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StartseiteHintergrund"Die machen einem die Hölle heiß!"01.05.2008

"Die machen einem die Hölle heiß!"

Schlechte Arbeitsbedingungen bei Deutschlands Discountern

Die Bespitzelung seiner Mitarbeiter per Kamera hat den Discounter Lidl erneut in die Schlagzeilen gebracht. Doch schon 2004 prangerte das "Schwarzbuch Lidl" unwürdige Arbeitsbedingungen an. Behinderung von Betriebsratswahlen, Arbeitsüberlastung bei enger Zeitvorgabe, Stress und unbezahlte Überstunden - auch für andere Discounter wie Schlecker ist Personal offenbar nicht mehr als ein Kostenfaktor.

Von Detlef Grumbach

Hauptsache billig? (AP)
Hauptsache billig? (AP)

" Meine Schule ist direkt neben einem großen Lidl mehr oder weniger, und wir waren früher Stammkunden dort. "

Florian Frey ist 18 Jahre alt, geht in die zwölfte Klasse. Vor vier Jahren begannen er und seine Mitschüler, sich für "ihren" Laden zu interessieren.

" Meistens waren nur zwei oder drei Kassen auf, die Schlangen waren extrem lang, die Kassiererinnen waren sehr gestresst, und man hat ihnen richtig angemerkt, dass sie nicht sehr glücklich sind, dort zu arbeiten. Sie waren unfreundlich, sie wirkten, ja, unter Druck, unter Stress, und man hat eben gemerkt, dass dieser Laden nicht wirklich in Ordnung ist. "

Damals, im Jahr 2004, startete die Gewerkschaft Ver.di eine Lidl-Kampagne und veröffentlichte ein "Schwarzbuch Lidl" über die Arbeitsbedingungen bei dem billigen Discounter. Seit einigen Wochen ist Lidl erneut in den Schlagzeilen. Video-Überwachung der Mitarbeiter, Tonaufnahmen von privaten Gesprächen, Bespitzelung bis in die Privatsphäre. Wie weit das im Einzelnen geht, hat Anette Brinkmann bei Lidl selbst nicht bemerkt. Nur gewundert hatte sie sich, als Ende letzten Jahres ihre Freundin aus dem Betrieb gedrängt wurde. Inoffizielle Begründung: die beiden hätten zu engen Kontakt:

" Bloß woher sollen sie es wissen, wenn wir im Laden nie privat gesprochen haben, sondern nur alleine, wenn wir hinten im Personalraum waren. Woher sollen sie es wissen? Wir haben keinem Mitarbeiter erzählt, dass wir uns privat treffen, telefonieren, gar nichts, aber Filialleiter und Verkaufsleiter wussten Bescheid. "

Im Februar hat Anette Brinkmann nach zweieinhalb Jahre bei Lidl gekündigt. Jetzt erst wird ihr klar, dass auch ihre Filiale bespitzelt wurde. Betriebsräte, die sich dagegen wehren können, die sich auch sonst für faire Arbeitsbedingungen einsetzen, gibt es bei Lidl nur in wenigen Ausnahmen: in nur sechs von fast 3000 Filialen. Betriebsratswahlen werden systematisch verhindert. Dass ihre Freundin gehen musste, hat vielleicht auch damit zu tun. Nachdem die Bespitzelung bei Lidl bekannt geworden ist, ahnt Anette Brinkmann etwas:

" Also es war schon so ein Gedanke zu diesem Zeitpunkt, Ende des Jahres, die letzten zwei, drei Monate des Jahres, dass wir einen Betriebsrat gründen wollten auf jeden Fall. Wir hatten spekuliert darüber, und dann wurde sie ja gekündigt. Und jetzt kann ich es mir erklären. "

Überwachungen von Mitarbeitern gibt es aber auch in anderen Betrieben, vor allem bei Discountern und Ladenketten im Einzelhandel. Aufgedeckt wurden Fälle bei Schlecker, Edeka, Plus und Netto, aber auch beim Fleischzulieferer Tönnies. Schlecker mit etwa 11.000 Filialen in Deutschland, knapp sechs Milliarden Euro Jahresumsatz, erklärt auf unsere Interviewanfrage schriftlich, dass eine "generelle Überwachung" von Mitarbeitern nicht stattfindet. Dennoch gehört Überwachung auch dort zum System.

Das behaupten zumindest Betriebsräte, die es dort immerhin gibt. Aber auch bei Schlecker werden Betriebsräte in ihrer Arbeit behindert, wird immer wieder versucht, Wahlen zu verhindern. Wie diese Versuche aussehen, hat die Politologin Sarah Bormann zwischen 2001 und 2006 untersucht: unrechtmäßige Kündigungen, Versetzungen, Nötigungen, alles auch von Arbeitsgerichten bestätigt. Ein konkreter Fall:

" Das beginnt mit Gesprächen, wo den Mitarbeitern erstmal verdeutlicht wird, na ja, Betriebsrat wollen wir nicht. Wir kamen doch bislang gut miteinander aus. Das steigert sich dann, dass direkt und indirekt Drohungen ausgesprochen werden und geht dahin, dass ihrer Arbeitsleistung abqualifiziert wird. Also dass sie in ihrer alltäglichen Tätigkeit als Verkäuferin verunsichert wurde. Eine Beschäftigte hat mal zu mir gesagt, das ist diese Situation von einem auf den anderen Tag: "

" Man macht nichts mehr richtig. Und das macht diese Frauen fertig. "

Das alles ist nichts Neues. Schon das "Schwarzbuch Lidl" aus dem Jahr 2004 dokumentiert ausführlich Arbeitsbedingungen und Überwachung. "Alles unter Kontrolle" - so lautet schon im November 2005 eine Schlagzeile in der "Zeit" über Lidl, Schlecker und Aldi, alle drei patriarchalisch geführte Familienunternehmen, in denen nur einer das Sagen hat. Schon damals wurden aufgedeckt: Behinderung von Betriebsratswahlen, Arbeitsüberlastung bei enger Zeitvorgabe, Stress und unbezahlte Überstunden. Testkäufe und Überwachung erhöhen den Druck, wer nicht funktioniert, wird oft unter Vorwänden gekündigt oder genötigt, selbst zu kündigen. Den einen wird vorgeworfen, sie hätten gestohlen, anderen wird Ware untergeschoben, deren Mindesthaltbarkeit abgelaufen ist.

Und wer glaubt, dass untergeordnete Führungsebenen ohne Wissen der Unternehmensleitung so vorgehen, wer sich vertrauensvoll an die Hotline "Lidl-hilft" in der Zentrale wendet, dem, so Anette Brinkmann, wird:

" Die Hölle heiß gemacht. Wir haben es oft genug erlebt, dass derjenige dann nicht mehr angesprochen wird. Kein Guten Morgen mehr, kein Guten Tag und Auf Wiedersehen. Gar nichts mehr. Man wird nicht mehr gefragt, wie es einem geht, man bekommt nur noch schroffe Anweisungen, du hast das und das zu machen, kein bitte, kein danke, kein freundlich ins Gesicht gucken, gar nichts mehr. Und das schlimmste, was war, man wird dann einfach versetzt in eine andere Filiale. "

Klaus Müller-Knapp: " Na, da ist Lidl nur ein Beispiel. "

Wie Arbeitnehmerrechte über den Einzelhandel hinaus legal und illegal eingeschränkt werden, beobachtet Klaus Müller-Knapp, Fachanwalt für Arbeitsrecht. Druck und Überwachung sind das eine. Das andere: Siemens oder Aldi bringen mit Bestechungsgeldern die arbeitgeberfreundliche Vereinigung AUB gegen die Gewerkschaften in Stellung, durch Änderungen im Betriebsverfassungsgesetz fallen immer mehr Unternehmen aus der Mitbestimmung und dem Kündigungsschutz heraus. Gängige Praxis bei Konzernbetrieben darüber hinaus ist,

" Dass die Muttergesellschaft im Arbeitgeberverband ist, damit die führenden Köpfe im Arbeitgeberverband Arbeitgeberpolitik machen, aber die eigentlichen Mitarbeiter in den Tochtergesellschaften sitzen, die dann nicht mehr dem Arbeitgeberverband angehören. Im Prinzip findet auf diesem Wege auch eine Auslagerung aus den Tarifen statt. "

Agnes Schreieder, ver.di: " Also wir hatten bei Lidl schon an verschiedenen Stellen Versuche unternommen, Betriebsräte zu installieren, und die wurden jedes Mal aggressiv von der Konzernleitung unterbunden. "

Agnes Schreieder, stellvertretende Bezirksleiterin von Ver.di in Hamburg, hat die Lidl-Kampagne 2004 geleitet. Das Ziel: öffentlichen Druck aufbauen, damit endlich Betriebsräte gewählt werden können. Das große Interesse an den neuen Enthüllungen zeigt:

" Also solche Methoden sind hier in Deutschland nicht akzeptiert, gesellschaftlich nicht akzeptiert. Der Konzern ist enorm unter Druck geraten, nochmals, und stärker als zuvor. "

Die Arbeitsbedingungen bei Discountern alarmieren nicht nur die Beschäftigten dort. Denn Discounter bestimmen den Trend im Verbrauchsgütereinzelhandel mit seinen insgesamt knapp einer Million Beschäftigten und 150 Milliarden Euro Umsatz in Deutschland - und auch bei den Zulieferern. Der Marktanteil der Discounter beträgt mittlerweile 43 Prozent. Er wächst weiter auf Kosten von kleinen Läden und Supermärkten.

Discounter wählen verbrauchernahe Standorte, haben einfach ausgestattete Läden, führen ein überschaubares Sortiment. Sie locken ihre Kunden mit so genannter Aktionsware, also zeitlich begrenzt lieferbaren Schnäppchen. Sie lassen immer mehr Waren in Form eigener Marken direkt produzieren, beeinflussen über Preisdruck also auch die Bedingungen bei den Herstellern. Aldi Nord und Süd zusammen machen, so das WABE-Institut in Berlin, etwa 24 Milliarden Euro Umsatz in

Deutschland, Lidl gut zwölf Milliarden. Während traditionelle Einzelhandelsunternehmen, Kaufhäuser und Supermärkte stagnieren oder sogar rückläufig sind, expandiert die vor knapp 50 Jahren von den Brüdern Aldi gleichsam erfundene Unternehmensform ständig.

Gut 4000 Filialen haben Aldi Nord und Aldi Süd in Deutschland, über 3000 im Ausland, - zu Lidl gehören in Deutschland knapp 3000 Filialen mit 48.000 Beschäftigten, über 7000 Filialen im Ausland. Plus, Penny, Netto und weitere kommen hinzu. Discounter wachsen auch im Drogeriesektor - Schlecker, Rossmann, DM Drogeriemarkt -, ebenso im Textilgeschäft: Hier ist Kik mit knapp 2000 Filialen auf dem Vormarsch. Alle genannten Ketten expandieren aber auch im europäischen Markt und auf der ganzen Welt. Um in der Konkurrenz um kleine Preise mithalten zu können, ändert sich mittlerweile auch der Umgangston im traditionellen Einzelhandel. Schließlich hat auch Edeka Überwachungen eingeräumt.

Auf unsere Interviewanfrage reagiert Lidl nicht. Die Verantwortlichen dort und bei anderen Unternehmen reden sich heraus. Grund für die Videoüberwachung sei die Bekämpfung von Ladendiebstählen. Tatsächlich gingen die Beobachtungen jedoch weit darüber hinaus, wurden Informationen protokolliert und archiviert, die keinen Arbeitgeber etwas angehen. Der Bundesverband Deutscher Detektive empört sich darüber, dass den Detekteien die Schuld in die Schuhe geschoben wird. Niemand arbeite ohne Auftrag. Mit großem PR-Aufwand entschuldigt sich Lidl bei seinen 48.000 Beschäftigten, verspricht einen Neuanfang und will Betroffenen sogar eine Entschädigung zahlen.

Für Achim Neumann von Ver.di, der im Bezirk Berlin-Brandenburg für die Discounter zuständig ist, klingt das Versprechen scheinheilig. Er sieht die Video-Überwachung von Mitarbeitern als Spitze eines Eisbergs, als Teil eines Geschäftsmodells, dass qualitativ gute Ware mit geringstem Aufwand und Hauptsache billig an die Kunden bringt und einen aggressiven Verdrängungswettbewerb führt. Das "System Discounter", wie er es nennt, bedeutet für ihn,

" dass in diesen Vertriebsformen mit einem ungeheuren Druck, mit Leistungsdruck, mit Kontrolle, mit dem Herstellen eines Klimas der Angst gearbeitet wird. Das "System Discounter" baut auf einer ungeheuer hohen Personalarmut auf. Zweites Element ist, dass dort sehr häufig ungelernte Kräfte eingesetzt werden. Die, die dann entsprechend Tarifvertrag sich qualifizieren über Jahre der Arbeit hinweg, werden dann, nach Erreichung der Endstufe nach dem Tarifvertrag, werden dann langsam aber sicher rausgemobbt. Wir haben bei diesen Vertriebsformen, bei Discountern insbesondere, es mit stark gewerkschaftsfeindlichen und betriebsratfeindlichen Unternehmen zu tun, die hohen Wert darauf legen, dass das Betriebsverfassungsgesetz, das ja einige Mitbestimmungsmöglichkeiten für die Beschäftigten in sich birgt, erst gar nicht zur Anwendung kommt. "

Der Anteil der Personalkosten am Umsatz liegt bei Discountern etwa um die Hälfte niedriger als bei Supermärkten. Arbeitsanweisungen kommen direkt aus den Zentralen, werden über eine sehr flache Hierarchie, Bezirksleiter, Verkaufsleiter, Filialleiter, nach unten durchgereicht.

" Kreatives Potenzial entfaltet sich nie, wenn ich den Menschen unter Druck setze, wenn ich ihn bedrohe, "

das behauptet dagegen Götz Werner, der Gründer und Inhaber der Drogeriemarktkette DM. Sein Unternehmen bildet die Ausnahme, er zeigt, dass es auch anders geht.

" Wichtig ist, dass die Menschen erleben, dass sie in dem Unternehmen, wo sie sind, dass sie da wertgeschätzt werden, dass sie nicht als ein Kostenfaktor betrachtet werden, sondern dass sie der eigentliche produktive Faktor sind. "

Gut 900 Filialen in Deutschland und etwa genauso viele in Südosteuropa erwirtschaften mit 27.000 Mitarbeitern gut vier Milliarden Euro Umsatz. Seit 2002 gibt es Betriebsräte, einen Aufsichtsrat und eine Struktur, in der selbstbewusste Mitarbeiter gefordert werden.

" Wenn ich ein Führungsprinzip habe, das sagt, ich muss das ganze Unternehmen überschauen und steuern und lenken und kontrollieren, das führt dann zwangsläufig dazu, wenn die Unternehmen immer größer werden, dass man im wahrsten Sinne des Wortes zusätzliche Augen haben möchte, und das führt dann letzten Endes zur Installation von Überwachungskameras. Das andere ist, ob ich eben sage, und das ist unser Weg: Nein, wir müssen eben dafür sorgen, dass wir die Initiative, die Verantwortungsbereitschaft der Menschen vor Ort bis in die Peripherie des Unternehmens, dass wir die anregen. "

Anette Brinkmann, ehem. Lidl: " Der Druck, der Druck, der einfach da ist, dass man gewisse Arbeiten in einer gewissen Zeit schaffen muss. "

Druck dagegen herrscht bei Lidl und anderen Discountern. Dieser systematische Druck hat Anette Brinkmann so zermürbt, dass sie gekündigt hat.

" Es wird auf Zeit gearbeitet. Ich weiß nicht, ob es bei Plus oder Penny genauso ist, aber Lidl ist Akkordarbeit, definitiv alles. "

Sabine Müller, BR Schlecker: " Man läuft durch die Verkaufsstelle und hat nur im Kopf: Das muss noch gemacht werden, das muss noch gemacht werden. Denn kommt nachher die nächste Kollegin, da muss das erledigt sein, denn die hat ihre Aufgaben. "

In Schlecker-Filialen arbeitet meist nur eine einzige Kraft, die Ware einräumt, auszeichnet, Bestellungen aufgibt, sauber macht und kassiert. Sabine Müller ist Betriebsrätin, zuständig für etwa 50 Filialen:

" Also manche Kollegen fühlen sich schon gestört, wenn sie beraten müssen, was ja natürlich sehr schade ist. Weil wenn man mit dem Kunden umgeht, wenn man ihn berät, wenn man mit ihm sprechen kann, die Zeit auch dazu hat, so hält man ja Kunden. "

Doch die Philosophie der Discounter, so Achim Neumann von Ver.di, sieht anders aus. Der Kunde wird nur über den Preis gelockt, über den Preis wollen die Unternehmen wachsen:

" Im Lebensmitteleinzelhandel, besonders bei den Discountern, ist ein richtiger Krieg im Gange, um Marktanteile. "

Dieser Krieg wird auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen: Discounter arbeiten überwiegend mit Teilzeitkräften, fangen mit Sieben-Stunden-Verträgen an, setzen auf 400-Euro-Kräfte. Der Stundenlohn liegt bei etwa zehn Euro. Kurze Schichten und schnelle Wechsel machen es fast unmöglich, ein kollektives Wir-Gefühl zu entwickeln, Teilzeitkräfte mit geringem Verdienst lassen sich leicht unter Druck setzen. Sabine Müller:

" Die Kollegen kommen früher oder bleiben länger, nur um ihre Arbeit zu schaffen. "

Sie haben Angst, das bisschen Arbeit, das sie dringend brauchen, auch noch zu verlieren, brauchen Geld, wollen über ihre vertraglich festgelegte Arbeitszeit hinaus arbeiten und werden so zum Spielball der Vorgesetzten.

Sabine Müller: " Das größte Problem ist wohl im Moment, dass die Leute sehr kurzfristig Arbeitseinsätze kriegen, die ihnen nicht gefallen, also sie haben keine planbare Arbeitszeit. Es wird angeordnet, ihr kommt dann und dann zur Arbeit, über Anrufe, die sind schon auf dem Weg nach Hause und bekommen dann einen Anruf, dass sie sich in der und der Verkaufstelle einzufinden haben zum Arbeiten. "

Anette Brinkmann: " Man kann nicht planen, man keine Termine machen, man kann sich nicht mit Freunden treffen, weil man sie meistens auch nicht wahrnehmen kann, man steht unter permanentem Druck, immer erreichbar zu sein, immer ja, ja zu sagen, wenn man nein sagt, ist man ganz schnell unten durch. "

Sarah Bormann, Politologin: " Der Mitarbeiter muss sich da einfügen und hat relativ wenige Handlungsspielräume. "

Zu diesem Ergebnis kommt Sarah Bormann. Warum es trotz der schlechten Arbeitsbedingungen nicht zu einem Aufstand in der Belegschaft kommt? Das führt sie nicht allein auf den immensen Druck zurück:

" Wenn man aber das konkrete Beispiel Schlecker sich anguckt, wird man erstaunt sein, dass obwohl der geringe Handlungsspielräume hat, trotzdem eine hohe Identifikation mit dem Laden hat. Was ganz zentral ist, diese Beschäftigten machen im Prinzip alles, also die schmeißen diesen Laden. Weil sie tatsächlich die Regale einräumen müssen, kassieren müssen, putzen müssen, Kundenberatungen machen müssen, Bestellungen aufgeben, also wirklich den gesamten Laden schmeißen müssen. Das ist etwas, wodurch sich Discounter auszeichnen. "

Das klingt nach Ironie der ganzen Geschichte und bedeutet das Gegenteil von dem, was Götz Werner von der Drogeriemarkt-Kette DM unter Stärkung des Selbstbewusstseins an der Peripherie versteht. Werner ist überzeugt, dass sich die Handelsimperien mit immer mehr Filialen mit Druck, Befehl und Gehorsam auf Dauer nicht regieren lassen. Noch zeichnet sich aber ein freiwilliger Trend zu fairen Arbeitsbedingungen nicht ab. Angesichts der Video-Überwachung im Betrieb fordert Ver.di deshalb ein Datenschutzgesetz für Arbeitnehmer, das die besonderen Interessen von Eigentümern und Mitarbeitern auslotet.

" Das allgemeine Datenschutzrecht und -gesetz regelt und schützt weitgehend die Intimsphäre und die Privatsphäre im öffentlichen Raum. Es gibt nur einen wesentlich geringeren Schutz für die Sozialsphäre, das heißt: den Arbeitsplatz. Deshalb die Forderung nach einem eigenständigen Arbeitnehmerdatenschutzgesetz oder einem eigenständigen Anhang im geltenden Datenschutzgesetz. Das ist eine absolute Notwendigkeit. Im Übrigen ist es absolut lächerlich, wenn bei Verstößen gegen den Datenschutz, persönliche Rechte, intime Rechte der Datenschützer maximal die Möglichkeit hat, eine Sanktion bis zu 250.000 Euro zu verhängen. Das zahlen die mit links und aus der Portokasse. "

Die Gewerkschaft setzt weiter auf die Installation von Betriebsräten, Öffentlichkeitsarbeit und Aktion. Agnes Schreieder von Ver.di Hamburg:

" Die Konzerne Lidl/Schwarz oder Aldi oder Schlecker profitierten ja jahrelang davon, dass niemand wusste, was da hinter den Kulissen passiert. Und diese Zeit ist längst vorbei, und das allein ist ein Riesenerfolg. "

Florian Frey schreibt heute wie schon vor vier Jahren für die Schülerzeitung über Lidl, stellt sich mit seinen Klassenkameraden wieder vor die Filiale am Innsbrucker Platz und verteilt Flugblätter.

" Na ja, billig ist ja nicht alles, und es geht noch um mehr. Es geht ja nicht ums Geld, es geht auch um die Menschen. Und außerdem: Wir gehen noch zur Schule, aber in zwei, drei Jahren arbeiten viele von uns auch und könnten auch unter ähnlichen Bedingungen leiden. Und es arbeiten auch schon jetzt Leute, gerade im Einzelhandel an der Kasse. Das betrifft auch uns. Und in Zukunft wird es uns auch betreffen. Und wenn diese schlechten Arbeitsbedingungen einreißen, dann wird es sich nicht nur auf Lidl beschränken. "

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