man sich“ – aber was ist, wenn man gar nicht die gleiche „farbfamilie“ bildet? Inspirieren lassen konntet ihr euch von Sabine Schos Gedicht „best friends“ und Renoirs Gemälde „La fin du déjeuner“ aus dem Frankfurter Städel-Museum.

Mehr Hautfarben bei Emojis bietet zum Beispiel Apple für OSX und iOS an. (Screenshot: www.schimanke.com / flo's weblog)
Mehr Hautfarben bei Emojis bietet zum Beispiel Apple für OSX und iOS an. (Screenshot: www.schimanke.com / flo's weblog)

Der Oktober fragte nicht einfach nach euren Gedanken zum Thema Freundschaft, sondern etwas konkreter nach "farbfamilien", nach "best friends", die ihresgleichen suchen. Nach Freunden, die sich so vertraut sind, dass sie eine besondere Art der Familie bilden. Doch nicht alle "Freunde" sind wirkliche, viel zu schnell betitelt man Bekannte als solche, obwohl sie der Bedeutung des Wortes nicht gerecht werden. Aber woran erkennt man, ob es wahre Freundschaft ist, ob man eine "farbfamilie" bildet?

Ein Freund ist jemand, dem du vertraut bist und vertraust, der dich unterstützt, aber auch kritisiert, der für dich da ist, dir Halt und Orientierung bietet. Jemand, dem du dich öffnen kannst mit den Worten "Schau nur / Schau in mich rein! Dort siehst du, / was man nicht sehen kann". Jemand, der "die tränen in deinem lachen" hört, denn "vormachen? Kannst du [ihm] nichts". Er gibt dir Sicherheit, so dass deine Ängste zur Ruhe kommen und du "sicher [bist] für heute".

Aber es gibt auch Freundschaften, die belasten. In denen man nicht man selbst sein kann. Man versteckt sich hinter einer Maske und kann doch dadurch nicht glücklich sein, denn was hilft schon ein Gespräch wie "wie geht es dir heute? / schlecht ... / erschrecken in fremden augen / falsche antwort" – "ein warum ... ist unbequem / warum ... / ... frisst zeit / ... belastet / vielleicht ... / müsste man / hilfe anbieten", aber "verständnis ist dünnhäutig / erschöpft sich schnell".

Doch im Idealfall, in der wahren Freundschaft, erweitert man seinen Horizont durch ein gegenseitiges Geben und Nehmen, denn "Freundschaft ist der Sicherheitsgurt der Schaukel des Lebens [...] Freunde leuchten in den gleichen Farben / Weil sie die gleichen Wellenlängen haben / Weil sie zusammen heller strahlen / Sich verstärken, Bilder malen".

Wir gratulieren den Gewinnern im Oktober und danken euch allen für eure Einsendungen!

Die Monatsgewinner im Oktober 2015:

chronik unserer freundschaft

unterm bett versteckt
staubflusen im haar
flausen im kopf
nachbarn erschreckt
aus mülltonnen
flüstern aus schlafsäcken
dein aquarium summt
stumm schlummernd nebeneinander
rücken aneinander
unsere erste große liebe
später würden wir ihn beide heiraten
popcornschlachten
dachten aneinander entlang
so lang
das schweigen in der bahn
einsteigen aussteigen sitzen bleiben
stummes leiden
doch ich hör die tränen in deinem lachen
vormachen? Kannst du mir nichts
stiegen um von tee auf bier
und ich schenk dir reinen wein ein
während wir unter sternen liegen
im schlafsack flüstern
rücken gegeneinander
"weißt du noch damals?"

Laura Bärtle, 1999

 

Teufelskreis Liebe

Du – Mann – lächelst ihr. Liebe verdammt.
Sie – Frau – lächelt mir. Frauenliebe.
Und ich – Frau – lächle dir. Versteh doch, große Liebe!

Versteh doch, sie will dich nicht -
aber ich!
Ich will dich mehr als sie und sonst wer.
Treffen nur mit ihr wegen dir.
Du stets dabei wenn sie es ist,
ich akzeptiere euch beide.
Doch wahrlich lieben
- tu ich nur dich.
Versteh doch, sie will ich nicht.

Marie Formella, 1998

 

Schwarz, gelb, blau,

Ich schau, mit ewig stetem Blick,

auf das Meer voller Farben.
Auf das Meer in mir.
Auf das Meer, von dem nur ich weiß,
in dem allein ich zu schwimmen verstehe,
in dem ich alleine unterzugehen drohe.
Auf das Meer voller toter, vergangener Farben.

Sieh nur! Denn du kannst es nicht sehen.
Doch,
dort! Das tiefrote Schwarz! schwarz.
Das mich damals umgab, schwarz,
als ich vergeblich auf deine Liebe wartete. schwarz?
Liebtest du mich je?
Ich sah dich nie wieder.
Das tiefrote Schwarz blieb mir.

Das tiefrote Schwarz meiner Schwäche.

Siehst du das gelbstichige Weiß?
Doch du kannst es nicht sehen. Unschuldiges Weiß.
Über dem Schwarz? Um es zu verdecken. Schau doch noch einmal hin.
Es verdeckt nicht besonders gut, mein Weiß.
Es verdeckte auch damals schon
meine Unsicherheit nicht.
Du konntest sie trinken.
Liebe um der Liebe Willen. Ich verstand nicht.
Ich ahnte nur.
Mein Weiß behielt ich mir auch wenn
es doch eher ein Gelb war.

Das tiefrote Schwarz meiner Schwäche.
Das gelbstichige Weiß meiner Unsicherheit.
Und die Wellen tragen Schaumkronen.

Schau nur! Schau in mich rein! Dort siehst du,
was man nicht sehen kann.

Ich habe einen Kahn! In meinem Meer.
Er ist klein, wird von den Wellen hin
und her geworfen.
Ist den durch Inzucht verkommenen
ehernen Farbfamilien meiner Geschichte
hoffnungslos ausgeliefert,
wird ihnen nie entkommen.
Und doch
ist er mein.
Mein.
Er ist blau.
Damit du ihn sehen kannst! Blau.
Ich ihn sehen kann? Blau!
Auch aus der Ferne!
Ich habe ihn nach dir benannt.
Blau, wie jene Nacht.
In der ich dich küsste.
Und anschließend nach Hause gehen musste.
Und endlich heimgekommen war.

Das tiefrote Schwarz meiner Schwäche.
Das gelbstichige Weiß meiner Unsicherheit.
Und die Wellen tragen Schaumkronen.
Doch ich habe einen Kahn.
Und er ist blau.
Und ich bin sicher für heute.

Vincent Grande, 1997

 

Käptn Blaubär

Tintenblaue Schrift
-Schluchtseewanderung
Käptn Blaubär
in Meran getroffen-
zerissene Shorts
die Tattoos in
den Oberschenkeln eingeritzt
lachen über
codierte Witze
die zwei Freundinnen
negative Integration
wischen sie mit den Händen weg

zusammengenähte
Patch-Work-Pullis
aus dem Augenzwinkern
und dem geflüsterten Ton
vergangener Nächte
trinken Tee, das ist ihr Vodka
die kleinen Finger
ineinander verhakt
die zwei Freundinnen
mit der tintenblauen Schrift

Pia Kostinek, 1997

 

Freundschaft in allen Farben

(36 kB)

Mareen Kraft (außer Konkurrenz) und Neele Kosák

 

Und hier drei Beiträge "außer Konkurrenz": (Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Leitmotivrundengewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den besten sein, wird es "außer Konkurrenz" veröffentlicht.)

Frau mit der Hand

Die Frau mit der Hand ist weg
hast du gesagt
was?
die Frau mit der Hand
überrascht waren wir und enttäuscht
vor allem sehr enttäuscht
entrüstet fragtest du
wie man denn jetzt all das sagen sollte
was?
all die Liebe, die Freundschaft, wie sehr
wie sehr man jemanden mag und dass
man jemanden vielleicht nicht mag, aber er denken soll
er soll denken, dass man ihn mag
und wie viel ich dir bedeute
ich Frau mit der Hand
doch wie sollst du das nur ausdrücken?
denn die Frau mit der Hand ist weg

Die Frau mit der Hand ist jetzt gelb
was?
ja, gelb und nicht mehr dieselbe
ein Plagiat
nur ein Abklatsch
die kann das ja gar nicht ausdrücken
so kalt und gefühllos wie die ist
gelb
was?
ja, all das
all die Liebe, Freundschaft
fast hätte ich dir gesagt, wie groß unsere Liebe ist
kein gelb, kein rot bedeutet so viel
wie die weiße Frau im pinken Shirt
keine Liebe
wie soll man sie auch ausdrücken?
denn die Frau mit der Hand ist weg

Weil Liebe nur um der Liebe Willen
nicht mehr hält,
wenn sie nichts mehr hält
was?
Liebe hält nur
weil sie ein Gefühl ist
und man Gefühle nicht sehen kann
was?
die Frau mit der Hand ist weg
aber du liebst mich trotzdem
hast du gesagt

Victoria Helene Bergemann, 1997

 

ich lächle

gierig küsst die sonne
tautropfen aus bunten blumenkelchen

ich liebe dieses schauspiel
es ist echt

ich lächle
manchmal ist es echt
oft ist es falsch
tränen ängstigen andere
lächeln beruhigt

wie geht es dir heute?
schlecht ...
erschrecken in fremden augen
falsche antwort
sie zieht ein warum nach sich
ein warum ... ist unbequem
warum ...
... frisst zeit
... belastet
vielleicht ...
müsste man
hilfe anbieten

ich lächle
ich zeige euch
was ihr sehen wollt

zuviel es geht mir nicht gut
zuviel anderssein
solche
schicksale schaut man sich im fernsehen an
liest man in illustrierten

verständnis ist dünnhäutig
erschöpft sich schnell

ich wende mein gesicht
der sonne zu
vielleicht trocknet
sie meine tränen

ich lächle

anderssein sprengt nähe

ich lächle

Marie-Celestine Cronhardt-Lück-Giessen, 2000

 

o. T.

eine flasche trockener rotwein
ich starre hinaus
mein blick
getrübt
die hohen fenster
stumm
das nebelklopfen an der scheibe
unergründlich
der ausdruckslose blick
des laubbedeckten glascontainers
anonym
schlummert in dessen bauch
eine leere flasche trockener rotwein aus spanien
die wir einst gemeinsam tranken: viva la amistad
dahinter verschwommen
unser maisfeld: kahle stoppeln
und die brombeerhecke: nur noch dornengestrüpp
unsere worte längst verhallt -
als ein
blick noch so viel sagen konnte
wir
so tief und klar und vertraut über alles sprachen
gemeinsam diskutierten
und gemeinsam pferde stahlen -
ich starre hinaus
mein blick
getrübt
die hohen fenster
stumm und feucht
der umhüllende nebeldunst
hinter dem im verborgenen
von bauern die trauben geerntet werden
und sich die drehende erde im sonnenlicht
weinrot färbt

Aaron Schmidt-Riese, 1995

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