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StartseiteBüchermarktDie Parallelität rassistischer Denkmuster07.07.2013

Die Parallelität rassistischer Denkmuster

Elliot Perlman: "Tonspuren", DVA Verlag

Elliot Perlman erzählt in seinem Roman vom Holocaust, aber auch von Vorurteilen gegenüber schwarzen Amerikaner. Er vergleicht dies nicht miteinander, zeigt aber die Grundmuster von Rassismus auf.

Von Florian Felix Weyh

Endstation Auschwitz: Mehr als eine Million Juden wurden hierher, meist in Güterwaggons, deportiert und ermordet (picture alliance / dpa / CTK)
Endstation Auschwitz: Mehr als eine Million Juden wurden hierher, meist in Güterwaggons, deportiert und ermordet (picture alliance / dpa / CTK)

Zu Zeiten unserer Großeltern konnte man überall auf der Welt noch Menschen in blasses Erstaunen versetzen, wenn man ihre Äußerungen auf Stahldrahtspulen aufnahm und sie ihnen anschließend wieder vorspielte. Das Medium Tonbandgerät war Hightech nahe der Magie. Und wer solche Spulen aus dessen Frühzeit heute entdeckte, wäre ein Archäologe im Ausgrabungsglück:

"Der erste Ton, den sie hörten, war ein knackendes Geräusch, das in ein Stimmengewirr überging, Gerede in den verschiedensten Tonlagen, Klangfarben und Lautstärken, das zu einem Sammelsurium von Sprachen verschmolz. Dann kam ein einzelnes »Pst«, dem so viele andere folgten, dass ihr Chor das Gerede übertönte. Und dann herrschte Ruhe, bis auf einiges Knistern und Knacken. Plötzlich hörte Adam eine Stimme. Was sie hervorbrachte, war ein Lied, ein altvertrautes Wiegenlied, und schockiert fühlte er sich in seine eigene Kindheit zurückversetzt."

Adam Zignelik, einer der Protagonisten in Elliot Perlmans panoramatischen Roman "Tonspuren", ist Geschichtsdozent – ein an der eigenen Berufung zweifelnder und glückloser allerdings –, doch als solcher den Umgang mit historischen Belegstücken gewohnt. Was er per Zufall in der Bibliothek einer zweitrangigen amerikanischen Universität entdeckt, verschlägt ihm aber den Atem: unmittelbar nach Kriegsende in Deutschland aufgenommene Interviews mit KZ-Überlebenden. So nahe noch am grauenvollen Geschehen, dass keine Erinnerungslücken den Wert dieser Zeugnisse trüben.

"Adam schaute die Spulen an. In der Kiste warteten Menschen darauf, herauszukommen, Menschen, die Unvorstellbares erlebt hatten, übrig gebliebene Vernichteter, zum Schweigen gebrachter Gemeinschaften. In der Kiste waren Stimmen, den traumatischen Erfahrungen näher, als irgendjemand ihnen je gekommen war. Die Juden Europas hatten verzweifelt versucht, der Welt zu erzählen, was mit ihnen geschah, aber ihre Stimmen hatten kaum Gehör gefunden, bis sie vollständig zum Schweigen gebracht worden waren, alle, bis auf solche wie die Stimmen dieser wenigen, gerade erst befreiten Überlebenden auf den Drahttonspulen in der Abstellkammer neben dem Leseraum der Psychologen am Illinois Institute of Technology."

Achtung, wir betreten das Reich der Fiktion! Diese Tonbandspulen hat es nie gegeben, ebenso wenig wie ihren ehemaligen Besitzer, den jüdischen Psychologen Chaim Broder, der sich in Amerika Henry Border nennt, nachdem er Europa hinter sich lassen konnte. Seither verfolgt ihn eine wissenschaftliche Obsession, nämlich der spezielle Sprachgebrauch ...

"... von seelisch erschütterten Menschen. Die Hypothese seiner Forschung über den "Adjektiv-Verb-Quotienten"war die, dass die Häufigkeit, mit der seelisch erschütterte Menschen Adjektive und Verben gebrauchen, in einem anderen Verhältnis zueinandersteht, als bei nicht seelisch erschütterten Menschen."

Ein 1946 einigermaßen kaltschnäuzig wirkender Grund, um mit Häftlingen aus Auschwitz, Dachau und anderen Konzentrationslagern Tiefeninterviews zu führen. Fast wirkt das so, als interessiere sich der Fragende gar nicht für deren Leiden, sondern nur für die Art, wie sie geäußert werden. Doch wir befinden uns ja in einem Roman. Und da folgt auf 700 Seiten alles einem großen Plan. Nach Willen des Autors soll Henry Border über die Interviewaufzeichnungen mit der eigenen seelischen Erschütterung konfrontiert werden, weil er trotz seiner rechtzeitigen Flucht nach Amerika biografisch in die Katastrophe verstrickt bleibt. Nicht nur er – alle Figuren in diesem Buch sind durch sichtbare oder versteckte Fäden mit dem Holocaust verbunden, selbst der junge schwarze Klinikhausmeister Lamont Williams im Jahre 2007. Er lernt einen steinalten Patienten kennen und muss auf dessen Zimmer im achten Stock erleben, wie ein scheinbar banales visuelles Zeichen den Schleier der Gegenwart zerreißt, um dahinter etwas Dunkles, Unheimliches aus der Vergangenheit zum Vorschein zu bringen.

Vor dem Fenster seines Zimmers hob der alte Mann die Hand zum Zeichen, dass er stehen bleiben wollte. Er schaute hinaus.
- "Ist das der East River?"
- "Mm-hmm."
- "Dann ist das also ... New Jersey?"
- "Nein, New Jersey ist auf der Westseite, am anderen Ufer des Hudson. Das ist Queens."
- "Und das ... dieses Land da?"
- "Das ist Roosevelt Island."
- "Roosevelt?"
- "Mm-hmm. Ich muss los, Sir."
- "Und die da?"
- "Was ... die Schornsteine?"
- "Ja ... drei Schornsteine ... was ist das, wo die sind, Roosevelt?"
- "Ich glaub nicht... wohl eher Queens. Sie sind nicht von hier, Sir, oder? Ist es okay so, dass Sie die Schwester rufen? Ich muss gehen. Glücklich so, am Fenster? Man wird Ihnen helfen, wieder ins ... Sir? Sir?"

Der alte Mann starrte aus dem Fenster.

- "Es gab sechs Todeslager."
- "Was?"
- "Es gab sechs Todeslager."
- "Sechs was?"
- "Todeslager."
- "Was meinen Sie, 'Todeslager'?"
- "Es gab genau sechs davon, aber in jedem konntest du mehr als ein Mal sterben."


150 Seiten später variiert Elliot Perlman die Kunst der visuellen Verklammerung zwischen schwarz und weiß, zwischen damals Verfolgten und heute noch immer Diskriminierten, wenn er den Klinikangestellten die Oberarmtätowierung des krebskranken Greises Henry Mandelbrot entdecken lässt:

Im Gefängnis hatte er alle möglichen Tattoos gesehen, aber nie so etwas. Das war kein Schmuck, sondern funktional. Es sah aus, als wäre der alte Mann gelistet worden, als wachte er jeden Morgen mit einer Art primitivem Streifencode in der Erwartung auf, gescannt zu werden, als wäre er ein Fließbandprodukt gewesen.

Welch brutale Analogie, doch zugleich welch treffende! Einst war Mandelbrot ein nicht mehr als Mensch akzeptiertes Fließbandprodukt, und die schwarz-weißen Balken der Barcode-Signatur, die vor Lamont Williams innerem Auge auftauchen, sind eine zusätzliche Analogie zur Häftlingskleidung. Hinter diesem konkreten Bild liegt freilich eine Abstraktion verborgen, die übers Dritte Reich hinausweist, ja bis ins freie Amerika hinüberragt und dem Roman seinen Grundton verleiht:

"Der Feind", erklärte Jake Zignelik, "ist der Rassismus. Aber weißt du, Rassismus ist keine Person. Das ist ein Virus, der die Menschen befällt. Der ganze Dörfer und Städte, ganze Länder befallen kann. Manchmal siehst du es den Menschen im Gesicht an, wenn sie krank davon sind. Er kann sogar gute Menschen lähmen. Er kann Regierungen lähmen. Wir müssen ihn bekämpfen, wo immer wir ihn finden. Das ist es, was gute Menschen tun."

Jake ist der verstorbene Vater von Adam Zignelik, ein berühmter Bürgerrechtler, der zusammen mit Verbündeten in den 50er-Jahren die Rassentrennung in Amerikas öffentlichen Schulen kippte. Die Verbündeten waren Farbige, Jake war jüdischer Herkunft. Lamont Williams ist Afroamerikaner, Henry Mandelbrot polnischer Jude. Henry Border tritt der christlichen Episkopalkirche bei, um seine Universitätskarriere nicht zu gefährden, ist aber europäischer Jude. Die Haushälterin, die seine Tochter aufzieht, hat dunkle Haut. Ein unübersehbares Muster: Der Roman beschwört die Solidarität zweier rassistisch verfolgter Bevölkerungsgruppen herauf, nicht zuletzt weil ...

... das, wie manche es nannten, "Goldene Zeitalter" der Beziehungen zwischen Afroamerikanern und Juden inzwischen vorbei war.

Und Belege für die strukturelle Ähnlichkeit von Verfolgung und Diskriminierung Schwarzer und Juden werden immer wieder in den Text eingestreut:

"Jeder Arbeiter hat eine Stechkarte."
"Das weiß ich auch."
"Aber jeder Neger hat einen kleinen Stern auf seiner Stechkarte, eine kleine schwarze Markierung. Daran sieht der Vorarbeiter, wer wer ist."


Elliot Perlman, in Australien geborener und seit Langem in New York lebender Autor, hat mit "Tonspuren" einen Roman vorgelegt, der das Risiko nicht scheut, schiefer Vergleiche gescholten zu werden. Doch den Holocaust mit der Rassentrennung in eins zu setzen, schwarze Ghettos mit Theresienstadt, tut Perlman in keiner Zeile. Er pocht nur darauf, dass beide dieselben Wurzeln in der gleichen Ungeisteshaltung haben, die immer wieder in unterschiedlichen Epochen als Pogrome, Apartheidpolitik, politisch gewollte Diskriminierung ihre hässliche Fratze zeigt. Unter den sich überlagernden Tonspuren des Romans, der gut ein Dutzend Biografien vereint, kommt dem 40-jährigen Historiker Adam Zignelik deswegen eine Sonderrolle zu. Privat gescheitert und beruflich so wenig ehrgeizig, dass ihm die Entlassung bevorsteht, ist er als Dozent dennoch brillant. Mit sokratischer Geduld entwirft er vor seinen Studenten das Bild eines Faches, wie es spannender kaum sein könnte. Dessen zentrale Frage: Wie kann man Geschichte so betrachten, dass man aus ihr etwas lernt, obwohl man weiß, dass sich Geschichte nie wiederholt? Das kann sie nämlich gar nicht:

"Wir sind heute weit über sechs Milliarden Menschen auf der Welt. Jeder von uns hat hundert Milliarden Neuronen, jedes Neuron tausend oder mehr Synapsen, und aus alldem entsteht unser eigenes, individuelles Bewusstsein samt unserer Gefühle und Gedanken sowie den dadurch bestimmten Handlungen. Lassen Sie nicht zu, dass irgendjemand der Geschichte ihre Unfähigkeit vorwirft, die Zukunft vorauszusagen, solange die Naturwissenschaften Schwierigkeiten mit dem Wetter von morgen haben."

Man lernt aus Geschichte, indem man dem Vorbild belletristischer Autoren folgt und die Geschichte in Geschichten zerteilt, die ihrerseits zwar keine prognostischen Fähigkeiten beim Zuhörer erwecken, aber Mut machen. Mut, aus dem dann wieder positive Gestaltungskraft für die Geschichte erwächst. Das ist ein originär pädagogischer Ansatz, und er bedarf positiver Vorbilder. Gandhi, Martin Luther King sind den amerikanischen Studenten vertraut – aber der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer? Überraschend lässt Elliot Perlman seinen Geschichtsdozenten aus Bonhoeffers Leben erzählen, lang und ausführlich, weil dieser für Zivilcourage steht, die ein tödliches Ende kalkulierend in Kauf genommen hat. Ein zu hoher Preis? Was ist zu teuer, um einen entscheidenden moralischen Satz zu beglaubigen?

"Nach der Reichskristallnacht vom 9. November 1938 wagte nicht einmal die Bekennende Kirche zu protestieren, und ihre Mitglieder schwiegen. Alle, außer Dietrich Bonhoeffer, der sagte: Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen."

Genauer besehen ist Bonhoeffer kein Überraschungsgast in diesem Figurenensemble, denn auch er – der 1930 ein prägendes Jahr als Prediger in Harlem verbrachte – steht für die unterschiedslose Akzeptanz aller Menschen, gleich welchen Glaubens und welcher Hautfarbe. So wie sich in seiner Person kleine Geschichten und große Geschichte vereinen, entwickelt sich im antagonistischen Paar des schwarzen Hausmeisters auf der einen und des krebskranken jüdischen Greises auf der anderen Seite die große Geschichte aus individuellen Details. Der 85-jährige Henry Mandelbrot benutzt Lamont Williams als menschlichen Datenspeicher, als Tabula rasa, in die er sich und sein Leben einschreiben kann, mit allen schrecklichen Details. Will man in der "Tonspuren"-Metapher bleiben, könnte man sagen: Er versucht, den jungen Schwarzen zu magnetisieren.

"Hören Sie gut zu, damit Sie sich erinnern. Wann bin ich geboren?"
"Neunzehn'zweiundzwanzig."
"Welcher Tag, welcher Monat? Bewahren Sie mich in Erinnerung. Es gibt nur einen, wie mich, und Ihre Dr. Washington glaubt,, ich hätte Krebs, also müssen Sie sich erinnern. Ich werde Sie testen. Am 15. Dezember 1922 in Olkusz geboren. Sagen Sie's!"
"15. Dezember 1922."
"Wo?"
"Hab ich nicht behalten."
"Nein, Sie müssen sich erinnern, Mr. Lamont. Was reden wir sonst?"
"Tut mir leid."
"Ich bin am 15. Dezember 1922 in Olkusz geboren. Das ist ein Städtchen, das bei Krakau liegt, aber als ich vier war, zogen wir nach Ząbkowice. Sagen Sie's: Olkusz."
"Ol-kuhs."
"Und: Ząbkowice."
"Zomp-ko-witze."
"Mein Vater?"
"Ihr Vater war Fleischer. Gab Fleisch auf Kredit in harten Zeiten. Machte bankrott. Sie waren der Anführer einer Bande, alles Polen und Sie der einzige Jude. Haben Sie nicht Ärger bekommen, als Jude, meine ich?"
"Andere schon, ja. Ich nicht. Manchmal vielleicht. Wenn man mich Jude nannte, hab ich sie geschlagen. Ich war stark."


Ein Umstand, der ihm das Leben rettet, denn in Auschwitz gerät Mandelbrot in eine Schwerstarbeitskolonne hinein. Solange er gesund bleibt, ist das eine Überlebensgarantie. Als Lamont Williams Eindruck schinden will und erklärt, neben seinen einfachen Putz- und Ordnungsdiensten für Sonderaufgaben auserkoren worden zu sein, horcht der Greis auf: Sonderaufgaben hatte er auch zu verrichten, allerdings ganz anderer Art, bei der Vergasung und Verbrennung jüdischer Leidensgenossen. Ein bisschen roh gezimmert wirkt diese sprachliche Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft schon, aber sie funktioniert.

"Der Trick ist, dich nicht für das zu hassen, was du getan hast oder andere dir angetan haben."

Das wiederum ist von Perlmann raffiniert gemacht. Schon auf der ersten Seite legt er Lamont Williams diesen Satz als Mantra in den Mund. Der Leser begreift zunächst nicht richtig, warum es der junge Schwarze ständig wiederkäut. Gewiss, Williams ist aus Naivität im Gefängnis gelandet, weil er ein Auto fuhr, aus dem heraus ein Raubüberfall begangen wurde. Und gewiss, das Gefängnis war eine schlimme Erfahrung für ihn. Doch Sinn ergibt der im Satz ausgedrückte Selbsthass hinsichtlich dieser Figur kaum. Erst angesichts der tragischen Verstrickung Henry Mandelbrots in Auschwitz, wo dieser unter der Knute der SS nicht nur die Ermordeten beseitigen, sondern auch die noch Lebenden beruhigen musste, bis sich die Türen der Gaskammern hinter ihnen schlossen, erst vor diesem Hintergrund erhält der Satz seine lebenswichtige Dimension.

"Der Trick ist, dich nicht für das zu hassen, was du getan hast oder andere dir angetan haben."

Der Trick, um zu überleben, der Trick, seelischer Erschütterungen, die alles Menschenerträgliche übersteigen, Herr zu werden. Da schließt sich dann der Kreis zu Henry Borders und die Stahldrahtspulen, denen der Psychologe 1946 ein Detail entnimmt, das sein Leben endgültig aus der Bahn wirft: Die Mutter seiner Tochter, seine Ex-Frau, die er als betrogener Ehemann kurzerhand samt Kind verließ, starb in Auschwitz als Kämpferin des jüdischen Untergrunds. Gewissensqualen sind kein Ausdruck für das, was jemand erleidet, der sich selbst der Schuld bezichtigt. Und um Schuld, Verantwortung, Handlungsspielräume im Alltag wie in aussichtslosen Situationen geht es im Roman immer wieder. Doch was heißt hier Roman? Beinahe einhundert Titel umfasst das Literaturverzeichnis am Ende des Buches, das Elliot Perlman gegen jeden Vorwurf in Schutz nehmen soll, er habe sich irgendetwas historisch Unlauteres ausgedacht. Das hat er nicht. Und gerade die Nähe zur Wirklichkeit macht das Buch passagenweise schier unerträglich.

"Die grünen Zyklon-B-Körner fielen auf den Grund der vier hohlen Säulen und begannen, erwärmt von der Luft in der vorgeheizten, überfüllten Kammer, das flüchtige Giftgas freizusetzen und es durch die Löcher der Drahtummantelung im Raum zu verbreiten. Den Menschen neben den Säulen stockte vor Schreck der Atem, aber gleich darauf rangen sie nach Luft. Dann begann das Husten überall, und innerhalb von Minuten waren die Menschen nicht mehr sie selbst. Die Blausäure raubte ihren Zellen den Sauerstoff, sie wurden erstickt. Je mehr das Gift wirkte, umso mehr schrien auch die inneren Organe nach Sauerstoff, ein Grauen, das mit keiner menschlichen Erfahrung zu vergleichen war, ein Augenblick hemmungsloser, prärationaler, ursprünglicher Panik."

Stoppen wir hier die mehrere Seiten lange Schilderung der Hölle auf Erden. Sie ist nichts für ein Radioprogramm am Sonntagnachmittag, eine ebenso grauenvolle wie unvermeidliche akustische Übersteuerung in den "Tonspuren", jenem Opus Magnum von Elliot Perlman, der seinen Gegenstand zu groß gewählt hat, um daran nicht partiell zu scheitern.

Was sich auf der Erkenntnisebene deutlich mitteilt – die Verbindung zwischen Rassenhass und Holocaust – wirkt erzählerisch zerfasert und trotz der lehrbuchhaften Verknüpfung aller Hauptpersonen miteinander wie ein Sandwich aus verschiedenen Büchern. Die Biografie Henry Borders und seiner Drahtspulen ist eine Story, die Lebensgeschichte des Auschwitzhäftlings Mandelbrot eine andere. Lamont Williams, der auf Bewährung seinen Krankenhausjob absolviert und in einem Parallelstrang noch nach seiner achtjährigen Tochter sucht, könnte ebenso ein eigenes Buch füllen wie der verzagte jüdische Historiker Adam Zignelik, der zugleich seine Freundin verlassen hat, weil sich diese ein Kind wünscht, er aber als beruflicher Versager keinesfalls Vater werden will. Schließlich gibt es da noch die schwarzen Bürgerrechtsveteranen aus den 50ern, denen Perlman stellenweise fast sachbuchhaft breiten Raum einräumt. Bis die titelgebenden "Tonspuren" in Gestalt der Stahldrahtspulen auftauchen, sind mehr als 250 Seiten vergangen, auf denen man als Leser in eine ganz andere Richtung marschiert. Keine Figur ist uninteressant, keine der Binnenpassagen für sich schwach ausgearbeitet, nur selten wirken sie langatmig, doch das Gesamtgebäude hat statische Mängel.

Im Ergebnis bedarf der Roman damit eines Lesertypus, wie er selten geworden ist, nämlich Menschen, die sich ohne längere Unterbrechungen ganz der kontinuierlichen Lektüre widmen können. Wer Pausen länger als ein paar Tage einlegen muss, wird sich mit dem späteren Wiedereinstieg schwertun. Das ist schade, denn Elliot Perlman bringt als tiefsinniger Humanist das Wesen von Literatur und Geschichtsschreibung auf den Punkt:

"Würden Sie sich nicht wünschen, dass jemand Ihre Geschichte erzählt? Am Ende ist es der beste Beweis dafür, dass wir etwas bedeutet haben. Was ist denn das Leben, wenn nicht von Geburt an ein ständiger Kampf darum, wenigstens einem Menschen etwas zu bedeuten?"

Buchinfos:
Elliot Perlman: "Tonspuren", aus dem Englischen von Grete Osterwald, Deutsche Verlags-Anstalt, 702 Seiten, Preis: 24,99 Euro

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