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Seit 22:05 Uhr Historische Aufnahmen
StartseiteLyrixDie lyrix-Gewinner im September 201029.10.2010

Die lyrix-Gewinner im September 2010

Im September haben wir euch gebeten, einen Blick in euer "Familienalbum" zu werfen. Als Orientierung diente ein Gedicht von Hans Ulrich Hirschfelder.

Fotowand (Stock.XCHNG / Tom de Bruin)
Fotowand (Stock.XCHNG / Tom de Bruin)

In euren Gedichten seid ihr ganz unterschiedlich mit dem Thema "Familienalbum" umgegangen. Viele von euch haben sich in ihren Texten mit dem Erwachsenwerden auseinandergesetzt. Ihr habt verglichen, wie ihr euch im Moment der Fotoaufnahme gefühlt habt und wie ihr jetzt zu den Bildern steht. Zahlreiche Gedichte haben sich auch damit auseinandergesetzt, dass der Eindruck, den Fotos vermitteln, oftmals nicht der Realität entspricht.

Vielen Dank für eure Gedichte! Herzlichen Glückwunsch den Gewinnern!

Hier die Texte der Monatsgewinner aus dem In- und Ausland:


früher

dem gutenachtkuss bin ich längst entwachsen
jetzt komm ich erst wenn mama schläft nach haus
man wünscht sich keine gute nacht ich gehe
stattdessen nochmal kurz in icq

früher roch der sonntag noch nach braten
und meistens hat die oma zum kaffee
auch noch kakao gemacht für uns die enkel
jetzt bin ich öfters weg fürs wochenende

die vielen male die wir zwei uns schlugen
wie es halt brüder machen sind vorbei
wir sehen uns jetzt fast nur noch zum frühstück
da fehlt der grund und auch die zeit für streit

familie manchmal spreche ich das wort
ganz langsam aus und frage mich was denn
von diesem wort in meinem leben ist
und weiß als ich noch klein war war da mehr


(Oliver Riedmüller aus Fürth, Deutschland, Heinrich-Schliemann-Gymnasium, Jahrgangsstufe 13, Muttersprache: deutsch)


Apfelblütenschnee

Mama, Mama, ich hab mich verirrt
Denn meine Stadt hat neue Wege
Bekommen, die ich nicht kenne
Mama, Mama, ich bin geflohen
Vor mir selbst und jetzt
Finde ich mich nicht mehr
Mama, Mama, kannst du mir bitte noch
Einmal die Welt erklären?

Wie damals,
als ich im Apfelblütenschnee
schaukelte und dein Lächeln
meine Fragen stillte
Wie damals,
als wir noch Hand in Hand
Tischgebete sprachen
Und ich die Worte nicht verstand
Wie damals,
Als es noch keine Verbrechen gab
Noch keinen Liebeskummer
Keine falschen Illusionen
Und der Kirschbaum uns noch trug
Wie damals,
als ich noch nicht wusste
dass meine Zeit verrinnt
Wie Sand durch meine Kinderhände

Ich habe die Schalen meiner Kindheit abgelegt
Und nun zerschneidet triviales Bürorauschen
In messerscharfen Stichen
Meinen Kopf
Ich habe mein Herz verschenkt
Den Verstand verloren
Und Zeit raubte mir zu viele Fragen

Es ist kalt geworden
Ich habe Kirschen gekauft
Und kuschle mich heute Nacht
In eine warme Decke
aus Fotografien
Voller Apfelblütenschnee


(Benita Salomon aus Schriesheim, Deutschland, Kurpfalzgymnasium Schriesheim, Jahrgangsstufe 12, Muttersprache: deutsch)


Abglanz

Verlorene Jahre zu finden
In diesem Buch
Erneut sie an mich zu binden
War mein Gesuch
Die Bilder bunt, voller Kinder
- einst kannte ich sie
Doch was ich mit ihnen verbinde
Das finde ich nie
Die Fremden auf mattem Papier
Ein Mädchen wie ich
Sie wissen: einst waren sie wir
Ich kenne sie nicht


(Nora Heilke aus Neunkirchen, Deutschland, Nikolaus-Kistner-Gymnasium Mosbach, Jahrgangsstufe 13, Muttersprache: deutsch)


Das Buch in grünem Einband

Falsches Lächeln
Gespielter Friede
Festgehalten
Für die Ewigkeit
Nur Schauspieler
Die Masken tragen
Die uns verdammt
Ähnlich sehen
Wir sind das nicht
Wir waren es nie
Fotos sind tot
Wir leben
Wir riechen den Kaffee
Von damals
Wir spüren den
Kirschbaum im Garten
Wir erinnern uns
An Herberts Geschichten
Wir hören Clara
Am Klavier
Davon leben wir
Und sind uns nah
Weil es wirklich war


(Janika Wehmann aus Bielefeld, Deutschland, Friedrich-von-Bodelschwingh-Gymnasium, Jahrgangstufe: 13, Muttersprache: deutsch)


Familienurlaub

Aufgeklebtes Lachen
Aus den Sommerseiten
Gehalten von unserer Erinnerung
Ans weite Meer
Wo wir klein waren
Geschmolzene Eislippen
Zerflossen in Sonnenstrahlen
Die unsere Herzen verbrannten
Und deren fransige Enden wir fingen
Obwohl nie einer gewann

Verzogen und verstummt
Sind die Worte
Mit denen wir uns malten
Zusammen vor Wasserlinien
Die kichernd nach Zehen griffen
Deren Spuren sie verwischen
Schnell und gierig
Den hellen Geschmack kostend
Der auf unseren Zungen lag

Der Wind trug Gerüche vorbei
Nach salzigen Zitronenbäumen
Und er spülte Sandkörner
Zwischen das blasse Papier

So verblichen einsam
Sie den Boden nun bedecken


(Sophie Garbe aus Tübingen, Deutschland, Uhland-Gymnasium, Jahrgangsstufe: 11, Muttersprache: deutsch)


Sanduhr

Im Album mit Aufnahmen
Schlafen Splitter meiner Jahre.
Sie sind meine Fata Morgana,
Die ich auf dem Papier bewahre.

Hier küsst die Sonne meine Sommersprossen.
Ich mache mich mit jedem Unsinn groß.
Hier baue ich riesige Sandschlösser,
Und dann zerstöre ich sie schonungslos.

Hier fühle ich die Welt in meiner Hand
Und fange durstig jedes kleine Stück.
Papier bewahrt die Jahre, aber Sand
Kommt leider nie in die Sanduhr zurück.


(Valentyna Bilokrynytska aus Tscherkassy, Ukraine, Cherkaska Himnazija Nr. 31, Jahrgangsstufe 10, Muttersprache: ukrainisch)


Familienalbum

Lächeln!
Und schon wird´s wieder geknipst.
Oma macht ein Piepsgesicht.
Mein Bruder unterm Pferd,
Mama als Seegurke,
Opa mit den Hunden,
Papa mit´ner pinken Schleife,
die Hündin mit dem Frühstücksbrot.
Alle hören Musik,
die Tante versteckt sich.
Die Kusine mit Gurken-Grütze-Salat verschmiert,
die Enkelin mit Hochzeitskleid.
Onkel fliegt über den Zaun,
die Katze macht ´nen Purzelbaum.
Und ich?
Na, ich sehe hin...
Wie jeder Augenblick in meinem Leben
wichtig war.


(Isabella von Wallwitz aus São Paulo, Brasilien, Colégio Visconde de Porto Seguro, Jahrgangsstufe 6, Muttersprache: portugiesisch)


Familienbaum

Hoch oben im Berg der Vergangenheit
liegen sie alle:
Väter, Söhne, Omas, Cousinen...
Die Grabsteine reflektieren ihre Zeit,
ihre eigene kleine Ruhmeshalle.
Was ist mit denen die ich gar nicht kannte?
Waren sie groß, dick, gescheit?
Warum nahm sie die verruchte Todeskralle?
Egal! Für mich waren sie was immer ich auch wollte.


(Haris Poturkovic aus Zenica, Bosnien und Herzegowina, Erstes Gymnasium in Zenica, Jahrgangsstufe 10, Muttersprache: bosnisch)


Traurige Erinnerung

Stille. Ein Krach.
Das Bild zerspringt.
Draußen. Es gießt wie aus Kübeln.
Mama weint. Schwester weint.
Aber wo bist du?
Die Leere die du hinterlassen hast,
kann ich nicht füllen.
Du bist verschwunden, einfach weg.
Papa. Wir vermissen dich.


(Klaudia Kochanek aus Landshut, Deutschland, Ursulinen-Realschule-Landshut, Jahrgangsstufe 9, Muttersprache: polnisch)


Kindheitsalbum

Kein Gedenken
Ich baue keine Spielkarten aus Sand.
Ein dunkles Zimmer, schwaches Holz-Licht.
Ein Spaziergang mitm weinroten Kinderwagen
und die blauen, feierlichen Lämpchen.
Das weisse Kommunionkleid,
- war nicht mein.
Und ich gehe schlafen,
ohne mir ein Kindermärchen anzuschauen.


(Anna Bernat aus Radom, Polen, Ogólnoksztalcaca Szkola Sztuk Pieknych, Lyzeum für angewandte Künste, Jahrgangsstufe 10, Muttersprache: polnisch)

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