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Die Macht des Verbrechens

Günther Maihold/Daniel Brombacher (Hrsg.): Gewalt, Organisierte Kriminalität und Staat in Lateinamerika

Drogen, Kriminalität, Gewalt: Länder wie Honduras oder El Salvador haben die höchsten Mordraten der Welt. Doch wie kann Südamerika der Gewaltspirale entkommen? Dieser Frage gehen die beiden Autoren nach.

Von Martin Polansky

In Mexiko hat der Drogenkrieg bereits 70.000 Menschen gefordert. (AP Archiv)
In Mexiko hat der Drogenkrieg bereits 70.000 Menschen gefordert. (AP Archiv)

Lateinamerika wird schon lange als Gewaltkontinent angesehen. In der Vergangenheit vor allem als eine Region politischer Gewalt, geprägt von Autoritarismus, Guerilla-Kampf und Bürgerkrieg. Heute steht Lateinamerika im Fokus einer Gewalt, die von Kriminalität ausgeht. Gewalt bleibt also auch weiterhin ein Leitmotiv Zentral- und Südamerikas.

Der Politikwissenschaftler Günther Maihold befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Arbeitsschwerpunkt Lateinamerika. Der stellvertretende Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik forscht und lehrt gegenwärtig in Mexiko-Stadt. Jetzt hat er zusammen mit dem Berater in der Entwicklungszusammenarbeit, Daniel Brombacher, einen Sammelband herausgegeben, der sich eingehend mit dem Phänomen Organisierte Kriminalität in Lateinamerika beschäftigt. Die sei breit gefächert, sagt Günther Maihold:

"Das Bild, das wir im Fall Mexiko immer vor Augen haben, ist Drogenkriminalität, Drogenhandel, die Auseinandersetzung zwischen den Drogenkartellen. Aber wir haben Menschenhandel, wir haben Antiquitäten-Hehlerei, wir haben das Anzapfen von Ölpipelines – also ganz verschiedene Gesichter dieser organisierten Kriminalität. Und darin liegt auch die Schwierigkeit, mit diesem Phänomen umzugehen."

Netzwerke des Verbrechens, flexibel und immer auf der Suche nach neuen Einnahmequellen. Das Buch analysiert zuerst verschiedene Kriminalitätsfelder. Waffenschmuggel, Menschenhandel, Geldwäsche. Die insgesamt 15 Autoren kommen vor allem aus der Lateinamerika-Forschung, einige stammen direkt aus der Region. Ein Analysewerkzeug ist der Blick auf das Wechselverhältnis zwischen Nord und Süd. Denn Kokain etwa wird zwar in Südamerika angebaut, aber vor allem in den USA und Europa konsumiert. Umgekehrt stammen die meisten Waffen, mit denen sich die Verbrechernetzwerke ausrüsten, aus den Vereinigten Staaten. Die Organisierte Kriminalität – ein gemeinsames Problem, das auch nur gemeinsam angegangen werden könne, so Politikwissenschaftler Maihold:

"Die USA haben ja eingeräumt, dass sie eine Verpflichtung haben, an der Lösung mitzuwirken, weil eben sie der größte Absatzmarkt für Drogen sind. Und man dann nicht kurzerhand das Problem nur in die Anbaugebiete verlagern kann. Dies ist eine Voraussetzung für die aktuellen Debatten darüber, ob das traditionelle Paradigma der Drogenbekämpfung, also die Pflanzen auszureißen, auf den Transitwegen zu intervenieren, das einzig Sinnvolle ist. Oder ob nicht sehr viel mehr auf diesem Absatzmarkt getan werden muss, damit auch die Verantwortung dort wahrgenommen wird."

In die Anti-Drogendebatte ist Bewegung gekommen. Insbesondere Lateinamerika sucht neue Strategien. Denn der bisherige Weg, mit Militär und Polizei gegen den illegalen Handel von Kokain, Marihuana und synthetischen Drogen vorzugehen, hat zwar einen hohen Blutzoll gefordert, stellen die Autoren fest. Aber es ist nicht gelungen, damit dem Drogengeschäft beizukommen. Mehrere frühere Staatschefs aus der Region fordern, über eine Legalisierung von Marihuana nachzudenken, um den Kartellen zumindest einen Teil des Geschäfts kaputtzumachen. Einige US-Bundesstaaten haben Cannabis zwar inzwischen entkriminalisiert. Die Autoren des Sammelbandes setzen aber nicht allzu große Hoffnungen auf die Legalisierungsdebatte.

"In Mexiko gilt bereits ein Gesetz, dass die minimalen Dosen nicht strafrechtlich verfolgt werden. Da gäbe es Möglichkeiten, aber Marihuana ist nicht das große Geschäft. Das große Geschäft ist Kokain und die synthetischen Drogen wie Metamphetamine. Da ist angesichts der großen Abhängigkeit und der verheerenden Wirkungen, die auf die Gesundheit der Konsumenten eintreten, nicht mit einer Legalisierung zu rechnen."

Auch dieses Buch kann keine einfachen Lösungen anbieten. Und damit ist es auch ein Spiegel der aktuellen Debatte in Lateinamerika. Viele sehen zwar inzwischen, dass es so nicht weitergeht im Antidrogenkampf, dass es neue Strategien braucht – aber gleichzeitig herrscht eine gewisse Ratlosigkeit. Von einem Patentrezept ist man weit entfernt. Es geht eher darum, sich vorzutasten in eine neue Richtung. Die Autoren des Buches beschäftigen sich ab der zweiten Hälfte vor allem mit der Rolle des Staates. Der könne das Recht nur begrenzt durchsetzen, abzulesen an der immensen Straflosigkeit in Lateinamerika. Mörder kommen in aller Regel ungeschoren davon – auch deshalb, weil Polizei, Justiz oder Lokalpolitiker zumindest in Teilen von der Organisierten Kriminalität unterwandert sind. Günther Maiholds kontroverse These: Der Staat müsse seine Präsenz wieder erlangen - und zwar indem er eine Art Modus Vivendi mit den Verbrechergruppen organisiert. Der Drogenhandel lasse sich nicht stoppen, wohl aber könne es gelingen, die Gewalt und die Zahl der Toten einzudämmen. Durch polizeilichen Druck, aber auch eine Art Deal mit dem Organisierten Verbrechen:

"Dieser Deal findet tagtäglich statt – auch in St Pauli. Insofern ist es hier nur eine andere Dimension. Organisiertes Verbrechen ist in allen Ländern präsent, und man muss eben in entscheidender Weise darauf aufpassen, dass sie nicht in der Lage sind, staatliche Strukturen zu übernehmen. Dann lässt sich durchaus ein Modell der Koexistenz durchsetzen."

Aus rechtsstaatlicher Sicht kann man da schwerste Bedenken haben. Aber vielleicht hat das Organisierte Verbrechen in Lateinamerika inzwischen so viel Macht, dass es schon ein Erfolg wäre, wenn der Staat etwas Ruhe in die kriminellen Geschäfte bringen könnte, die gleichwohl weiterlaufen. Viele Fragen, keine leichten Antworten. "Gewalt, Organisierte Kriminalität und Staat in Lateinamerika" vermittelt einen Eindruck der wissenschaftlichen Debatte über dieses komplexe, brutale und beängstigende Phänomen, das die Region in weiten Teilen erfasst hat. Die 400 Seiten sind nicht immer leicht zu lesen, aber sie zeigen Zusammenhänge auf, analysieren viele neue Details. Von daher lohnt sich die Lektüre. Den Königsweg in der Frage des Anti-Drogenkampfes darf man sich von diesem Buch jedoch nicht erwarten.

Buchinfo:

Günther Maihold und Daniel Brombacher (Hrsg.): Gewalt, Organisierte Kriminalität und Staat in Lateinamerika. Verlag Barbara Budrich, ca. 400 Seiten, 36,00 Euro

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