Freitag, 15.12.2017
StartseiteBüchermarktDie Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich07.09.2003

Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich

Hanser,150 S., EUR 17, 90

<em>Wohnen Dämmern Lügen</em> , so heißt ein Prosabuch von Botho Strauß aus dem Jahre 1994. Sein Titel könnte Programm sein für alles, was diesen Autor seit langem literarisch umtreibt. Mit dem "Wohnen" betreten wir die heimlichunheimliche Welt der Strauß' schen Innenräume, die mehr oder minder behaglichen Interieurs, in denen die Objekte, ungeachtet ihrer Bewohner, ein Eigenleben führen. Das "Dämmern" bezeichnet die schwebende Bewusstseinsform der in diesen Büchern redenden und denkenden Figuren, ihr Hingegebensein an die Welten des Schlafs und des Traums, der Trance und Hypnose. Und mit dem "Lügen" wäre zuletzt die dritte Dimension von Strauß' Werk benannt, die Sphäre der Täuschung und Enttäuschung, der Verführung und der Manipulation, anders gesagt, die Sphäre des Erotikers. "Ein Erotiker", so erklärt es in Strauß' jüngstem Buch, <em>Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich</em>, das namenlose "Ich" jener Julia, seiner Frau, "ein Erotiker ist nämlich das Gegenteil des Fauns, des Sammlers, des Mannes, der mehr Geltungstrieb als Trieb besitzt. Sein ganzer sinnlicher Wille ist nicht auf Willkür und Freizügigkeit gerichtet, sondern ausschließlich darauf, gefangen genommen zu werden." Das unterscheidet ihn vom "Faun", vom Sammler und Eroberer. Der Erotiker zählt nicht seine Siege, sondern allenfalls seine Kapitulationen.

Christoph Bartmann

Die erotische Konstellation, um die es in Strauß' Buch geht, ist mit seinem aparten Titel hinlänglich beschrieben. Es geht auf 150 Seiten tatsächlich um nichts anderes als um "Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich". Es geht genauer gesagt um eine Mittsommernacht, in welcher "ein Mann", wie es in Strauß' eigenartiger Formulierung heißt, "umständehalber nicht bei seiner Frau liegt". Aber auch die kürzeste Nacht des Jahr ist für Strauß geräumig genug, um neben der mehr angedeuteten als ausgeführten erotischen Verwicklung einer Vielzahl weiterer Figuren, Begebenheiten und Gespinste ein Gehäuse zu bieten. "Jede Nacht besuchen wir die Schule der Vergrößerungen", schreibt Strauß. Mit einem spätromantischen Nachtstück, einem Nocturne haben wir es zu tun, in dem alle Figuren einem unaufhörlichen Gestaltwandel, einer, wie Strauß sagt, "Vermorphung" unterliegen, in dem immer neue Geschichten anheben und verebben und jede Wirklichkeitspartikel in einen Dämmer, ein Zwielicht getaucht scheint, das sie nicht besänftigt, sondern entstellt:

Was immer ich höre und sehe, verliere ich an den Traum. Mein Gedächtnis ist leer, alle Geschichten, die man mir erzählt, fließen zur Nacht hin, eben noch begreifbar, handliche und alltägliche Geschichten, und schon sind sie aufgelöst und umgekehrt, neu gemischt und durcheinandergebracht, unverständlich. Der Traum ist die Schmiede des Unverstehens. Wir könnten nichts begreifen am ganzen hellen Tag ohne die heimliche Rückversicherung bei dieser wüsten Umkehrung, die an allem beteiligt ist, was wir ordentlich erledigen, unsere anarchische Reserve, die uns befähigt, oben im Wachen folgenreiche Verträge zu schließen oder strenge Prüfungen abzulegen. Allein das menschliche Gesicht ist ähnlich wüst und unlesbar wie der Traum. Selbst wo wir ein pfiffiges Lächeln, ein breites Grinsen, gewisse banale Regungen und Absichten unmittelbar erfassen können, bleibt es in seinem ganzen Anschein doch immer undurchschaubar.

Undurchschaubar wie ihre Gesichter bleiben auch die Figuren selbst. Der Mann, das ist ein Projektemacher und Agenturleiter mittleren Alters, der sich, gemeinsam mit Julia, seiner Frau, wegen rückläufigem Geschäftsgang auf psychologische Schulungsprogramme verlegt hat. "Übungen zur Verbesserung der Selektionsfähigkeit" nennt sich das Ganze - "eine Umschreibung amerikanischer Selectivity-Improvement-Programme", wie Strauß, stets auf der Höhe der Zeit, es seinen Protagonisten formulieren lässt. Bei einer dieser Übungen ist ihm Alice begegnet. Sie wünscht sich Unterricht "in einer finalen Begegnungsform", das heißt verbale Techniken für den letzten Schlagabtausch in ihrer zu Ende gehenden Beziehung. Der Mann ist ihr ein begieriger Lehrer, er genießt es, die Schülerin zu manipulieren und gleichzeitig ihrem Zauber zu verfallen. Freilich findet diese erotische Eröffnung keine wirkliche Fortsetzung. Nie werden wir erfahren, was in der Nacht mit Alice oder gar am Morgen danach geschah. Es gibt keine zeitliche, geschweige denn eine kausale Folge, weil es Zeit im hergebrachten Sinne nicht mehr gibt. Man hat sie nämlich neuerdings halbiert:

Manche kamen nicht mit der gehälfteten Zeit zurecht. Noch lief sie ja in der Probephase. Aber was war die gehälftete Zeit? Hatten wir nun doppelt soviel oder um die Hälfte weniger? Zwei Minuten galten jetzt für eine Einheit, eine Sollte (der Sonne nach). Aber die Uhr war halbkreisförmig und die Einteilung oder Skalierung war umgeben von einem breiten Rand, auf dem rückte eine schön leuchtende Kristallflüssigkeit langsam vor. Ihr Endstrich zeigte den Stand der Sollte und nachts der Lunate. Statt der Stunden gab es eine Einteilung nach dem Vorbild der liturgischen Hören, nur hießen sie anders und umfassten mehr Zeit: Gong war von ehemals 8 h bis 10 h 40, Stolle war von 11 h 7 etwa bis 12 h 45.

Aus solchen Ideen und Fantasien ist dieses Buch gemacht, aus Eingebungen, die einen ebenso an Borges' phantasmagorische Ordnungssysteme denken lassen können wie manchmal an den magischen Realismus eines Michael Ende. Strauß' Inspiration scheint indes aus anderen Quellen geschöpft, besonders aus der antiken Mythologie und der heutigen oder künftigen Nano - und Gen-Technologie. Nicht nur in der von Strauß gegebenen Begründung der Zeitreform spürt man den siebten Sinn für die Gegenwart, der diesem Autor bei aller Zeitabgewandtheit zu eigen ist. Die Arbeitswelt solle mit Hilfe der gedehnten Zeit neu "getaktet" werden; so ließe sich "das allzu Gewohnte unseres Zeitempfindens" überwinden und mit neuer "Aufmerksamkeit und Geistesschärfe auf die veränderten Herausforderungen der Wissenschaftsgesellschaft [...] et cetera pp." reagieren. So pendeln die Strauß'schen Träume zwischen dem Urältesten und dem Allerneuesten hin und her und stiften Verwirrung auf beiden Seiten. In seiner Unterwelt regieren die alten neben den neuen Druden; die nächtlichen Geister also, die im Volksglauben Kinder und Haustiere im Schlaf erschrecken und bösen Zauber treiben, gemeinsam mit den "neuen Druden mit ihren bioplastischen Taschenspielereien". So notiert es "der Mann" nach einer höchst sonderbaren Begegnung mit einer Frau, die ihm am Abendbrottisch das verkehrte Geschlecht an den Leib gezaubert hatte. "Rapid-MorphingGender", geht es ihm durch den Kopf, "Vermorphung" überall.

Auch in anderen Motivgeflechten seines Buches zeigt sich Strauß als ein überaus hellhöriger Träumer, bei dem jeder Tauchgang in die Dämmerwelt zu Gegenwarts-Erkenntnissen und Zukunfts-Ahnungen führen kann. "Vermorphung", jene Möglichkeit zur Gestaltkorrektur, wie sie die neuen genetischen und digitalen Kopier-Technologien mit sich bringen, ist eines seiner Leitmotive. Ein anderes sind der Leerstand, die Verödung, die Entvölkerung als träumerische Vorahnung einer demographischen Katastrophe. "Der Mann" unterhält sein Büro im sogenannten Brücknerhaus, einem bis auf wenige Restmieter leerstehenden Gebäude in einer nicht benannten Stadt, deren Merkmale die "ungeheure Leere", ihre "verwaisten Boulevards" und grasüberzogenen Parkflächen sind. Aus dem Geisterhaus, das eben noch alle möglichen Zukunftsbranchen beherbergte, hat sich das Leben in die unteren Gewölbe verflüchtigt. Es ist ein Reigen der Merkwürdigkeiten, den Strauß in diesem Schattenreich unterm Straßenpflaster ansiedelt, angefangen mit einem "Amselmeister", der inmitten eines "fabulierenden" Vogelschwarmes seine Gestalt eingebüßt hat und mit den Vögeln eins geworden ist, über eine in einem unterirdischen Flussbett hingestreckte schöne Nackte bis hin zu einem subterranen Großrestaurant, dessen Grundgesetz die Einsamkeit seiner Gäste ist. "Einzig dieses Unternehmen", so wird erzählt, "florierte in unserer heruntergekommenen Gegend. Tatsächlich kehrten aus aller Herren Länder Liebhaber hochgradiger Vereinzelung hier ein." Hochgradige Vereinzelung, das ist auch die Situation und das Risiko dessen, der hier spricht: das Risiko der Figuren und ihres Autors: Gibt es jemand in der deutschen Gegenwartsliteratur, dessen Sprache esoterischer, dessen Wahrnehmung empfindlicher, dessen Fantasien riskanter wären als die von Botho Strauß? Seite für Seite lädt dieses Buch dazu ein, sich über das Verstiegene, das Überreizte und mitunter Preziöse seiner Gedanken zu mokieren, aber es lohnt sich, diesem Reflex zu widerstehen.

Vielleicht muss man selbst in eine Art Dämmer verfallen, um diesen Begebenheits-Splittern etwas abzugewinnen. Dann allerdings entfaltet die Strauß'sche Trance einen bizarren Zauber wie sonst kaum etwas in der heutigen Literatur. Tausend unerhörte Geschichten versammelt dieses Buch, Geschichten, die manchmal nur in wenigen Sätzen angespielt, dann eigentlich verschenkt, jedenfalls kaum einmal zu einem ökonomisch vernünftigen Abschluss gebracht werden. Eine dieser Geschichten erzählt von Julia und ihrem Mann, die die Einladung eines weitläufig befreundeten Ehepaares angenommen haben, für die Dauer eine Urlaubs - fünf Wochen - ihr Haus zu hüten. Zum besseren Kennenlernen findet ein kleines Abendessen statt, bei dem sich die Gastgeberin bald als eine "Koryphäe auf dem Gebiet der Neurochemie" erweist. Ihr Forschungsgebiet ist die Beteiligung von Neurotransmittem am Zustand der Verliebtheit, und so rät sie der zu cholerischen Zuständen neigenden Ich-Figur kurzerhand zu einer chemischen Kur:

Susanne von Braun nahm mich beim Arm und führte mich an meinen Platz zurück: Sie sind zu leicht erregbar. Sie neigen zu Überreaktionen. In unserer Sprache ausgedrückt: Sie sind ein Peptiden-Verschwender. Sie verschütten im Hirn wahllos ihre wertvollsten Substanzen. Das können Sie sich aber nicht leisten, wenn Sie auch nach Ihren besten Jahren noch einige Zeit als Mann in Frage kommen wollen. Wir sollten als erstes ihr Serotonin absenken. Legen Sie sich ein halbes Stündchen drüben in meinen Behandlungsraum. Es bleibt uns heute nur die Zeit für eine schwächere Infusion. Aber sie wird genügen, um sie für fünf Wochen mit einem konstanten Wohlgefühl auszustatten. Es dient Ihrer eigenen und Ihrer beider Sicherheit in diesem Haus.

Doch jeder Zauber ist letzten Ende ein falscher Zauber, und so entfalten die von der Neurochemikerin frei gesetzen Kräfte nach einer kurzen Phase der geglückten Illusion rasch ihre destruktive Wirkung:

Kaum waren die Wissenschaftler abgereist, erfreute ich mich zunächst an einigen ungewöhnlich ergiebigen und schönen Begegnungen mit Julia. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals eine tiefere Verbundenheit und zugleich eine größere sexuelle Herzenswärme für sie empfunden hätte. Wir nahmen unsere Pflichten als Haushüter wahr, wir freundeten uns mit den Nachbarn an, wir schwammen nachts im angrenzenden See und liebten uns im Freien, wie wir das zuletzt als junges Paar getan hatten. Wir besorgten allerlei persönliche Einkäufe ohne Geiz und Gezänk, wie führten ausgeglichene, gescheite Gespräche.

So vergingen etwa zweieinhalb bis drei Wochen tatsächlich in einem anhaltenden, tranceartigen Wohlgefühl, ohne jede Wahrnehmungstrübung. Doch eines Tages geschah mit mir etwas Merkwürdiges. Ich konnte eine Stunde lang (so schien es mir jedenfalls, ganz sicher war mein Zeitgefühl nicht mehr) nichts anderes denken als an den folgenden Satz: Bei Überhitzung sackt die Temperatur von selber ab. Dabei handelte es sich um eine Bemerkung, welche die Wissenschaftlerin während meiner Behandlung im übertragenen Sinn gemacht hatte. Ich fand aber nicht mehr heraus, wohin der Sinn zu übertragen war.

Irgend etwas war in mir tatsächlich abgesackt oder in sich zusammengesunken. Es war nicht meine neue Freundlichkeit, meine sexuelle Herzenswärme, meine Großzügigkeit. Allem Anschein nach es mein Verstand. [...] Meine Interessen waren immer vielfältig und umtriebig gewesen, jetzt waren sie, wie der ganze Verstand, auf das Format eines Krawattennadeljuwels aus reinem, hochkarätigen Unsinn geschrumpft.

Es gehört zu den unbedingten Stärken dieses Buches, dass es sich rückhaltlos auf die Mächte des Unsinns einlässt, ohne selbst an ihnen vollständig verrückt zu werden. Als regulatives Moment zwischen Tag- und Nachwelt macht sich bei Strauß ein Witz geltend, der, gleichsam als Botenstoff, zwischen den Sphären des blühenden Unsinns und einer auf Notbetrieb umgeschalteten Vernunft vermittelt. Eines der witzigsten Erzählungsfragmente in diesem Buch handelt von einem Schauspieler namens Veit Billing, einem anderen Klienten der psychologischen Praxis des Mannes: sein Problem ist, dass er nicht alltagssprachlich nuscheln kann, sondern alles mit "aalglatter" Schauspielerstimme auszusprechen gezwungen ist: "Schauriges Wohltönen, das so stark und unempfindlich ist, dass das Leben dagegen keine Chance hat." Aber die Therapie scheint nichts zu nützen, so zynisch und manipulativ der Therapeut sie auch angelegt hat. Bis der "schwere Umgangsfehler Nr. 2332" eintritt, wie es unvermittelt in der Sprache des Apple-Benutzers heißt, sprich: "die Unverschämtheit...., mit der ein Mensch einem anderen etwas Vernichtendes offen ins Gesicht sagt." So geschehen bei einem Premierenempfang, auf dem ein Unbekannter die von Veit Billing begehrte Kollegin Sonja auf eben solche Weise demütigt und auf indirekte Weise auch die aalglatte Schauspielerstimme - nicht löst, sondern, im Gegenteil, von ihrer Glätte erlöst. "Schwerer Umgangsfehler Nr. 23 32": so funktioniert bei Strauß der Witz als Unterhändler zwischen Menschen und Maschinen, Affekten und Sekreten, als Ausdruck einer Intelligenz, die Neurochemie und Gefühlszauber zuweilen gegeneinander ausspielt, ohne der einen oder dem anderen das letzte Wort zu gewähren.

Ein Kunsthistoriker, der Studentinnen auf sein Hotelzimmer bittet, um sie unter dem Vorwand, er leide an bedrohlichen Lücken in seinem Gesichtsfeld minutiöse Bildbeschreibungen geben zu lassen; eine Pyromanin, an deren Seite der Mann durchs Land zieht, eine Brandspur der Verwüstung hinterlassend; eine Gruppe halbwüchsiger Mädchen, die ihn auf einer Zugfahrt demütigen und zur Strafe von ihm mit einem Fliesenkleber am Abteilboden festgeklebt werden; die "Elementarmenschen", die "Leute vom Erdgeist": aus derlei abseitigen Figuren und Begebenheiten setzt sich das Ereignis-Defilee von Strauß' Buch zusammen, nach einer Kombinatorik, deren Gesetz in diesem Buch so klar und deutlich ausgesprochen wird, daß von einem Geheimnis vielleicht gar keine Rede sein kann: "Wir träumen unsere Träume", heißt es einmal zum Ende hin, "die strengen Verknüpfungen des Tagverstands werden in eine Flut von unbekannten Verknüpfungsmöglichkeiten getaucht und aufgelöst." Nichts anderes hatte Freud gemeint, als er in seiner "Traumdeutung" die "Verschiebung" und "Verdichtung" als leitende Mechanismen des Traumes beschrieb. Nicht das "Wie" von Strauß' Buch ist somit das Verblüffende, sondern viel mehr das "Was", nicht die Funktionsweise seiner Träume, sondern ihr Inhalt. Etwa dieser:

Ein ehemaliger Kursteilnehmer bei uns, ein junger Telefontechniker, Züchter von Weimaranerhunden im Nebenberuf, kam am frühen Nachmittag, etwas zu früh, von seiner Arbeit nach Hause. Er fand seine Wohnung kahl, vollkommen ausgeräumt. Seine Frau aber stand an der nackten Wand, lehnte mit dem Rücken an, und ihr gegenüber, ebenfalls mit dem Rücken an die nackte Wand gelehnt, stand ein Mann, der er nie zuvor gesehen hatte. Mit ihm lag jedoch seine Frau in den letzten, erschöpfenden Zügen eines langen Streits, eines die Affäre beendenden, wie es schien, da die Sätze, die sie jetzt noch wechselten, wie aus einer längst ausgepressten Leidenschaftsfrucht troffen und ihr Sinn ins Abstruse entwich.

Er, der Fremde, sagte: Wenn wir die Möbel tiefer ins Zimmer gerückt hätten—Tiefer, ganz tief, nach hinten, noch tiefer... Seine ihm nicht weniger fremde Frau sagte: Das Zimmer ist nicht so tief, dass man sich irgend etwas hätte vom Leib rücken können, und schon gar nicht, um es genau sagen, mich etwa - [...] Der Mann, der heimkehren wollte, drehte dieser ihm vollkommen unbegreiflichen oder unzugänglichen Realität kurz entschlossen den Rücken, verließ die Wohnung und unternahm erst Stunden später einen zweiten Versuch nach Hause zu kommen. Tatsächlich fand er diesmal seine Wohnung komplett so eingerichtet vor, wie er sie am Morgen verlassen hatte. Auch begrüßte ihn wie üblich seine Frau, wenn auch die Zeichen der Erschöpfung nicht ganz von ihr gewichen waren. Doch ein dritter Mensch befand sich augenscheinlich nicht mehr in seinen vier Wänden. Also ließ er die Sache auf sich beruhen.

Wovon ist in dieser Traum-Anekdote die Rede, wenn nicht von Wohnen, Dämmern und Lügen? Und was verbirgt sich in solchen Träumen an unbewussten, im Wachleben nicht eingestandenen Wünschen, wie Freud sie dem Traum zusprach und wie Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" und, in seinen Fußstapfen, Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut" sie in literarische beziehungsweise filmische Bilder umsetzten? Fast nichts, lautet die Antwort von Botho Strauß. Der Traum, diese "Zufuhr von reiner, bewusstseinsfreier Sinnlichkeit" sei, meint er, weniger dazu da, "uns für unerfüllte Wünsche des Alltags zu entschädigen, als vielmehr zur Schärfung und Stärkung unserer nachlassenden Tagessinne beizutragen." Gibt es ein Träumen nach Freud, ein Träumen jenseits der "Traumdeutung"? In seinem Buch mit dem schwer vergeßlichen Titel "Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich" ist Botho Strauß diese Schärfüng und Stärkung - des Traumes ebenso wie des Tagessinns - aufs Eindrucksvollste gelungen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk