Forschung aktuell / Archiv /

Die Pille für den Mäuserich

Tierversuche belegen Wirksamkeit der Antibabypille für den Mann

Von Marieke Degen

Unter Mäusen funktioniert die Pille für den Mann.
Unter Mäusen funktioniert die Pille für den Mann. (AP)

Pharmakologie. - Immer wieder haben Forscher versucht, die Pille für den Mann zu entwickeln – und immer wieder sind sie gescheitert. Der letzte Versuch, eine Hormonspritze für den Mann, ist an den großen Nebenwirkungen gescheitert – und daran, nicht ganz so wirksam zu sein wie erhofft. Jetzt hat ein Forscherteam aus den USA einen neuen Ansatz für eine Antibabypille für den Mann gefunden. Sie berichten im Fachblatt "Cell" darüber.

Zwei Weibchen sind besser als eines – zumindest dann, wenn man die Zeugungskraft von Mäusemännchen testen will, sagt Martin Matzuk vom Baylor College of Medicine in Houston.

"Weil es ja immer mal sein kann, dass ein Weibchen selbst unfruchtbar ist. Deshalb setzen wir ein Männchen immer zusammen mit zwei Weibchen in einen Käfig. Die Käfige stehen dann in einer Reihe, und wir können genau erfassen, welches Weibchen wann wie viele Junge bekommt."

Manche Mäusetrios hätten sich dann auch fröhlich vermehrt, sagt Martin Matzuk: Die Weibchen haben jeden Monat acht Junge zur Welt gebracht. In anderen Käfigen tat sich monatelang gar nichts – sehr zur Freude der Forscher.

"Und das ist genau das, was man von einem Verhütungsmittel erwartet – hundertprozentige Sicherheit."

Martin Matzuk und seine Kollegen hatten den Männchen jeden Tag eine Spritze in den Bauch gegeben, mit dem Wirkstoff JQ1, einem neuen möglichen Kandidaten für die Pille für den Mann. JQ1 wurde am Dana Farber Cancer Institute in Boston entwickelt, eigentlich als Medikament gegen Krebs, sagt der Krebsforscher James Bradner. Doch dann haben sie entdeckt, dass JQ1 ein bestimmtes Protein im Hoden blockiert und damit die Spermienproduktion lahmlegt.

"JQ1 hat die Blut-Hoden-Schranke bei den Mäusen überwunden – was die meisten Medikamente nicht können – und bringt die Zellen im Hoden dazu, zu vergessen, wie man Spermien herstellt."

Nach ein- bis zweimonatiger Behandlung mit JQ1 waren die Mäusehoden deutlich geschrumpft. Sie haben immer weniger Spermien produziert, die sich immer schlechter fortbewegen konnten. Nach zwei bis drei Monaten waren die Mäuse unfruchtbar. Ihre Paarungsbereitschaft blieb aber ungebrochen, und auch sonst habe es keine Nebenwirkungen gegeben. Das wichtigste aber, so Matzuk:

"Als wir das Medikament abgesetzt haben, hat es gerade einmal ein bis zwei Monate gedauert – dann waren die Mäuse wieder voll zeugungsfähig."

Der Ansatz scheint also zu funktionieren. Bei Männern kann JQ1 in seiner jetzigen Form aber noch nicht getestet werden. Dafür müsste der Wirkstoff weiterentwickelt werden, sagt James Bradner. Erst dann könne man herausfinden, wie effektiv und vor allem wie sicher der Ansatz tatsächlich ist.

"Die Proteine, die JQ1 lahmlegt, kommen auch im Gehirn vor. Und JQ1 kann problemlos die Blut-Hirn-Schranke passieren und ins Gehirn gelangen. Bei den Mäusen haben wir zwar keine Verhaltensänderungen festgestellt – aber Mäuse sind auch kein guter Maßstab, sie können schließlich nicht mit uns kommunizieren. Es könnte möglich sein, dass JQ1 noch irgendwelche anderen Effekte im Gehirn oder irgendwo anders hat – das wissen wir einfach noch nicht."

James Bradner hofft trotzdem, dass es sie irgendwann geben wird, die Pille für den Mann.

"Es wird leider noch viele Jahre dauern. Aber unsere Forschung ist hoffentlich ein großer Schritt in die richtige Richtung."

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Forschung Aktuell

InternetverwaltungEine Neuordnung der Aufsicht übers Internet steht an

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl, auf dessen Rückenlehne "Internet here!" steht, neben ihm ein identischer Stuhl und ein Computerbildschirm

Auf der NETmundial-Konferenz im brasilianischen Sao Paulo diskutieren Regierungsvertreter, zivilgesellschaftliche Gruppen, Techniker, Wirtschaftsverbände und Wissenschaftler, wer künftig das Internet regieren soll. Auf dem Treffen der Internetverwaltung ICANN Ende März war man noch ergebnislos auseinandergegangen.

EvolutionHaie sind offenbar keine lebenden Fossilien

Schwarzspitzenhaie im Sea Life Centre des Linnanmäki-Vergnügungsparks in Helsinki in Finnland

Der Ginkgo-Baum, der Pfeilschwanzkrebs oder der Quastenflosser: Sie alle gelten als lebende Fossilien, weil sie sich über Millionen Jahre kaum verändert haben. Auch Haie zählten bislang zu dieser Gruppe. Eine aktuelle Studie bringt diese Meinung ins Wanken.

FukushimaStrahlung auf dem Weg

Eine Mann steht am Pazifikstrand von Carmel in Kalifornien.

An der nordamerikanischen Pazifikküste fragen sich viele Menschen besorgt: Haben die 2011 bei den Atomunfällen von Fukushima freigesetzten Radionuklide den Ozean überquert und die USA erreicht? Ozeanforscher sammeln deshalb sorgfältig Daten, auch mit Unterstützung der Bürger.