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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch06.03.2000

Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch

von Solomon Volkov, Propyläen Verlag, Berlin und München. 2000

Brigitte van Kann

Theißen: Schostakowitsch wurde in der Sowjetunion mal als dekadent und formalistisch kritisiert, mal als der repräsentative Komponist des Sozialismus gefeiert. Der Berliner Propyläen Verlag hat jetzt eine Neuausgabe der Memoiren des Dmitri Schostakowitsch von Solomon Volkov vorgelegt. Ein Werk, dessen Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte auch auf die Schwierigkeiten mit der Geschichtsschreibung über die Sowjetunion verweist. Hören Sie Anmerkungen von Brigitte van Kann.

Beitrag Brigitte van Kann

van Kann: Es war eine Sensation, als die "Memoiren des Dmitri Schostakowitsch" 1979 zum erstenmal erschienen - in den USA und, fast zeitgleich, in deutscher Übersetzung. Aus diesem Buch sprach nicht der loyale Sowjetkomponist, für den man ihn in der ganzen Welt gehalten hatte, sondern ein verbitterter Schostakowitsch, der die Kulturbürokratie seines Landes geißelte und auch seine Kollegen nicht schonte. Die sowjetische Presse reagierte prompt: Die Literaturnaja Gazeta druckte einen Offenen Brief von Schülern des Komponisten, in dem sie die Memoiren als Fälschung entlarvten, als "Lügengebräu aus den Händen von Geschäftsleuten und anderen Schurken".

van Kann: Sie seien der Versuch, "das edle Antlitz des großen Komponisten und leidenschaftlichen Patrioten zu zerstören, sein Leben und Werk in den Schmutz zu ziehen".

van Kann: Auch Irina Antonovna, die Witwe Schostakowitschs, und sein Sohn, der Dirigent Maksim Schostakowitsch, zweifelten die Echtheit der Memoiren an. Wobei sie weniger politisch-ideologisch argumentierten, sondern vor allem auf die Ungereimtheiten in der Entstehungsgeschichte des Buches hinwiesen.

In der Tat: "Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch, herausgegeben von Solomon Volkov" sind auf merkwürdige Weise zustande gekommen: Ende der 60er Jahre hatte der junge Leningrader Musikwissenschaftler Volkov den berühmten Komponisten kennengelernt und, wie er im Vorwort schreibt, dessen Vertrauen gewonnen. Schostakowitsch, damals schon ein schwerkranker Mann, habe den Wunsch geäußert, seine leidvollen Erfahrungen mit der sowjetischen Kulturbürokratie für die Nachwelt festzuhalten. Volkov sollte ihm dabei helfen. Man traf sich zu mehreren Gesprächen - wie viele es genau waren und wann sie stattgefunden haben, hat Volkov offenbar nicht notiert. Kalkül oder die sprichwörtliche russische Nachlässigkeit bei Daten und Zahlen - das sei dahin gestellt!

Auf Schostakowitschs Wunsch sollten die Memoiren erst nach seinem Tod erscheinen. So geschah es dann auch: 1975 starb Schostakowitsch, ein Jahr darauf emigrierte Solomon Volkov in die USA, wohin er das brisante Manuskript schon vorher geschickt hatte. Drei Jahre später waren die Memoiren auf dem Markt, und die Frage, ob sie echt oder gefälscht seien, löste eine leidenschaftliche Debatte aus. Volkovs Angaben über den Arbeitsprozess waren spärlich und voller Ungereimtheiten. In seinem Vorwort heißt es zum Beispiel:

"Nach und nach ordnete ich das ganze umfangreiche Material, ... schrieb den Text auf der Maschine ins Reine. Schostakowitsch las ihn und autorisierte jedes Kapitel mit seiner Unterschrift."

van Kann: Dmitri Schostakowitsch ist ein überaus ängstlicher und verschlossener Mensch gewesen. Das sagen übereinstimmend alle, die ihn gekannt haben. Er habe es nicht einmal ertragen können, wenn in größerer Runde antisowjetische Witze erzählt wurden. Es klingt unwahrscheinlich, dass er seine vernichtenden Äußerungen über das sowjetische System schriftlich fixieren ließ - und dann auch noch mit seiner Unterschrift beglaubigte.

Woher konnte Schostakowitsch wissen, dass Volkov umsichtig genug sein würde, das Manuskript in Sicherheit zu bringen, zumal der junge Mann als Systemgegner bereits bekannt war und er sich als Jude mit Ausreiseplänen sowieso im Fadenkreuz der Staatssicherheitsorgane befand? Im Falle einer Entdeckung hätte Dmitri Schostakowitsch mit empfindlichen Folgen für sich und seine Familie rechnen müssen. Perestrojka und Glasnost waren noch weit - es war die Zeit, in der Solschenizyn und Sacharov für ihren Mut bezahlten und die sowjetischen Organe, durch die Bücher und Aktionen der Dissidenten aufgestört und weltweit in Misskredit gebracht, besonders hart gegen Andersdenkende vorgingen.

Um noch einmal auf die ominöse Unterschrift Schostakowitschs zurückzukommen: Normalerweise setzt man seine Unterschrift unter den Text, den man gelesen hat. Offenbar hat aber Schostakowitsch die Anfangsseiten der jeweiligen Kapitel mit dem Vermerk "Gelesen" und seiner Unterschrift versehen. "Offenbar" - weil noch nie jemand Volkovs Reinschriften, das Original also, zu Gesicht bekommen hat. Mit Ausnahme einer englischen Musikwissenschaftlerin, die auf diesen Anfangsseiten leicht adaptierte Texte, die Schostakowitsch in der sowjetischen Presse veröffentlichte, gelesen haben will. Ungefährliches Material also, das der Komponist ohne Bedenken unterschreiben konnte.

Hat Volkov demnach Schostakowitsch etwas anderes vorgelegt, als er später veröffentlichte? Warum hat er der Forschung das Originalmanuskript nie zugänglich gemacht? Weil es vielleicht gar nicht existiert? Wonach ist die deutsche Fassung übersetzt worden? Fragen über Fragen. Zahlreiche Konferenzen sind im Westen zum Problem der Echtheit dieser Erinnerungen abgehalten worden. Im Grunde eine Farce, denn es wäre einzig und allein an Volkov, den Echtheitsbeweis anzutreten. Das hat er bis heute nicht getan, den Tagungen zum Thema ist er ferngeblieben.

Diskretion des Fälschers oder marktstrategisches Kalkül? Schließlich hat nicht nur der brisante Inhalt, sondern auch die zweifelhafte Entstehungsgeschichte und das seltsame Gebaren ihres Herausgebers "Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch" immer wieder ins Gespräch gebracht. Obwohl der materielle Beweis für ihre Echtheit immer noch aussteht, gehen heute die meisten Wissenschaftler davon aus, dass Volkov zumindest keine grobe Fälschung präsentiert hat: Denn inhaltlich haben sich die Memoiren als hieb- und stichfest erwiesen. Ihre Glaubwürdigkeit bestätigte nach seiner Emigration in den Westen auch Maksim Schostakowitsch. Er schrieb:

"Alles, was in diesem Buch über die Verfolgung meines Vaters und die politischen Umstände gesagt wird, entspricht voll und ganz der Wahrheit. Die dort gewählte Sprache erkenne ich zum größten Teil als die meines Vaters wieder."

van Kann: Auch das einzige authentische Zeugnis, der 1995 veröffentlichte Briefwechsel Schostakowitschs mit dem Theaterwissenschaftler Isaak Glikman, entspricht den Memoiren in Ton und Haltung.

"Lieber Isaak Davydovitsch", heißt es da zum Beispiel: "Ich gratuliere Dir herzlich zum 25. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Ich habe gerade eben im Radio die Ansprache des Genossen Stalin gehört. Mein Freund! Wie traurig bin ich doch, dass wir diese Ansprache gehört haben und dabei soweit von einander entfernt waren."

van Kann: Schostakowitsch verstand es eben nicht nur in seiner Musik, unter dem Deckmantel der gängigen Formulierung subtile Sprengsätze zu installieren. Die letztlich ungeklärte Frage nach der Echtheit der Schostakovitsch-Erinnerungen ist in den Hintergrund getreten. Heute räumt man ein, dass sie womöglich nicht echt, dafür aber durchaus wahr sein könnten. Ein typisches Paradox: Wo es 70 Jahre lang nur eine offiziell gefälschte Geschichtsschreibung gab, gedieh ein wahrer Dschungel an Gerüchten und Anekdoten über die ebenso hofierten wie gefährdeten Berühmtheiten des Landes. Mochte auch vieles an solchen Geschichten ausgedacht und überzogen sein - vor dem Hintergrund grober offizieller Lügen bekamen sie die Aura einer höheren Wahrheit. Es ist nicht auszuschließen, dass Solomon Volkov viele solcher Wahrheiten zu einer genialen Fälschung kompiliert hat, die dem wirklichen Schostakowitsch sehr nahe kommt.

In diesem Sinne hat der Musikwissenschaftler Michael Koball, der im Vorwort zur Neuausgabe der Volkovschen Schostakowitsch-Memoiren noch einmal die ganze Debatte um Echtheit oder Wahrheit Revue passieren lässt, sicher recht, wenn er von den "vielen spezifisch russischen Facetten der Debatte" spricht, die sich "dem westlichen Leser verschließen".

Mit der Neuauflage der "Memoiren des Dmitri Schostakowitsch" kann jetzt der deutschsprachige Leser wieder entscheiden, ob er sie als echtes Zeugnis oder wahre Fälschung lesen möchte. Ihre Faszination bleibt davon merkwürdig unberührt. Sie sind, um es mit Michael Koball zu sagen:

"Psychokrimi, Lebensbeichte und musikalisches Geschichtsbuch der Sowjetunion zugleich".

Theißen: Brigitte van Kann über: "Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch", herausgegeben von Solomon Volkov. Propyläen Verlag, Berlin und München. 440 Seiten, DM 48,--.

Damit sind wir am Ende unserer heutigen Revue politischer Literatur. Am Mikrophon war Hermann Theißen. Guten Abend.

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