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StartseiteBüchermarktDie Mitte liegt ostwärts. Europa im Übergang14.10.2002

Die Mitte liegt ostwärts. Europa im Übergang

Hanser, 252 S., EUR 21,50

Es gibt solche Momente im Fluss der Zeit, in denen jeder instinktiv spürt: hier ereignet sich gerade vor aller Augen Geschichte. Der 9. November 1989 war so ein Moment, die Nacht, in der die Mauer geöffnet wurde und die Teilung der Welt in zwei Blöcke ein Ende nahm. Und der Morgen des 11. September 2001, als die beiden Flugzeuge sich in die Türme des World Trade Centers bohrten und sie zum Einstürzen brachten. Zwei Daten, die spiegelbildlich aufeinander bezogen sind – 9.11. und 11.9. -, zwei Bilder, die Anfang und Ende eines Jahrzehnts markieren: Das Bild der Freude mit der Öffnung der Grenze und den DDR-Bürgern, die die Kontrollposten und die Reihen der in Scharen zusammengeströmten West-Berliner passieren, und das Bild des Entsetzens mit den beiden Flugzeugen, den einstürzenden Türmen, den fassungslosen Gesichtern und der dicken Schicht aus weißem Staub, die sich auf alles legt. Diese beiden Bilder, das Mauerbild und das Türmebild, sind für Karl Schlögel die Eckpunkte eines Jahrzehnts, das er einmal das "Sandwich-Jahrzehnt” genannt hat, weil es fast zwischen den beiden großen Daten verschwindet. Schlögel:

Katharina Narbutovic

Es ist ein auf ein Jahrzehnt gestreckter historischer Moment, ja. Ich meine, wir hatten vor dem 11. September uns doch alle auf eine ziemlich harmonische Weise vorgestellt den Übergang. Also, das, wir hatten eine Welt, wie wir sie, wie sagt man, die beste aller denkbaren Welten, die hatten wir im Kopf, und wir dachten, dass jetzt diese defiziente, zurückgehaltene, hintangehaltene Ostblockwelt, die macht sich jetzt auf den Weg so zu werden wie wir. Eigentlich eine ziemlich bequeme Vorstellung, alles ist klar, ja. Und der 11. September hat meiner Meinung nach uns sozusagen auf die Höhe der Gegenwart katapultiert, dass einfach es so nicht läuft, wie man sich das so schön vorstellt, sondern dass so im Geschiebe, in diesen tektonischen Verschiebungen der Zeit es anders läuft, und wir sozusagen uns dieser Gegenwart neu stellen müssen.

Das Buch "Die Mitte liegt ostwärts” versammelt fünfzehn Essays, die Karl Schlögel – bis auf eine Ausnahme – in diesem Jahrzehnt des Übergangs geschrieben hat, und er zeigt damit, dass er weitaus mehr ist als der "Ostverführer”, als der er, der eine Professur für osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder innehat, gerne bezeichnet wird. Die neunziger Jahre sind für Europa eine Zeit der Bestandsaufnahme, ein "Jahrzehnt, in dem Europa zu sich kommt”, wie Karl Schlögel sagt, in dem "es einsammelt, was von ihm geblieben ist und eliminiert, was sich bis dahin gehalten und überlebt hat”, es ist eine Zeit der Abwicklung, und zugleich ist es eine Zeit der Neubildung Europas. Karl Schlögel vollzieht mit seinen Essays die gleiche Bewegung, er begleitet die europäische Bestandsaufnahme, er stellt sich der Gegenwart und führt dabei beispielhaft vor, was "Denken auf Augenhöhe”, "Denken auf der Höhe der Zeit” heißt. Seine Essays sind Sondierungen in einer neuen Welt, mit denen er mit großer Neugier und Begeisterungskraft Stück für Stück wesentliche Momente für das Europa der neunziger Jahre herausarbeitet.

Das überragende Wunder der achtziger und neunziger Jahre ist für Karl Schlögel die Samtene Revolution, ist die Tatsache, dass die Demontage des Systems in fast allen Ländern Mittel- und Osteuropas trotz aller Probleme so unblutig vonstatten ging, dass es so viele "Helden des Rückzugs” gab, wie Hans Magnus Enzensberger sie einmal nannte, "die aus der Krise des Sozialismus herausgeführt haben, ohne dass es zum Zusammenbruch kam”, Leute, die auf bewundernswerte Weise den Übergang gemanagt haben, das Ende einer ganzen Epoche, das Zusammensinken von Staatsapparaten, das Arbeitsloswerden von Armeen. Überall dort aber, schreibt Karl Schlögel, "wo es keine politischen Eliten gegeben hat, die dem Transformationsprozeß eine Vermittlung geben konnten, ist es zum Ausbruch von Gewalt gekommen”. Mit Jugoslawien, dem Kaukasus und Tschetschenien war der Krieg wieder da, und es tauchten Personal und Figuren auf, die aus dem Nachkriegseuropa verbannt waren. Karl Schlögel:

Ich glaube, dass wir uns in dieser langen Nachkriegszeit, dieser durch Abschreckung sehr stabilen Welt, in der es uns ziemlich gut gegangen ist, auf beiden Seiten, auf der einen mehr, auf der anderen weniger, dass wir einfach bestimmte Dinge aus dem Blick verloren haben und dass wir uns daran gewöhnt haben, diese Welt, diese Nachkriegswelt, diese abschreckungsgestützte Welt als den Normalfall anzusehen. Es gab keine Marodeure, es gab keine Gewalt, die, na, natürlich gab es Gewalt, aber wie man so schön sagt, es gab strukturelle Gewalt, aber es gab nicht das Massaker, es gab nicht, wie sagt man, die Greuel, es gab nicht diese Entsetzen verbreitende physische Gewalt. Die Gewalt war immer ziemlich abstrakt, als Drohung, als Raketendrohung, also als Weltkriegsdrohung, aber dass man den anderen massakriert und ihm die Augen aussticht und so etwas, das war jenseits der Erfahrungs- und Vorstellungskraft. Und deswegen taucht einfach wieder, ja, vielleicht könnte man sagen das Personal und die Unsicherheit der historischen Normalzeit. Also vielleicht waren die fünfzig Jahre nach dem Krieg, vielleicht war das der Ausnahmefall.

Nach dem Ende der Teilung der Welt ist unser Planet deutlich sichtbar in Bewegung gekommen. Hierbei befasst sich Karl Schlögel nicht nur mit den Flüchtlingen aus dem früheren Jugoslawien, sondern er beschreibt mit den beiden Migrationsforschern, den Brüdern Alexander und Eugene Kulischer, die Geschichte der Menschheit als Geschichte der Migration, er erzählt von den stetig wachsenden Flüchtlingsströmen außerhalb von Europa und schreibt von den illegalen Immigranten, die niemand haben will und die doch irgendwann legalisiert werden, weil sie die "dirty, difficult and dangerous jobs” übernehmen, für die sich andere zu schade sind. Und so sehr die "Festung Europa” dabei auch beschworen wird, so wenig kann das überalterte Europa heute ohne Migranten und Green-Card-Spezialisten auskommen, wenn es auf dem globalen Markt mithalten will. Die Welt wächst zusammen, und die Schauplätze der Vermischung, in denen das neue Zusammenleben erprobt wird, sind Megacities wie New York, Shanghai, Kairo, Bombay, Moskau, Kuala Lumpur oder Singapur. Das hat es in Mitteleuropa alles schon einmal gegeben, sagt Karl Schlögel, und die Frage ist, ob wir "an die schon einmal erreichte Komplexität und Konfliktfähigkeit der großen multiethnischen und kosmopolitischen Zentren der Vorkriegszeit” wie Lemberg, Czernowitz, Lodz oder Wilna "anknüpfen können”. Karl Schlögel hat dabei beides im Blick, und hier zeigt sich die besondere Qualität seines differenzierenden, abwägenden Denkens: Er sieht sowohl die Notwendigkeit einer neuen kosmopolitischen Weltläufigkeit als auch die Anforderungen, die eine solche Durchmischung der Gesellschaft an das Gemeinwesen stellt, sieht den sozialen Zündstoff, der darin verborgen liegt. Nicht umsonst ist "Dialektik” ein so wichtiger Begriff für Karl Schlögel.

Die Veränderungen, die sich für die neunziger Jahre feststellen lassen, wurden aber nicht nur von außen an uns herangetragen. Sie stammen mindestens zu gleichen Teilen aus der Mitte unserer Gesellschaft selbst, wie es der Amoklauf von Erfurt unlängst wieder gezeigt hat. Es ist der Einzug der Gewalt in unsere Großstädte, einer Gewalt, die hausgemacht ist und mit dem fortgeschrittenen Prozeß der Modernisierung zu tun hat, mit dem Verlust von bindenden Wertvorstellungen, mit der zunehmenden Bereitschaft, sich einfach zu nehmen, was einem zuzustehen scheint. Für Karl Schlögel geht es heute darum, ebendiesem Absturz in den Naturzustand zu widerstehen. Die "Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbstorganisation” wäre dabei seiner Ansicht nach mehr gefragt als die Polizei. Doch am Werk sieht er allenthalben nur Ratlosigkeit – die "Ratlosigkeit der späten massenbürgerlichen Gesellschaft, in der neue Formen der Produktion, der Verteilung, der Öffentlichkeit und der Politik nicht in Sicht sind”. Schlögel:

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es keine automatisch und immer und ewig intakt bleibenden Sicherungen gegen diesen Absturz gibt, sondern es kann heute auftreten, ja, und es, ich hab an irgend ‘ner Stelle auch gesagt, es gibt eine unterirdische Verbindung zwischen Sarajevo und Rostock. Also, wenn es plötzlich möglich ist, dass Leute johlen, wenn andere Leute in Brand gesteckt werden, ja, dann heißt das, dass diese Möglichkeit der Barbarisierung oder der, des Barbarischen, sie ist gegeben, es muß nur eine bestimmte Sicherung ausfallen. Aber in Osteuropa ging es ja nicht nur um staatliche Zusammenbrüche, sondern im Grunde jeder hat sein Leben neu organisieren müssen, eine unglaubliche Geschichte, ja, man muß sich eigentlich wundern und bewundern, wie diese Leute es hingekriegt haben, ja. Und mein ceterum censeo ist ja immer, wir wissen noch nicht, wie wir damit fertig werden, weil ich bin davon überzeugt, dass diese Abwicklung des alten Zustands sozusagen auf uns zurollt. Und dieses Dilemma, was wir jetzt im Augenblick haben, also diese Skandale, Skandälchen, das ist ja sozusagen alles nur Dekomposition eines Zustands. Alle wissen, dass der alte Zustand nicht haltbar ist. Alle wissen, dass man etwas ändern muss, ja, und die Frage ist, warum eigentlich die, innerhalb der politischen Klasse der Mut, das nicht nur auszusprechen, sondern auch es anzufangen, so gering ist, und warum auch in der Gesellschaft eigentlich der Mut so wenig verbreitet ist.

Das alte Jahrzehnt ist seit dem 11. September definitiv vorbei. Wir treten ein in eine neue Zeit, von der wir noch nicht wissen, wie sie aussehen wird. Doch etwas vom Neuen ist schon da. Es ist das neue Europa, das in den letzten Jahren fast unmerklich entstanden ist und das künftig unser Leben prägen wird. Schögel:

Die Frage, die mich beschäftigt, ist, wo sitzen eigentlich unsere Intellektuellen, ja, die also vor fünfzehn Jahren oder, die sozusagen immer über Europa geträumt haben, es herbeigesehnt haben, es beschworen haben, Normen und Programme entworfen haben. Jetzt, wo es da ist, ja, gibt es überhaupt keine, keine Auseinandersetzung. Und eigentlich bräuchten wir Leute, aber das werden wahrscheinlich die Jüngeren sein, Leute, die losfahren, sich umsehen und dabei sind, die Welt sich neu zusammenzusetzen. Und ich muß sagen, ich finde diese Leute im Augenblick eigentlich die interessantesten. Und das gibt es aber nicht, ja, sondern es gibt weiterlaufende Diskurse, die immer weiter laufen, die, wenn es keine Diskurse gibt, erfunden oder produziert werden, ja, also diese Wahnsinnsgeschichte mit dem Walser, ja, oder diese Wahnsinnsgeschichte mit dem, also den Bonusmeilen, das sind ja alles Ersatzhandlungen und Gestikulationen. Und man fragt sich sozusagen, wo sind eigentlich die Recherchen, die Explorationen, wo wir etwas Neues erfahren und aufhören, uns im Kreise zu drehen. Irgendwie so etwas müßte man machen. Die Welt, die sich geändert hat, endlich anzugucken, und nicht sozusagen hocken zu bleiben mit eingezogenem Kopf und die alten Diskurse weiterzuführen.

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