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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Die Massai leiden, und niemand will ihr Schreien hören"18.06.2010

"Die Massai leiden, und niemand will ihr Schreien hören"

Hirtenvölker kämpfen um ihre Existenz

Fast ein Viertel aller Nutztierrassen auf der Welt vom Aussterben bedroht. Betroffen sind insbesondere die Tiere von Nomaden und Hirtenvölkern. Aber seit Land auf der ganzen Welt eine knappe Ressource wird, gelten sie als rückständig und unproduktiv und werden vielerorts vertrieben.

Von Jantje Hannover

Massai  (Holger Kroker)
Massai (Holger Kroker)

Oscar ist vielleicht 14 Jahre alt. Halblangen Hosen schlackern ihm um die nackten Beine, seine Füße stecken in Plastikschlappen. Mit Schreien und kleinen Steinen jagt er eine schwarze Ziege über ein abgeerntetes Hirsefeld. Oscar gehört zum Volk der Peuhl, einem Hirtenvolk, das in Burkina Faso am Rande der Sahelzone seine Ziegen und Schafe weidet. Vor ein paar Tagen ist die Herde über die Felder der Dorfbewohner gezogen, hat die trockenen Stängel abgefressen und die Böden mit ihrem Kot und Urin gedüngt. Jetzt sind die Tiere im nächsten Dorf, Oscar muss die verloren gegangene Ziege hinterher treiben.

Die meisten Nomaden und Hirten leben Afrika. Geschätzte 17 Millionen Menschen ziehen hier mit ihren Tieren durch Savannen und Steppen und bestreiten als Hirten ihren Lebensunterhalt. Das bekannteste Volk sind die Massai aus Ostafrika. Eliamani Lalteika hat als Junge auch Rinder gehütet, heute promoviert er am Max-Planck-Institut in München:
In seiner Heimat Tansania ist das sogenannte Landgrabbing ein großes Problem:

"Firmen, Privatpersonen und die Regierung nehmen der Massai-Hirten das traditionelle Weideland weg. Sie bauen dort Jatropha für Biodiesel an oder betreiben dort Wildlife Tourismus.
Auch die kommerzielle Viehzucht ist eine Bedrohung für uns, weil wir unsere Produkte nicht mehr verkaufen können. Viele Massai sind schon in die Städte geflohen, wo sie nur als Wachschutz arbeiten können."

In den meisten Ländern Afrikas gehört das Land traditionell der Gemeinschaft, kaum jemand besitzt einen Landtitel. Für die afrikanischen Regierungen sind Landverkäufe daher eine willkommene Einkommensquelle.
Aber nicht nur kommerzielle Interessen bedrohen die alten Hirtenvölker. Um ihre Verpflichtungen zum Abkommen über die biologische Vielfalt umzusetzen, versuchen viele Länder, einen Teil ihrer Landesfläche unter Naturschutz zu stellen. Darunter auch Tansania. Es soll für Wildtiere konserviert werden, die vom Aussterben bedroht sind, erklärt Eliamani Lalteika:

"Ich stamme aus dem Dorf Nokanoka, die Regierung will uns alle, 6000 Hirten, mehr als 1000 Familien, von diesem Land vertreiben und es in ein Reservat für Wildtiere umwandeln. Die Massai leiden und niemand will ihr Schreien hören. Die Regierung beruft sich dabei auf die Vereinten Nationen. Man sagt, dass die Hirten die Natur zerstören, daher müssen sie umziehen."

Nur langsam setzt sich die inzwischen wissenschaftlich belegte Erkenntnis durch, dass viele Naturschutzzonen sogar besser gedeihen, wenn man sie maßvoll beweidet. Grasende Tiere regen das Wachstum von Bäumen an. Bestimmte Pflanzen keimen nur aus, wenn ihre Samen durch den Verdauungstrakt eines Wiederkäuers gewandert sind.
Die Tierärztin Ilse Köhler-Rollefson von der Liga für Hirtenvölker und nachhaltige Viehwirtschaft fordert von der deutschen Regierung, die Bedeutung der Hirtenvölker anzuerkennen und vor internationalen Gremien zu vertreten:

"Die Hirten spielen eine wichtige Rolle bei der Erhaltung der Biodiversität, indem sie Nutztierrassen erhalten, die bestimmte genetische Eigenschaften haben, die unheimlich wertvoll sind zum Beispiel für die Anpassung an den Klimawandel, die sehr krankheitsresistent sind, die im Grunde ein Reservoir von wichtigen Genen für die Zukunft darstellen."

Moderne Hochleistungskühe und schnell wachsende Schweine produzierten viel mehr Milch und Fleisch, könnten aber ohne Antibiotika und klimatisierte Ställe kaum überleben, so Köhler-Rollefson. Darum bleibe der Genpool der alten, rustikalen Rassen für die Tierzucht auch in der Zukunft unverzichtbar.

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