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StartseiteUmwelt und VerbraucherDie neue Macht der Bürger30.01.2013

Die neue Macht der Bürger

Petitionen für alle bei change.org

Ob eine Petition gegen rosa Überraschungseier oder ein Aufruf zur Stärkung von Menschenrechten: Bei der größten Petitionsplattform der Welt change.org kann jeder sein Anliegen öffentlich machen und für Unterschriften werben - mit unterschiedlicher Resonanz. Rund 15.000 Petitionen werden monatlich gestartet.

Von Beate Hinkel

Seit 2005 können Bitten oder Beschwerden auch an den Petitionsausschuss im Bundestag gerichtet werden.  (Deutscher Bundestag)
Seit 2005 können Bitten oder Beschwerden auch an den Petitionsausschuss im Bundestag gerichtet werden. (Deutscher Bundestag)
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Das Spektrum der Petitionen auf change.org umfasst die ganze Welt: Von einem Vorschlag für den Friedensnobelpreis bis zu persönlich-politischen Anliegen. Da wendet sich zum Beispiel eine in Deutschland lebende syrische Frau persönlich an den niedersächsischen Ministerpräsidenten und bittet ihn: "Erlauben Sie die Rückkehr meines Bruders".

Oder es fordert eine Inderin den indischen Präsidenten auf, den Vergewaltigungen ein Ende zu setzen. – "Pinkstinks" ist eine Gruppe von Frauen aus Hamburg, die sich gegen die rosa Mädchenwelt wendet. "Wir werben für alternative weibliche Rollenbilder für Kinder", sagt die Gründerin und Genderforscherin Stevie Schmiedel, und:

"Wir haben eine Petition gegen die rosa Überraschungseier von Ferrero ins Netz gestellt. change.org beriet uns, sehr persönlich zu sein in der Petition. Und, eine Privatperson sollte diese Petition einstellen, weil das einen emotionaleren Charakter hätte."

Beides beherzigten die Frauen, wenn auch mit Bauchschmerzen:

"Es wirkt amerikanisch. Wir sind das so in Deutschland nicht gewohnt. Wir wollen lieber mit Fakten überzeugen."

Jedem steht es frei, sich von change.org beraten zu lassen. 95 Prozent aller Petitionen werden völlig selbstständig gestartet und durchgeführt, sagt Paula Hannemann. Sie ist Kampagnenleiterin der Plattform in Berlin:

"Schicksale sind Schicksale. Und wenn ein Mensch ein ganz konkretes Anliegen hat, was mit seiner persönlichen Geschichte verbunden ist, sehe ich darin erst einmal nichts Schlechtes, dieses Anliegen nach vorne zu tragen. Natürlich muss man darauf achten, dass man nicht auf die Tränendrüse drückt, dass man nicht ins Boulevardeske abrutscht. Aber, wenn Sie mit Betroffenen reden, dann haben die ein ganz gutes Gefühl für sich selbst, wie weit sie auch gehen möchten und wie weit ihre Privatsphäre geschützt werden muss."

Die Petitionen stoßen auf sehr unterschiedliche Resonanz. Manche erhalten gerade mal 1000 Unterschriften, andere mehrere 100.000. Je nachdem, ob sie eine persönliche Verbindung zu potenziellen Unterzeichnern herstellen können, lokal oder international von Interesse sind:

"Wir haben ganz viele Kampagnen, die auf internationaler Ebene stattfinden, dann aber national runtergebrochen werden, in die jeweiligen gesellschaftlichen Kontexte. In Spanien ganz anders als in Deutschland oder England oder den USA."

Auf change.org werden jeden Monat rund 15.000 Petitionen gestartet. 10 von ihnen sind jeden Tag erfolgreich, sagt Paula Hannemann. Doch was heißt das? Bei Pinkstinks haben nur 3000 Leute unterschrieben. Ferrero veränderte nur minimal den kritisierten Inhalt der Überraschungseier. Dennoch wertet Stevie Schmiedel ihre Kampagne als Erfolg. Verschiedene Medien hätten über die Aktion berichtet, und, sie hätten aufklären, sensibilisieren und provozieren können.

Es gibt viele Möglichkeiten, Petitionen im Netz zu starten. Um von Politikern wahrgenommen zu werden, muss eine Eingebung schon eine Menge Unterschriften bekommen, sagt die Kommunikationsberaterin Kathrin Voss. Sie hat kürzlich unter Bundestagsabgeordneten eine Umfrage gemacht.

"Sie nehmen die Unterschriften schon zur Kenntnis, wobei, wenn man sie dann fragt, nehmen sie dieselbe Anzahl von Leuten bei einer öffentlichen Demonstration sehr viel mehr wahr. 50.000 Unterschriften oder 50.000 Leute auf der Straße, ist natürlich schon etwas ganz anderes."

Vor allem in Amerika gibt es kritische Diskussionen über change.org. Zum Beispiel darüber, dass die Plattform Mail-Adressen der Unterzeichner verkauft, um sich zu finanzieren. Kein Problem, findet Paula Hannemann:

"Stellen sie sich vor, Sie haben zwei Petitionen im Bereich Menschrechte unterschrieben, dann kann es sein, dass bei der dritten Unterschrift auf der Danke-Seite eine gesponserte Petition zum Beispiel von Amnesty International angeboten wird. Das ist ganz eindeutig und klar markiert, und wenn Sie dann Amnesty erlauben, dass Amnesty Sie auch direkt per E-Mail ansprechen darf, dann bekommen wir einen einstelligen Dollarbetrag für die Herstellung des Kontaktes."

Die Frauen von Pinkstinks werden ihre nächste Petition selber starten. Auch wenn es sehr viel aufwendiger ist. Denn dann bekommen sie auch die Mail-Adressen der Unterzeichnerinnen, sagt Schmiedel. Darauf mussten sie nämlich dieses Mal verzichten, da diese nur Organisationen und keine Privatpersonen bekommen.

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