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StartseiteBüchermarktDie Mühen des Kopisten16.07.2004

Die Mühen des Kopisten

Günter Seuren: "Das Floß der Medusa"

Als im Jahre 1819 der Maler Théodore Géricault im Pariser Salon sein fünf mal sieben Meter großes Monumentalgemälde einer <em>Schiffbruchszene</em> ausstellte, kam es zu einem Skandal. Denn das Bild erinnerte an einen fatalen Zwischenfall in der Geschichte der französischen Seefahrt. Nur drei Jahre zuvor war mit dem Auftrag, in der Kolonie Senegal Unruhen zu unterdrücken, die Regierungsfregatte "La Méduse" vor der Westküste Afrikas auf eine Sandbank aufgelaufen.

Von Martin Grzimek

Günter Seuren, "Das Floß der Medusa", Coverausschnitt (Rotbuch Verlag)
Günter Seuren, "Das Floß der Medusa", Coverausschnitt (Rotbuch Verlag)

Von den 400 Passagieren konnten nur 250, meist höhere Offiziere, in die wenigen vorhandenen Rettungsboote umsteigen, der Rest der Besatzungsmitglieder zimmerte sich aus den Wrackteilen ein Floß, das 13 Tage lang auf dem Meer herumtrieb. Als das Suchschiff "Argus" es entdeckte, waren darauf nur noch fünfzehn Überlebende, einer davon der Schiffsarzt Savigny, der später einen Bericht über die mörderischen Verhältnisse auf dem Floß anfertigte und der Presse zuspielte. Aufgrund der Darstellungen dieses Augenzeugen malte Géricault dann sein Bild einer sich wie eine Pyramide aufbäumenden Gruppe ausgemergelter Schiffbrüchiger, an der Spitze ausgerechnet ein Schwarzer, der verzweifelt ein Tuch schwenkt.

Géricaults Gemälde, das heute im Louvre hängt, gilt als der Beginn der modernen französischen Malerei, sein Floß der Medusa ist ein oft zitiertes Werk. In dem Buch Geschichte der Welt in 10 ½ Tagen widmet ihm der englische Schriftsteller Julian Barnes ein eigenes Kapitel, und es steht nicht nur im Mittelpunkt des letzten Romans des im vergangenen Dezember 71jährig verstorbenen Autors Günter Seuren, sondern gibt ihm auch seinen Titel.

Hauptfigur des Romans und gleichzeitig der Erzähler ist ein Münchner Maler, der vor allem Bilder berühmter Meister fälscht und kopiert. Den Auftrag für das Floß der Medusa hat er von einem stadtbekannten Arzt erhalten, der mit dem Gemälde einen seiner Praxisräume schmücken will und, wie sich nach und nach herausstellt, mit einer Gruppe von Neonazis in Verbindung steht. Dazu gehörte auch ein Architekt, der dem Maler ein heruntergekommenes Anwesen am Rande der Stadt überlässt, das dank eines ehemaligen Pferdestalls genug Platz bietet, um die Anfertigung dieses riesigen Bildes überhaupt realisieren zu können.

Als er sich mit seinem Auftrag zu beschäftigen beginnt, die Leinwand aufbaut und sich in die Figuren Géricaults hineindenkt, bekommt der Maler Besuch von einer Freundin des inzwischen an einem Schlaganfall gestorbenen Architekten. Er beginnt ein Verhältnis mit ihr, und sie zeigt ihm in dem Anwesen einen geheimen Raum, der voll ist mit Trophäen und Nazifotos aus dem Dritten Reich. Darüber gerät der Maler nur insofern in Bedrängnis, als er sich fragt, wie er das Zeug loswerden soll; doch das besorgt schließlich eine Gruppe junger Neonazis, die die Dekorationen ihres früheren Treffpunktes irgendwann abtransportieren. Der Maler kopiert weiter das Floß der Medusa, in der Beziehung zu der verheirateten Frau gibt es ein paar Irritationen, einer der Neonazis erschießt sich mit einer alten Wehrmachtspistole, weil er durch den Arzt erfahren hat, daß er unheilbar krank ist, der Maler vollendet seine Fälschung und das Bild wird unter dem Beifall geladener Gäste in den Räumen des Arztes ausgestellt.

Günter Seuren war ein routinierter Romancier, das merkt man auch diesem Buch an. Seine Erzählung stimmt im Detail, so daß seine Figuren glaubwürdig erscheinen. Aber er versucht in diesem, seinem letzten Roman zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, und das geling ihm nicht. Da ist zum einen das Gemälde von Géricault, mit dessen Entstehung, Hintergrund und Thema sich der Roman fortlaufend auseinandersetzt, ein faszinierender Gegenstand, den Seuren dadurch geschickt in den Griff bekommt, daß er den Maler in Zwiegespräche mit den abgebildeten Figuren verwickelt.

Zum anderen aber versucht er eine im Untergrund operierende Naziszene zu zeigen, ein unreflektiertes Spiel mit unbewältigter Vergangenheit, die der Maler und Erzähler schnoddrig und bisweilen sarkastisch kommentiert, immer mit dem Hinweis darauf, daß er nichts mit ihnen zu tun haben will. Von diesem für Seurens Romanfiguren typischen Einzelgänger geht eine tiefe Resignation aus, eine Verbitterung gegenüber dem Leben, der snobistischen Welt mancher Ärzte und Architekten und dem gemeinen Volk. Bei der Konfrontation mit den Neonazis lässt Seuren seinen Maler einmal sagen: "Ein wenig Faschismus, dachte ich, wäre nicht schlecht. Gerade so viel, daß die Frauen ungefährdet mit der U-Bahn fahren können. Es liefen zu viele Psychopathen herum, die in Tiefgaragen und öffentlichen Parks Opfer suchten."

Der Frust, der in diesen Worten zum Ausdruck kommt, die vergebliche Anstrengung, künstlerisch noch etwas Originelles zu gestalten, unerfüllte Liebe und die Konfrontation mit der latenten, versteckten Neigung der Deutschen zum Faschismus – das alles sind wohl Seurens Beweggründe und Motive für diesen Roman. Anlass aber war gewiß, das spürt man gleich von Beginn an, seine Bewunderung für das Gemälde von Théodore Géricault, für den Maler der Katastrophen, der Irren und der Pferde-Bilder. Daneben nimmt sich die Auseinandersetzung mit der Neonaziszene wie eine Reminiszenz aus, wie ein verstohlener Blick in Abgründe der Vergangenheit, die der 1932 geborene Schriftsteller als Kind noch miterlebt haben muß, ohne sie verstanden zu haben. "Damals", sagt der Maler mit Blick auf Lale Andersen und Zarah Leander, den "Sirenen" des Dritten Reichs, die "von der Liebe und dem Sterben sangen", - "damals war Deutschland eine große tödliche Schnulze, in die wir uns verliebten". Diese seine Hassliebe hat Günter Seuren in seinem letzten Roman noch einmal zu begreifen versucht.

Günter Seuren
Das Floß der Medusa
Rotbuch Verlag,. 252 S., EUR 24,90

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