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StartseiteBüchermarktDie Masuren, wie in einem Medaillon bewahrt05.08.2012

Die Masuren, wie in einem Medaillon bewahrt

Wolfgang Koeppen: Die Mauer schwankt. Suhrkamp Verlag

Als 29-Jähriger verfasste Wolfgang Koeppen den Roman "Die Mauer schwankt". Seinen Romanhelden beschreibt er virtuos aus vielerlei Perspektiven - und fremdelt doch mit ihm. Der Roman hinterlässt viele Fragen: Seine Sympathie für die Masuren stellt der Autor allerdings deutlich heraus.

Von Katrin Hillgruber

Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen (Stefan Moses)
Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen (Stefan Moses)

Zaghaft lächelnd steht der junge Mann am flachen Sandstrand, hinter ihm die tosende Brandung. Er trägt einen Anzug mit weißem Hemd und Rhombenkrawatte, der Küstenwind bläst ihm das schon etwas lichte Haar aus der Stirn. Mit einem Einzelblattprospekt samt Foto warb der angesehene Berliner Verlag Bruno Cassirer im Sommer 1935 für Wolfgang Koeppens zweiten Roman "Die Mauer schwankt". Dieser gehöre zu den "eigenartigsten Romanen der neuen Literatur" heißt es im Anzeigentext – eine Charakterisierung, die aufhorchen lässt. Denn nicht nur das Buch ist in der Tat eigenartig, sondern auch seine Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte, getreu dem Motto: "Habent sua fata libelli", Bücher haben ihr eigenes Schicksal.

Ein Jahr zuvor hatte der 28-jährige Koeppen mit dem Roman "Eine unglückliche Liebe" bei Cassirer debütiert, was er als große Ehre empfand: "Diese Autorschaft befriedigte all meinen Ehrgeiz", stellte er fest. Insbesondere die engagierte Betreuung durch den Lektor Max Tau war ein Glücksfall für ihn. Das ging sogar soweit, dass Tau gelegentlich frühmorgens seinen finanziell klammen Jungautor samt Damenbegleitung in Lokalen am Kurfürstendamm auslösen musste. Neben Koeppen entdeckte der nationalkonservativ eingestellte Oberschlesier Tau unter anderem die Dichterin Marie-Luise Kaschnitz, wie er sich überhaupt unermüdlich für den literarischen Nachwuchs einsetzte. Das veranlasste Verlagschef Cassirer, ihm eines Tages mitzuteilen:

"Wenn sie mich einmal um Vorschuss bitten, weil sie mit einem Mädchen verreisen wollen, dann werde ich den Vorschuss bewilligen."

Aus privaten Gründen und aus seinem Unbehagen gegenüber der NS-Diktatur verbrachte Wolfgang Koeppen die Zeit von 1934 bis '38 im holländischen Exil. Eine jüdische Anwaltsfamilie aus Berlin hatte ihn als Dauergast in ihr neues Domizil nach Den Haag eingeladen. Doch Koeppen suchte kaum den Kontakt zu anderen Exilautoren, sondern wollte vielmehr mit seinen Werken auf dem deutschen beziehungsweise reichsdeutschen Buchmarkt reüssieren. Also musste es unbedingt ein für diesen relevantes Thema sein. Und hier witterte Max Tau eine Chance: Am 11. August 1933 erschien im Berliner Börsen-Courier ein ganzseitiger Artikel des Feuilletonmitarbeiters Wolfgang Koeppen mit dem Titel: "Masuren, August 1914. Die Zerstörung der Stadt Ortelsburg, die Russenflucht und der Sieg von Tannenberg". Hier ist der spätere Schöpfer der gesellschaftskritischen Trilogie "Tauben im Gras", "Das Treibhaus" und "Der Tod in Rom" einmal völlig anders zu vernehmen:

"Das Bombardement, das von deutschen Batterien erwidert wurde, dauerte nicht ganz 24 Stunden. Als am Nachmittag des 30. August [1914] die Kanonen zu donnern aufhörten, da war ein Berg von Schutt und Ruinen, wo einst die Stadt gewesen war. Ein Berg, in dem noch Teile sich von stehenden Mauern lösten und kleine Feuer aufzüngelten. Ostpreußen war frei, aber Ostpreußen hatte geblutet."

Koeppens stramm deutschnationaler, dabei stilistisch bestechender Bericht galt dem bevorstehenden "Tag von Tannenberg", an dem erstmals Reichspräsident Paul von Hindenburg offiziell für seinen Sieg über die Russen gefeiert werden sollte. Ortelsburg bei Allenstein im südlichen Masuren war als einzige deutsche Stadt im Ersten Weltkrieg zerstört worden. Der Wiederaufbau wurde gehörig propagandistisch instrumentalisiert, unter anderem mit einer "Ostpreußenhilfe". Die Kapitalen Berlin und Wien ernannten sich 1915 zu Partnerstädten des malerisch an zwei Seen gelegenen, verträumten Landstädtchens, das auf Polnisch Szczytno heißt.

Wolfgang Arthur Reinhold Köppen kam am 23. Juni 1906 in Greifswald zur Welt und wuchs ab 1908 in Ortelsburg auf. Den Umlaut Ö in seinem Namen ersetzte er später durch "oe". Seine Mutter Maria war eine ledige Näherin. Sein Vater, ein Dozent der Augenheilkunde und Ballonflieger, erkannte die Vaterschaft nie an. Marias ältere Schwester Olga jedoch, die mit dem preußischen Baurat Theodor Wille liiert war, nahm die beiden in ihren Haushalt auf. Wille wurde Wolfgang Koeppens Nennonkel, den er zeitlebens siezte. Er erinnerte sich:

"Ich bin nach Ortelsburg gekommen mit meinem Onkel, bei dem ich als Kind lebte. Dieser Onkel war Baumeister im Staatsdienst und wurde nach Ortelsburg versetzt. Er leitete das Königliche Hochbauamt und baute in Masuren Kirchen, Schulen, Rathäuser und träumte von den Bauwundern des Palladio in Venedig und Vicenza. So kam ich nach Ortelsburg. Und es fing die Schule an. Meiner Mutter waren Stadt und Land fremd. Sie zitierte einen blöden Spruch: 'Wo sich aufhört das Kultur, da sich anfängt der Masur.'"

So sah der autobiografische Grundriss für jenen Kleinstadtroman aus dem deutschen Osten aus, den Max Tau sich von Koeppen gewünscht hatte. Seine Chancen, die Reichsschrifttumskammer zu passieren, standen gut. "Die Mauer schwankt", 1938 auch unter dem Titel "Die Pflicht" herausgekommen, war letztendlich eine Auftragsproduktion für Taus "Bibliothek des Grenzlandes". Hierin lag das erste große Dilemma: Da Bruno Cassirer und sein Lektor Max Tau Juden waren und ab 1933 ständig mit der Schließung des Verlags rechnen mussten, konnten sie nicht offensiv für ihre Autoren werben. Es galt, die staatlichen Stellen möglichst nicht auf sich aufmerksam zu machen. "Die Mauer schwankt" wurde zwar rege rezensiert, aber keineswegs so gut verkauft, dass es zum Lebensunterhalt des Verfassers gereicht hätte. Deshalb erwog Wolfgang Koeppen ab 1935, seinen sogenannten nicht-arischen Verlag, dem er so viel verdankte, zu verlassen – mit schlechtem Gewissen. 1938 emigrierten Bruno Cassirer und sein Lektor aus Nazi-Deutschland. Heute trägt unter anderem die deutsche Schule in Oslo den Namen des Humanisten und Kulturphilosophen Max Tau.

Diese spannende Publikationsgeschichte nimmt einen Großteil des editorischen Anhangs ein, mit dem der Berliner Germanist Jörg Döring Koeppens zweiten Roman innerhalb der Suhrkamp-Werkausgabe neu herausgebracht hat. 1983 gab es schon einmal eine Neuauflage dieses von seinem Autor nicht sehr geliebten und im Lauf der Jahrzehnte fast vergessenen Buchs. Siegfried Unseld hatte den chronisch zögerlichen Koeppen geradezu mit den Druckfahnen überfallen, damit er im letzten Moment keinen Rückzug machen konnte.

Das Buch "Die Mauer schwankt" ist Kleinstadt-, Familien- und politischer Zeitroman in einem, vor allem aber ist es ein Auftragswerk. Wolfgang Koeppen indes war nach eigener Aussage kein Mann für Aufträge: Darin liegt das zweite Dilemma des Buchs. Recht konstruiert wirkt etwa der abrupte Wechsel der Handlungsorte zwischen einem fiktiven Balkanstaat und dem lebensecht dargestellten Ortelsburg, das nicht namentlich genannt wird. Dennoch ist es faszinierend zu lesen, wie der preußische Baumeister Johannes von Süde am Vorabend des Ersten Weltkriegs von einer Venedigreise aus in ein ungenanntes Balkanland gerufen wird: Der Mann seiner jüngeren Schwester Mary ist unter ungeklärten Umständen bei Unruhen ums Leben gekommen und muss überführt werden. Von Süde also heißt Koeppens Held, den er virtuos aus vielerlei Perspektiven spiegelt und mit dem er doch fremdelt.

"Der Kopf des Baumeisters zeigte die Zeichen eines früh beginnenden Alters. Im Ansatz des Haares, das dunkelblond war, sah man graue Fäden, und in der Schläfengegend erhöhten spitz zulaufende Winkel die Stirn. Seine Augen waren klein und immer wie geblendet oder wie zielend. Vielleicht war dieses Zusammengekniffene, das ihrem Blick den Ausdruck von übermäßiger Strenge verlieh, sodass der Knabe Gert allmählich von ihnen sich zu fürchten begann, die Folge des angestrengten, stundenlangen Schauens auf das helle Papier und des genauen Messens der Linien mit Zirkel und mit Stift."

Der Name von Süde ist Programm. Ähnlich wie in Thomas Manns Novelle "Tonio Kröger" steht auch bei Koeppen der Norden - beziehungsweise in Gestalt Ostpreußens der Nordosten - für das protestantisch grundierte Pflichtethos. Der Süden dagegen verkörpert Lebensfreude und Künstlertum. In einem stilistischen Kabinettstück lässt der Autor diesen Nord-Süd-Gegensatz, der auch der Gegensatz zwischen Erstarrung und Bewegung ist, kunstvoll auf das eine zentrale Wort "Pflicht" zulaufen.

"Er war von Venedig abgefahren und im Moment der Abfahrt hatte er aus dem Wasser der Lagune diesen Geruch wahrgenommen, den er dann wieder getroffen hatte in dem Krankenzimmer des anderen Landes, den Geruch nach Karbolsäure und Aufwisch. Dann war die Piazetta seinem Blick seitwärts entglitten. Entschwunden waren die Säulen, entschwunden das Gold der Kirchen, entschwunden der Junge, den er hatte malen wollen, entschwunden das rote Tuch mit dem jener vom Quai noch dem Scheidenden zugewinkt hatte, entschwunden der Traum auch von den Studien, von der Muße, vom zwanglos künstlerischen Tun, entschwunden überhaupt alle Schönheit, verdorben diese Ferien, verwildert und schrecklich verdorben, denn der Baumeister wusste, zunächst, als er nur dies wusste, dass diese Schiffsreise, die räumlich ihn zwar von der Heimat weiter entfernte, mit dem Wirken der Zeit eine Reise direkt in das Amt war und in die Pflicht."

In jenem ungenannten Balkanland gerät der Baumeister an die stürmische Freiheitskämpferin Orloga, die von den Behörden als leichtlebige Spionin diffamiert wird. Nach der Identifizierung seines Schwagers lässt sich Johannes von Süde treiben. Mehrfach wird er als neutraler Ausländer Zeuge davon, wie der Staat mit seinen Bürgern umgeht. Es herrscht Rechtlosigkeit. Die Interpretation, dass Koeppen in diesen rasanten bis fiebrigen, zuweilen süßlichen Passagen auf das Unrechtssystem des NS-Staats anspielte, liegt nah. Die blonde Orloga wird für den Baumeister zum Symbol der Freiheit, sie verheißt ihm ein anderes Leben. Doch bei ihrem nächtlichen Stelldichein auf dem Friedhof wird sie hinterrücks erschossen. Zuvor gibt sie dem Geliebten noch ihr Vermächtnis mit auf den Weg. Es ist zugleich eine Analyse des "taumelnden Kontinents", von dem der Historiker Philipp Blom in Bezug auf das Jahr 1914 sprach. Aber gilt das nicht ebenso für das Jahr 1935?

" 'Sieh, wir kennen uns', sprach sie wieder. 'Es gibt ein paar Menschen in der Welt, die immer dort zu finden sind, wo das Schicksal ist und das Geschick eines Landes, einer Nation sich vollzieht. So kam ich hierher. Weißt du, wo du stehst?' Sie flüsterte, nahe zu ihm, durchdringender, glühender Augenblick. 'Weißt du es nicht? Auf unterhöhltem Grund. In einem brüchigen Reich, das Sehnsucht hat, aus seiner Form zu fallen und eine neue, ein neues Leben zu finden. Oh, man weiß dies in Petersburg, in Wien, in Rom, in allen Gesandtschaften und Diplomatenstuben weiß man es. Man schickt Agenten hin. Man lässt Geld rollen. Man will sein Geschäft machen. Nur nach dem Leben und dem Willen des Volkes fragt man nicht. Weißt du, was man hier flüstert hinter verhängten Fenstern und verstopften Türritzen, wenn man die Maßnahmen der Regierenden bespricht und das Elend, das sie bedeuten? Da liegen zwei. Man fand sie am Morgen in der Gasse. Die Zeitung nannte sie als Opfer einer Schlägerei unter Trunkenen. Die ganze Stadt weiß, wer die Mörder sind, und niemand wagt es, auf offenem Markt laut ihre Namen zu nennen. Heute noch nicht. Aber morgen wird der Ruf über die Straße und das ganze Land hin gellen!'"

Mit dem Orientexpress reist der Baumeister zurück nach Deutschland und damit direkt in die Stagnation hinein. Überaus deutliche Wechsel in Temperatur und Geschwindigkeit prägen den dreiteiligen Text. Die rasende Zuspitzung des ersten Teils verliert sich jetzt in der Fläche, in den endlosen Schneefeldern Ostpreußens. In eine kleine Stadt des Ostens, die bis zuletzt namenlos bleibt, wird Johannes von Süde als Baumeister berufen. Er tritt die Stelle an, mit seinen Schwestern im Gefolge, für die er sich verantwortlich fühlt. Emilie ist ledig geblieben, Mary, die Mutter des Knaben Gert, verwitwet. Damit hat Wolfgang Koeppen exakt seine eigene Ortelsburger Familienkonstellation nachgebildet.

"Emilie, die ernstere der Schwestern, den Pflichten des Haushaltes zugewandt, versuchte dem Beispiel der Beamtenfrauen zu folgen und Butter und Eier auf dem Mittwochwochenmarkt einzukaufen. Auch sie, viel zu großstädtisch und nach englischen Vorlagen gekleidet, wirkte fremd in einer Umgebung von lehmkrustigen Kastenwagen und strohgepolsterten Schlitten, vor denen die kleinen zottelmähnigen Pferde standen und das Kleid der Vorbeigegehenden mit zutraulicher Nase beschnupperten. Während die Männer in ihren Schafpelzen, auch, wenn sie zu Fuß gingen, die Peitsche schwangen. Und ihre Frauen aus dem Kopfschutz selbstgewebter, streifiger Tücher nur die Augen blicken ließen, wenn der Wind brüllend und grausam aus dem russischen Frostland wehte. Augen, die, wie es Emilie schien, die alte, mehr als die wissende, Trauer, die Hinnahme des Geschicks, die Güte, das Vertrauen und die Treue, wie auch die Wachsamkeit ererbter Instinkte zeigten, die man in den Augen der Tiere finden kann. Komisch, überflüssig und, wenn man will, auch peinlich war es jedoch, dass Emilie, in Verkennung der Ursprache des Landes, die zwar im ersten Hinhören dem Polnischen ähnlich klang, es aber beileibe nicht war, sich zur intimeren Unterhaltung eines polnischen Wörterbuches zu bedienen suchte, das eine weitere Sprachverwirrung herbeiführte und allseitiges Misstrauen weckte."

Die Zeitläufte stellen Baumeister von Süde vor seine größte Pflicht: den Wiederaufbau der durch die Russen im Ersten Weltkrieg zu großen Teilen zerstörten Stadt. Dass die konservativ gesonnene Landbevölkerung dabei nicht seinen Reformplänen folgt, lässt ihn zunehmend verbittern. Wolfgang Koeppen beobachtet seine Hauptfigur von außen. Er zeichnet den Baumeister als einen Ahnenden, Suchenden, der Mühe hat, Schillers Sentenz, wonach Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit bedeutet, für sich zu akzeptieren. Dabei gelingen dem Autor stilistische Kostbarkeiten wie eine Art Rondo, eine in sich geschlossene Fügung, die Architektur und Leben zur Deckung bringt. Koeppen benötigt dazu nur drei Worte: Plan, Bau und Haus.

"Das ist ein Plan. Das ist ein Bau. Das ist ein Haus. Heute noch senkrechte und horizontale, schräge und grade Linien; heute noch Kreise, Halbkreise, Rundungen, Winkel, Dreiecke, Rechtecke, Quadrate auf knisterndem, starrem Papier. Morgen schon Grube und Mörtel und Stein, Eisen, Träger und Gebälk, die Mauern und das Dach. In den Zimmern ein Mensch. In den Zimmern eines Menschen Geburt. In den Zimmern eines Menschen Tod. Das ist ein Haus. Das ist ein Bau. Das ist ein Plan."

Am Ende hat Wolfgang Koeppen seinen ambivalenten Helden de facto eingemauert. Des Erzählers Sympathie gilt unverhohlen dem Knaben Gert, sodass "Die Mauer schwankt" vor allem auch ein Selbstporträt des Künstlers als junger Mann darstellt. Aus Gerts Sicht, einer Mischung aus Angst und Abenteuerlust, sind die Kriegsszenen geschildert. Das verleiht ihnen eine Intensität mit Gänsehautcharakter.

"Oben in der Luft war das Flugzeug ein kleiner grauer Schatten im Feld der weißen Wolken. Gert ging in das Progymnasium. In seinem Ranzen klapperten der Federkasten, das Religions- und das Lesebuch. Ein Schuss war zu hören, der voller, mächtiger, runder, lärmender und zerreißender war als ein gewöhnlicher Schuss. Dann Mitrailleusenfeuer: der wehende, kartätschende, streuende Ton; unverkennbar für den, der ihn einmal vernommen hat. Unter den weißen Wolken des Himmels trafen sich andere, kleinere, schnellfahrende und schneller noch verpuffende auch weiße Wölkchen. Gert stand vor der evangelischen Kirche und blickte in die Höhe. Höher in die Höhe, als der Turm hoch war. Die grauzeltenen Planwagen einer Bagagebatterie heilten unter dem Laubdach der Straßenrandbäume. Aus dem Kirchengarten riefen und winkten Soldaten. Einer rannte vor, umfasste den Schuljungen und schleppte ihn von der Straße fort in das dichtere Gebüsch. Im Getragenwerden sah er noch schwarz vom fliegenden grauen Schatten ein niederfallendes Eisen sich lösen."

Am 15. März 1996 starb Wolfgang Koeppen in seiner Wahlheimat München, wo er fast ein halbes Jahrhundert gelebt hatte. Wie viele andere "Preußen" empfand er das Leben im deutschen Süden nach 1945 als relativ unbelasteten Neubeginn. Sein Berlin, in dem er vor dem Weltkrieg als Journalist und Drehbuchautor Fuß gefasst hatte, sei 1933 endgültig untergegangen, sagte er.

Zum Widerstandskämpfer taugte dieser Schriftsteller nicht und hatte Entsprechendes auch nie behauptet – stattdessen beherrschte er formvollendet die Kunst der Selbststilisierung. Der Roman "Die Mauer schwankt" des erst 29-Jährigen legt nicht zuletzt von dieser Kunst der Stilisierung ein Zeugnis ab, das nachhaltig irritiert. Wollte Koeppen beim Schreiben mit Blick auf die holländische Küste an seine deutschen Leser appellieren, selbst in der Diktatur treu zum Vaterland zu stehen und ihre Pflicht zu tun? Dazu ist seine Hauptfigur, der Baumeister, zu gebrochen und widersprüchlich gezeichnet. Wollte er mit den Balkan-Szenen den Widerstand gegen Hitler ermutigen? Warum aber reißt dieser Erzählfaden dann so abrupt wieder ab? Der Roman "Die Mauer schwankt" hinterlässt viele Fragen. Nur in einem ist er sich ganz sicher: in seiner Sympathie für Masuren. Wie in einem Medaillon bewahrt er das Bildnis einer Landschaft auf.

Buchinfos:
Wolfgang Koeppen: Die Mauer schwankt. Roman. Herausgegeben von Jörg Döring. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011 (Band 2 der 16-bändigen Werkausgabe), 425 Seiten, 34,90 Euro

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