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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Mauer in unserem Kopf19.03.2009

Die Mauer in unserem Kopf

Bürger können im Internet den deutschen Vereinigungsprozess bewerten

Unter dem Stichwort "... was zusammengehört" untersucht der Innovationsverbund Ostdeutschlandforschung die Entwicklung der deutschen Einheit. Dazu gehört die Auswertung von Meinungsumfragen ebenso wie ein bundesweit durchführter Online-Dialog, an dem sich Bürger beteiligen konnten. Auf einem Internetportal konnten diese ihre Erfahrungen, Wünsche und Prognosen hinsichtlich des Vereinigungsprozesses darstellen.

Von Eva-Maria Götz

Demonstranten reißen die Berliner Mauer ein. (AP Archiv)
Demonstranten reißen die Berliner Mauer ein. (AP Archiv)

Um die deutsche Einheit erfolgreich zu vollenden, sehe ich vor allem zwei wesentliche Punkte, die noch umzusetzen sind. Zum einen müssen die Regionen der neuen Bundesländer, die mit der Wende einen großen Teil ihrer Wirtschaftskraft einbüßten und heute strukturschwach sind, entwickelt werden. Zum anderen muss die DDR-Vergangenheit lückenlos aufgeklärt werden.

Es ist eine geografische Einheit. Die Reise- und Konsumvorteile werden genutzt. Ein Dialog auf Augenhöhe findet nur selten statt. Insbesondere werden Osterfahrungen nicht reflektierend wahrgenommen - beziehungsweise selten. Ein echtes Interesse aneinander ist wenig ausgeprägt.

Für mich ist die Einheit vollendet, wenn die sogenannte "Mauer" aus den Köpfen heraus ist. Wenn es kein Lohn- oder Tarifgefälle mehr zwischen Ost und West gibt und eine vergleichbare Chancengleichheit gegeben ist. Und wenn die sogenannten "Ossies" nicht mehr in Ostalgie alten vermeintlichen Errungenschaften nachweinen und die sogenannten "Wessies" sich nicht mehr als besserwissende Bundesbürger aufspielen. Was wäre es auch angenehm, wenn sich die Menschen in Ost und West und Nord und Süd mit aufrichtigem Interesse und ohne Vorbehalte für die Regionen der anderen und deren Geschichte interessieren würden.

Dies sind nur drei von 412 zum Teil sehr ausführlichen Beiträgen, die die mehr als 270 aktiven Diskutanten auf der Internetseite "unsere-deutsche-einheit.de" online gestellt haben. Weit über 10.000 Menschen beobachteten schweigend den Online- Dialog, der von Wissenschaftlern des Innovationsverbunds Ostdeutschlandforschung konzipiert wurde.

"Es wurden drei Fragen gestellt. Die eine bezog sich auf die Vergangenheit: Was verbinden Sie mit dem 9. November 1989? Dann eine zur Gegenwart: Wie erleben sie momentan die deutsche Einheit? Und die dritte Frage bezieht sich auf die Zukunft: Wann ist die deutsche Einheit erfolgreich beendet und was muss man noch tun, um dieses Ziel zu erreichen?"

Erklärt der Historiker Benjamin Nölting vom Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin, der zugleich Sprecher des Innovationsverbundes ist.

"Was mich sehr beeindruckt hat, war, das die Antworten alle sehr differenziert waren, und sehr gut abgewogen haben zwischen positiven und negativen Entwicklungen, und sehr gut auch unterfüttert waren mit persönlichen Erlebnissen, die aber dann in den Kontext des deutschen Einigungsprozesses gestellt worden sind. Also da sagt keiner: Ja, ich habe da meinen Mann oder meine Frau kennengelernt und deshalb ist das gut gelaufen. Oder: Ich habe seitdem keine Arbeit mehr und deshalb ist das alles schlecht gelaufen."

Diese differenzierte Betrachtung ist auch 20 Jahre nach der Maueröffnung nicht selbstverständlich. Immerhin: In diesem Internetforum wird die deutsche Wiedervereinigung nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt. Immer wieder erwähnt werden jedoch die unterschiedlichen Löhne für gleiche Arbeit - ein Punkt, der geradezu Symbolkraft hat dafür, dass die Einigung noch nicht abgeschlossen wurde.

"Wir haben ja in der Wahrnehmung jetzt in dem Alltagsbewusstsein der Menschen vielfach das Problem, dass sie sagen: Klar geht's uns individuell besser. Wir können reisen, der materielle Wohlstand ist gewachsen, die Wohnungszufriedenheit hat deutlich zugenommen. Also ,solche individuellen Werte sind positiv und drücken auch einen Zugewinn an Einheit aus - und gleichzeitig hat die Zukunftserwartung, der Zukunftsoptimismus abgenommen, und hat auch die Enttäuschung zugenommen darüber, nicht wirklich mit seinen Erfahrungen gefragt zu sein und nicht wirklich mit seinem Lebensmuster Anerkennung zu finden","

meint der Soziologe Michael Thomas vom Berlin-Brandenburger Institut für Sozialwissenschaftliche Studien. Er sichtete die Darstellung Ostdeutschlands in den Medien und den politischen Programmen der Parteien. Dabei stellte er fest, dass das mediale Interesse an den neuen Bundesländern in den letzten Jahren stark abnahm, was durchaus als Zeichen der Normalisierung gewertet werden könne. Anderseits steig der Anteil an skeptischer oder negativer Berichterstattung jedoch an.

Auch in der Politik hatte man parteiübergreifend die Gestaltung der Einheit für beendet angesehen, in den letzten Monaten entdeckte Michael Thomas jedoch ein neu erwachtes Interesse. Durch die Finanzkrise und die anstehenden Wirtschaftsprobleme steht Ostdeutschland sogar in einem neuen Blickwinkel:

""Westdeutschland war zwar überlegen 1989 und 1990 und hat noch mal einen wirtschaftlichen Schub erfahren, aber der Umbruch, der die Wirtschaft insgesamt und die Gesellschaft insgesamt betrifft, schlägt jetzt massiv zu mit einer Zeitverzögerung und insofern befinden wir uns wirklich in einem Boot, wo man nur sagen kann, ja, die Ostdeutschen mussten halt früher einsteigen, weil ihr System eben aufgrund von wirtschaftlichen und Demokratiedefiziten früher bankrott gegangen ist. Aber bestimmte Symptome, die dazu führen, dass wir vor gravierenden Herausforderungen, vor einer Pfad-Änderung stehen, sind eben heute auch anzutreffen. Deshalb ist es auch wichtig, Projekte zu haben, um auch im Osten Deutschlands zu zeigen, hier sind die Leute, hier machen sie was, hier wird was getan."

"Ein sehr gelungenes Beispiel ist Weichentin, das ist eine kleine Kommune in Mecklenburg-Vorpommern, die haben gesagt, wir geben soviel Geld für Energie aus, die wir von außerhalb einkaufen müssen, wir können doch eigentlich auch gucken, ob wir die selber produzieren können. Und haben dann angefangen, Schritt für Schritt und ausgehend von dem großen Landwirtschaftsbetrieb vor Ort und in Kooperation mit Handwerksbetrieben ihre Energieversorgung umzustellen - und haben dann gemerkt, sie sparen viel Geld ein, was sie dann in die Entwicklung ihres Dorfes stecken können, und haben aber dann auch gemerkt: Es geht nicht nur darum, dass man Geld einspart, sondern dass man auch selber was in die Hand nehmen kann."

Ob eine von mehreren brandenburgischen Unternehmen gemeinsam gegründete "Fabrik für Ältere", in der Langzeitarbeitslose qualifiziert werden, oder die von Mitarbeitern und der Kommune selbstverwaltete Firma für Plasmatechnologie, die inzwischen zu den Branchenführern auf dem Weltmarkt gehört - der Innovationsverbund Ostdeutschlandforschung sucht und begleitet Initiativen, die die wirtschaftliche Situation vor allem in prekären Randgebieten nachhaltig verbessern und zugleich Vorbildfunktion für die gesamt Republik haben können.

Vielen dieser in den letzten Jahren entstandenen Projekte fehlt noch die "kritische Masse", um wirklich Leuchtturmfunktion zu haben. Doch im Blick auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Kapazitäten der Regionen liegt für die Wissenschaftler eine Möglichkeit, den Vereinigungsprozess aus seiner Schieflage "hier der ewig besserwissende Westen - dort der milliardenverschlingende Moloch Osten" herauszuholen. Michael Thomas:

"Man muss in den Regionen ein Verständnis in der Tat haben dafür, dass man in einem Gesamtzusammenhang sich bewegt, aber in diesem Gesamtzusammenhang nicht in einem sinnlosen Wettbewerb steht, sondern: Man muss die für die Regionen wirklich aussichtsreichste Perspektive entdecken, entwickeln."

Ein Wunsch, den eine "Lucky" genannte Person auf der Internetseite Unsere-deutsche-einheit.de so formulierte:

Vielleicht gibt es dann ja irgendwann auch nicht mehr jene Länderrivalität, die von Neid und manchmal auch Misstrauen geprägt ist. Naja - den sportlichen Wettbewerb untereinander wird es natürlich immer geben, auch den hoffentlich sich gegenseitig beflügelnden kreativen im wirtschaftlichen Wettbewerb. Aber wenn genau dann diese Menschen sich mehr für gemeinsame Miteinander-Lösungen in einem vom demografischen Wandel geprägten Deutschland interessieren und das vorbehaltlos mitgestalten wollen, dann sind wir ein gutes Stück auf dem richtigen Weg vorangekommen.

Weitere Informationen:

www.unsere-deutsche-einheit.de

www.ostdeutschlandforschung.net

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