Montag, 21.05.2018
 
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Die Magie des Geldes

Diskussion: Rationale und irrationale Züge einer "Herrschaft des Geldes"

"Als ich klein war, glaubte ich, Geld sei das Wichtigste im Leben. Heute, da ich alt bin, weiß ich: Es stimmt". Diesen Ausspruch Oscar Wildes machten sich die vier Initiatoren des Bremer Symposiums über die Magie des Gelde zu eigen.

Von Godehard Weyerer

An der Uni Bremen diskutierten die Teilnehmer des Symposiums über die Dominanz des Geldes (AP)
An der Uni Bremen diskutierten die Teilnehmer des Symposiums über die Dominanz des Geldes (AP)

"Geld hat viele symbolische Nebenbedeutungen. Geld bedeutet Macht, Sicherheit, Autonomie. Erfolg. Es kann dahin eine magische Aufladung bekommen, dass man glaubt, wenn man Geld hat, ist man etwas Besonderes, dann kann einem nichts mehr passieren."

Christoph Türcke, Professor für Philosophie, beschäftigt sich mit der Archäologie der Zahlung. Nicht die Münze sei die Urform des Geldes. Er stellt vielmehr die These auf, die erste universale, quasi monotheistische Währung sei das Menschenopfer. Dem folgte nach seiner Auffassung das Tieropfer.

"Es ist überhaupt erst im Zeitalter der Hirtenkultur, wo man Tiere zähmen konnte, möglich gewesen, dass man sie hat rituell schlachten können. Vorher konnte man die nur jagen. Wenn man sie aber zähmen kann, kann man sie eben auch an ihnen den Ritus vollziehen, den man vorher nur an dem Menschen vollziehen konnte. Dann kann man diese Opferlast, Opfergrauen abwälzen auf Substitute, auf Ersatz. ... Der andere große Schritt, nämlich die Ersetzung von lebendigen durch leblose Gaben. Der ist in seiner Ungeheuerlichkeit uns kaum noch bewusst, weil er auch 5.000 -7.000 Jahre, je nach Weltgegend, her ist. ... Da gehörte Mut zu, das war ein Frevel. Die Anführer solcher Frevel waren immer Priester, die eigentlichen Frevler waren die Sakralhüter, die das alte Sakralritual nicht mehr mitmachen wollten, Tiere werden ersetzt durch Metall."

Durch Edelmetalle, versteht sich, durch Kupfer, in erster Linie aber durch Silber und Gold. Der Fetischcharakter des Geldes, so schlussfolgert Türcke, liege deutlich tiefer.

Anlagegold wird in Form von Goldbarren und Goldmünzen vertrieben. (AP)Archäologie der Zahlung: Edelmetalle wie Gold lösten Menschen- und Tieropfer als erste Währung ab. (AP)"Sobald Gold- und Silbergaben im Tempel dargebracht werden statt Tiergaben, werden diese Metallgaben nicht mehr vernichtet, sondern dort hübsch aufgewahrt, die stapeln sich da, die sind sozusagen beglichene Schuld, liegen da einfach rum, sind zu nichts mehr gut. Auf der anderen Seite spüren die Beteiligten, dass das Begleichen der Schuld durch Metall irgendwie eine heuchlerische Angelegenheit ist. Das Zeug wird der Gottheit ja nur noch hingestellt und nicht mehr zum Fressen gegeben. Und sie können weiter darüber verfügen."

Das Gefühl der nicht beglichenen Schuld gipfelte nach Ansicht des Leipziger Philosophen in einer unersättlichen Manie, Metallgaben anzuhäufen. Die Geburtsstunde des Tempelschatzes und der Priestergier.

"Mein Verdacht ist eben, dass der Fetischcharakter der Ware, der in der Marxschen Theorie erst unter den Bedingungen des neuzeitlichen Kapitalismus entstanden ist, eigentlich nur eine Wiederkehr ganz archaischer Verhältnisse darstellt."

Professor Gerhard Vinnai hinterfragt die Herrschaft des Geldes aus psychoanalytischer Sicht und erinnert daran, dass der Umgang mit Geld auch stets unbewusste Bedeutungen und irrationale Züge annimmt. Von der Magie des Geldes ist die Rede.

"Es gibt Leute, die fühlen sich nur lebendig, wenn sie Geld ausgeben, das heißt, die Erfahrung von Lebendigkeit ist permanent an Geldbewegung gebunden. Das sind Leute, die kaufsüchtig sind oder zu viel ausgeben. Wir kennen das selber manchmal, wenn es uns schlecht geht, wenn wir depressiv sind, dann kaufen wir was, was wir vielleicht nicht unbedingt brauchen, aber wir fühlen uns dann lebendiger. Das heißt, Geld kann aus einer irrationalen Lebendigkeit stiften. Wenn man das hat, hat das so eine vitalisierende Wirkung. Da gehen ja viele irrationale Elemente ein in das Kaufverhalten."

Diese Irrationalität kann dazu führen, dass Menschen sich selbst zerstören. Dem wollte der Sozialismus als Alternative zum Kapitalismus entgegenwirken. Aber auch der sowjetische Versuch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das Geld aufzuheben, war nicht von Erfolg gekrönt. Eine weitere Alternative brachte die Ökonomin Adelheid Biesecker, Professorin an der Universität Bremen, ins Gespräch: Sie nennt ihr Modell "Vorsorgendes Wirtschaften". Anstelle der Konkurrenz tritt die Kooperation. Weinbauern etwa schließen sich zu Genossenschaften zusammen, um gemeinsam ihre Produkte zu vermarkten, oder Anteilseigener gründen eine Genossenschaftsbank.

"Im Grunde sind die Standbeine das Soziale und Ökologische. Geld in einer solchen zukunftsfähigen, vorsorgenden Wirtschaftsweise ist ein Medium, was die einzelnen Prozesse miteinander verknüpft. Insofern bleibt von der Herrschaft des Geldes nichts übrig, sondern es geht darum zu gucken, wie weit können wir mithilfe dieses Medium die Kooperationsprozesse gut gestalten."

Mit Geld soll nicht spekuliert werden, Renditen auszuzahlen und Zinsen zu erwirtschaften. Abschaffen will auch sie das Geld nicht.

"Ich freue mich, dass es Geld gibt, wenn ich morgens Brötchen kaufe. Dann gebe ich meine Cents und kriege die Brötchen. Ich muss nicht, damit ich Brötchen kriege, sagen, wissen Sie, ich habe heute Nacht einen Aufsatz geschrieben. Würden Sie den vielleicht haben wollen und geben mir dafür zwei Brötchen. Geld ist eine kluge Erfindung."

Ihre Schlussfolgerung:

"Verhindere, dass Geld zu Kapital wird, dann kannst du es gut nutzen, das heißt aber auch, dass in einer zukunftsfähigen Wirtschaftsweise die anderen Dimensionen, das Soziale und das Ökologische, wieder wichtiger werden. Wir werden auch wieder selber mehr produzieren. Wir haben in den Städten die neue Gartenbewegung. Die Menschen fangen an, in den Städten Landwirtschaft zu betreiben. Das hätten wir uns vor zehn Jahren überhaupt nicht vorstellen können."

Weniger Profitstreben und Maximierung, mehr Besonnenheit und nachhaltiges Wirtschaften klagt die Bremer Ökonomin ein. Der Magie und Dominanz des Geldes stellt sie die Vorteile der Regionalwährungen entgegen.

"Es ist praktisch die Idee, das Geld so zu konstruieren, dass es keinen Anreiz gibt, es aufzubewahren, es als Zirkulationsmittel zu belassen. Als Regionalwährung ist das heute eine richtige Welle und führt dazu, dass das Geld ausgegeben wird in der Region für die eigene Ökonomie und in der Region die Wirtschaftskraft, die Arbeitsplätze und die Lebensqualität stärkt.

Den Schlusspunkt der Zusammenkunft setzte Johannes Beck, Professor für Allgemeine Pädagogik, mit einer kräftigen Prise Gesellschafts-Kritik."

"Auch in der Bildungspolitik spielt das Geld eine große Rolle, nicht nur weil meistens zu wenig für Bildung ausgegeben wird, auch in der Begrifflichkeit. Das geht vom Humankapital bis hin zum Unternehmen Mensch, wo die Menschen in sich selbst investieren sollen, um erfolgreicher zu sein. Das ist eine Ökonomisierung der Bildung, die schon beachtlich ist."

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