Interview / Archiv /

 

"Die Ölversorgung weltweit ist mehr als ausreichend"

Energierechtlerin über die Rekordpreise für Benzin

Helga Steeg im Gespräch mit Mario Dobovisek

Benzinpreise steigen trotz ausreichender Ölreserven.
Benzinpreise steigen trotz ausreichender Ölreserven. (dapd)

So viel wie in dieser Woche mussten deutsche Autofahrer noch nie für Benzin zahlen. Woran liegt das? Ölreserven gebe es genug, sagt die Juristin Helga Steeg. Wichtiger seien die politische Lage im Nahen Osten und die Geldpolitik der Amerikaner.

Mario Dobovisek: Für viele Autofahrer wird es eine besonders teure Rückreise aus dem Urlaub, denn die Benzinpreise haben hierzulande ein Allzeithoch erklommen. An einzelnen Tankstellen kratzte der Liter Super am Wochenende die Marke von 1,80 Euro. Selbst für den Biokraftstoff E10 liegt der bundesweite Durchschnitt derzeit bei knapp unter 1,70 Euro je Liter. Der Euro schwächelt, gleichzeitig steigen die Preise für Rohöl und Getreide.

Am Telefon begrüße ich Helga Steeg, Energierechtlerin an der Ruhr-Universität Bochum und frühere Exekutivdirektorin der Internationalen Energieagentur. Guten Tag, Frau Steeg!

Helga Steeg: Guten Tag!

Dobovisek: Ja wer ist denn nun Schuld an den hohen Preisen? Die Gemengelage hört sich ja doch etwas verworren an.

Steeg: Ich würde nun nicht nach der Schuldfrage fragen. Das spielt hier keine richtige Rolle, sondern die Lage ist wie folgt, wenn ich das richtig sehe. Erstens: In der Nordsee wird die jährliche Überprüfung vorgenommen und das hat dann zu einem kleinen Anteil von Produktionsausfall geführt. Das ist nicht so wichtig, aber ist ein Element. Ein zweites wichtigeres Element ist, dass an sich die weltweite Ölversorgung mehr als ausreichend ist. Aber was eine große Rolle spielt ist die Sorge, was im ganzen vorderen Orient an politischen Verwerfungen noch kommen kann. Dazu gehört, dass ja die EU, was ich nie für sehr glücklich gefunden habe - im März, glaube ich, war es – festgelegt hat, dass dort ein Importstopp für iranisches Öl stattgefunden hat, um die Iraner davon zu überzeugen, dass sie von ihren Atomprogrammen Abstand nehmen, was sie ja nicht getan haben, wie wir bisher festgestellt haben. Mit anderen Worten: das Ölembargo auf den Iran hat gar nichts dazu beigetragen. Ich wiederhole noch mal: Die Ölversorgung weltweit ist mehr als ausreichend, aber die Sorge: Was passiert mit den vielen Ländern im Mittleren Osten, ob es da noch zu weiteren Verwerfungen kommt, oder ob sich die Sache stabilisiert.
Eine Sache ist, dass langfristig natürlich die Nutzung von neuen Ölreserven zurückgehen muss, weil die Ölreserven, insbesondere diejenigen, die wir kennen, zurückgehen. Aber stattdessen gibt es natürlich – nicht natürlich, sondern das ist eine neue Entwicklung – insbesondere in Nordamerika, also Kanada und USA, neue große Technologien, die damit Öl aus dem Schiefer gewinnen und dann dazu beitragen, dass es genügend Rohöl am Markt gibt.

Dobovisek: Und wenn ich da mal einhaken darf, Frau Steeg. Hier gibt es ja – wir haben es gehört - auch den sogenannten Biokraftstoff, das Bioethanol, zum Teil aus Getreide gewonnen. Welche Rolle spielt denn das tatsächlich auch bei der derzeitigen Verknappung an diesem Rohstoff?

Steeg: Das spielt keine Rolle. Das spielt keine große Rolle. Ich bin zwar auch der Meinung, dass es falsch ist, dass man aus agrarischen Produkten Öl produziert, weil das natürlich längerfristig dazu beiträgt, dass die Getreidepreise steigen. Das ist sicher ein Punkt, aber das ist kein entscheidender Punkt. Aber ich bin auch der Meinung, dass es falsch war, was die EU ja vor einiger Zeit da verfügt hat, dass man aus agrarischen Rohstoffen Öl produziert.

Dobovisek: Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel würde am liebsten den Biosprit E10 wieder abschaffen. Ist das eine berechtigte Forderung?

Steeg: Ja! Ich bin völlig dieser Meinung!

Dobovisek: Warum?

Steeg: Ja, weil es falsch ist, dass man agrarische Rohstoffe, die ja weltweit zunehmen werden, dass die nicht dazu dienen müssen und sollen, dass man daraus Öl produziert.

Dobovisek: Was wäre die Alternative? Sie haben vorhin zum Beispiel schon die Ölproduktion aus Schiefer angesprochen. Es gibt auch diverse Technologien mit Algen, die ich nicht so ganz nachvollziehen kann.

Steeg: Die sind noch nicht reif. Das kann sein, dass das kommt, aber was sicher reif ist, ist die Ölproduktion – in Kanada ist es in erster Linie, aber auch in Nordamerika, also in den Vereinigten Staaten – aus Schiefer.

Dobovisek: Aber ist das alles eine Technologie, um das mal um 20, 30, 50 Jahre weiterzuspinnen, die fossilen Energieträger, die ja zur Neige gehen, irgendwann einmal ersetzen könnte?

Steeg: Ja, ja, ja. In welcher Höhe sie das ersetzen können, das kann ich natürlich nicht voraussehen. Das hat auch, glaube ich, die IEA nicht vorausgesehen, das kann sie auch nicht voraussehen. Aber es ist in der Tat eine, wenn man mal zehn Jahre zurückdenkt, eine unvorhergesehene gute technologische Entwicklung.

Dobovisek: Können Sie mir vielleicht auch noch mal ein bisschen weiterhelfen bei der Einschätzung folgender Meldung? Da heißt es nämlich, dass die deutschen Mineralöl-Konzerne plötzlich am E10 festhalten wollen und damit dem Entwicklungsminister widersprechen. Wenn ich mich richtig entsinne, waren es doch gerade die Mineralöl-Konzerne, die Mineralöl-Wirtschaft, die heftig gegen die Einführung protestiert haben.

Steeg: So ist es. Das ist mir auch neu, dass die Mineralöl-Konzerne jetzt daran festhalten wollen. Es kann höchstens sein, dass die Mineralöl-Konzerne nach dieser Entscheidung der Europäischen Kommission sich darauf eingestellt haben, dass sie aus agrarischen Produkten, also aus Mais insbesondere, Biokraftstoffe produzieren und jetzt natürlich dann wieder das Ruder herumwerfen müssen. Das ist meine einzige Begründung dafür. Aber die Begründung ist nicht richtig, längerfristig, und insofern bin ich durchaus der Meinung von Herrn Niebel.

Dobovisek: Der Euro befindet sich im Sinkflug. Wir haben gehört, dass das auch eine Rolle spielt, da ja der Ölpreis in Dollar abgerechnet wird. Der FDP-Chef in Hessen, Jörg-Uwe Hahn, macht die Europäische Zentralbank mit ihrer Geldpolitik und auch dem Ankauf von Anleihen der Krisenstaaten für die hohen Benzinpreise mitverantwortlich. Welche Verantwortung trägt die EZB dabei?

Steeg: Das ist – ich weiß es – ein Element, was jetzt auch neu in die Diskussion gekommen ist. Der Hintergrund ist sicherlich: Es gibt genügend Geld auf den Weltmärkten. Dazu gehört insbesondere die ausweitende Geldpolitik der Amerikaner, in geringerem Umfang auch die der EZB, aber in geringerem Umfang, weil die Anleger, die möglichen Anleger suchen, wo können sie ihr vieles Geld anlegen, und dazu gehört dann eben auch das Öl und dann wird Öl auf längere Sicht gekauft. Zum Beispiel ist festzustellen, was wir auch bisher relativ selten hatten, dass Ölkontrakte, die ich jetzt abschließe, teurer sind als Ölkontrakte etwa für Oktober oder November. Das ist keine ganz ungewöhnliche, aber eine neuere Entwicklung, weil das Geld nach Anlagen sucht und das ist im Moment offensichtlich auch das Öl.

Dobovisek: Sehen Sie mir nach, Frau Steeg, dass ich das noch nicht hundertprozentig verstanden habe, aber dabei werden uns gleich die Kollegen der Wirtschaft helfen, die befassen sich nämlich auch noch einmal mit den steigenden Ölpreisen. – Die frühere Exekutivdirektorin der Internationalen Energieagentur war das, Helga Steeg. Vielen Dank für das Interview.

Steeg: Bitte!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Edathy-Affäre"Skandal, wenn nicht gegen Ziercke ermittelt würde"

Der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, wartet nach seiner Aussage im Innenausschusses des Deutschen Bundestages in Berlin vor einem Statement.

Der Obmann der Linken im Untersuchungsausschuss zur Edathy-Affäre, Frank Tempel, hält Ermittlungen gegen den ehemaligen BKA-Chef Jörg Ziercke für notwendig. Immerhin habe Sebastian Edathy ihn unter Eid schwer belastet, sagte Tempel im DLF. Er kritisierte zudem die Ausschuss-Vorsitzende Eva Högl (SPD).

Kooperation von Bund und Ländern"Die Hochschulen sind sehr glücklich"

Ulrike Beisiegel

Die finanzielle Lage von Hochschulen in Deutschland werde sich mit dem gelockerten Kooperationsverbot definitiv verbessern, sagte Ulrike Beisiegel, Vizepräsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, im DLF. Der Bundesrat hat heute einer Grundgesetzänderung zur besseren Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern im Hochschul- und Wissenschaftsbereich zugestimmt.

Kurswechsel der USAKuba nicht "überrollen"

Brigitte Franzen, Direktorin des Ludwig Forums für Internationale Kunst in Aachen.

Kubanische Kunst der 90er-Jahre möchte das Aachener Ludwig Forum in Havanna und Aachen ausstellen. Der Kurswechsel der USA gebe besonders den kubanischen Kulturinstitutionen die Chance, sich zu öffnen, sagte die Leiterin des Forums und Kuratorin der Ausstellung, Brigitte Franzen, im DLF.

 

Interview der Woche

TarifeinheitsgesetzBDA: Nur Rückkehr zu alten Regeln

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände, begrüßt den Gesetzentwurf zur Tarifeinheit. Bei der Regelung, dass nur die mitgliederstärksten Gewerkschaften im jeweiligen Unternehmen Tarifverträge durchsetzen dürfen, gehe es keinesfalls darum, die Macht kleiner Gewerkschaften einzugrenzen, sagte Kramer im DLF.

Koalition in ThüringenKraft kann sich Rot-Rot-Grün im Bund nicht vorstellen - zurzeit

Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen

Auch nach der Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten in Thüringen kann sich die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Hannelore Kraft ein rot-rot-grünes Bündnis auf Bundesebene nicht vorstellen. Die Linkspartei habe eine "sehr extreme Position im Bereich der Außenpolitik". Allein daran würde es letztendlich wohl scheitern.

SPD-Fraktionschef Oppermann"Wir sind nicht die Steuererhöhungspartei"

Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, steht am 11.02.2014 im Reichstag vor einem Mikrofon.

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann ist dafür, den "Soli" beizubehalten - er warnt die Partei aber vor einer neuen Debatte über einen höheren Spitzensteuersatz und die Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Zudem erklärt er, warum er die Linke auf Bundesebene nicht für regierungsfähig hält.