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Die Party ist vorbei

Diskussion um Biosprit ist überfällig

Von Jürgen Döschner, Westdeutscher Rundfunk

Biosprit kann nicht die Lösung sein.
Biosprit kann nicht die Lösung sein. (picture alliance / dpa / Marius Becke)

Wenn in den USA inzwischen 40 Prozent der Maisernte zu Biosprit verarbeitet werden, dann bleibt das nicht ohne Folgen für den Weltmarktpreis dieses Getreides. Schon gar nicht in Zeiten knapper Dürre-Ernten, kommentiert Jürgen Döschner.

Eine Tankfüllung Maisethanol für einen Geländewagen entspricht der Kalorienmenge, von der ein ägyptischer Bauer ein ganzes Jahr leben könnte. Als ich diese Rechnung kürzlich in einem Zeitungskommentar las, da musste ich unwillkürlich daran denken, wie ich früher von meinen Eltern ermahnt wurde, wenn ich mal wieder mein Schulbrot nicht gegessen hatte: Das sollen wir jetzt wegwerfen – und in Afrika hungern Kinder!

Beide Aussagen sind naiv – und doch richtig! Natürlich wird durch mein Schulbrot kein Kind in Afrika vor dem Hunger bewahrt – schon gar nicht, wenn ich es selbst esse, was ja eigentlich das Ziel der elterlichen Ermahnung war. Und auch der E10-tankende Autofahrer hat nicht mit jedem Kilometer ein afrikanisches Kind auf dem Gewissen. Aber dennoch gilt, und das versuche ich auch meinen eigenen Kindern beizubringen: Man soll kein Essen wegwerfen. Und wegwerfen, ist nicht nur wörtlich zu nehmen. Auch das Verbrennen von Mais zur Stromgewinnung oder die Verarbeitung von Weizen zu Biosprit ist eine Zweckentfremdung und damit eine Verschwendung. Das ist eine ethische Position, die ohne Zahlen oder konkrete Beweise auskommt und dennoch Gewicht hat.

Aber wem das nicht reicht, der kann sich zudem auch noch die Gesetze des Marktes zu Hilfe nehmen. Wenn in den USA inzwischen 40 Prozent der Maisernte zu Biosprit verarbeitet werden, dann bleibt das nicht ohne Folgen für den Weltmarktpreis dieses Getreides. Schon gar nicht in Zeiten knapper Dürreernten. Und je höher der Preis, desto weniger Menschen können sich den Mais leisten. Immerhin: Mit dem Vorstoß von Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel hat die Debatte um den unsäglichen Agrosprit endlich ein seriöses Niveau erreicht. Und die Frage heißt nun nicht mehr wie vor einem Jahr: Wie viel E10 verträgt mein Auto?, sondern: Wie viel E10 verträgt die Welt? Doch neben der Teller-oder-Tank-Debatte hat der Streit um Agrosprit noch eine ganz andere, mindestens genau so wichtige Dimension: Und die kommt leider auch in der aktuellen E10-Diskussion immer noch viel zu kurz. Es ist die Frage nach dem Leben ohne Erdöl. Denn letztlich ist Agrosprit nur einer von vielen verzweifelten Versuchen, unsere hypermobile Lebensweise der westlichen Industrienationen über das zu Ende gehende Ölzeitalter hinaus zu erhalten.

Güterverkehr, Autos, Flugzeuge, Schiffe – bei der Mobilität sind wir nach wie vor zu 95 Prozent vom Öl abhängig. Doch das Öl geht zur Neige, wird knapper und teurer. Und eine Alternative ist nicht in Sicht. Es gibt bis heute keinen Stoff, der ähnlich energiehaltig, leicht zu handeln und dabei so billig ist wie Benzin, Kerosin oder Diesel. Keine der bislang bekannten Alternativen – ob Wasserstoff, Gas oder Strom – hat das Potenzial, die erdölbasierten Kraftstoffe auf breiter Front zu ersetzen.

Die einzig realistische Konsequenz lautet daher: Wir müssen auf lange Sicht unsere Mobilität einschränken. Gut fünfzig Jahre haben wir gebraucht, um rund die Hälfte der weltweiten Ölreserven zu verzechen. Das Ende der Party ist abzusehen. Aber niemand will das wahrhaben. Statt zur Vernunft zu kommen, zechen wir weiter, wie gewohnt und suchen noch in der letzten Ecke nach Stoff. Ob Tiefsee, Arktis, kanadischer Sand - oder eben der Getreidespeicher. Ob aus Feigheit, Gewinnsucht oder schlicht menschlicher Hybris: Politiker, Mineralölkonzerne und Autoindustrie tun fast alles, um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass unsere hypermobile Gesellschaft ewig Bestand haben wird. Doch die von ihnen präsentierten Ersatzdrogen – ob Tiefseeöl oder Agrosprit – bergen nicht nur viele Risiken für Mensch und Umwelt. Sie sind auch nicht geeignet, das Grundproblem der versiegenden Ölquellen zu lösen.

Im Gegenteil: Sie verhindern letztlich nur, dass wir rechtzeitig umsteuern, dass wir einen sozial und ökologisch verträglichen Weg heraus aus dem Ölzeitalter finden. Vermutlich hat Minister Niebel bei seiner Forderung nach einem vorübergehenden E10-Stopp so weit gar nicht gedacht. Vermutlich nicht einmal an die Hungernden in Afrika. Vielleicht sogar nur an die nächste Wahl. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass die Diskussion, die durch seinen Einwand begonnen hat, nun hoffentlich nicht so bald enden wird.

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