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StartseiteKommentare und Themen der WocheZwingende Kontrollen müssen her28.08.2017

Die Mordserie des Pflegers Niels H.Zwingende Kontrollen müssen her

Die unfassbare Mordserie des Pflegers Niels H. sei nur möglich gewesen, weil Vorgesetze und Kollegen weggesehen hätten, kommentiert Birgid Becker. Entscheidend sei nun, wie im Alltag von Ärzten und Pflegern Kontrollmechanismen eingebaut werden könnten, die bei Auffälligkeiten Reaktionen und Nachprüfungen zwingend zur Folge hätten.

Von Birgid Becker

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Niels H. sitzt im Gerichtssaal. Er wurde bereits wegen Patiententötung verurteilt. Aber er soll viel mehr auf dem Gewissen haben.  (dpa/picture alliance)
Niels H. soll weitere 84 Menschen getötet haben. (dpa/picture alliance)
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Es gibt Verbrechen, für die sich keine Worte finden lassen. Die unfassbare Mordserie des Krankenpflegers Niels H. gehört dazu. Nach den Erkenntnissen der eigens eingesetzten Sonderkommission soll Niels H. zusätzlich zu den sechs Opfern, für die er sich bereits verantworten musste, 84 weitere Menschen getötet haben – kranke, schwerkranke Menschen im Zustand der Hilflosigkeit. Womöglich liegt die Zahl noch höher, das wird sich wohl nicht aufklären lassen.

Wie sich Angehörige und Freunde fühlen müssen, die im Unklaren bleiben, unter welchen Umständen ihnen nahestehende Menschen zu Tode kommen, kann man kaum ermessen. Und dass Niels H. bereits bestraft ist für die sechs Menschenleben, die er ausgelöscht hat, zeigt die engen Grenzen dessen auf, was die Justiz, was das Recht leisten kann zur Bewältigung des Geschehenen.

Aber es gibt einen Handlungsstrang in dieser Mordserie, der sich sehr wohl in Worte fassen lässt. Wie es die Sonderkommission bestätigt, konnte Niels H. deshalb so lange und in solcher Ungestörtheit morden, weil Vorgesetzte und Kollegen wegsahen. Weil sie Verdachtsmomente verdrängten oder verschwiegen oder nicht weitergaben. Weil sie zufrieden waren, als Niels H. seinen Arbeitsplatz wechselte – ahnend, dass er dort sein mörderisches Treiben fortsetzen würde.

Stets gab es Hinweise auf tödliches Fehlverhalten

Für diesen Handlungsstrang gibt es klare Worte – und die heißen: Verantwortungslosigkeit, Feigheit, Duckmäusertum, Ignoranz. Niels H. ist der Mörder im weißen Kittel mit den höchsten Opferzahlen, aber er ist kein Einzelfall. In der jüngeren Bundesrepublik werden fünf Tötungsserien an Patienten gezählt. Und allen ist gemeinsam, dass es stets Hinweise gab auf ein tödliches Fehlverhalten, das früher hätte erkannt werden müssen. Und immer ist die Erschütterung der Verantwortlichen am Ende groß und durchaus glaubhaft. Das hilft aber nicht weiter.

Entscheidend ist, wie im Alltag der Ärzte und Pfleger Kontrollmechanismen eingebaut werden können, die bei Auffälligkeiten Reaktionen und Nachprüfungen zwingend zur Folge haben. Und dabei geht es nicht einmal allein darum, Mördern im weißen Kittel Einhalt zu gebieten. Es geht um ganz normales Risikomanagement, das in den Krankenhäusern einfach nicht hinreichend implementiert ist. Obwohl der Prozess dahin vor knappen zehn Jahren schon eingeleitet wurde.

Ja, es stimmt: Fast 20 Millionen Menschen wurden im vergangenen Jahr stationär behandelt. Ja, wir können Ärzten und Pflegepersonal weiter vertrauen. In der Regel. Das reicht aber nicht.

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