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Die »lyrix«-Gewinner im September 2012

April 2003: Eine Saddam-Hussein-Statue wird in Bagdad von US-Soldaten umgestürzt.
April 2003: Eine Saddam-Hussein-Statue wird in Bagdad von US-Soldaten umgestürzt. (AP Archiv)

Wie fühlt man sich, wenn man vom Sockel stürzt? Darüber habt ihr im September nachgedacht und über die unterschiedlichsten Sockelstürze – im Großen und Kleinen, im Öffentlichen und Privaten - geschrieben.

Kaiser, Könige oder auch Kanzler stürzten zu jeder Zeit und je höher sie im Ansehen standen, desto tiefer war ihr Fall. Viele große Namen blieben auch nach ihrem Tod noch auf dem Sockel – in Form von Statuen und Denkmälern. Doch auch diese können fallen: "Noch als er fiel schrie er voll Tücke: ‚Ihr werdet sehn, wie schwer es ist in all dem Taubenmist!’ und dann brach er in tausend Stücke."

Einige eurer eingeschickten Texte beschreiben Situationen, in denen ihr im übertragenen Sinne selbst vom Sockel gestürzt seid. Dabei werft ihr unter anderem die Frage auf, ob es hoch oben an der Spitze nicht auch ziemlich einsam sein kann.

Unsere Jury hat die besten Gedichte ausgewählt.

Auf dem Siegertreppchen befinden sich folgende fünf Gedichte. Herzlichen Glückwunsch den Gewinnern!


Wachstumsschmerz

Wir standen da
blaue Lippen, blauer Atem, blauer Kopf
in grauem Regen über Häusern im Winterschlaf
"sie leuchten für uns", hab ich gedacht
und vergaß, wie klein wir doch sind.

Auf fremden Schultern hatte mir die Welt gehört
in deinen Armen zumindest so, wie ich sie mir wünschte
dachte ich
mit der steinschweren Krone aus Worten auf dem Kopf
und ich schwor
Größe zu bewahren.

Heute stehe ich da
graue Lippen, grauer Atem, grauer Kopf
unter blauem Himmel und grinsender Sonne
"sie lacht über uns", denke ich
und wünschte, ich wäre kleiner.


(Ines Konnerth, aus Schwäbisch Gmünd, Landesgymnasium, Klasse 12, Muttersprache Deutsch)


Gedanken zum Leben

In einem Moment
ist alles noch perfekt,
aber im nächsten
kann man sich fühlen
als wäre man allein auf der Welt.
Niemand zum Spielen,
niemand zum Lachen,
man ist am Boden,
ganz tief gestürzt.

Bin so allein, keiner ist da,
aber plötzlich jemand hinter mir,
jemand zum Spielen,
jemand zum Lachen,
den ich mag
und ich bin wieder ganz oben
und denke:
"Ist es nicht wechselhaft, das Leben?!"

(Emily Törner, aus Longuich, Friedrich-Wilhelm-Gymnasium Trier, Klasse 6, Muttersprache Deutsch)


Auf- und- Ab

Ein Leben voller Bereicherung,
voller Freude, Liebe und Zuneigung,
voller Abwechsung, Freiheit und Unendlichkeit-
Ein glückliches Leben-
Geimeinschaft
Viele Freunde an meiner Seite.
Jeden Tag als ein neues Kapitel in meinem Lebensbuch ansehen,
das ich immer wieder so schön wie möglich gestalte.
Ein Leben voller Erfolg, Verständnis und Zustimmung-
eines, das mich jeden Tag lachen lässt...

... das ist mein Lebenswunsch.

Ein Leben voller Enttäuschung,
voller Trauer, Einsamkeit und Abwendung.
Ein unglückliches Leben-
Isolation
Keine Freunde an meiner Seite.
Jeden Tag als eine Überwindung wieder neuen Mut zu fassen
und nicht in der Trostlosigkeit unterzugehen.
Ein Leben ohne Erfolg, ohne Verständnis und ohne Zustimmung-
eines, das mich jeden Tag weinen lässt...

Ist das mein Leben?

Ein Leben voller Bereicherung
und voller Enttäuschung.
Voller Freude, Liebe und Zuneigung
und voller Trauer, Einsamkeit und Abwendung.
Ein glückliches und unglückliches Leben.
Gemeinschaft und Isolation.
Ein Leben voller Energie und fehlender Antriebskraft.
- Ein Auf- und- Ab-

Das ist mein Leben.

(Hannah Kaspers, aus Schalkenmehren, Thomas Morus Gymnasium Daun , Klasse 13, Muttersprache Deutsch)


Meine Baustelle

Eine Stadt aus Statuen
Meine, Deine
Hier mit leichten Rissen im
Marmor

Und ab und an
Fällt eine Statue herunter
So wie
Meine

Zerberstend
Fiel sie vom Sockel
Zersprang auf dem glatten Boden

In tausend Stücke
Zerschellte sie
Regungslos lagen sie da, die
Stücke
Zu nichts fähig

Doch einige
Schwebten herauf,
Bauten sich mit neuen Stücken zusammen,
zu dem
Was ich jetzt bin

(Lena Marie Hinrichs, aus Wentorf, Hansa-Gymnasium Bergedorf, Klasse 7, Muttersprache Deutsch)


(Ab)sturz

Ein Führer ist stark,
ob tot oder nicht,
solang er vom Volk hochverehrt -
und manchen hat schon
ein marmorn Gesicht
zu dieser Verehrung bekehrt.

Nur wenn man versteht,
wie groß alles Leid,
das von jenem Herrscher bereitet,
so ist man sogar
zum Sterben bereit,
weil man um Gerechtigkeit streitet.

Des Lebenden Zeit,
gleich wie seine Macht:
Vorbei ist's, wenn sein Kopf gekürzt!
Doch frei ist man nur,
hat man in der Nacht

(Elisabeth Fleck, aus Jena, Carl-Zeiss-Gymnasium Jena, Klasse 11, Muttersprache Deutsch)



Und hier die Gewinner "außer Konkurrenz"

(Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Leitmotivrundengewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den besten sein, wird es "außer Konkurrenz" veröffentlicht.)


Vom Sockel gestürzt

Er sah sie schon von Weitem kommen
mit Axt und Beil,
mit Schwert und Seil
und Fackeln die im Dunkeln glommen.

Sein Herz aus Stein sank ihm geschwind
in seinen Mamorhosenbund,
doch blieb er aufrecht stehen und
tat so, als sei er ihrer blind.

Erst als der Pöbel vor ihm stand,
da schrie er donnernd laut:
"Das ihr euch sowas traut!"
und ballte seine kalte Hand.

"Für euch stand ich hier Tag und Nacht,
bei Hitze und bei Regen
und konnt mich kaum bewegen.
für euch! Für euch hab ichs gemacht!"

Doch die Rebellen waren taub,
sie fingen an zusammen
zu stoßen und zu rammen,
gar bald schon flog des Standbilds Staub.

Und Brösel spuckend schrie er auf:
"Nun gut, so solls geschehen,
doch einer muss hier stehen,
stellt euch nur auf den Sockel drauf!"

Noch als er fiel schrie er voll Tücke:
"Ihr werdet sehn wie schwer es ist
in all dem Taubenmist!"
und dann brach er in tausend Stücke.

(Anna Wolf, aus Brandenburg, Evangelisches Domgymnasium, Klasse 11, Muttersprache Deutsch)


Der Brief

Vor Jahren geschrieben
Doch nie abgeschickt
Zwischen Büchern und Kisten
Verdreckt und verknickt

Von der E-mail verdrängt
Vom Telefon verjagt
Von der Technik abgehängt
So hat er versagt

Vom Sockel gefallen
Vom Sockel vertrieben
Der Brief wird nicht mehr
Oft geschrieben

(Lucie Roth, aus Köln, Montessori Gymnasium, Klasse 7, Muttersprache Deutsch)

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»lyrix« ist der Bundeswettbewerb für junge Dichterinnen und Dichter von Deutschlandfunk, Deutschem Philologenverband und Deutschem Museumsbund. Teilnehmen können Jugendliche im Alter von 10 bis 20 Jahren. Zu den Teilnahmebedingungen.

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