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StartseiteBüchermarktDie Philosophie des Reisens20.12.2010

Die Philosophie des Reisens

Roger Willemsen:"Die Enden der Welt", S. Fischer Verlag

Roger Willemsen gehört zu denjenigen Autoren, die sich ihre Anerkennung als ernsthafte Schriftsteller mühsam erarbeitet haben. Spätestens seit der Veröffentlichung seines Buches "Der Knacks" hat sich eine Wertschätzung durchgesetzt, die jetzt, nach Erscheinen des Werkes "Die Enden der Welt", sogar euphorische Züge angenommen hat.

Von Hans-Jürgen Heinrichs

Der Autor und Moderator Roger Willemsen.  (AP)
Der Autor und Moderator Roger Willemsen. (AP)

Die Möglichkeit, sich per Internet die ganze Welt "anzuschauen", nährt die Illusion, alles sei uns zugänglich, von zu Hause aus erlebbar. In Wahrheit aber sind die berühmten "weißen Flecken auf der Erde”, die "terra incognita”, von der frühere Reisende sprachen, für die eigene Erfahrung keineswegs verschwunden.

Den Chor der Illusionisten und Techno-Pantoffelreisenden stört auf kraftvolle und leidenschaftliche Weise Roger Willemsens Buch von den "Enden der Welt”. Anschließen kann er an Joseph Conrad, der von dem größten und leersten Fleck schrieb, zu dem es ihn hinzog und wo er die Erfahrung machte, wie sich die "Mächte der Finsternis” im Äußeren und im eigenen Seelenleben durchdringen. Willemsens Aufbruch zu den Enden der Welt auf fünf Erdteilen hat die Vielschichtigkeit äußerer und innerer Fremdheiten zum Gegenstand. Er schaut sich dabei zu, was seine Segnung durch einen Eunuchen in Indien, die Begegnung mit Geistwesen in Katmandu oder die grausame Vergangenheit der Sklaveninsel Gorée (das "Dachau Schwarzafrikas”) in ihm bewirken.

"Ich suche Landschaften, bei denen ich das Gefühl habe, das In-die-Welt-Wollen geht über in ein Aus-der-Welt-heraus-Wollen. Und diese Landschaften sind Todeszonen, sind verödete Landschaften mit erhabenen, manchmal vom Menschen wegweisenden Individuen, die dort siedeln und die häufig mit der Gesellschaft nicht viel zu tun haben wollen. Zudem gehört dazu, dass die Natur sich dort häufig in der Offensive befindet und der Mensch sich ducken muss, um nicht aufzufallen."

"Die Enden der Welt” - man mag sie auf der Landkarte in Patagonien, auf dem Himalaya, in der Sahara, in Kinshasa, Gorée oder am Nordpol ausmachen, überall dort, wo man sich vom Leben, der Gemeinschaft und Zukunft abwendet, aber sie benennen immer auch eine Topografie in unseren Landschaften der Liebe und der Sehnsucht, überall dort, wo etwas endet und etwas anderes weitergeht.

"Fort will man sein, entkernt, gern heimatlos ... Reisen ist für mich mit der Lust zu verschwinden ganz eng verbunden.”

Roger Willemsen stellt seinem Buch als Motto einen Satz von John Steinbeck voran:

"Vielleicht ist das der Grund für meine Rastlosigkeit: Ich habe noch nicht jedes Zuhause gesehen.”

Alle Kapitel dieses Buches erzählen von exemplarischen Reisen zu extremen Orten, an denen sich der Autor sehr weit aus vertrauten Lebensformen und der eigenen Kultur herauskatapultiert, immer in Fühlung mit einem Ende des Lebens und der Welt und seiner Herkunft, dem in jedem beginnenden Leben vorgezeichneten Ende. In dem Kapitel über eine Reise zum Nordpol erzählt er eine bedeutungsschwere Situation im Rückblick, nach dem Tod einer Mitreisenden, die sich ins eisige Meer gestürzt hatte.

"Wir hatten an der Reling gestanden. Sie versuchte sich mit ihrer kleinen Kamera hilflos an der Aussicht und hatte, den Apparat absetzend, gesagt: Die Enden der Welt eignen sich nicht fürs Hochformat.”

Die Enden der Welt eignen sich nicht fürs Hochformat, sie sind eng mit grenzenloser Einsamkeit und Schrecken, mit Tod und Todesahnung verknüpft - was oft erst posthum erkennbar wird?

"Eine Frau in Patagonien sagte mal zu mir, 'Wissen Sie, in diesen Gegenden entwickeln sich die Dinge gerne dramatisch', und ich hätte nicht gedacht, dass ich so vielen Fällen von psychischer Entgrenzung, von Tod, von Katastrophalem begegnen würde wie ausgerechnet auf diesen Reisen. Insofern glaube ich, ja, es sind besondere Orte. Und wenn man bedenkt, dass Odysseus ehemals als Urvater allen Reisens vor allen Dingen Monster zu bekämpfen hatte und Katastrophen begegnete, dann ist jeder Reisende heute vielleicht, wenn er so reist, auch ein kleiner Odysseus."

Stets verlebendigt Willemsen mit ein paar Strichen nur, ganz schnell und leicht, die mit Melancholie durchtränkten Aufbruchsfantasien, die Atmosphäre der Anreise, zum Beispiel von Moskau nach Murmansk, und dann die Zeit auf dem Schiff, charakterisiert die Mitreisenden - eine bunte Mischung von Leuten, die ihrem Wunsch nach einer Extremreise und einem Jahresurlaub der etwas anderen Art folgen -, gibt Dialoge wieder, die teils recht lapidar und reisereportagehaft wirken und teils in einem Kontrast stehen zu seinem sehr grundsätzlichen Interesse am Sinn des Reisens.

In jedes Kapitel sind Fragmente einer weit entwickelten Poetologie und Philosophie des Reisens eingestreut. Die Welt endet für den Autor in Eispanoramen, die "von weit herkommen”, und in "Landschaften ohne Gegenwart”, und sie endet im Reisenden, seinem letztlich luxuriösen Gefühl der Ausleerung, denn am Ende kehrt doch immer das alte Ich, der Schriftsteller Roger Willemsen zurück. Man fragt sich, ob sich in solchen Gefühlen die Reisefantasie des Autors erfüllt und alles Andere, was er beschreibt, letztlich nur Staffage, nur Dekor ist.

"Es wäre eine eitle Anstrengung, ein Individuum überlebensgroß vor einer klein werdenden Landschaft zu beschreiben. Meine Erfahrung ist umgekehrt. Ich werde in der Fremde weniger, die Fremde wird mehr. Und insofern interessiert mich auch alles Landschaftliche, alles Soziale vielleicht noch mehr in der Fremde, als es mich zu Hause interessiert."

Willemsen scheint sich in seiner Wahrnehmung nie einzuschränken, immer schweift sein Blick ruhelos, auch gierig, umher. Dabei gelingt ihm eine präzise Poesie, vor allem in der Art, wie er Landschaften beschreibt, zum Beispiel

"Die Eisberge stehen in Scherben, Glasspäne zu ihren Füßen.”

Oder

"Es ist eine Landschaft voller Vokabeln derer, die in ihr den Verstand verloren haben. Der Spätsommertag steht, einem Winter gleich, hoch aufgerichtet, breitbeinig über dem Land, bereit, rabiat zu werden.”

Dieses Buch experimentiert mit Umarmungen des Exotischen und Unheimlichen (emotional kaum Erträglichen), mit Etappen der Entfremdung vom Vertrauten, mit Nähe und Befremden, Homogenem und Heterogenem. Der Reisende und der Leser dieser Texte schauen sich zu und sehen, wie Vertrautes zerfällt. So entsteht das Bewusstsein von der Kraft der Differenz, dem Wert und der schönen und grausamen Ästhetik des Diversen.

"Ich werde in der Fremde durchlässiger. Ich lasse mich erreichen von Stimmungen auch der Ablehnung, auch Stimmungen, in denen ich selber verneint werde. Ich vereinsame. Ich setze mich aus. Und das meine ich nicht heroisch, sondern das meine ich als Voraussetzung dafür, dass ich betrachten kann. Ich war als Kind, in der Nähe des Waldes geboren, häufig mit einem Förster im Wald, und der sagte mir irgendwann, 'Wenn du dich eine halbe Stunde lang tot stellst, dann ist alles wieder so wie vorher.' Und das ist das Prinzip meines Reisens geworden, mich irgendwo tot zu stellen und zu gucken, was dann passiert. Und dann entsteht die Illusion, es könne alles so sein, wie es auch ohne mich ist. Aber wir wissen, der Betrachter ändert das Bild; allerdings nicht, wenn er sich selber dabei zu wichtig nimmt. Er muss klein werden können, er muss marginal, er muss diese Geschrumpft-Zeugen-Figur sein, die sich ganz am Rande des Bildes befindet."

Von lebenserfüllten Begegnungen, von Trauer, Schönheit und Sehnsucht, vom beginnenden und endenden, oft in Hoffnungslosigkeit stagnierenden Leben erzählt der Reise-Dichter Willemsen.

"Jede Reise, die man beschreibt, beginnt mit der Frage: Wo war ich? Im Doppelsinn: Wo wurde der Erzählfaden des alltäglichen Lebens unterbrochen, und wie findet man heraus, wo man wirklich war?”

Roger Willemsen hat sich in diesem Buch auf eine sehr kluge Weise der Komplexität des Eigenen und des Fremden angenähert. Dies gelingt ihm durch einen ausgeklügelten Wechsel von einem eher schlichten chronologischen Erzählen zur poetischen Verdichtung, zur essayistischen Darstellung und schließlich zum Dialogischen Erzählen. Man fragt sich, ob bei einem Autor wie Willemsen, der als Inbegriff eines leichtfüßigen, stets eloquent wirkenden Erzählrauschs gilt, überhaupt langwierige Kompositionsarbeit in dem Text steckt, oder sich alles von alleine ergibt.

"Ich war erstaunt, wie viele der Geschichten einen Verlauf in der Struktur einer Novelle nahmen, ohne dass ich irgend etwas hätte hinzufügen müssen. Ich konnte den Erzählverlauf fast protokollieren. Das heißt nicht, dass die Anstrengung der Verdichtung, auch des persönlich Nehmens von Landschaften zum Beispiel, nicht tatsächlich Arbeit ist. Aber speziell, was die Komposition von Geschichten angeht, so muss ich sagen, hat mir die Wirklichkeit die Regiearbeit weitestgehend aus der Hand genommen."

Ein Kapitel, "Orvieto. Die fixe Idee”, unterscheidet sich sehr stark von allen anderen. Es ist weniger eine Reiseerzählung als vielmehr eine Erinnerungs-Dramaturgie und das anrührende Selbstporträt eines Menschen, der der Lust der anderen Menschen zuschaut und aus der Distanz - als außenstehender Beobachter - beim Liebesspiel der anderen "mit- und nachbebt”.

Eine Frau, Bernadette, macht ihn, den Kunststudenten, und seinen Freund verrückt, sie will beide. Er beschreibt die Szene so:

"Ich war der Feige, der mit einem 'Macht ihr nur!' den Rückzug antrat ... ein schamhafter Mann, der vielleicht auch nur die Konkurrenz scheute. Unser Abschied fiel deshalb von ihrer Seite so mütterlich aus, dass es fast verletzend war.”

Willemsen antizipiert in der Liebe immer schon die Enttäuschung und will sie sich ersparen, während er beim Reisen die Dramen und das Scheitern einkalkuliert und sich zutraut, damit umgehen zu können und lebend aus der Geschichte herauszukommen. Beim Reisen besitzt er die Selbstbeherrschung, die zu verlieren ihm in der emotionalen Nähe offensichtlich soviel Angst macht. Auf dem Hintergrund seiner Enttäuschungen in der Liebe ist er beim Reisen über alle Maßen wagemutig, jederzeit bereit, sich den Tiefenschichten des Unbewussten, dem "Es denkt”, zu öffnen und sich in eine bodenlose Fremdheit hinauszuschleudern, die er im Leben wie der Teufel das Weihwasser flieht.

Roger Willemsen: "Die Enden der Welt", S. Fischer Verlag, Frankfurt 2010, gebundene Ausgabe, 541 Seiten , 22.95 Euro

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