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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie Macht der bösen Gedanken14.03.2010

Die Macht der bösen Gedanken

Wie der Geist den Körper krank macht

Flüche funktionieren. Zahlreiche Fälle sind bekannt, von Menschen, die allein durch den Glauben an eine Krankheit krank wurden und im Extremfall sogar starben. Dazu braucht es keine schwarze Magie, eine falsche ärztliche Prognose reicht oft schon aus - Mediziner sprechen vom Nocebo-Effekt, dem bösen Bruder des Placebo-Effekts.

Von Kristin Raabe

Krankheiten können sich Menschen im Extremfall sogar andenken.  (Stock.XCHNG / Adam Ciesielski)
Krankheiten können sich Menschen im Extremfall sogar andenken. (Stock.XCHNG / Adam Ciesielski)

Frühjahr 1938. Mitten in der Nacht geht Vance Vanders über den kleinen Friedhof seines Heimatortes in Alabama. Da begegnet ihm völlig unerwartet der örtliche Voodoopriester. Dieser schwenkt eine Flasche mit einer übel riechenden Flüssigkeit vor Vance Vanders Gesicht hin und her, murmelt Beschwörungen und sagt schließlich: "Nichts – aber auch rein gar nichts – kann dich retten. Der Tod wird dich schon bald ereilen." - Der Fluch scheint zu wirken: Innerhalb weniger Tage verschlechtert sich Vance Vanders Zustand dramatisch.

"Wenn jemand glaubt, dass er eine schwere Erkrankung hat, die ihn tötet, dann muss man ihn fragen, wo kommt der Glaube eigentlich her, was ist das, was den Patienten überzeugt sein lässt, dass er diese Krankheit hat."

Im Krankenhaus kann der Arzt Drayton Doherty keine Ursache für die schweren Symptome finden – bis ihm Vanders Frau von dem Fluch erzählt. Dr. Doherty tritt an das Bett seines Patienten und lässt sich von einer Schwester eine auffällig große Spritze bringen, deren Inhalt er in den Arm seines Patienten injiziert. Kurz darauf fängt dieser an, sich heftig zu übergeben. Unbemerkt gelingt es Dr. Doherty eine Eidechse im Erbrochenen zu platzieren: "Hier sieh nur Vance. Diese Echse hat dich von innen aufgefressen. Du bist geheilt." Und tatsächlich fällt Vance Vanders in einen erholsamen Schlaf. Schon zwei Tage später kann er das Krankenhaus verlassen.

"Ich kann mir gut vorstellen, dass jemand, der unter einem Voodoo krank wird, auch unter einem Voodoo geheilt wird. Man kann im Prinzip Aberglauben nur durch Aberglauben austreiben."

Paul Enck ist Psychologe an der Universitätsklinik Tübingen. Schon seit vielen Jahren beschäftig er sich rein wissenschaftlich mit Phänomenen wie sie der Arzt Drayton Doherty bei seinem Patienten Vance Vanders erlebte. Paul Enck würde dabei allerdings nie von Voodoo sprechen. Der korrekte wissenschaftliche Ausdruck lautet Nocebo.

Der Nocebo-Effekt ist der böse Bruder des Placebo-Effektes. Genau wie der Glaube einen Kranken heilen kann, kann der Glaube an eine Art Fluch einen Gesunden krank machen. Das zeigt nicht nur die wahre Geschichte von Vance Vanders, die 1938 von mehreren Ärzten bezeugt wurde. Der Mediziner Clifton Meador hat sie und andere ähnliche Fälle gesammelt und in einem Buch veröffentlicht. In aller Regel sind es allerdings keine magischen Rituale, die Nocebo-Effekte auslösen. Meistens werden Ärzte ganz ungewollt selbst zu Voodoopriestern. Ihre Flüche heißen Diagnose und Prognose.

Der Patient, der in die Praxis des renommierten Kardiologen Bernard Lown kommt, stellt als erstes eine überraschende Frage: "Wissen Sie noch, welche Bedeutung der heutige Tag hat?" Der Arzt verneint, obwohl ihm der Patient irgendwie bekannt vorkommt: "Erinnern Sie sich nicht? Heute sind es genau 20 Jahre, seitdem sie mich das letzte Mal gesehen haben." Langsam dämmert es Dr. Lown: Vor 20 Jahren war der Vater des Patienten wegen eines Herzinfarktes von ihm behandelt worden. Schon damals entwickelte der Sohn eine große Angst, eines Tages selbst einen Infarkt zu erleiden. Dr. Lown konnte ihm allerdings bestätigen, dass er völlig gesund war. Trotzdem bat der junge Mann, um einen weiteren Termin, einen Monat später. "Kommen sie in 20 Jahren wieder", meinte der Arzt daraufhin. "Sie sagten damals: in genau 20 Jahren. Und das ist heute." Dr. Lown begreift nun langsam, woher die Symptome einer schweren Herzerkrankung tatsächlich kommen, unter denen sein Patient leidet. Eine körperliche Ursache kann er nämlich nicht finden.

Ärzte sprechen ständig Diagnosen aus oder geben eine Prognose über den weiteren Krankheitsverlauf ab. Vertauschte Laborwerte, eine Verwechslung der Krankenakten oder schlichte Inkompetenz – all das kann dazu führen, dass Ärzte mit ihren Aussagen falsch liegen. Es sind Fälle bekannt, wo Patienten nach Fehldiagnosen die dramatischen Symptome einer Krebserkrankung zeigten und praktisch im Sterben lagen. Enck:

"Was man entwickelt, sind Symptome, aber natürlich nicht die Krankheit. Kein Mensch bekommt wegen einer falschen Krebsdiagnose Krebs, aber er wird eine ganze Reihe von Symptomen, die er dann interpretiert im Zusammenhang mit der Diagnose stehend entwickeln."

Wie solche dramatischen Nocebo-Effekte zustande kommen, beginnen Wissenschaftler erst allmählich zu verstehen. Sicher ist, dass es zwei grundlegende psychologische Mechanismen gibt, die daran beteiligt sind: Erwartung und Lernen. Enck:

"Es gibt gute Daten, die zeigen, dass innerhalb einer Familie das Lernen von bestimmten Beschwerden verstärkt oder gelöscht wird. Also, wenn die Mutter ein Reizdarmsyndrom hat, ist sie in höherem Maße bereit, Bauchschmerzen beim Kind als ernst wahrzunehmen und zum Beispiel dem Kind zu sagen: 'Dann bleibst Du heute zuhause und gehst nicht in die Schule', als wenn das Kind Beschwerden hat, die die Eltern nicht kennen. Das heißt, es gibt einen sozialen Lernmechanismus der Symptome."

Kinderärzte sprechen immer wieder von sogenannten Bauchfamilien. Dass dahinter keine genetischen Ursachen stecken, haben Studien mit eineiigen Zwillingen gezeigt, die nach der Geburt von verschiedenen Familien adoptiert wurden. Die Kinder entwickelten mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit die Symptome ihrer Adoptiveltern und nicht die ihrer biologischen Eltern. Die Aufmerksamkeit und Zuwendung, die Eltern einem Kind entgegenbringen, das unter denselben Krankheiten zu leiden scheint wie sie selbst, wirkt wie ein positiver Verstärkungsmechanismus. Beim Erlernen von Krankheiten scheinen also dieselben Prinzipien zu greifen, wie wir sie von den Lerntheorien der Behavouristen kennen. Das gilt auch für die klassische Konditionierung. Dabei werden zwei Reize miteinander kombiniert. Beim Pawlowschen Hundeversuch beispielsweise löst das Futter beim Hund natürlicherweise den Speichelfluss aus. Wenn gleichzeitig eine Glocke erklingt, kann nach einiger Zeit allein der Glockenklang, den Speichel zum Fließen bringen – auch, wenn gar kein Futter da ist. Auf ganz ähnliche Weise erlernen manche Patienten während einer Chemotherapie ihre Übelkeit. Paul Enck:

"Wenn sie einen Zyklus Chemotherapie durchgemacht haben und dann zum zweiten Zyklus Wochen später ins Krankenhaus kommen und ihnen schon lange bevor sie dieses Therapeutikum bekommen ihnen schon schlecht wird, meistens schon auf dem Weg zum Krankenhaus, meistens dann, wenn sie im Zimmer sind, häufig dann, wenn mit dem Alkohol die Haut gereinigt wird, geht das Erbrechen schon los. Also das nennt man antizipatorische Übelkeit und gilt sicherlich als Paradebeispiel für eine Pawlowsche Konditionierung."

Meistens sind an der Entstehung eines Nocebo-Effektes negative Erwartungen und Lernmechanismen, wie beispielsweise die klassische Konditionierung beteiligt. Die Chemotherapiepatienten hatten die Erwartung, dass ihnen schlecht werden würde. Gleichzeitig verknüpften sie die natürliche Übelkeitsreaktion - wie bei der klassischen Konditionierung - mit einer Vielzahl von an sich unbedenklichen Reizen: dem Anblick des Behandlungsraums oder dem Alkoholgeruch.

In Verhaltensexperimenten lassen sich die beiden Parameter Erwartung und Konditionierung trennen. Paul Enck hat dazu Versuchspersonen auf einen Drehstuhl gesetzt. Durch das Drehen wird nicht wenigen Menschen übel. Der Tübinger Psychologe wollte nun wissen, ob sich diese Übelkeit durch negative Erwartung oder klassische Konditionierung verstärken lässt. Dazu gab er den Versuchspersonen ein Mittel, das sehr stark nach Zimt schmeckte, aber normalerweise nicht zu Übelkeit führt. Einem Teil der Versuchspersonen wurde nun gesagt, dass sich die Übelkeit auf dem Drehstuhl durch das Mittel verstärken würde. Tatsächlich wurde durch diese Suggestion deutlich mehr Teilnehmern auf dem Drehstuhl schlecht. In einem zweiten Versuch mussten die Testpersonen immer wieder auf dem Drehstuhl das nach Zimt schmeckende Mittel einnehmen. Gesagt wurde ihnen dazu allerdings nichts. Nach drei Wochen wurde einigen schon allein vom Zimtgeschmack übel – ohne dass sie auf dem Drehstuhl gedreht wurden. Paul Enck:

"Herausgekommen ist, dass man in der Tat auf die Art und Weise Noceboeffekte erzeugen kann, dass aber ganz offensichtlich das in Abhängigkeit vom Geschlecht der Versuchspersonen, bei den Männern leichter geht, wenn man eine Suggestion macht und bei den Frauen leichter geht, wenn man sie konditioniert. Frauen sind konditionierbar, Männer sind suggestibel."

Weil seine Freundin ihn verlassen hatte, will Derek Adams sich umbringen. Er schluckt 29 Pillen eines starken Psychopharmakons, das er als Teilnehmer einer klinischen Studie erhalten hatte. Kurz darauf fängt er an zu zittern, er atmet heftig, sein Blutdruck sinkt dramatisch. In diesem Zustand fährt ihn schließlich ein Nachbar in die Notaufnahme. Obwohl die Ärzte dort über vier Stunden alles versuchen, geht es Derek Adams immer schlechter. Der Leiter der klinischen Studie wird alarmiert. Der kann endlich Entwarnung geben: Die Pillen, die Derek Adams in so hoher Dosis geschluckt hatte, enthielten nichts außer Stärke und ein wenig Milchzucker. Er war Teil der Placebogruppe. Eine Viertelstunde, nachdem Adams diese Nachricht erhält, kann er das Krankenhaus wieder verlassen.

Patienten, die an klinischen Studien teilnehmen, berichten regelmäßig über Nebenwirkungen von Medikamenten – unabhängig davon, ob sie in der Kontrollgruppe, der sogenannten Placebogruppe sind, oder tatsächlich einen echten Wirkstoff erhalten. Da ist es also nicht verwunderlich, dass ein Patient, der glaubt, eine Überdosis genommen zu haben, auch unter extremen "Nebenwirkungen" leidet. An der Universität Marburg hat die Psychologin Yvonne Nestoriuc dieses Phänomen untersucht und dazu eine Vielzahl von klinischen Studien zu Antidepressiva analysiert. Dabei interessierte sie vor allem ein Vergleich verschiedener Antidepressiva. Von den sogenannten selektiven Serotoninwiederaufnahme-Hemmern ist bekannt, dass sie vergleichsweise wenig Nebenwirkungen hervorrufen. Die trizyklischen Antidepressiva hingegen rufen starke Nebenwirkungen hervor.

"Wir wollten schauen, ob sich in den Placebogruppen so deutlich auch die Nebenwirkungen unterscheiden und das ist dann auch so rausgekommen. Sogar erstaunlich starke Effekte, so dass die Patienten, die dachten, dass sie die trizyklischen Antidepressiva genommen haben, drei bis fünfmal so häufig Mundtrockenheit erlebt haben, Gewichtsschwankungen erlebt haben, Libidoverlust berichtet haben, als in den Placebogruppen, die glaubten das andere Medikament genommen zu haben."

Weil sie wussten, dass trizyklische Antidepressiva starke Nebenwirkungen hervorrufen, erlebten auch die Patienten aus der Kontrollgruppe diese Nebenwirkungen. Ihre negative Erwartung hatte einen Noceboeffekt ausgelöst. Wie stark solche Effekte in klinischen Studien sein können, zeigt sich auch daran, dass in der Placebogruppe genauso viele Teilnehmer auf Grund von Nebenwirkungen aus der Studie aussteigen, wie in der Medikamentengruppe.

Wer an einer klinischen Studie teilnimmt, wird von den Ärzten sehr gründlich über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt. Dadurch entsteht bei manch einem eine regelrechte Erwartung, dass Nebenwirkungen auftreten. Und natürlich beeinflusst die Teilnahme an einer klinischen Studie auch, wie jemand mit den alltäglichen kleinen Wehwehchen umgeht, die jeden Menschen plagen. Nestoriuc:

"Statistisch nach Studien hat jeder Patient jeden dritten Tag ein unspezifisches Symptom, für das man auch eine Maßnahme ergreift. Also, dass ich einen Kopfschmerz habe und eine Aspirin einnehme oder eine trockene Stelle auf der Haut, wo ich eine Salbe draufschmiere - das kann jeden Tag passieren, die Frage ist nur, attribuiere ich das auf ein neu eingenommenes Medikament, das ich genommen habe. Wenn ich das jetzt heute einfach so habe, da kann ich mir denken, das Wetter hat sich verändert und gehe ganz anders damit um, als wenn ich weiß, ich habe die Einnahme eines neuen Medikaments gestartet am Montag und das ist vielleicht eine neue Nebenwirkung und ich muss mir Sorgen machen und zum Arzt gehen und das kontrollieren, ich muss mich schonen – das hat eine ganz andere Auswirkung auf mein Symptom."

November 1998, eine High-School in Tennessee. Eine Lehrerin bemerkt einen ungewöhnlichen Geruch. "Ähnlich wie Benzin" wird sie später berichten. Sie bekommt Kopfschmerzen, ihr wird übel, es fällt ihr schwer zu atmen. Schwindel befällt sie. Die Schule wird schließlich evakuiert. Innerhalb der nächsten Woche werden mehr als 100 Schüler und Mitarbeiter der Schule in die örtliche Notaufnahme eingeliefert. Sie alle klagen über ganz ähnliche Symptome wie die Lehrerin, die den seltsamen Geruch zuerst bemerkt hatte. Aber selbst die raffiniertesten medizinischen Tests liefern keine Erklärung für die Symptome. Ein Giftstoff lässt sich weder in der Raumluft noch im Körper der Kranken nachweisen. Eine ausführliche Befragung zeigt schließlich, dass die Kranken mit großer Wahrscheinlichkeit zuvor bei einer anderen Person, die Symptome beobachtet hatten.

Der Nocebo-Effekt scheint ansteckend zu sein. Das ergab auch eine Studie von britischen Wissenschaftlern der Universität von Hull. Sie baten Studenten darum, Luftproben einzuatmen, die in Verdacht ständen, ein Umweltgift zu enthalten, das Kopfschmerzen, Übelkeit, Juckreiz und Benommenheit hervorrufen könne. Während sie die Proben einatmeten, beobachtete die Hälfte der Studienteilnehmer eine Frau dabei, wie sie eben genau diese Symptome zeigte. Tatsächlich klagte diese Gruppe dann häufiger über dieselben Symptome – und das, obwohl die Luftproben selbstverständlich keinerlei Giftstoffe enthielten.

Nicht selten nutzt der Nocebo-Effekt zu seiner Verbreitung Fernsehen, Radio, Zeitung oder Internet. Neuseeländische Kollegen von Yvonne Nestoriuc haben das ausführlich am Fall eines Bluthochdruckmedikaments dokumentieren können. Der altbekannte Wirkstoff, der von vielen Patienten gut vertragen wurde, war in eine neue Trägersubstanz verpackt worden, was der Tablette ein anderes Aussehen verlieh. Gleichzeitig hatte der Pharmahersteller die Verpackung des Bluthochdruckmedikaments geändert. Yvonne Nestoriuc:

"Es gab Initialberichte von Patienten, dass es sehr viel schlechter verträglich ist, die von der Presse sehr schnell aufgenommen wurden und diese Botschaft hat sich dann sehr schnell verbreitet und die Kollegen in Neuseeland hatten dann die Möglichkeit, dass sie in den verschiedenen Arztpraxen gefragt haben nach den Berichten von den Patienten und das ging bis hin zu extremen Einzelfallberichten, was da alles für negative Symptome durch das neue Medikament aufgetreten sind."

Journalisten sind die Voodoo-Priester der modernen Mediengesellschaft. Immer wieder belegen sie die Öffentlichkeit mit einem Fluch – zuletzt mit dem der Schweinegrippe. Experten zweifeln nicht daran, dass die vor allem zu Beginn der Epidemie in Medienberichten geschürten Ängste bei vielen Menschen Nocebo-Effekte ausgelöst haben. Dabei war die Schweinegrippe eine durchaus reale Gefahr. Genau, wie die in Beipackzetteln dargestellten Nebenwirkungen tatsächlich auftreten können.

Moneapik war ein besonders kräftiger und gesunder Inuit, der Anfang dieses Jahrhunderts in Nordkanada lebte. Dort lernte ihn der Missionar Julian Bilby kennen. Er bezeugte glaubhaft, wie Moneapik durch einen Fluch zu Tode kam. Offenbar hatte sich der arme Mann den Unmut des Medizinmannes zugezogen. "Ich befehle dir zu sterben", hatte dieser zu Moneapik gesagt. Daraufhin gab der all sein Tun auf, zog sich in seine Hütte zurück und war vier Tage später tot.

Ein Fluch oder ein Zauberspruch kann bei jemandem, der daran glaubt, ohne Frage Nocebo-Effekte auslösen. Aber wie real sind diese Effekte? Können Sie tatsächlich töten?

1967, das städtische Krankenhaus von Baltimore: Eine junge Frau stürmt völlig aufgelöst in die Ambulanz und bittet um Hilfe. Die Ärzte fragen nach ihrem Befinden und stellen fest, dass ihre Patientin vor allem unter einem leidet: Todesangst. Angeblich hatte eine Hebamme sie bereits bei ihrer Geburt verflucht und prophezeit, sie werde ihren 23. Geburtstag nicht mehr erleben. Genau wie zwei andere Mädchen, die von verschiedenen Müttern alle an einem Freitag den 13. zur Welt gekommen waren. Wie die Hebamme vorhergesagt hatte, waren diese Mädchen kurz vor ihrem 15. bzw. 21. Geburtstag verstorben. Die junge Frau fürchtete nun, dass ihr dasselbe widerfahren könnte. Obwohl die Ärzte in der Klinik sehr skeptisch waren, nahmen sie sie zur Beobachtung auf. Am nächsten Morgen wurde sie tot in ihrem Klinikbett gefunden – ohne erkennbare organische Todesursache. Zwei Tage später hätte sie ihren 23. Geburtstag gefeiert.

Kaum ein anderes Organ reagiert so empfindlich auf Panik und Angst wie das menschliche Herz. Während wichtiger Fußballübertragungen schnellt die Herzinfarktrate regelmäßig sprunghaft nach oben. Wenn für jemanden mit einem geschwächten Herz schon ein verlorenes Fußballspiel lebensbedrohlich ist, wie groß ist dann wohl die Gefahr, die von einem Fluch ausgeht? Vorausgesetzt natürlich, der Betreffende glaubt an den Fluch. Es ist die damit verbundene Angst, die letztlich tödlich ist.

Ängste, negative Erwartungen und Lernmechanismen – sie stecken letztlich hinter dem Nocebo-Effekt und beeinflussen eine Vielzahl von Prozessen im Körper. Das zeigt auch ein Experiment der Neurologin Ulrike Bingel. Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf löste sie bei Versuchspersonen mit Hilfe einer Hitzeplatte an der Hand einen Schmerzreiz aus. Im Kernspintomographen verfolgte sie dabei die Reaktionen im Gehirn. Während des gesamten Experiments erhielten die Studienteilnehmer das hochpotente Schmerzmittel Remifentanyl. Bingel:

"Und zwar haben wir das Medikament in drei Bedingungen gegeben. Einmal wussten die Probanden in dem Moment nicht, dass sie das überhaupt erhalten. Wir haben also heimlich das Medikament in die Probanden hineingeschmuggelt. In der nächsten Bedingung hatten sie dann eine positive Therapieerwartung, weil sie wussten, dass sie jetzt das Medikament erhalten. Und in der dritten Bedingung haben die Probanden erwartet, dass wir das Medikament jetzt stoppen und dass das zu einer Zunahme der Schmerzempfindung führen könnte.Tatsächlich aber haben wir das Medikament in der Bedingung jetzt nicht gestoppt."

Die Versuchspersonen erhielten also in allen Durchgängen immer eine konstante Menge Schmerzmittel. Das einzige, was variierte, war die Erwartungshaltung der Studienteilnehmer. Und die hatte ganz offenkundig einen massiven Einfluss darauf, wie stark der von der Hitzeplatte ausgelöste Schmerz wahrgenommen wurde. Bingel:

"Es ist so, dass mit positiver Erwartung man den schmerzlindernden Effekt fast verdoppeln konnte, und mit negativer Erwartung wurde der schmerzlindernde Effekt fast komplett zerstört. Das heißt, die Probanden hatten zwar ein potentiell sehr wirksames Medikament in ihrem Körper, haben aber trotzdem keine Schmerzlinderung gespürt, weil sie mit Schmerzverstärkung gerechnet haben."

Dabei verließ sich Ulrike Bingel nicht nur auf die Aussagen ihrer Versuchspersonen: Im Kernspintomographen konnte sie sehen, dass die für den Schmerz verantwortlichen Areale tatsächlich aktiv waren. Je stärker der Schmerz nach Angaben der Versuchspersonen war, desto stärker war diese Aktivierung. Das konnte nichts anderes bedeuten, als dass die Person im Kernspintomographen diesen Schmerz auch tatsächlich so spürte. Moduliert wird diese Schmerzwahrnehmung wahrscheinlich durch einen Bereich im vorderen Teil der Großhirnrinde, dort wo die Erwartung entsteht. Die Studie der Hamburger Neurologin zeigt eines ganz deutlich: Die Symptome, die bei einem Nocebo-Effekt entstehen, sind nicht Einbildung sondern höchst real.
Für Ulrike Bingel lassen ihre Ergebnisse nur einen Schluss zu:

"Ich glaube, dass wir in Zukunft viel besser darauf achten müssen auf diese Wechselwirkung zwischen Medikamentenwirkung und Erwartungswirkung."

Die für den Nocebo-Effekt so wichtigen Erwartungen entstehen im Gehirn und auch die Schmerzwahrnehmung ist im Wesentlichen ein im Gehirn stattfindender Prozess. Verändert der Nocebo-Effekt über das Gehirn also lediglich, wie ein Mensch seinen Körper spürt? Welche Symptome er wahrnimmt? Oder kann er auch andere – bewusst nicht kontrollierbare - Körperfunktionen beeinträchtigen? Sicher ist: Nocebo-Effekte zeigen sich in fast allen Organen und Körperteilen. Wie sie das Immunsystem beeinflussen hat der Psychologe Manfred Schedlowski hat am Universitätsklinikum Essen untersucht:

"In diesen Untersuchungen trinken Probanden eine grünliche Flüssigkeit und nehmen parallel dazu ein Medikament ein, das heißt Cyclosporin A und dieses Medikament unterdrückt die Immunabwehr. Nun, wenn wir dies zwei oder besser auch viermal miteinander kombinieren, das heißt diese grüne Flüssigkeit zusammen mit dem Medikament und dann circa eine Woche warten, bestellen wir die Probanden wieder in das Labor ein. Und diesmal bekommen die Probanden ein Placebo, also wirklich ein Scheinmedikament und trinken wieder von dieser grünen Flüssigkeit und dann sehen wir eine Unterdrückung der Immunabwehr, in der Gestalt, die vorher durch das Medikament hervorgerufen wurde. Also eine konditionierte Immunsuppression."

Dass die völlig harmlose grüne Flüssigkeit auch allein die Immunabwehr blockieren kann, konnte Manfred Schedlowski im Blut der Patienten sehen: Die Zahl der T-Lymphozyten war zurückgegangen, die Wirkung des Nocebo-Effekts genauso stark wie die des Medikaments Cyclosporin. Selbst bewusst nicht steuerbare Körperfunktionen lassen sich also konditionieren - weil das Gehirn über Nervenbahnen und Hormone auch das Immunsystem erreicht. Das konnte der Essener Forscher mit Experimenten an Ratten nachvollziehen. Schedlowski:

"Da wissen wir, dass der Weg vom Gehirn über die Milznerven läuft, also über die direkte Innervation der Milz, denn wenn wir diese Nerven durchschneiden, stoppen wir auch diesen Konditionierungseffekt."

In der Milz werden weiße Blutkörperchen vermehrt – auch die T-Lymphozyten. Über den Milznerv kann das Gehirn also die Funktion der Milz direkt stören. Darüber hinaus enthalten die Zellen des Immunsystems Bindungsstellen für Botenstoffe, die das Nervensystem ausschüttet. Der Geist siegt also über den Körper und nutzt dazu die körpereigene Biochemie. Schedlowski:

"Wir sehen da die Grenzen insofern, als dass wir nur den Geist über solche Körperprozesse dominieren lassen können, wo auch die Kommunikationswege, die biochemischen Kommunikationswege existieren. Und nur da scheint es gut zu funktionieren."

Bei Allergien beispielsweise funktioniert der Mechanismus: Wenn jemand, der allergisch auf Rosen reagiert schon beim Anblick des Bildes einer Rose anfängt zu niesen.

"Hier ist der Lerneffekt da, dass das Auge dieses Rosenbild identifiziert und im Gehirn diese Assoziation hergestellt wird und dann im Rahmen dieser Lernprozesse diese allergische Reaktion als konditionierte, erlernte Reaktion dann tatsächlich abläuft."

Lernprozesse und negative Erwartungen lassen selbst noch keine Allergie entstehen. Sie modulieren aber die Schwere von vielen bereits bestehenden Erkrankungen.

Frau S. leidet seit einer rheumatischen Erkrankung während ihrer Kindheit an einer Herzklappenschwäche. Die rechts zwischen Vorhof und Herzkammer gelegene Segelklappe ist vernarbt, die Funktion beeinträchtig. Das erfordert immer wieder kürzere Krankenhausaufenthalte. Lebensbedrohlich ist die Herzerkrankung von Frau S. allerdings nicht. Auch als ältere Dame geht sie immer noch ihrer Arbeit als Bibliothekarin nach. Zu ihrem Arzt Dr. Levine hat sie ein inniges Verhältnis. Als sie wieder einmal im Krankenhaus liegt, hat Levine bei der Visite nur wenig Zeit. Den anderen Ärzten stellt er die Patientin mit den Worten vor: "Hier ein Fall von TS". Dann geht es auch schon weiter. Frau S. Zustand allerdings verschlechtert sich dramatisch. Ein junger Assistenzarzt versucht herauszufinden, was dahinter steckt, und befragt Frau S.: "Doktor Levine hat gesagt, dass ich TS habe." "Ja natürlich haben sie TS" Daraufhin beginnt die alte Dame leise vor sich hin zu weinen, als hätte der junge Arzt ihr Todesurteil ausgesprochen. "Was glauben Sie denn, was TS bedeutet?" "Terminale Situation". Tatsächlich aber hat Dr. Levine mit TS nur den lateinischen Namen für die Erkrankung von Frau S. benutzt: Trikuspidalklappenstenose. Trotz der Beteuerungen des jungen Assistenzarztes bleibt Frau S. allerdings bei ihrer Überzeugung, und stirbt noch am selben Abend.

Es gibt ein Mittel gegen die Macht der bösen Gedanken: Und das sind die guten Gedanken. Sie können heilen – oder zumindest den Heilungsprozess fördern. Etliche Studien haben beispielsweise gezeigt, dass nichts mehr Einfluss auf den Verlauf einer Herzerkrankung hat, als die Erwartung des Patienten. Entscheidend für ihre Genesung war, dass sie selbst überzeugt waren, schon bald wieder ihre Arbeit aufnehmen zu können. Wie stark der Arterienverschluss war, ob eine Operation ohne Komplikationen verlief - all das hatte nicht annähernd einen so großen Einfluss auf den Krankheitsverlauf wie die Erwartung der Patienten. In manchen Krebsstationen arbeiten Psychotherapeuten und Ärzte gezielt daran, bei den Kranken positive Erwartungen zu wecken. Anderswo dagegen bleibt dafür nur wenig Zeit. Ulrike Bingel:

"Bislang ist es so, dass Behandler ja wenig Geld daran verdienen mit Patienten zu reden, sondern die verdienen ihr Geld damit, Untersuchungen zu machen, noch eine Untersuchung zu machen, zu überweisen, aber sich mal mit einem Patienten hinzusetzen und eine Viertelstunde über das Krankheitsbild oder die Therapie zu reden, das wird in Deutschland sehr schlecht vergütet und das ist vielleicht auch ein Grund, warum das bislang nicht flächendeckend und bewusst Anwendung findet."

Ärzte betätigen sich leider viel häufiger als düstere Propheten, murmeln dunkle Zaubersprüche auf Latein - und machen ihre Patienten nur noch kränker. Dabei könnten sie weiße Magie betreiben und zu heilbringenden Gurus werden. Der weltweit anerkannte Kardiologe Bernard Lown hält die Fähigkeit, seine Patienten optimistisch zu stimmen, für weitaus wichtiger als alle medizinischen Geräte. "Die verlorene Kunst des Heilens" heißt sein Buch. Darin schildert er auch, wie es ihm gelang, dem alten und schwerkranken Tony zehn Lebensjahre zu schenken. Die Geschichte begann, als Dr. Lown seinem Patienten vorschlug, seine junge Geliebte, die ihn aufopferungsvoll pflegte, zu heiraten.

"Nun denn, Herr Doktor, ich bin bereit ein Abkommen zu schließen. Lisa ist ganz versessen darauf zu heiraten, und wenn sie mir schriftlich garantieren, dass ich noch fünf Jahre leben werde, bin ich bereit, Ihrem Vorschlag zu folgen." Dr. Lown scheut sich nicht, ein solches Dokument zu verfassen, obwohl die Lage eigentlich hoffnungslos ist. Tatsächlich aber erholt Tony sich wieder, heiratet die schöne Lisa und taucht fünf Jahre später, nach Ablauf des "Vertrages" wieder in der Praxis auf. "Herr Doktor, die fünf Jahre sind um, ich brauche einen neuen Vertrag." Wieder schreibt Dr. Lown ein Dokument, in dem er Tony bestätigt, noch weitere fünf Jahre leben zu können. Als auch diese fünf Jahre um sind, weiß Tony, dass nun kein Dokument der Welt ihn mehr retten kann. Er stirbt zwei Jahre später.

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