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StartseiteCorsoDie Nichthörbaren zu Gehör gebracht19.04.2013

Die Nichthörbaren zu Gehör gebracht

Phil Collins' Projekt "My heart's in my hand" im Museum Ludwig

Nein, es geht hier nicht um den Musiker gleichen Namens. Doch der Popmusik ist auch der 1970 geborene Medienkünstler Phil Collins eng verbunden. Mit Arbeiten zum Verhältnis von Mensch und Massenmedien machte er in den letzten Jahren auf sich aufmerksam. Jetzt stellte er in einer Kölner Obdachlosenunterkunft eine Telefonzelle auf.

Von Frank Sawatzki

Mit dem Herz in der Hand: Der britische Medienkünstler Phil Collins im Museum Ludwig (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Mit dem Herz in der Hand: Der britische Medienkünstler Phil Collins im Museum Ludwig (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

"In den 90ern habe ich im Büro eines britischen Obdachlosen-Magazins gearbeitet, 'The Big Issue'. In dieser Zeit begann ich mich für Menschen zu interessieren, die obdachlos geworden sind. Und für ihre ökonomischen Situationen, die auch stellvertretend sind für das gesellschaftliche Klima, in dem wir heute leben. Es geht mir darum, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, deren Stimmen oft nicht hörbar sind."

Mit "My heart's in my hand" bringt Collins uns diese Stimmen nun zu Gehör. Als er für das Projekt in der Überlebensstation "Gulliver" nahe des Kölner Hauptbahnhofes warb, stellten sich ihm zuerst einmal viele Fragen: Würden die Besucher das kostenlose Telefon nutzen? Wen riefen die Obdachlosen an? Worüber tauschten sich die Gesprächspartner aus? Nach einem Monat hatte Collins 1500 Gespräche aufgezeichnet - von "Gulliver"-Besuchern aus ganz Europa. Stimmen aus dem Telefon, die ein großes Spektrum an Emotionen und Erfahrungen aufblitzen ließen - von der Mühsal und den Entdeckungen des Lebens auf der Straße bis zur Liebeserklärung an die Mutter, die ihre Kinder so wunderbar erzogen hat.

"In den Telefonaten geht es um Nähe und Intimität. Wir wissen aber nie, wie sich ein Gespräch entwickelt, es hat immer etwas Unerwartetes."

Collins drehte das Projekt noch einen Gedanken weiter, er ließ das Gesprächsmaterial befreundeten Musikern zukommen und fragte nach, ob sie sich vorstellen konnten, ihre Eindrücke und Assoziationen in Klänge zu verwandeln. Musiker wie Green Gartside von Scritti Politti und David Sylvian antworteten mit ausgearbeiteten Songs, Vertreter der Kölner Elektronik-Szene entwickelten Soundbilder, in die sie gesampelte Telefonstimmen einsetzten. Mit diesen Klangkunstwerken konfrontiert Collins nun die Besucher des Ludwig, er hat dafür sehr intime Räume im Großbetrieb Museum geschaffen.

Ich verstehe das Projekt als Meditation über unsere Beziehungen. Die Songs wurden auf Vinyl-Singles gepresst, die Besucher im Museum können Sie in Kabinen hören. Wie es sie in Großbritannien vor vierzig Jahren in Plattengeschäften gab. Du hast eine Schallplatte genommen und dich in deine Kabine verzogen, um sie dort in Ruhe anzuhören, bevor du sie gekauft und mit nach hause genommen hast. Ich wollte den Besuchern keine digitalen Dateien anbieten, sondern etwas, das man in die Hand nehmen kann, wie eine Pop-Single.

Phil Collins wuchs mit der Musik von Punk- und New-Wave-Bands auf, arbeitete hinterm Tresen des legendären House-Clubs "Hacienda" in Manchester. Popmusik taucht in verschiedenen Facetten in seinen Arbeiten auf. Das Videoprojekt "They Shoot Horses" zeigte einen Discotanzmarathon in Ramallah über die Strecke von acht Stunden, für "The World Won't Listen" filmte er Teilnehmer von Karaokewettbewerben in der Türkei, Kolumbien und Indonesien, die Songs der britischen Band The Smiths zum Besten gaben. In seinem aktuellen Obdachlosenprojekt hat Collins nun die Rolle des Produzenten an die Popmusiker delegiert, die sich von den Telefonaten inspirieren ließen.

"Sie haben das Angebot sehr ernst genommen, sich auf die unerwarteten Resonanzen einzulassen. Dass da Stimmen zu hören sind, die dein Herz in tausend Stücke reißen können. Selbst ein 'Hallo' kann uns erzählen, wie weit wir voneinander entfernt sind."

Wer in einer dieser Hörkabinen sitzt und die Singles abspielt, wird aus den Museums-Fenstern über den Hauptbahnhof auf die Stadt Köln schauen und in der Kontemplation sich selbst entdecken können, so hofft der Künstler.

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